E-Book, Deutsch, 203 Seiten
Klar Himmelwärts
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7017-4629-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 203 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4629-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth Klar, geboren 1986 in Wien, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Transkulturellen Kommunikation. Sie arbeitet in der Softwareentwicklung und leitet Literaturworkshops für Kinder und Jugendliche. Elisabeth Klar hat zahlreiche Preise erhalten, u. a. war sie Finalistin des FM4-Wettbewerbs Wortlaut (2013). Ihr gefeiertes Debüt 'Wie im Wald' erhielt den Förderpreis der Stadt Wien und stand auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises 2015, 2017 erschien ihr zweiter Roman 'Wasser atmen'. Zuletzt erschienen: 'Wasser atmen' (2017) und 'Himmelwärts' (2020).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Jonathan geht nicht ans Telefon, er öffnet auch nicht, als sie klingelt, aber sie will spazieren gehen, es juckt sie, es treibt sie, laufen, laufen, dieser Enge entkommen, einfach nur laufen, aber er macht nicht auf. Also schließt sie auf, mit dem Ersatzschlüssel der WG, den sie ihm einmal gestohlen hat, vermutlich weiß er es, er hat nie etwas dazu gesagt. Er sagt selten etwas, wenn sie ihm etwas stiehlt, manchmal holt er es sich dann zurück. Den Ersatzschlüssel der WG hat er ihr gelassen. Vielleicht, weil er nicht einmal ihm gehört, sondern allen, oder keinem. Sie läuft das Stiegenhaus rauf, schließt auch die Wohnung auf. Die anderen sind noch nicht da oder nicht mehr.
»Jonathan, ich will gehen!«
Er liegt auf dem Sofa im Wohnzimmer und schläft, noch vollständig angezogen, auf dem Bauch und einen Arm unter dem Kopf, der andere liegt schlaff neben ihm.
»Jonathan!«
Sie legt sich auf ihn, er zuckt kurz zusammen, entspannt sich dann. »Mhm«, sagt er.
Sein Rücken so warm. Dieser neue Geruch. Sie beugt sich zu ihm herab, legt ihr Kinn in seinen Nacken, zieht die Luft durch die Nase ein. Ja, sie ist sich sicher – in letzter Zeit riecht Jonathan anders, und zwar immer mal wieder ein wenig nach Huhn.
Als wäre sie nicht so schon hungrig genug nach ihm.
Und als sie ihn streichelt, ist der Rücken heiß dort bei den Schulterblättern, uneben. Sie fährt darüber, es ist, als würde etwas brodeln unter der Haut, sich bewegen, und er zuckt, als sie drückt.
»Komm schon, wach auf!«
Sie zieht sein T-Shirt hinunter, leckt über seinen Hals, er zuckt wieder, versucht, seinen Arm zu befreien, dreht sich dann auf den Rücken. Sie verlagert ihr Gewicht, stützt sich auf dem Sofa ab, um nicht herunterzurutschen, während er sich unter ihr dreht, lässt sich dann wieder auf ihn fallen. »Uff«, macht er. »Was machst du hier?«
Seine Augen sind klein und verschwollen, er sieht sie kaum an.
»Dich abholen – wir gehen spazieren.«
»Du gehst spazieren. Ich bin müde.«
»Unsinn«, sagt sie. »Es ist noch nicht einmal dunkel. Menschen sind tagaktiv.«
Mit einer Hand stützt sie sich auf seiner Schulter ab, mit der anderen kratzt sie über seine Arme. Sie merkt sich gut, welche Berührungen er mag, welche erlaubt sind. Um dann dazwischen wieder etwas Unerlaubtes zu machen – sich hinunterbeugen, seine Nase zwischen ihre Zähne nehmen.
»Lass das«, sagt er nasal.
Sie lässt es nicht. Er versucht, sie wegzuschieben, dabei richtet er sich auf, sie weicht zurück. Er sitzt dann. Der Kopf noch schwer.
»Bleib so.«
Sie holt seine Schuhe, kniet sich vor ihn hin, nimmt seine Füße, stopft sie in die Schuhe, schnürt die zu, steht wieder auf, nimmt seine Hand. Er lässt sich dann doch ziehen.
Sie zieht ihn zur Tür und aus der Tür hinaus, zieht ihn die Treppen hinunter. Unten blinzelt er in die Abendsonne und geht ohne Ziehen neben ihr, wenn auch langsamer als sonst.
»Wieso bist du so müde?«, fragt sie.
Er zuckt mit den Schultern.
»Die Arbeit. Warum willst du so dringend spazieren gehen?«
Sylvia denkt an das, was die Kollegen sagen, an die Gerüchte. Was die Kürzungen, die jetzt kommen, für sie bedeuten könnten. Sie mag ihren Job. Passanten beobachten, leichte Beute finden, abfangen, überreden. Irgendein Trick geht immer. Oder von Tür zu Tür. Manche Menschen sind verwundbar, wenn du sie in ihrem Bau antriffst, noch im Bademantel oder die Hose nicht ganz zugeknöpft. Sie hängen ihre Stacheln an der Garderobe auf, und es ist ihnen unangenehm, sie sich direkt vor dir wieder anzulegen. Manche wehren sich gerade dann am heftigsten. Am besten an jenen Türen läuten, an denen bereits die drei Könige ihr Zeichen mit Kreide gemacht haben, hat Sylvia schnell gelernt.
