Klar | Wasser atmen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Klar Wasser atmen


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7017-4553-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4553-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein bilderreicher Roman, der uns ein großes Gefühl unserer Zeit hautnah spüren lässt: die Angst Wer ein Jahr in der Antarktis verbringt und die Polarnacht in einer Forschungsstation erträgt, muss Ausdauer und Entschlossenheit haben. So eine scheint Erika zu sein: Die renommierte Bioakustikerin lauscht den Walen, geht auf lange Tauchgänge, sucht beim Aikido die Herausforderung. Kaum jemand weiß, dass sie das alles tut, um eine lähmende Angst zu bekämpfen, die Angst vor einer Welt, die sie zu überwältigen droht. Und dann taucht die Musikwissenschaftlerin Judith, eine junge Frau voller Widersprüche, in Erikas Freundeskreis auf. Als die beiden sich annähern, ahnt Erika: Judith hat sich von jener Macht, gegen die Erika ankämpft, überschwemmen lassen. Vielleicht ist sie verrückt geworden, vielleicht hat sie aber auch einen Gegenzauber gefunden und sich gerettet ...

Elisabeth Klar, geboren 1986 in Wien, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Transkulturellen Kommunikation. Sie arbeitet in der Softwareentwicklung und leitet Literaturworkshops für Kinder und Jugendliche. Für ihre Erzählungen hat sie zahlreiche Preise erhalten, u. a. war sie Finalistin des FM4-Wettbewerbs Wortlaut (2013). Ihr gefeiertes Debüt 'Wie im Wald' erhielt den Förderpreis der Stadt Wien und stand auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises 2015. Ihr aktuelles Buch beim Residenz Verlag: 'Wasser atmen'
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1.


Zwischen dem Interview mit der Studentin und dem Aikido-Training bleibt nicht mehr viel Zeit. Es reicht, um das Wasser für die Instantnudeln aufzustellen. Es reicht, um die Trainingskleidung in den Rucksack zu stopfen, Erikas Brust brennt. Und was, wenn du heute nicht gehst? Du musst am Montag die Lehrveranstaltung halten, du kannst es dir nicht leisten, dann verletzt zu sein. Erika zieht ihre Waffentasche zwischen den Regalen hervor, wirft sie zum Rucksack auf das Sofa, nimmt die schmutzigen Kuchenteller und bringt sie in die Küche. Natürlich werde ich gehen. Was, wenn Juri heute Koshinage macht? Dann wird er eben Koshinage machen. Das heißt dann, auf der Hüfte des anderen zu hängen, kopfüber und ausgesetzt, nach dem Kragen des Partners zu greifen, und da fällt sie schon, kopfüber dem Boden entgegen, kann nicht anders, als die Augen zuzupressen, nur das Kinn zur Brust! Wenn sie einen Fehler macht, flach auf den Rücken fällt, und alles vibriert, denkt sie: liegen und atmen. Sie will das nicht. Wieso sollte sie sich wieder darauf einlassen. Sie sieht es nicht ein.

Du hast später noch genug Zeit, Angst zu haben, Erika. Die Tassen in die Küche bringen, das Wasser für die Instantnudeln kocht schon fast.

Als sie das Haus verlässt, mit dem Rucksack und der Waffentasche über der Schulter, bleibt sie kurz stehen, weil sie weit oben den Specht hört. Er klopft wieder auf das Metallrohr, wahrscheinlich einen Sendemast, weithin hörbar über die Gassen hinweg. Dieser Baum verhilft dir zu keinen Würmern, Specht, aber zu einem großen Revier. Hört mich, all das hier gehört mir, mir, mir. Er übertönt die Singvögel im Park nebenan mit Leichtigkeit. Was hat sie eigentlich in dem Interview gesagt? Auch etwas über Raum. Sie kann sich kaum mehr erinnern. Sie hätte die Studentin auf ihren Metallrohr-Specht hinweisen können. Ihr Specht, der nicht ihr gehört.

