Kipling | Nur-so-Geschichten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 85 Seiten

Reihe: Classics To Go

Kipling Nur-so-Geschichten


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-561-3
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 85 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98744-561-3
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wer hätte gedacht, dass der kleine Elefant seinen Rüssel der Neugierde verdankt und das Kamel seinen Buckel der Faulheit? Kiplings zauberhafte Nur-so-Geschichten sind kleine Fabeln aus der Tierwelt voller Wortwitz, Herz und Raffinesse.

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Wie der Leopard zu seinen Flecken kam
In den Tagen, als alle glücklich anfingen, Meistgeliebter, lebte der Leopard in einer Gegend, die ›das Hohe Veldt‹ genannt wurde. Denk' dran, es war nicht das Tiefe Veldt oder das Buschveldt oder das Saure Veldt, sondern das gänzlich kahle, heiße, besonnte Hohe Veldt, wo es Sand gab und sandfarbene Felsen und nur Büschel von sandig-gelbem Gras. Da lebten die Giraffe und das Zebra und die Elenantilope und der Kudu und die Kuhantilope; und sie waren vollständig über und über sandgelb-bräunlich; aber der Leopard, der war der vollständig sandgelbst-bräunlichste von allen – eine Art grau-gelblich katzenförmiges Tier, das aufs Haar zu der vollständig gelblich-gräulich-bräunlichen Farbe des Hohen Veldts passte. Das war schlecht für die Giraffe und das Zebra und die Übrigen; denn er legte sich zu einem vollständig gelblich-gräulich-bräunlichen Stein oder Grasflecken, und wenn die Giraffe oder das Zebra oder die Elenantilope oder das Kudu oder der Buschbock oder der Bontebock vorüberkamen, schreckte er sie aus ihrem sprunghaften Leben. O ja, das tat er! Und außerdem gab es da noch einen Äthiopier mit Pfeil und Bogen (das war damals ein gänzlich gräulich-gelblich-bräunlicher Mann), der bei dem Leopard im Hohen Veldt lebte; und sie jagten zusammen – der Äthiopier mit seinem Pfeil-und-Bogen, und der Leopard ausschließlich mit seinen Zähnen und Krallen – bis die Giraffe und die Elenantilope und das Kudu und das Quagga und alle die Übrigen nicht mehr wußten, wohin sie noch springen sollten, Meistgeliebter. O nein, sie wußten es wirklich nicht mehr! Nach langer Zeit – sie hatten alle ein langes Leben in diesen Zeiten – lernten sie, allem aus dem Weg zu gehen, was wie ein Leopard oder Äthiopier aussah; und Schritt für Schritt – die Giraffe zuerst, weil sie die längsten Beine hatte – verließen sie das hohe Veldt. Sie machten sich davon, tage- und tage- und tagelang, bis sie zu einem großen Wald kamen, vollständig voller Bäume und Büsche und streifiger, fleckiger, klecksiger Schatten, und da versteckten sie sich: und nach langer Zeit, weil sie halb im Schatten und halb in der Sonne standen, und wegen der flimmer-flackernden Schatten der Bäume, die auf sie fielen, wurde die Giraffe fleckig, und das Zebra streifig, und die Elenantilope und das Kudu wurden dunkler, mit kleinen welligen grauen Strichen auf dem Rücken, wie Rinde auf einem Baumstamm; so dass du sie, obwohl du sie hören und riechen konntest, nur selten sehen konntest, und das nur, wenn du genau wußtest, wo du nachschauen mußtest. Es ging ihnen wunderbar in den vollständig fleckig-streifigen Schatten des Waldes, während der Leopard und der Äthiopier im vollständig gräulich-gelblich-bräunlichen