Klavan | Todesmädchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 466 Seiten

Klavan Todesmädchen

Thriller | Was tust du, wenn sich niemand an dich erinnern kann?
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-168-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Thriller | Was tust du, wenn sich niemand an dich erinnern kann?

E-Book, Deutsch, 466 Seiten

ISBN: 978-3-98952-168-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Was tust du, wenn dein Leben sich plötzlich als Lüge herausstellt? Der packende Thriller »Todesmädchen« von Andrew Klavan jetzt als eBook bei dotbooks. Als Nancy Kinkaid am Halloween-Morgen zur Arbeit kommt, scheint sie plötzlich niemand mehr wiederzuerkennen. Kurze Zeit später findet sie eine Pistole in ihrer Handtasche und ein Bettler prophezeit ihr, sie würde um Mitternacht einen Menschen ermorden ... Spielt jemand ein böses Spiel mit ihr - oder ist sie wirklich nicht, wer sie glaubt zu sein? Auf ihrer ziellosen Flucht durch New York trifft sie auf den gebrochenen Dichter Oliver, der auf der Suche nach seinem verschwundenen Bruder ist. Auf rätselhafte Weise scheinen die Schicksale der beiden miteinander verbunden und gemeinsam machen sie sich auf die Jagd nach Antworten. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Mitternacht rückt immer näher und das Leben zahlloser Unschuldiger steht auf dem Spiel ... »Andrew Klavan manövriert den Plot seines Thrillers mit unwiderstehlicher Geschicklichkeit und lässt seine Leser gebannt zurück.« Publishers Weekly Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der Psychothriller »Todesmädchen« von Bestsellerautor Andrew Klavan wird alle Fans von Michael Robotham und Robert Ludlum begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Andrew Klavan wuchs in New York City auf und studierte Englische Literatur an der University of California. Danach arbeitete er als Reporter für Zeitungen und das Radio, bevor er sich ganz dem Schreiben seiner Spannungsromane widmete. Heute gilt Klavan als einer der großen Thriller-Experten der USA. Mehrere seiner Bücher sind mit dem begehrten Edgar-Award ausgezeichnet, für weitere Preise nominiert und/oder verfilmt worden. Die Website des Autors: andrewklavan.com/ Der Autor bei Facebook: facebook.com/aklavan/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Thriller »Todeszelle -Was dir niemand glauben wird«, »Angstgrab - Die Schuld wird nie vergessen sein«, »Todeszahl - Was tief begraben liegt«, »Hilfeschrei - Die Dunkelheit in uns«, »Opferjagd«, »Totenbild« und »Todesmädchen«.
Klavan Todesmädchen jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Kapitel 1: Nancy Kincaid


Es würde ein beschissener Tag werden. Da war sie sich sicher, schon bevor sie verschwand.

Zum einen fühlte sie sich mies. Angeschlagen wie kurz vor einer Grippe. Die U-Bahn schaukelte und klapperte in Richtung Downtown, und ihr Kopf fühlte sich an wie ein Akkordeon, das auseinandergezogen und wieder zusammengepreßt wurde. Außerdem war Rushhour. Montag morgen acht Uhr fünfundvierzig. Jeder Sitz in dem Zug war besetzt. Auch im Gang standen die Pendler dicht gedrängt und drückten sich platt gegen die Türen. Sie stand zwischen ihnen, ihre Handtasche unter den Arm geklemmt. Mit der freien Hand hielt sie eine Metallstange umklammert. Graue Schultern, schwarze Gesichter, Lippenstift-bemalte Münder bedrängten sie. Und diese Gerüche: beißendes Duftwasser, blumiges Parfüm, Schweiß, Schampoo und eklig süßliches Deodorant. Sie mischten sich in ihrer Nase. Verklebten ihr das Hirn. Der Zug schwankte. Fremde Körper rempelten sie an.

O Mann, dachte sie. Das wird die Hölle.

Der Zug hielt an der Prince Street. Die Türen glitten auf und gaben den Blick auf die vergilbten Wände des langen Bahnsteigs frei. Ein kurzes Handgemenge zwischen Wartenden und Fahrgästen war die Folge. Über den Lärm hinweg hörte sie von ferne eine Dixieland-Kapelle. Durch die Tür konnte sie sie auch kurz sehen. Ein Weißer blies mit geblähten Backen in eine Trompete.

Painted lips, painted eyes.

Wearin’ a bird of paradise ...

Das Lied kenne ich, dachte sie. Dad hat dieses Lied manchmal gesungen.

Einen Moment lang fiel ihr der Titel nicht ein.

Dann war es die Trompete, die die Erinnerung wiederbrachte:

»Nobody’s Sweetheart.«

It all seems wrong somehow,

Cause you’re nobody’s sweetheart now.

