Kirsch | Wanderer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Kirsch Wanderer


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-4083-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

ISBN: 978-3-7578-4083-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bei ein wenig nüchternerer Betrachtungsweise hätte Iris die Idee einer Alterswohngemeinschaft bestimmt lieber für sich behalten. Stefan jedenfalls nahm die Sache vollkommen ernst und begab sich auf die Suche nach Gleichgesinnten, die sich mit ihnen auf den Weg in das letzte große Abenteuer eines jeden Menschen stürzen würden: Das Altern. Plötzlich stand Iris ihrer eigenen Idee äußerst skeptisch gegenüber. Aber hatten sich die beiden nicht geschworen, Freud und Leid miteinander zu teilen?

Jens Kirsch, geboren 1958, Ausbildung als Diplomphysiker an der Universität in Greifswald. Tätigkeiten im einzigen ehemaligen Atomkraftwerk der DDR, an der Uni Greifswald, bei den Stadtwerken Greifswald, 14 Jahre Gemeindevertreter in der Gemeinde Wackerow Malerei seit 1978, Website: www.kirsch-immenhorst.de
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Unter der Brücke


Bis hierher, unter diese Brücke, ist er also gekommen. Stefan Feldmann dreht sich, damit keine kalte Luft in seine Schlafstätte eindringt, ganz langsam und vorsichtig auf die andere Seite. Nun hockt er gar die Beine an und zieht sich die Decke über den Kopf denn unter den Brückenbögen zieht es wie Hechtsuppe. Ganz behutsam bläst er die warme Atemluft über seine gefalteten Arme, die die Decke festhalten. Jetzt weiß er erst, welch ein besonders kostbarer Stoff die warme Luft ist.

Lange hält er es in dieser Stellung nicht aus, dann muss er sich den Kopf wieder aufdecken, weil ihm die Luft knapp zu werden droht. Reine Einbildung? Er hat dieses Gefühl schon immer, denn wenn sein Kopf bedeckt ist, bekommt er Platzangst.

Über den Fluss hallt das Gequake der Lautsprecher des Hauptbahnhofes. Stefan spitzt die Ohren, weil ab und an wie aus weiter Ferne der Schrei einer Möwe aus den Hintergrundgeräuschen der Großstadt zu ihm dringt. Und das mitten in Berlin!

Keine zwanzig Meter entfernt steht ein Mann aus einer Gruppe hockender Gestalten auf und pinkelt an der Böschung. Leise dringt das Gemurmel der Menschen dort an Stefans Ohren. Die Obdachlosen sitzen um ein kleines Feuer. Unter der Brücke stehen schon wieder mehrere Zelte, obwohl die Securityleute erst vor wenigen Stunden allen klarmachten, dass sie hier unerwünscht sind. Auch Stefan bekam einen Tritt gegen die Schuhe, als er nicht schnell genug reagierte. Was sind das bloß für Menschen? Haben die kein Mitgefühl?

Für die Obdachlosen gehörte das Verjagtwerden offenbar zum Tagesablauf. Sie packten in aller Seelenruhe ihre Sachen zusammen. Das ging erstaunlich schnell und obwohl die Gruppe dort zahlenmäßig den beiden Wachleuten weit überlegen war, muckte keiner auf.

Seitdem es die selbstaufklappenden Zelte gibt, sind diese allerdings ebenso schnell wieder aufgestellt, wie sie zusammengefaltet sind. Bloß muss man das eben drauf haben und Stefan saß da noch auf der Bank mit dem exklusiven Blick auf das Regierungsviertel vor der Brücke und staunte nicht schlecht, wie fix die Behelfsbehausungen der Obdachlosen zusammengefaltet und das ganze Hab und Gut in einigen Tüten und Einkaufswagen verstaut war.

Stefan trug, außer den Klamotten, die er am Leibe hatte, all seine Besitztümer im Rucksack mit sich, den er gleichzeitig als Kopfkissen benutzt. Besitz! Das Eigentum der Obdachlosen stellt den Begriff in die richtige Relation, denn bald hocken die Leute wieder da, von wo sie die Sicherheitsleute vor nur wenigen Stunden vertrieben hatten: auf ihren wenigen Habseligkeiten.