Hohen Veldt draußen herumrannten und sich wunderten, wo alle ihre Frühstücke und Mittagessen und Abendbrote geblieben waren. Schließlich waren sie so hungrig, dass sie Ratten und Käfer und Felskaninchen aßen, der Leopard und der Äthiopier, und dann hatten sie das Grosse Bauchweh, alle beide; und dann trafen sie Baviaan – den hundeköpfigen, bellenden Pavian, der das Wirklich Weiseste Tier in Ganz Süd-Afrika ist. Sprach Leopard zum Pavian (und es war ein sehr heißer Tag) »Wo ist das ganze Wild hingegangen?« Und Baviaan zwinkerte. Er wußte es. Sprach der Äthiopier, »Kannst du mir den derzeitigen Aufenthalt der eingeborenen Fauna benennen?« (Das bedeutete genau dasselbe, aber der Äthiopier benutzte immer so lange Wörter. Er war erwachsen.) Und Baviaan zwinkerte. Er wußte es. Dann sagte Baviaan, »Das Wild ist zu anderen Flecken gegangen; und mein Rat an dich, Leopard: gehe auch zu anderen Flecken, so bald du kannst.« Und der Äthiopier sagte: »Das ist alles sehr schön, aber ich möchte wissen, wohin die eingeborene Fauna gewandert ist.« Da sagte Baviaan, »Die eingeborene Fauna hat sich der eingeborenen Flora angeschlossen, weil es höchste Zeit für eine Veränderung war; und mein Ratschlag für dich, Äthiopier, ist, dass du dich verändern solltest, so bald du kannst.« Dies ist der weise Baviaan, der Hundskopfpavian, welcher Ziemlich Das Weiseste Tier in Ganz Südafrika ist. Ich habe ihn nach einer Statue gezeichnet, die ich mir in meinem eigenen Kopf ausgedacht habe, und auf seinen Gürtel und seine Schulter und auf das Ding, auf dem er sitzt, habe ich seinen Namen geschrieben. Ich habe es in Schriften geschrieben, die man heute Koptisch und Hieroglyphisch und Cuneiformisch und Bengalisch und Burmisch und Hebräisch nennt, weil er so weise ist. Er ist nicht schön, aber sehr weise; und ich würde ihn gerne mit Wasserfarben ausmalen, aber das darf ich nicht. Das regenschirmähnliche Ding um seinen Kopf ist seine gewöhnliche Mähne. Das verwirrte den Leoparden und den Äthiopier, aber sie gingen los, um die eingeborene Flora zu suchen, und plötzlich, nach so-und-so-vielen Tagen, sahen sie einen großen, hohen, hochgewachsenen Wald voller Baumstämme, die alle vollständig gefleckt und verdeckt und verdreckt und bematscht und beklatscht und bekleckst und befleckt und kreuz-und-quer mit Schatten bedeckt waren. (Sag das mal schnell und laut, dann wirst du sehen, wie sehr schattig der Wald gewesen sein muß.) »Was ist das,« sagte der Leopard, »was da so vollständig dunkel und doch so voller kleiner Lichtstückchen ist?« »Ich weiß es nicht,« sagte der Äthiopier, »aber es muß die eingeborene Flora sein. Ich rieche Giraffe, und ich höre Giraffe, aber ich kann keine Giraffe sehen.« »Das ist seltsam,« sagte der Leopard. »Ich nehme an, das kommt, weil wir gerade aus dem Sonnenschein gekommen sind. Ich rieche Zebra, und ich höre Zebra, aber ich kann kein Zebra sehen.« »Warte mal,« sagte der Äthiopier. »es ist lange her, dass wir sie gejagt haben. Vielleicht haben wir vergessen, wie sie aussehen.« »Quatsch!« sagte der Leopard. Ich weiß noch genau, wie sie auf dem Hohen Veldt waren, besonders die Markknochen. Giraffe ist ungefähr siebzehn Fuß hoch, und von Kopf bis Fuß vollständig rötlichocker-goldgelb; und Zebra ist ungefähr viereinhalb Fuß groß, vollständig grau-rehbraun gefärbt von Kopf bis Fuß.