Als sie in der Umkleide ankommt, hört sie am Geräusch des Aufschlagens aus dem Turnsaal, dass noch Matten hergeräumt werden. Wenn es schlägt, weiß sie immer, ob sie zu spät ist oder nicht, denn das Schlagen der Matten auf den Boden und das Schnappen der Menschen auf die Matten, wenn sie von anderen geworfen werden, ist leicht zu unterscheiden. Nur Stille ist verdächtig und lässt Erika auf die Uhr blicken. Es könnte noch niemand im Turnsaal sein. Es könnten alle bereits in einer Reihe knien, langsam ein- und ausatmen, die Hände im Schoß, den Alltag loszulassen versuchen, sich freimachen für den Kampf: Hier musst du zur Gänze anwesend sein.

Sie bindet den Hosenrock, schlüpft in die Sandalen, nimmt ihre Waffentasche. Sie tritt in den Turnsaal, verbeugt sich, es werden gerade die letzten zwei Matten aufgelegt. Waffentasche hinlegen und öffnen, Holzschwert, Stab und Holzdolch bereitlegen, zu den Matten gehen und sich umdrehen, aus den Sandalen auf die Matten schlüpfen, sich umdrehen, verbeugen, sich hinsetzen in die Reihe. Viele sind sie heute nicht. Cécil, Christian und ein paar Anfänger. Und da ist schon Juri, tritt auf die Matte, setzt sich vor sie in die Mitte, legt die Hände in den Schoß, die anderen tun es ihm gleich.

Den Alltag loslassen, sie denkt an das Interview, ja, auch Wale können an Taucherkrankheit sterben. Das hätte sie so nicht formulieren sollen, so vereinfacht könnte es die Studentin auch in einer Zeitschrift lesen, und vielleicht schreibt sie das dann so in ihre Arbeit und dann! Ein- und ausatmen, aus damit, sie hat nicht mehr viel Zeit. Sie weiß nie, wie lange Juri sie sitzen lassen wird, bevor er aufsteht, bevor er die erste Technik vorzeigt. Sie muss das Interview loslassen, sie muss bald ganz anwesend sein. Bist du nicht aufmerksam, reagierst du langsam oder falsch, und wenn der andere deine Gelenkshebel versperrt, tust du dir weh. Da nickt Juri schon Cécil zu, steht auf und streckt Cécil die Hand entgegen, der wiederum auf Juri zukommt und dessen Hand greift. Aihanmi Katatedori: Die linke Hand greift die linke Hand. Erster Angriff.

Nach dem Aikido-Training wollen alle noch etwas trinken und Erika geht mit. Jetzt ist ihre Brust frei, und wie immer weiß sie nicht mehr, was die Brust vor dem Training so eng gemacht hat. Sie hat es ja doch wieder überlebt. Juri hat zwar wieder einmal eine Technik mit ihr vorgezeigt, hat sie geworfen, aber auch das ist nicht weiter schlimm gewesen. Sie hat sich wieder einmal nicht das Genick gebrochen, nicht die Schulter ausgekugelt, nicht das Kreuzband gerissen, sie kommt ja doch jedes Mal heil davon. Was ihr die Brust eng macht, weiß sie immer, ist nur um die Ecke, immer ganz nah. Was macht es schon. Sie ist trotzdem zum Training gegangen, ist das nicht das Einzige, was zählt? Wiederholung, trotzdem Ja sagen. Annehmen, was der andere dir gibt, die Zukunft vergessen. Jedes Mal wieder. Und jetzt ist ihr Körper rechtschaffen müde, und sie gehen durch die nächtlichen Gassen zum nächsten Wirt.

Wie so oft sind sie die einzigen Gäste, stapeln Rucksäcke und Waffensäcke in eine Ecke, zerren die Stühle aus ihrer Umklammerung mit anderen Stühlen. Der Gastraum ist halbdunkel, Juri wendet sich gleich an einen der Anfänger, dessen Namen Erika sich noch nicht gemerkt hat, beugt sich weit über den Tisch, verwickelt ihn in ein Gespräch über den kommenden Lehrgang.

»Die Musikstudentin war übrigens heute da«, meint Erika zu Cécil neben ihr, der ihr, gemeinsam mit Karo, die besagte Studentin schließlich aufgehalst hat.