Den Prater, den vermisst sie manchmal. Das Anlocken mit lauten Rufen, das Abkassieren, das Abreißen der Karten. Ob man sie noch nehmen würde? Sie sollte mal wieder fragen. Sie ist bei den Kollegen beliebt gewesen, gerade wenn sie die Zähne gezeigt hat beim Grinsen. Bei den Geisterbahnen haben sie sie gern eingesetzt. Die hätten vermutlich sogar gemocht, was sich unter ihren Armstulpen versteckt, so wie Jonathan und Ronaldo es mögen.
Sie zuckt mit den Schultern.
»Die Arbeit«, sagt sie.
Laufen, laufen. Es treibt sie an solchen Tagen.
Sie gehen die Berggasse hinunter, über die Kreuzung in die Allee, dann an der Fakultät für Mathematik vorbei. Beim Donaukanal die Steintreppe hinab. Dort wohnen sie alle, die Mäuse, Eichhörnchen, Biber, Marder. Dem Jagdtrieb nicht folgen.
»Es wird einfach immer anstrengender im Heim«, sagt er. »Jedes Mal, wenn mein Dienst zu Ende ist, will ich nur noch schlafen. Jetzt haben sie wieder welche weggeholt, in das größere Zentrum. Wir, also ich mein, die anderen, kämpfen grad noch für ein paar von ihnen, du weißt schon, für die, die große medizinische Probleme haben, aber selbst bei denen … den einen Typ mit der Psychose haben sie, glaub ich, schon abgeschoben … Ich weiß nicht, wo der gelandet ist. Ich hab keine Ahnung. Ist halt auch nicht mein Bereich. Arbeite ich überhaupt noch Heim, so richtig? Ich tu doch im Grunde seit Monaten nichts anderes, als Kleidungsspenden abholen und aussortieren. Nein, stimmt auch nicht ganz. So kommt es mir halt manchmal vor.«
Er reibt sich die Augen.
»Wahrscheinlich sperren sie das Haus eh bald zu. Dann bring ich die Kleidungsspenden halt woanders hin. Wie auch immer.«
Sie gehen weiter, über den Beton, die Dämmerung im Rücken. Horchen. Riechen kann sie den Donaukanal in dieser Haut kaum mehr. Aber das hier ist ohnehin kein Revier, das abzugehen Sicherheit bietet. Nur eine alte Gewohnheit. Jonathan wird stiller, bei der Urania steigen sie die Steintreppe wieder hinauf, folgen dem Ring und den verwinkelten Gassen Richtung Karlsplatz.
»Das ist nicht der Heimweg.«
»Wir können doch gleich ins weiter.«
»Ist doch viel zu früh.«
Aber man kann um das kreisen, bis es dunkel ist. Und so kreisen sie, durch die Gassen rund um die Wienzeile, bis die Türen öffnen und sie hinein können.
Leer wirkt das groß und nackt.
Aber Peter ist schon da, räumt hinter der Bar herum, öffnet die Registrierkasse und zählt das Geld, seine Lippen bewegen sich dabei. Er erinnert sich erst spät, sie zu fragen, ob sie schon etwas trinken wollen.
»Heute gar keine rote Bluse, Sylvia?«, meint er, weil er sie erst jetzt richtig ansieht, sie zuckt mit den Schultern. Ist ja keine Regel. Ist nur eine alte, vertraute Hülle, in die sie hier gern schlüpft, die sie sich sonst selten traut, zu verwenden.
Die Teilnehmer der Drag-Show kommen als Nächste, steigen noch in Straßenkleidung auf die Bühne, prüfen den Sound, die Scheinwerfer, diskutieren. Ronaldo ist auch bald unter ihnen, winkt Jonathan und Sylvia nur kurz zu und schaut dann wie die anderen zu dem einen Scheinwerfer hinauf, der einfach nicht anspringen will. Seine Haare sind kurz ohne die Perücke, er hat die Hände in den Hosentaschen.
»Test 1, 2, 3, Test 1, 2, 3«, sie sind mit dem Sound nicht zufrieden, »es hallt zu sehr«, ruft Peter von der Bar aus hinüber.
Als die Queens in der Garderobe verschwinden, um sich umzuziehen, folgt Sylvia ihnen – wenn die Garderobe voll ist und geschäftig, ist es ihr dort fast am liebsten.
Später: tanzen, tanzen. Jonathan dreht sich mittendrin einfach um und geht weg, zurück zur Bar, die Schultern fallen nach vorne. Schwer. Sieht aus, als würde er gerne weinen. Aber da hat Antonio sie schon gepackt, sie wird von ihm und Adin auf die Schultern gehoben. Sylvia ist so leicht, man trägt sie hier gerne.
Sylvia hält ihn zuerst für eine Frau, wegen seines Gesichts und seiner schmalen Hände, Ronaldo stellt Feo dann aber als einen Freund vor, und Verwechslungen gibt es hier sowieso immer wieder. Er sitzt auf einem der Barhocker, nach hinten gelehnt, die Arme auf der Bar, Jonathan hat vorher schon mit ihm gesprochen. Baggy-Pants und ärmelloses Shirt, also keine von den Queens? Vielleicht nur gerade in Zivil. Sylvia hat die beiden beobachtet, Jonathans vorgebeugte Haltung und wie er Feos Gesten mit dem Blick verfolgt.
»Und das ist Sylvia«, sagt Ronaldo jetzt, »die es geschafft hat, sich den unmoralischsten Job bei einer NGO zu schnappen, den es gibt.«
Feo legt den Kopf schief, das Haar hängt ihm dabei ein bisschen ins Gesicht,...




