Kirsch | Wer sucht, der versucht... | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 456 Seiten

Kirsch Wer sucht, der versucht...

Die Welt in der wir leben
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-9702-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Welt in der wir leben

E-Book, Deutsch, 456 Seiten

ISBN: 978-3-7412-9702-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Josef Dainer hat die Nase voll vom Job. Er will in der Abgeschiedenheit des Ryckbogens ein neues Leben beginnen. Wenn nur der Zwang, Geld zu beschaffen, nicht wäre! Kommen Sie mit auf die Reise aus dem vorpommerschen Greifswald nach Ghana, in das indische Agra und zu den Astronauten der ISS. Die Probleme gleichen sich in verblüffender Weise. Das Leben muss gesichert werden. Aus dieser Suche erwachsen Versuche, immer neue Versuche...

Jens Kirsch, geboren 1958, Ausbildung als Diplomphysiker an der Universität in Greifswald. Tätigkeiten im einzigen ehemaligen Atomkraftwerk der DDR, an der Uni Greifswald, bei den Stadtwerken Greifswald, 14 Jahre Gemeindevertreter in der Gemeinde Wackerow. Malerei seit 1978, Website: www.kirsch-immenhorst.de Mehrere Veröffentlichungen in der Dorfzeitung Wacker(ow) Blatt, Ostseezeitung, Künstlerzeitschrift 'Die Buhne'. Verheiratet, vier Kinder, neun Enkel.
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Urks


Urks war das erste Wort, welches das liebe Handvoll Leben hörte, als es in das Stroh eines kleinen Stalles in der Nähe der Stadt Greifswald plumpste. Da lag es ganz warm und noch nass und spürte kurz darauf die warme Zunge der Mutter, die es sorgsam von den Geburtssäften reinigte. Urks, wiederholte sie wieder leise, und stupste das Ferkel mit der Nase, denn es sah so anders aus als sie und seine rosafarbenen Geschwister des Wurfes. Es war ganz und gar schwarz.

Urks kroch an die Seite der Mutter und ruderte mit den Beinchen, als wollte es der Gruppe der Geschwister davonschwimmen. So erreichte er die erste und beste Zitze, schnuffelte mit seinem kleinen schwarzen Rüssel und saugte sich an ihr fest, um die erste Milch zu erhalten, das Kolostrum, die erste Schluckimpfung im Leben eines jeden Säugetieres. Glücklich hob und senkte sich sein kleiner Leib vom zufriedenen Schnaufer, er schlief erschöpft nach der ersten Anstrengung seines Lebens mit der süßen Zitze im Maul ein.

Mit einem Ruck erwachte er und die Zitze verschwand in der Höhe. Urks und seine Geschwister rollten ins Stroh und in ihrer Not begannen sie zu greinen, manch ängstlicher Quieker mischte sich in das Gejammer. Aber sie hatten einander noch, so suchten sie die gegenseitige Wärme, kuschelten sich zusammen und schliefen bald wieder ein. Über ihnen hatten die besorgten Menschen eine wärmende Lampe aufgehängt, und in deren sanftem roten Schein lagen die kleinen Tiere und zuckten ab und an in Erwartung des kommenden Lebens. Die Mutter verschwand nach prüfendem Blick aus der Tür des Stalles mit schleppendem Gang. Sie hatte Durst nach der Mühe der Geburt und soff tief aus dem Trog in ihrem Auslauf. Aus dem Nachbarkoben grüßte der Vater des Wurfes, ein kräftiger Eber, ganz schwarz und mit Hängebauch. Ein echter fetter Hängebaucheber! Die Mutter grüßte mit einem Nicken kurz zurück und begab sich dann in ihre Toilettenecke. Nach dem Misten verschwand sie wieder im Stall, legte sich neben die Kleinen und schlief ebenfalls ein. So verging der erste Tag des Lebens von Urks. Er schlief und trank und trank und schlief, die Mutter machte ihn sauber, so wie das bei uns Menschen auch geschieht.

Der Koben der kleinen Schweinefamilie gehörte zu einem kleinen Tierpark, in dem die Bewohner der Stadt Greifswald viele Haustierrassen besichtigen konnten, die sie sonst nie zu Gesicht bekommen hätten. So sah Urks von Anfang an viele Menschen, viele Menschen sahen dem Aufwachsen von Urks zu. Obwohl die Menschen und vor allem deren Kinder viel Freude am possierlichen Treiben der Ferkel in ihrem Gehege hatten, war das Geld des kleinen Tierparks stets knapp. Deshalb nagelte der Tierparkdirektor eines Tages ein Schild an das Tor: Ferkel zu verkaufen.