»Ah, Judith Lackner«, sagt er. »Und?«

»Was soll schon gewesen sein. Etwas konfus in ihren Fragen war sie. Ich habe das Thema ihrer Diplomarbeit nicht so richtig verstanden.«

Was bringt man in der Musikwissenschaft den Studierenden über wissenschaftliches Arbeiten eigentlich bei? Erika ist sich nicht sicher, es ist ein geisteswissenschaftliches Studium, so richtig forschen werden die dort wohl nicht. Dann denkt sie, sei nicht dumm, was würde Karo sagen, wenn du solche Gedanken aussprichst? Naturwissenschaftliche Borniertheit, würde sie sagen. So eng darf man Forschung nicht sehen.

»Sie sucht noch«, sagt Cécil, als wäre das Suchen nach einem Thema mehr als ein Jahr nach dem Beginn der Diplomarbeit vollkommen legitim.

»Sie sollte auch mal was finden«, sagt Erika. »Sie sollte das hinter sich bringen, ihren Titel abholen und sich für die Dissertation dann ernsthaft etwas überlegen. Sie verzettelt sich.«

»Weil wir, wir würden uns nie verzetteln, schon gar nicht bei der Diplomarbeit, würde uns nie einfallen.«

Kein Grund, sarkastisch zu werden, Cécil. Er grinst sie an, mit dem Grinsen sagt er: Du bist überheblich, Erika. Als wärst du nie Judith Lackner gewesen.

»Judith hat mir jedenfalls gefallen. Ich habe ihre Fragen gemocht, und wenn man nur ein bisschen nachhakt, kriegt man so einiges mit. Wenn ich ehrlich sein muss, sie hat mich ein bisschen an dich erinnert«, meint Cécil.

Wenn ich ehrlich sein muss. Erika fragt sich, wann sie Cécil gezwungen hat, ehrlich zu sein, und ob sie seine Aussage nun als Kompliment oder Kritik auffassen soll.

»Ich weiß, dass ich zu viele Interessen habe«, sagt sie.

»Ich sagte doch, Judith Lackner hat mir gefallen«, sagt Cécil. »Und du machst deine Forschung sicher systematischer als sie.«

»Schön, dass du mich für systematischer als Judith Lackner hältst.«

»Das meinte ich doch nicht so.«

»Wie hast du es dann gemeint?«

»Schwer zu sagen«, sagt Cécil und zuckt mit den Schultern. »Als ich sie gesehen habe, habe ich einfach sofort an dich gedacht. Noch so ein stilles Wasser. Und weißt du, sie wollte sich in ein bestimmtes Café nicht setzen, die Wände haben ihr dort zu sehr gehallt.«

»Und?«

Cécil lacht.

»Ich weiß nicht. Auf so was würdest sonst nur du kommen.«

»Ich weiß nicht, Cécil.«

Erika weiß nicht, nein. Hallende Cafés sind nicht nur bei Akustikern unbeliebt. Die Idee, sie zu vermeiden, könnten eine ganze Menge Menschen haben. Sie mag es ohnehin nicht, wie er ihre Überempfindlichkeit manchmal betont. Welches Bild von ihr will er hier zeichnen? Erika Wawracek mit den besonders sensiblen Ohren? Sie hat bei allen Hörtests vollkommen durchschnittlich abgeschnitten.

Später geht Erika heim, horcht auf ihre Schritte und überlegt, ob sie nicht doch die Kritik annehmen sollte, die in Cécils Kommentar versteckt gewesen sein könnte. Weil sie immer Gefahr läuft, sich zu zerfasern, zwischen den Forschungsreisen, dem Aikido, zwischen Kongressen und Wochenenden, an denen sie nur ins Schwimmbad will, von einer Seite zur anderen tauchen, jenen Wochenenden, an denen sie die Pressluftflaschen an den Rücken schnallt und noch tiefer geht, jenen Wochenenden, an denen sie in der Uni vor dem Computer sitzt und Daten eingibt, rechnet, sich nicht einmal gerne...


Elisabeth Klar, geboren 1986 in Wien, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Transkulturellen Kommunikation. Sie arbeitet in der Softwareentwicklung und leitet Literaturworkshops für Kinder und Jugendliche. Für ihre Erzählungen hat sie zahlreiche Preise erhalten, u. a. war sie Finalistin des FM4-Wettbewerbs Wortlaut (2013). Ihr gefeiertes Debüt "Wie im Wald" erhielt den Förderpreis der Stadt Wien und stand auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises 2015. Ihr aktuelles Buch beim Residenz Verlag: "Wasser atmen"



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