E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Kirsch Benterdal
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-6056-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7412-6056-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
geboren 1958, Ausbildung als Diplomphysiker an der Universität Greifswald. Tätigkeiten an der Uni Greifswald, bei den Stadtwerken Greifswald, 14 Jahre Gemeindevertreter in der Gemeinde Wackerow. Malerei seit 1978, Website:www.kirsch-immenhorst.de Mehrere Veröffentlichungen in der Dorfzeitung Wacker(ow) Blatt, Ostseezeitung, Künstlerzeitschrift 'Die Buhne'. Erster Teil des Romans 'Wer sucht, der versucht... Die Welt in der wir leben' erschienen im Juli 2015 im BS-Verlag-Rostock, ISBN 978-3-86785-336-1. Verheiratet, vier Kinder, neun Enkel.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Stoffel sägt
Er sitzt auf der Stufe vor der Haustür und trinkt ein Bier. Unterhemd nicht ganz weiß, nicht ganz grau, Jeans und Hosenträger, das Haus etwas verlottert, die Wiese kurz gemäht. Sein Schäferhund, ein schönes, gelbbraun und schwarzes Westexemplar, schnürt am Maschendrahtzaun lang, verharrt. An seinem Spalt am Ende des Zaunes starrt der Hund mit gesenktem Kopf in Richtung Straße. Dort kommt Ohm Plüsch um die Ecke, an der Leine seinen schwarzen Pudel mit weißer Schnauze, halbblind Hund und Herr. Stoffel schaut auf. Er spitzt ebenso aufmerksam wie sein Hund. Zu selten die Augenblicke, an denen Nachbarn mit etwas Zeit an seinem Zaun stehen, um mit ihm in Ruhe das Dorf durch den Kakao ziehen. Er greift sich die Harke. Ganz aufmerksamer Hofbesitzer, beginnt er, am Zaun entlang das Laub zu kratzen. Das angefangene Bier steht vorsorglich an den Zaun gelehnt. Ohm ist nicht besonders schnell. Deshalb hat Stoffel genügend Zeit, die Bierflasche nochmal anzusetzen. Gluckernd verschwindet das Bier dahin, wo es hingehört, in der Bierwampe. Er rülpst. Dann beugt er sich weit über den Zaun, schaut den beiden gemächlichen Spaziergängern entgegen. Ohm hat inzwischen den Hund von der Leine gelassen. Beide Tiere schnuppern sich an. Schnell wenden sie sich wieder voneinander, denn sie kennen sich schon lange. Stoffel und Ohm aber kennen sich noch länger: Ohm ist in den Neunzigern mit reichlich Tamtam im Nest erschienen. Er kaufte das Gutshaus. Die Mieter freuten sich auf neue Toiletten und Bäder. Zu früh gefreut, denn nach und nach traf Ohms umfangreiche Familie ein. Die erhielt die neuen Nasszellen. Eigenbedarf hieß Ohms Devise. Die Mieter verließen das Gutshaus klaglos in Richtung Neubaublock, denn im Gutshaus war schlecht wohnen. Überall Staub und Dreck. Zwischenwände wurden versetzt, neue Decken eingezogen. Ohm hielt allerdings das begonnene Sanierungstempo nicht lange durch. Nach zwei Jahren war die Luft raus, das ewige Klopfen auf der Baustelle verebbte. Nur ab und zu noch klingelte sich ein wütender Handwerker die Finger wund, schüttelte die Fäuste. Es half nicht. Geld sah er keins. Ohm machte lieber nicht mehr auf, und so ging auch das vorbei. Die dicke Hose in Form eines Audi A8 verschwand ebenso wie die bereitstehenden neuen Pflasterungen und Gehwegplatten. Das ist jetzt gute zwanzig Jahre her. Inzwischen gehören der immer noch in Plüsch gehende Ohm und seine bucklige Verwandtschaft zum Inventar des leerer werdenden Dorfes. Jetzt hat Ohm Stoffel erkannt und grinst ihn an.