Die Türen glitten zu, und der Zug ruckelte weiter. Die Musik hatte sie traurig und nostalgisch gemacht: wie das kurze Aufblitzen eines Sonnenstrahls eine Gefangene in ihrer Zelle. Sie schloß die Augen, während der Zug schaukelte und die Menschen sich an sie drängten. O Gott, betete sie ohne große Hoffnung; o Gott, mach, daß es Wochenende ist. Ja? Ich werde einfach meine Augen öffnen und peng, ist es Samstag. Okay? Komm schon, du Spinner, du Gott, du. Laß die Woche einfach dahinsausen. Das kannst du doch. Du bist doch der große Macher. Fertig. Eins, zwei, drei. Peng.

Sie öffnete ihre Augen. Dieser Gott. Hatte einiges zu erklären, wenn man sie fragte.

Sie streckte die Zunge heraus und würgte, ein Geräusch, das im Gerappel des Zuges völlig unterging.

Sie lehnte sich gegen ihre Stange und dachte weiter ans Wochenende. Nur noch fünf Tage. Dann war Freitag abend. Sie würde mit Maura ins Village gehen. Sie würden sich verrucht anziehen. Alle beide. Irgendwas Enges, Schwarzes. In irgendeiner Bar sitzen, vielleicht im Lancer’s. Espresso trinken und so tun, als ob es ihnen schmecken würde. So tun, als hätten sie ihre Unschuld nicht gerade erst gestern verloren. So tun, als würden sie vielleicht ein paar Typen treffen. Oder vielleicht trafen sie ja wirklich welche. Man konnte nie wissen. Vielleicht setzte sich ein verwegener Village-Künstler auf den Barhocker neben sie, ein Dichter oder so. Ein Poet mit zottigem Haar, ausgezehrtem Gesicht und ausgeleiertem Pullover ...

»Canal Street!« sagte der Fahrer über Lautsprecher. »Türen schließen selbständig. Vorsicht bei der Abfahrt.«

Sie wurde von den Wellen der ein- und aussteigenden Pendler hin und her gerissen, faßte ihre Handtasche fester und umklammerte die Stange. Der Zug setzte sich spuckend wieder in Bewegung. Hinter den Fenstern flüsterten die schwarzen Tunnel. Sie starrte auf halber Distanz ins Leere. Sie begann, die Idee mit dem Dichter weiterzuspinnen. Sie konnte ihn förmlich vor sich sehen. Ein Grizzlybär von einem Kerl mit breiter Brust, der mehr tapste, als daß er ging, in kehligen Lauten sprach und ständig fluchte. Doch mit diesen warmen braunen Augen, die nur ihr galten – ein richtiger Knuddelbär, wenn er sie an den Schultern faßte, auf sie herabblickte. Man mußte ihn einfach lieben, trotz allem.

Sie starrte ins Leere, während die U-Bahn dahinraste. Brumm, dachte sie.

Spätnachts würde sie in dem kleinen Bett in seinem Dachstudio aufwachen. Sie würde ganz ruhig daliegen, nackt unter dem einzigen Laken. Oh, Mom würde schlicht ausflippen, wenn sie zu Hause nackt schlafen würde. Aber Mom – dieses gesetzte, kleine Pummelchen von einer Mom – war weit weg. Sie saß in dem verwohnten Gramercy-Park-Apartment, und ihr silberhaariger Dad hatte die Nachrichten auf dem Kabelkanal abgeschaltet, war aufgestanden, hatte sich gestreckt und gemeint: »Nun denn, es ist wohl zwecklos, noch länger zu warten, daß sie kommt.« Und dann würde er sein Bier mit ans Bett nehmen.

Aber ihr Dichter war immer noch wach. Saß in seiner mitternächtlichen Mansarde an seinem Schreibtisch. Während sie, nackt unter dem Laken, auf der Seite lag und so tat, als würde sie schlafen, beobachtete sie ihn heimlich. Er hockte mit fiebrig glänzenden Augen im Schein der Lampe über seine Kladde gebeugt, während sein Stift fieberhaft über das Papier huschte.

»Dies ist die Stunde der Schatten«, würde er schreiben.

Dies ist die Stunde der Schatten.

Wo träge Oktober-Fliegen

lebenstrunken auf Veranda-Stühlen

ins Scherbenlicht der Sonne blinzeln.

Wo Blau und immer tieferes Blau

ins Tageshell des Himmels bricht ...

