E-Book, Deutsch, Band 3, 413 Seiten
Reihe: Regency-Liebesromane
Klassen Das Schweigen der Miss Keene
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7751-7089-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 413 Seiten
Reihe: Regency-Liebesromane
ISBN: 978-3-7751-7089-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Julie Klassen arbeitete sechzehn Jahre lang als Lektorin für Belletristik. Mittlerweile hat sie zahlreiche Romane aus der Zeit von Jane Austen geschrieben, von denen mehrere den begehrten Christy Award gewannen. Abgesehen vom Schreiben, liebt Klassen das Reisen und Wandern. Mit ihrem Mann und zwei Söhnen lebt sie in Minnesota, USA. www.julieklassen.com
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Es ist nicht gut, einen schlafenden Hund aufzuwecken.
Geoffrey Chaucer
Zwölf Jahre später.
1. November 1815
Ihr Herz pochte vor Angst und Reue, während Olivia Keene rannte, als wären ihr Höllenhunde auf den Fersen. Als hinge ihr Leben davon ab.
Sie floh aus dem Dorf, rannte über eine Wiese, kletterte über eine Schafpforte, verfing sich in ihrem Rock und fiel der Länge nach in den Dreck. Das Bündel in ihrer Umhangtasche schlug gegen ihre Hüfte. Sie beachtete es nicht, sondern stand auf und rannte weiter. Sie warf einen Blick zurück, um sicherzugehen, dass ihr niemand folgte. Vor ihr lag der Wald von Chedworth.
Die Warnungen, die sie jahrelang gehört hatte, hallten ihr durch den Kopf. »Treib dich nachts nicht im Wald herum.« Wildhunde durchstreiften diesen Wald, Diebe und Wilderer lagerten dort. Sie hatten scharfe Messer und noch schärfere Augen, mit dem sie nach leichter Beute Ausschau hielten. Eine Frau mit 24 Jahren wie Olivia war klug genug, sich nachts nicht allein in den Wald zu wagen. Aber die Schreie ihrer Mutter gellten ihr noch in den Ohren und übertönten die alte Stimme der Vorsicht. Die Gefahr, die hinter ihr lauerte, war weit realer als jede vorstellbare Gefahr, die vor ihr liegen könnte.
Angstschauer prickelten auf ihrer Haut, als sie sich in die ausgestreckten Arme des Waldes warf, der an diesem frostigen Herbstabend bereits düster und schattenhaft wirkte. Unter ihren dünnen Sohlen raschelte trockenes Laub. Zweige griffen nach ihr wie knorrige Hände. Sie stolperte über abgebrochene Äste und Unterholz, und jeder knackende Zweig erinnerte sie daran, dass ein Verfolger dicht hinter ihr sein und jeden Moment in Sichtweite kommen könnte.
Olivia rannte, bis sie Seitenstechen bekam. Schwer atmend verlangsamte sie ihr Tempo. Sie marschierte weiter, es kam ihr vor wie eine Stunde oder noch länger, doch noch immer hatte sie das andere Ende des Waldes nicht erreicht. Lief sie vielleicht im Kreis herum? Der Gedanke, die Nacht im schnell finster werdenden Wald verbringen zu müssen, veranlasste sie, ihre Schritte erneut zu beschleunigen. Sie stolperte über ein Gewirr von Wurzeln und fiel ein weiteres Mal der Länge nach hin. Ein Kratzer brannte auf ihrer Wange. Einen Moment lang blieb sie einfach liegen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Der durch den Fall verursachte Schmerz durchbrach die Mauer des Schocks, und die heißen Tränen, die sie bisher zurückgehalten hatte, strömten hervor. Sie richtete sich mühsam auf und setzte sich weinend an einen Baum.
Allmächtiger Gott, was hab ich getan?
Ein Zweig knackte und eine Eule warnte ihren Genossen mit einem Schrei. Vor Angst verstummte Olivias Schluchzen sofort. Die Haare an ihrem Hinterkopf prickelten, als sie mit weit aufgerissenen Augen versuchte, das vom Mondlicht erhellte Halbdunkel zu durchdringen.