„Was macht die Immobilie, alter Stoffel?“
Stoffel grinst ebenfalls.
„Sie bleibt bei mir, wo soll sie hin hier, ohne Räder und Flügel?“ Ohm schaut ihn etwas von unten an.
„Wenn du verkaufst, kannst du ihr Räder und Flügel machen und ab nach Malle.“
Das Thema kennt Stoffel.
„Warum bist du denn selbst nicht da? Ich kenn die Klitschen dort, alles Beton und zwischendrin ein deutscher Arzt und einige tausend wie wir. Und im Sommer Kartenverteiler für idiotische Diskos. Disko will ich nicht. Andrea Berg und der liebe Stoffel in ‚Tanz mit mir durch die Nacht‘? Lass mal Ohm, ich bleib lieber bei dir und komm dich mal besuchen.“
Ohm schüttelt den Kopf.
„Komm lieber nicht, mein Gutshaus ist hausbesetzt. Das hatte ich mir mal anders gedacht. Lauter lachende Gesichter und frohes Schaffen von früh bis spät. In der kalten Zeit sah ich mich am flackernden Kamin, alle meine Lieben dankbar um mich vereint. Sie rühmen mich für meine Weitsicht, fragen: ‚Ist dir auch warm genug? Brauchst Du eine Decke für die Knie, möchtest Du einen heißen Tee?‘ Äh, Gekeife gibt´s und Essiggesichter, dass ich davon einlegen könnte. Da bleib ich lieber weg.“
„Hast du denn inzwischen einen Kamin?“
Stoffel sieht eine Verdienstmöglichkeit.
„Bei dir am Gutshaus liegen noch stapelweise Holzpaletten. Die säg ich dir klein. Das Brennholz kannst du schön im Kamin verheizen, bis es kracht! Du gibst mir einen Blauen und schon sind wenigstens wir Beiden glücklich.“
„Kamin hab ich, aber zwanzig Euro nicht, die habe ich das letztemal zu meinem Siebzigsten in der Hand gehabt. Weißt du wie lange? Genau für zehn Sekunden, dann hat sie mir Iris weggenommen, das Luder. Ich könnt sie jetzt noch beißen, wenn ich Zähne hätte.“
Beide lachen. Stoffel macht einen gewaltigen entwicklungsgeschichtlichen Sprung. Er kehrt zur einfachen Warenwirtschaft zurück.
„Machen wir eben halbe halbe mit dem Holz, das vergammelt dir sonst sowieso.“
Ohm ist einverstanden. Stoffel verschwindet in seiner Remise. Nach kurzer Zeit kommt er mit Schubkarre und Kettensäge darin angeschoben. Er klappt das Gartentor auf. Die Hunde beschnüffeln sich noch einmal kurz, bis jeder vor sich hin nach neuen Geruchsspuren am Wegesrand neben den beiden Männern schnüffelt. Der ältere Mann geht schlurfend mit eingezogenen Schultern, der jüngere mit durchgedrücktem Rücken in Richtung Gutshaus. Stoffel geht das zu langsam.
„Ich geh dann schon mal schneller, weiß ja, wo der Haufen liegt.“
Kaum hat er die Säge abgeladen und die ersten Paletten vom Stapel gezerrt, um sie als Sägebock zu drapieren, erscheint am Fenster ein dunkler Schopf. Iris sonorer schöner Raucheralt erklingt.
„Öh, Stoffel, ich glaub, du lädst am falschen Haus Holz auf. Deins liegt in der Dorfstraße, nicht an unserer Villa!“
Stoffel stemmt die Arme in die Seite, schaut nach oben.