Und sie würde unter dem dünnen, schmutzigen Laken warten und wachen, bis er schließlich müde wurde. Endlich legte er dann seinen Stift beiseite und stützte seinen Kopf in die Hände. Und sie würde sich rühren und ihm zuflüstern: »Komm jetzt ins Bett, Liebling.« Und sie würde das Laken zurückschlagen ... Oh, Mom würde definitiv ausrasten, wenn sie das sehen würde. Und selbst er – ihr Dichter – lachte darüber und erhob sich auf seine tapsige Art. »Als ich dich getroffen habe, da warst du so ein artiges, kleines, verklemmtes, irisch-katholisches Mädchen«, würde er sagen. »Was habe ich nur aus dir gemacht?« Und dann würde er auf sie zugetapst kommen, um es noch einmal mit ihr zu machen.

»City Hall!« verkündete der Fahrer.

Mit einem dämlichen Grinsen tauchte sie wieder auf. O Mist, dachte sie seufzend. Nancy Kincaids Romantische Phantasie Nummer 712. Der Zug hielt. Die Türen sprangen auf. Die Passagiere strömten auf den Bahnsteig, und sie ließ sich mitreißen.

Benommen und noch immer vage von ihrem Dichter träumend, schloß sie sich der Parade an. Der Rush-hour-Marsch der New Yorker. Graue Anzüge, adrette Kleidchen, Beine, die im Gleichschritt den Bahnsteig hinabmarschierten, die Betonstufen hinauf, Knie nach oben, durch die überwölbten Gänge unter dem Municipal Building. Ein untersetzter Zeitungsverkäufer beugte sich, Zeitungen schwenkend, in ihr Blickfeld.

»Mutter ißt Baby!« brüllte er. »Heute in der Post!«

Sie blinzelte, und ihr Tagtraum war wie weggeblasen. Vielen herzlichen Dank, dachte sie und wich der kreischenden Kröte aus, bahnte sich einen Weg zwischen den gedrungenen Säulen, bis sie ans Tageslicht vorstieß.

O ja, das tat gut. Frische Luft. Sie saugte sie gierig ein, während sie darauf wartete, daß die Ampel umsprang. Kühle, grüne Luft. Oktoberluft. Der Himmel über ihr war weit und blau. Wagen schossen an dem ausladenden Säulengang des imposanten Bauwerks vorbei. Hier und da erhoben sich marmorne Gerichtsgebäude über der Straße. Gegenüber leuchtete die City Hall weiß zwischen den roten Blättern der Eichen und den gelben Blättern der Ahornbäume im Park.

Die Ampel sprang um. Wagen hielten, drängten schnaubend auf Weiterfahrt. Sie hastete über die Straße auf die City Hall zu.

Sie nahm den Weg durch den Park, den schmuddeligen, alten Park. Betonpfade schlängelten sich durch vollgemüllte Rasenflächen. Obdachlose kauerten auf grünen Bänken. Männer in Anzügen eilten an ihr vorbei Richtung City Hall. Polizisten rannten die Treppen hinauf, unter den Reihen von Bogenfenstern, der abblätternden Kuppel und der Justitia-Statue mit ihrer Waage. Der Wind wehte, und von den Ahornbäumen regneten Blätter auf sie herab, raschelten und kräuselten sich auf den Wegen, sausten und tuschelten um ihre Füße wie kleine Disney-Eichhörnchen. Die frische Luft hatte ihren Kopf ein wenig klarer gemacht, doch erneut stieg diese nostalgische Wehmut in ihr auf.

When you can’t walk down the avenue,

I just can’t believe it’s you ...

Es war erst – was? – fünf Monate her, dachte sie. Vor fünf Monaten war sie noch auf dem College gewesen. Noch im Mai. Statt durch diesen Park war sie über den kleinen Campus auf der West Side geeilt. Sie konnte sich noch an das Gewicht ihrer Tasche über der Schulter erinnern, das Gefühl des Trikots unter ihrer Kleidung. Hatte sie wirklich geglaubt, eine Tänzerin zu werden? Die Tagträume – wie sie zum Vortanzen gehen und Rollen bekommen würde. »Du da. Das Mädchen mit den blauen Augen. Du hast die Rolle.« Das Gefühl kräftiger Hände, die sich im Scheinwerferkegel um ihre Hüften legten, bis alles im Rampenlicht verschwamm, während sie hochgehoben wurde. Das Geräusch von Applaus. Langanhaltender, stürmischer Applaus. Hatte sie je wirklich geglaubt, daß irgend etwas davon wahr werden könnte?

Nein. Wohl nicht. Sie war sich zumindest nicht mehr sicher. Sie konnte sich einfach nicht mehr erinnern.

It all seems wrong somehow,

Cause you’re nobody’s sweetheart now ...

Sie kam an der City Hall vorbei und erreichte, den Park verlassend, den Broadway. Das Bürogebäude lag direkt gegenüber. Ein schmaler, hoher Turm aus weißem Stein, verziert wie ein Altarbild. Filigraner Stuck rankte sich um die Bogenfenster. Geifernde...



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