Ein Paar Augen starrte zurück.
Ein sehniger, dunkler Hund stand mit gefletschten Zähnen keine sechs Meter von ihr entfernt. In stummer Panik tastete Olivia den Boden neben sich ab, um etwas zu finden, was sie als Waffe gebrauchen könnte. Das Unterholz bebte und der Boden wurde von einem galoppierenden Schritt erschüttert. Zwei weitere Hunde rannten vorbei, der eine trug etwas Rundes, Weißes zwischen die Kiefer geklemmt. War das der Kopf eines Schafes?
Der erste Hund drehte sich um und jagte den anderen beiden nach, gerade als Olivias Finger sich um einen dicken Stock legten. Sie umklammerte ihn fest und wünschte für einen Moment, sie hätte noch den Feuerhaken in der Hand. Von Ekel geschüttelt schob Olivia die Erinnerung an sein kaltes, hartes Gewicht beiseite. Sie lauschte einige angespannte Sekunden lang. Als sie nichts weiter hörte, erhob sie sich, den Stock noch immer fest in der Hand, und hastete durch den Wald, in der Hoffnung, dass die Hunde ihrer Fährte nicht folgen würden.
Der Mond stand hoch über den Baumwipfeln, als sie es bemerkte: das Licht eines Feuers vor ihr. Erleichterung. Wilde Tiere fürchteten sich vor Feuer, oder nicht? Vorsichtig bewegte sie sich näher heran. Sie hatte nicht die Absicht, sich denjenigen anzuschließen, die dort lagerten, wer auch immer das sein mochte – vielleicht eine Zigeunerfamilie oder die Jagdtruppe eines Gentlemans. Selbst wenn die Gerüchte über Diebe und Wilderer nur dummes Geschwätz wären, würde sie es nicht riskieren, auf sich aufmerksam zu machen. Aber sie sehnte sich nach der Sicherheit, die dieses Feuer verkörperte. Sie sehnte sich auch nach seiner Wärme, denn die nächtliche Novemberluft kroch unbarmherzig durch ihren Umhang und ihr Kleid. Wenn vielleicht eine andere Frau anwesend wäre, könnte Olivia fragen, ob sie sich wärmen dürfte. Sie wagte sich noch ein klein wenig näher heran, stellte sich an einen Baum und spähte dahinter hervor. Sie sah eine vom Feuer erhellte Lichtung und vier Gestalten, die entspannt wirkten und sich in unterschiedlichen Stellungen um die Flammen drängten. Sie konnte hören, wie Männer miteinander redeten und scherzten.
»Wieder Eichhörnchen, Garbie?«, erkundigte sich eine raue Stimme.
»Außer Croome kommt mit weiterer Jagdbeute zurück.«
»Um diese Nachtzeit? Unwahrscheinlich.«
»Wahrscheinlicher ist, dass er betrunken im Braunen Hund liegt und seinen Kopf auf Mollys weichen Kissen bettet.«
»Croome doch nicht«, sagte ein anderer. »Der ist so mönchisch wie sonst niemand.«
Gelächter ertönte.
Jeder Instinkt riet Olivia zur Flucht, während sie dort wie angewurzelt stand. Dies war weder eine Familie noch eine Gruppe von Gentlemen. Die Angst kroch ihr den Rücken hoch, als sie sich umwandte und sich einen Schritt vom Baum entfernte.
»Was war das?«
Das laute Flüstern eines jungen Mannes stoppte Olivias Rückzug. Aus Furcht, ein weiteres Geräusch zu verursachen, blieb sie reglos stehen.
»Was war was? Ich hör nix.«
»Vielleicht ist es Croome.«
Olivia machte einen vorsichtigen Schritt. Dann einen weiteren. Ein klebriges Spinnennetz legte sich auf ihr Gesicht. Sie erschrak und stolperte über einen Ast zu Boden.
Bevor sie sich aufrichten konnte, war sie vom Geräusch nahender Schritte umgeben, und das grelle Licht einer Laterne blendete sie.
»Na, wenn das heute nicht mein Glückstag ist!«, stieß ein junger Mann hervor.