„Komm runter, Schnecke, mach mit, ich säg´ nur für dich.“ „Komm hoch, du Stoffel, Kaffee trinken. Ich habe Rückenschmerzen!“
Stoffel macht die Säge aus. Er geht um die Ecke. Die Treppe zum Portal zeugt von früherem Schönheitsideal. Unten schön breit, oben etwas schmaler, macht sie den Besucher klein. Die riesige Tür ist bereits renoviert. Sie leuchtet seltsam unpassend warm und neu aus der ansonsten bröckligen blass grauen Fassade. Die schönen Granitsteine der Treppe liegen schief, ihre Fugen sind mit Mörtel verkleckert. `Mann, könnte ich hier Geld verdienen´, denkt Stoffel. Er drückt die Tür auf. Der stockige Geruch eines alten Treppenhauses schlägt ihm entgegen. Vor ihm liegt die durch nachträgliche Einbauten, Treppe, Stromzähler und Briefkästen verschandelte Eingangshalle des Gutshauses. Links geht es in die erste Wohnung. ‚Ohm Simon‘ steht am Namensschild. Rechts wohnt sein Bruder. Der ist, wie Ohm, auch schon über siebzig. In der ersten Etage geht die Tür auf.
„Findest du den Weg nicht? Bin hier oben.“
Stoffel steigt hinauf. Die nachträglich eingebaute Behelfstreppe knarrt. Ohms Tochter Iris lehnt an der Brüstung der ersten Etage. Sie ist eine kräftige Frau, Anfang fünfzig. Von unten sieht Stoffel, dass ihre Beine schön glatt sind. Wie das unter dem Morgenrock weitergeht, verschwindet im phantasieanregenden Dunkel. Er schaut schnell auf seine Füße.
„Alles gesehen und erschrocken?“
Iris ist nicht prüde. Er schaut sie an.
„Sieht eigentlich schön frisch aus.“
„Tja, eigentlich gefällt mir nicht.“
Sie macht die Tür weit auf. Dahinter liegt ein schöner großer Wohnraum. Stoffel schubst die Klapperlatschen von den Füßen, steigt mit großem Schritt über die Schwelle. Er betrachtet mit Erstaunen die freundliche Dielung, die hellen Farben der Wände. Die wenigen hellen Holzmöbel sind gut platziert. Aus den großen Fenstern verliert sich der Blick zwischen den mächtigen Baumkronen der Parkeichen in der dunstigen Ferne der Felder. Ein Traktor pflügt in der Ferne. Da fährt Max, bei seinen letzten Tagen der Herbstbestellung.
„Mensch Iris, deine Wohnung ist ja eine Wucht! So würde ich auch gern wohnen. Das habt ihr schön hinbekommen.“ Iris schaut neben ihm stehend aus dem Fenster.
„Die alte Sichtachse in Richtung Süden ist noch vorhanden. Das ist eher Zufall, denn wen hat es nach der Enteignung schon gekümmert, ob die Nachfolger der Junker aus ihren Fenstern in welcher Richtung in welche Ferne sehen konnten. Hier hat es aber geklappt. Ohm hat das nicht mitbekommen, sonst hätte er mir bestimmt nicht diesen Teil der ersten Etage überlassen. Er hat eben leider so manches nicht mitbekommen, sonst wäre er nicht praktisch pleite.“
Stoffel dreht sich zu ihr.
„Wollte er nicht erst vermieten und damit den Umbau bezahlen? Zahlt ihr ihm eigentlich Miete?“
Iris reckt sich.
„Klar bezahl ich Miete und gar nicht mal knapp. Ich kann heute bloß nicht sagen, wie lange ich noch zahlen kann. Mein Erspartes geht zu Ende. Als Landschaftsarchitektin bekomme ich hier in der Nähe keine Aufträge. Das ist der Nachteil, wenn du versuchst, auf Honorarbasis durchs Leben zu kommen. Damals in Berlin ging das noch ganz gut. Da kam Geld rein, und ich habe jedes Jahr auf die eigene Wohnung gespart. Das Ohm dann gerade hier bei euch was auftat, fand ich am Anfang sehr attraktiv. Alle aus der Familie unterstützten die...