Stefan wurde klar, wie sehr viel besser diese Menschen auf die harten Bedingungen hier vorbereitet sind, als er selbst es ist. Nach dem ersten Schlafdurchgang auf den kalten Steinen wusste er, dass er diese Art der Übernachtung kein weiteres Mal durchhalten kann. Bitterkalt packte ihn der Dunst des Flusses am Hintern und zwackte in der Nierengegend. Wie konnte er nur so vermessen sein anzunehmen, hier schlafen zu können? Bloß weil er so verbohrt behauptet hatte, dass er die Wohlfahrt des Staates nie in Anspruch nehmen würde?

Wegen eines besoffenen Schwures würde er jedenfalls nicht weiter frieren. Wem hatte er das überhaupt geschworen? Doch wohl bloß Iris, seiner Ehefrau. Da kommt ganz selbstverständlich die Frage auf, warum sie vor kurzer Zeit heirateten. Wäre es nicht auch ohne das ganze Brimborium gegangen? Ging doch vorher auch! Wollten sie nicht Freud und Leid teilen, bis an ihr Lebensende? Warum saß er dann allein hier? Schließlich kannte er doch die Geschichte vom allein erfrorenen Indianer ganz genau.

Stefan rechnete dort auf der Bank im Kopf. Am Freitag vor einer Woche hatte er die Wanderung in Richtung Süden gestartet. Eine ganze Woche hatte er gebraucht, von ihrem Wohnort an der Küste in Wackerow nahe bei Greifswald, bis hierher nach Berlin. Also lief er je Tag ein wenig mehr als dreißig Kilometer. Dabei hatte er das mit dem Wandern gar nicht so gemeint, nicht so im wörtlichen Sinne. Ihm ging es mehr um ein soziales Wandern, von Umfeld zu Umfeld, von Freund zu Freund, genau wie ihm Iris das vom Kaiser Otto beschrieben hatte! Und er? Ist er der erste Lehnsmann seiner schlauen Gattin? Ihr Kämmerer, ihr treuester Vasall, bereit mit Leib und Leben für sie einzuspringen? Schließlich ist die Hochzeit ihr Wunsch gewesen. Ja wirklich: Von ihm aus hätten sie auch ohne das ganze Pipapo der bürgerlichen Bestätigung des ehelichen Zusammenlebens ihr Leben verbringen können. Hochzeit nach über zwanzig Jahren des Zusammenlebens. Also bitte! Als ob es nicht ohne genauso weiter gegangen wäre.

Aber dann starb plötzlich Aaron, Stefans Hund. Iris rechnete ihm vor, dass sie beide ja nun wohl auch deutlich mehr als die Hälfte ihres Lebens hinter sich hätten und dass es nun an der Zeit wäre, an die Witwen-, bzw. Witwerrente zu denken. Damit legte sie ihren Finger in die offene Wunde ihres künftigen Gatten, denn sein Rentenanspruch machte sich ziemlich mickrig aus auf den jährlich eingehenden Bescheiden.

Nicht aber der seiner ehemals gut verdienenden künftigen Lehnsherrin. Iris hatte schon immer recht gut verdient – manchmal sogar recht außerordentlich! Und dieser Geldstrom sollte versiegen, mal angenommen, sie würde vor ihm gehen? In Gottes und des BGB-Namen! Stefan war so weit. Die Termine wurden gemacht und es wurde geheiratet.

Und jetzt, in diesem Moment auf der Bank, musste er zugeben, dass die spontane Wanderung aus reinem Trotz eine ziemliche Idiotie war. Wenn er ganz ehrlich in sich hineinschaute, musste er sich eingestehen, dass mit seinem Fortkommen nichts bewiesen war. Natürlich schafft ein gesunder Mensch dreißig Kilometer am Tag und natürlich kann man auch mal unter freiem Himmel kampieren. Aber jetzt im November lässt der Spaß an der Sache doch ziemlich schnell nach, wenn die Nebel wallen und die Regen fallen! Mal ganz abgesehen von den Temperaturen.