Mühsam kam Olivia wieder zum Stehen und schüttelte ihre Röcke glatt. Sie strich sich die losen Haare aus dem Gesicht und versuchte, ruhig zu bleiben.
»Croome ist um einiges hübscher geworden, seit wir ihn das letzte Mal gesehen haben«, bemerkte ein zweiter junger Mann.
Hinter ihm blickte ein bärtiger Koloss finster auf sie herab. Mit der harten, rauen Stimme, die sie als Erstes gehört hatte, fuhr er sie an: »Was machst du hier?«
Panik machte sich in ihr breit. »Nichts, gar nichts! Ich habe Ihr Feuer gesehen und ich –«
»Du bist wohl auf der Suche nach Gesellschaft, was?« Das anzügliche Grinsen des großen Mannes ließ sie bis ins Mark erzittern. »Na gut, da bist du am richtigen Fleck – oder stimmt’s etwa nicht, Jungs?«
»Klar doch«, stimmte ein anderer zu.
Der große Mann streckte die Hand nach ihr aus, aber Olivia zuckte zurück. »Nein, Sie missverstehen mich«, erklärte sie. »Ich habe mich einfach nur verirrt. Ich will nicht –«
»Ach, aber wir wollen.« Seine glänzenden Augen hatten große Ähnlichkeit mit denen des Wildhundes.
Der stabile Stock, den sie mit sich getragen hatte, lag auf dem Boden, wo er bei ihrem Sturz gelandet war. Mit einer schnellen Bewegung wollte sie ihn aufheben, doch ein Mann packte sie von hinten. »Wo willst du hin? So schnell wirst du uns nicht verlassen, darauf kannst du wetten.«
Olivia schrie auf, aber es gelang ihr, die Hand um den Stock zu legen, als er sie nach oben zog.
»Lassen Sie mich los!«
Der stämmige Mann lachte. Olivia wirbelte in seinen Armen herum und schwang den Stock wie eine Keule. Mit einem dumpfen Krachen erwischte sie den Mann seitlich am Kopf. Er stieß einen gellenden Schrei aus und fasste mit beiden Händen an die verletzte Stelle.
Olivia versuchte zu fliehen, doch zwei andere Männer packten sie an Armen und Beinen und trugen sie zum Feuer.
»Alles in Ordnung, Borcher?«, fragte der Jüngste der Männer mit heller Stimme.
»Wird schon wieder. Ihr wird’s aber gleich nicht mehr gut gehen.«
»Bitte!«, flehte Olivia den Mann an, der sie festhielt. »Ich bitte Sie, lassen Sie mich los. Ich bin ein anständiges Mädchen aus Withington.«
»Mein Bruder lebt dort in der Nähe«, erzählte der jüngste Mann.
»Halt den Mund, Garbie«, befahl Borcher.
»Vielleicht kenne ich Ihren Bruder«, sagte sie verzweifelt. »Wie ist sein Na-?«
»Ruhe!« Mit erhobener Hand schoss Borcher auf sie zu.
»Tu’s nicht, Borcher«, bedrängte ihn Garbie. »Lass sie gehen.«
»Nachdem mich diese wilde Göre geschlagen hat? Ich denke nicht daran.« Borcher griff unsanft nach ihr, drückte ihr beide Arme mit seinem langen, schweren Arm zusammen und stieß sie mit dem Rücken gegen einen Baum.
Sie versuchte vergeblich, auf seinen Fuß zu treten, aber ihre leichten Ziegenlederschuhe konnten gegen seine Stiefel nichts ausrichten. »Nein!«, schrie sie. »Kann mir nicht jemand helfen? Bitte!«
Blitzschnell schoss seine freie Hand nach oben und griff nach ihrem Unterkiefer. Stahlharte Finger bohrten sich auf eine Weise in ihre Wangen, dass ihre Schreie verstummten. Mit einem Ruck drehte sie den Kopf zur Seite und biss mit aller Kraft in seinen Daumen.
Borcher brüllte auf, riss seine Hand weg und ballte sie drohend zur Faust.
Olivia kniff...