Das las ein junger Mann, der mit seiner Tochter den Tierpark besuchte. Er lief mit ihr zusammen zum Ferkelkoben und schaute sich die Ferkel lange an. Er dachte dabei an seinen Geburtstag, den er im Herbst feiern würde, und in seinen Gedanken drehte sich ein Spieß mit einem schönen braunen Braten daran. Die Tochter lief unterdessen zur nahen Wiese, pflückte den frischen Löwenzahn des frühen Sommers und warf ihn den Ferkeln zu, die ihn glücklich schmatzend fraßen. Es kam, wie es kommen musste, Urks wurde, weil er aus der Gruppe so stattlich schwarz herausstach, ausgewählt und in einen stabilen Sack gesteckt.

Der junge Mann wohnte nicht weit entfernt in einem kleinen Weiler nahe der Stadt Greifswald zur Untermiete. Der Besitzer hatte einige Ziegen, deren Stall ungenutzt blieb, da die Ziegen den Sommer auf der Weide verbrachten. Urks wurde im Ziegenstall freigelassen, er zeigte die Zähne, keifte und war nur noch ein bissiges Maul, denn der Schreck, den er bekam, als er in den Sack gesteckt wurde, war gewaltig. Sein Puls raste, sein Herz schlug, dass er es bis in die Ohren hörte und er wollte nur eines, heim zu seiner Familie.

Der junge Mann klemmte eine abgesägte halbe Tür in den Ausgang des Ziegenstalls, stützte diese mit einer Heugabel ab, warf etwas Heu in Richtung des keifenden Schweinchens und stellte eine Wasserschüssel hinter der abgesägten Tür in Reichweite des tobenden Tieres ab. Es wurde Nacht und Urks blieb allein. Der junge Mann hatte die Angst des Ferkels und die Kräfte, die sie ihm verlieh, unterschätzt und so traf er am nächsten Morgen, als er gleich in der Früh nach seinem Geburtstagsbraten sehen wollte, auf einen gähnend leeren Stall. Die halbe Tür lag umgeworfen auf der Seite, Urks war auf und davon. Das war dem jungen Mann nicht recht, denn er hatte gutes Geld für das Ferkel bezahlt und so lief er umher und gab überall an, dass er ein kleines schwarzes Schwein suche, welches ihm bitte gegen Belohnung auszuhändigen sei. Aber Urks blieb spurlos verschwunden.

Urks wusste in dieser Nacht, nachdem die Tür seinem tobenden Ansturm nachgegeben hatte, nicht, wohin er sich wenden sollte. Traurig jammerte und schnuffelte er vor sich hin, nur eines war ihm klar, hier bleiben konnte er nicht. Womöglich käme er sonst wieder in diesen engen Sack und danach in diesen fremden, nach Ziegen riechenden Stall. So lief er aufs Geratewohl den Weg durch den Weiler an den Bäumen und am Teich vorbei hin zur großen Straße, die nach Greifswald führte. Daneben breitete sich ein Feld mit jungem Weizen, Urks verließ die Straße und fraß vom dem jungen Weizen, bis er satt zum Himmel aufschaute. Wo sollte er hin, in welche Richtung musste er gehen, um zu seiner Mutter, den Geschwistern und dem bekannten Stall zu gelangen? Er wusste es nicht, der große Mond leuchtete auf den Acker, auf dem das kleine Schweinchen ganz allein stand und die Schnauze in den Himmel reckte und jammerte. Schließlich rollte es sich zu einem kleinen Kringel und schlief traurig ein, der Mond zog seine Bahn und verschwand hinter dem Horizont.

Dunst stieg auf, der neue Tag begann. Der Besitzer des Hauses mit dem Ziegenstall machte sich auf den Weg, seine Hunde laufen zu lassen, die ganz dicht an Urks vorbeistrolchten. Sie bemerkten ihn nicht, denn er hielt die Luft an und presste sich fest an den Boden. Auch der junge Mann, der mit suchendem Blick etwas später die Straße in Richtung Greifswald lief, sah Urks nicht.