Als die Obdachlosen langsam aber sicher wieder ihr Quartier unter der Brücke beziehen, fasst Stefan den Entschluss, die Wanderung genau an dieser Stelle hier zu beenden. Er wird bei Tagesanbruch einen Kaffee am Hauptbahnhof schlürfen, dazu ein knuspriges Brötchen essen und den nächsten Zug in Richtung Süden nehmen.

Vor dem Hauptbahnhof glitzert die Fassade des neuen Bürogebäudes, des Cube. Als die Dunkelheit kommt, verwandelt sich der Würfel. Das Gebäude löst sich im Abendlicht ab der zweiten Etage regelrecht auf. Der Himmel, die Lichter der Stadt und des Bahnhofes vermischen sich in den Spiegelscheiben. Stefan kann nicht mehr unterscheiden, was noch Gebäude ist und was Schein und Reflexion.

Im Regierungsviertel gehen die Lichter an.

Nachdem er eine Weile gestaunt hat, packt er seinen Rucksack. Die eine Nacht noch! In der Tiefgarage des Cube findet Stefan schließlich, was er sucht. Einige Container für Altpapier enthielten Pappkartons verschiedener Größen, so dass er nicht mehr auf der blanken Pflasterung liegen muss.

Dabei könnte er auch im Hotel übernachten. Er tastet nach seinem Portemonnaie. Darin stecken die verschiedenen Karten, Sparkasse, Gesundheitskarte, Rabatte für Einkäufe…

Inzwischen hatten die Obdachlosen ihre Zelte wieder aufgebaut. Stefan muss nun seine Pappen dichter am Eingang des Brückenbogens ablegen, denn die geschützteren Stellplätze tiefer unter dem Brückenbogen sind bereits belegt. Ab und an hallt ein Lachen unter dem Bogen, dann kreischt eine Frau.

Stefan ist das nicht gleichgültig. Aber er ist nicht hier, um diese Stadtmenschen und deren Schicksale kennenzulernen. Er ist auf dem Weg zu seinem Freund Hotte, dem er ein Angebot unterbreiten will, welches für sie genau diese Situation verhindern soll. Er will in Würde altern. Selbstbestimmt, mit Freude am Leben und nicht so, unterm Brückenbogen. Und er will unabhängig vom Staat, von Almosen und Unterstützungsangeboten je nach Steuerlage bleiben. Die können ihn am Arsch lecken, um es mal drastisch auszudrücken. Schließlich weiß Stefan, wie der Hase läuft: Erst kommen die Hilfsangebote und dann folgen die dämlichen Forderungen. Er schielt in Richtung des Feuers. Darüber würde er mit den Obdachlosen schon ganz gern reden. Aber nicht heute und nicht hier. Er muss weiter, sonst wird das nie was, mit der Wohngemeinschaft.

Die Idee dazu hatte übrigens Iris. Stefan erinnert sich noch genau, wie sie nach der Hochzeit Hand in Hand für den Fotografen posierten.

„Wir können uns gegenseitig helfen.“

Er hatte sie erstaunt angesehen. Ja, war denn das nicht der Sinn der Ehe? Die Frage muss ihm im Gesicht gestanden haben, der Schnellste im Kapieren war er noch nie gewesen.

„Beim Altern helfen, gegenseitig.“ ergänzte Iris.

„Weißt du, wie die Wanderkaiser im Mittelalter ihre Reiche beisammen hielten?“

Stefans Stirnfalten ordneten sich zu noch größeren Fragezeichen.

„Sie zogen von Freund zu Freund!“

In dem Moment fiel bei Stefan der Groschen. Natürlich! Das könnten sie ganz genauso machen! Und noch während sie Hand in Hand in das Objektiv des Fotografen grinsten, gingen...



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