« »Ähm,« sagte der Äthiopier und schaute in die fleckig-klecksigen Schatten des eingeborenen Flora-Waldes. »Dann sollten sie auf diesem dunklen Hintergrund auffallen wie reife Bananen im Räucherhaus.« Das taten sie aber nicht. Der Leopard und der Äthiopier jagten den ganzen Tag; und obwohl sie sie riechen und hören konnten, sahen sie kein einziges von ihnen. »Um Gottes Willen,« sagte der Leopard zur Abendbrotzeit, »laß uns warten bis es dunkel wird. Dieses Jagen bei Tageslicht ist absolut skandalös.« So warteten sie die Dunkelheit ab, und da hörte der Leopard ein schnüffelndes Atmen in dem Sternenlicht, das ganz streifig durch die Zweige fiel, und es roch wie Zebra, es fühlte sich wie Zebra an, und als er es umwarf, trat es wie Zebra, aber er konnte es nicht sehen. Also sagte er, »Sei still, o Person ohne Form. Ich werde mich bis zum Morgen auf deinen Kopf setzen, weil du etwas an dir hast, was ich nicht verstehe.« Gleichzeitig hörte er ein Grunzen und ein Krachen und ein Scharren, und der Äthiopier rief: »Ich habe ein Ding gefangen, das ich nicht sehen kann. Es riecht wie Giraffe, und es tritt wie Giraffe, aber es hat keine Form.« »Trau' ihm nicht,« sagte der Leopard. »Setz dich bis zum Morgen auf seinen Kopf – so wie ich. Sie haben keine Form – keins von ihnen.« So saßen sie auf ihnen, akkurat bis zur hellen Morgenzeit, und dann sagte der Leopard, »Was hast du an deinem Tischende, Bruder?« Der Äthiopier kratzte sich am Kopf und sagte: »Es sollte vollständig zart gräulich-rehbraun sein, und es sollte Zebra sein; aber es ist über und über mit schwarzen und purpurnen Streifen bedeckt. Was in aller Welt hast du mit dir angestellt, Zebra? Weißt du nicht, dass ich dich auf dem Hohen Veldt aus zehn Meilen Entfernung sehen könnte? Du hast überhaupt keine Form.« »Ja,« sagte das Zebra. »Aber hier ist nicht das Hohe Veldt. Kannst du das nicht sehen?« »Jetzt kann ich's,« sagte der Leopard. Aber gestern ging es überhaupt nicht. Wie macht man das?« »Laßt uns aufstehen,« sagte das Zebra, »und wir zeigen es euch.« Sie ließen das Zebra und die Giraffe aufstehen; und Zebra ging zu einem kleinen Dornbusch, wo das Sonnenlicht ganz streifig schien, und Giraffe ging zu ein paar höheren Bäumen, wo die Schatten ganz fleckig waren. »Jetzt paßt auf,« sagten das Zebra und die Giraffe. »So wird's gemacht. Eins-zwei-drei! Und wo ist euer Frühstück?« Leopard glotzte, und Äthiopier glotzte, aber alles was sie sahen, waren streifige Schatten und fleckige Schatten im Wald, aber keine Spur von Zebra und Giraffe. Die waren einfach weggegangen und hatten sich im schattigen Wald versteckt. Dies ist das Bild von dem Leoparden und dem Äthiopier, nachdem sie den Rat des Weisen Baviaan angenommen hatten und der Leopard zu anderen Flecken gegangen war und der Äthiopier seine Haut verändert hatte. Der Äthiopier war eigentlich ein Schwarzer, und sein Name war Sambo. Der Leopard hieß Spots, und so nennt man ihn in England immer noch. Sie jagen in dem fleckig-klecksigen Wald, und sie suchen Herrn Eins-zwei-drei-wo-ist-dein-Frühstück. Wenn du ein wenig suchst, wirst du Herrn Eins-zwei-drei finden, gar nicht weit weg. Der Äthiopier ist hinter einem gescheckten verdeckten Baum versteckt, weil der zu seiner Haut paßt, und der Leopard liegt neben einer fleckig-klecksigen Steinbank, weil die zu seinen Flecken paßt. Herr Eins-zwei-drei-wo-ist-dein-Frühstück steht da und...



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