Urks saß still und wartete. Erst am Abend fraß er wieder etwas Weizen und strich durch das Feld, bis er auf eine Spur stieß, die ein wenig wie seine Geschwister roch. Urks wurde ganz aufgeregt und schnüffelnd folgte er der Spur durch den Acker über die Straße nach Greifswald bis zum nahen Wald. Hier wurde der Geruch immer stärker, aufgewühlte Stellen erinnerten ihn an die herrlichen Suhlen im kleinen Tierpark.

Im Walde aber hauste eine große Schar wilder Schweine, sie zogen sich des Tags stets in das naheliegende Kieshofer Moor zurück, wo sie kein Jäger verfolgen konnte. Nachts aber machten sie sich auf den Weg und fraßen sich am Weizen satt. Wenn der Raps hoch genug stand, legten sie weitläufige Gänge an, in denen sie sich herrlich verstecken konnten.

Urks näherte sich suchend ihrem Ruheplatz im Moor, die Leitbache reckte aufmerksam die Ohren, als sie seine Schritte vernahm. Sie staunte nicht schlecht, als sie das kleine schwarze Schwein zu Gesicht bekam und grunzte zur Begrüßung recht freundlich. Futter gab es zur Zeit nachgerade im Überfluss und so verhielt sich die Leitbache dem einsamen Wanderer gegenüber freundlich. Als ihre Frischlinge den Ankömmling durch den starrenden Blick der Bache bemerkten, stürmten sie auf den seltsamen Gast zu, stießen ihn mit ihren Schnauzen und luden ihn damit zum Spielen ein. Die Leitbache legte sich in ihren Ruheplatz nieder und gab damit das Signal, dass alles in Ordnung sei. Urks folgte den Frischligen und lernte von ihnen, den weichen Moorboden zu durchwühlen und manch knackigen Käfer zu finden. So einfach ging das, Urks wurde in der Rotte zum Wildschwein. Er zog mit der Rotte, als der Raps hoch genug war, zwischen Raps und Weizen hin und her. Der Weizen füllte die Bäuche und der Raps lieferte das Versteck. So ging die Zeit dahin, Urks wurde ein kräftiger Läufer mit Handicap, denn sein Rückgrat entwickelte sich hängebauschweintypisch zu einer Art Hängebrücke, so dass sein Bauch wesentlich tiefer hing als bei seinen hochbeinigen neuen Geschwistern. Das wurde ihm beinahe zum Verhängnis, als der Weizen gedroschen wurde und gewaltige Maschinen ihre Futterplätze in ihren Bauch fraßen und nichts für sie übrigließen. Der Raps rettete ihn, die Jäger, die beim Dreschen des Weizens an den letzten zu mähenden Bahnen Position bezogen, schossen manches Mitglied seiner Rotte nieder. Was war das für eine Hatz, getrieben von den gewaltigen Maschinen, jagten sie Bahn für Bahn durch den Weizen, wäre Urks nicht dicht an den Fersen der Leitbache geblieben, wäre es wohl auch um ihn geschehen gewesen.

Die Tiere zogen sich allabendlich tief in das Moor zurück, wohin ihnen weder Jäger noch Maschinen folgen konnten. Der Raps wurde geerntet, die Äcker lagen bloß und boten kein Versteck. Der Wald begann seine Früchte zu spenden, die Rotte hatte wiederum ein gutes Auskommen. Bis eines Tages erneut eine Jagd begann. Diesmal trieben Menschen mit Hunden alle wilden Tiere aus ihren Verstecken, alle rannten um ihr Leben direkt in das Feuer der Jäger. Die Leitbache führte die Rotte in rasendem Lauf quer durch das Moor, über die Straße nach Greifswald hin, über den blanken Acker zum tiefen Graben.

Der Besitzer des Hauses mit dem Ziegenstall lief mit seinen Hunden wie jeden Abend die Straße entlang und hörte die Tiere aus dem Wald brechen, voran die Leitbache, dann die kleineren Bachen, dann die Läufer, dann lange Zeit nichts und dann schreiend und schimpfend Urks hinterdrein. Er konnte nicht Schritt halten, und die Rotte erzielte bis zum tiefen Graben einen Vorsprung von mehreren hundert Metern.

Die Schweine rollten die...



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