Klee | Mörderische Geschäfte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

Klee Mörderische Geschäfte

Ein Fall für den Undertaker
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86305-322-2
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für den Undertaker

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

ISBN: 978-3-86305-322-2
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In der eher beschaulichen mittelhessischen Metropole Gießen stürzt eine junge türkische Asylbewerberin, Mutter von zwei kleinen Kindern, aus einem abbruchreifen Behörden-Hochhaus in den Tod. Da es keine Anzeichen für Gewaltanwendung gibt, gehen die Pathologen und die Polizei von einem Suizid aus. Frank Wilhelm, genannt der "Undertaker", ehemaliger Medizin-Student, Ex-Privatdetektiv und Schwiegersohn des Bestattungsunternehmers, der mit der Beisetzung beauftragt ist, kommen an der Selbstmord-Version Zweifel. Der Witwer ist überzeugt, dass es keine Kurzschlusshandlung der jungen Frau, sondern ein Verbrechen war. Der Undertaker beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Das ist schwieriger als gedacht - und mörderisch dazu, denn der oder die Täter betreiben Mörderische Geschäfte ...

Falk-Ingo Klee wurde 1946 in Bochum geboren und lebt schon seit vielen Jahren in Gießen. Bis zum Eintritt in den Ruhestand arbeitete der Kaufmann im Groß- und Außenhandel in dem großen Autohaus, in dem er seinen Beruf auch erlernt hatte. Von Science-Fiction fasziniert, begann er in den 1970er Jahren, selbst SF-Romane zu schreiben. 1978 wurde sein erster TERRA ASTRA-Band "Das neue Leben" veröffentlicht, 15 weitere Storys innerhalb dieser Reihe folgten. Von 1981 bis 1987 schrieb Falk-Ingo Klee 31 Romane innerhalb der ATLAN-Serie, dazu kamen zwei PERRY RHODAN-Planetenromane und mehrere Kurzgeschichten für SF-Anthologien. Danach verfasste er noch zwei Bücher über Kinderkrebs. Beruflich stark eingespannt, ruhte die schriftstellerische Tätigkeit dann etliche Jahre, bis es Falk-Ingo Klee erneut in den Fingern juckte. Diesmal publizierte er einige Krimis und Gartenbücher, die auch mehrfach ausgezeichnet wurden. Die Verbindung zur Science Fiction und zum PERRY RHODAN-Umfeld ist aber nie ganz abgerissen und im letzten Jahrzehnt wieder enger geworden, denn Falk-Ingo Klee verfasst seit einigen Jahren Beiträge und Kolumnen für die Internetseite PERRY RHODAN-News.

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1.
Das Zimmer wirkte plüschig und überladen. Dicke Teppiche lagen auf dem Boden, kleinere, noch buntere Ausführungen hingen an den Wänden, dazu grelle Bilder in protzigen Goldrahmen. Allerlei Nippes und Plastikkitsch in schreienden Farben dekorierte das Vitrinenfach und den oberen Schrankaufsatz, Häkeldeckchen zierten Beistelltischchen und Polstergarnitur. Aus einer Mini-Kompakt-Anlage dudelten türkische Schlager. Der feiste Mann auf der mächtigen Couch zählte angelegentlich das Geld, das in einem Häufchen zerknitterter Scheine vor ihm auf dem wuchtigen Holztisch lag. Neben den Banknoten standen drei hohe, schlanke Teetassen auf der Platte, die gleiche Anzahl Gläser und daneben eine halbvolle Flasche Raki, dem nicht nur im Land am Bosporus beliebten Anisbranntwein. Zwei mit Lederblousons und Jeans bekleidete Gestalten lümmelten sich gelangweilt in den überdimensionalen Sesseln herum, in dem der kleine Dicke mit der Stirnglatze fast verschwand. Er reinigte sich mit einem Messer hingebungsvoll die Fingernägel, während der langhaarige Muskeltyp sich die Zeit mit dem Blättern in einem Magazin vertrieb, in dem es von leichtgeschürzten jungen Damen, vornehmlich Blondinen, nur so wimmelte. Hin und wieder nippten sie am Tee und blickten sehnsüchtig zur Schnapsflasche, trauten sich jedoch nicht, selbst nachzuschenken. Endlich war der bärtige Türke auf dem Sofa mit Zählen fertig. Er nickte wohlgefällig, schob jedem der beiden drei Hunderter zu und steckte den Rest ein. Gönnerhaft schenkte er die drei Gläser voll und prostete den anderen Männern zu, die sich nicht zweimal bitten ließen und die hochprozentige Flüssigkeit wie ihr Gastgeber in einem Zug hinunterstürzten. »Was macht unser Sorgenkind?« »Der Kerl weigert sich nach wie vor, zu arbeiten.« Das kurzatmige Schwergewicht tauchte aus den Polstern des Sitzmöbels auf und beugte sich nach vorn. »Machete hat ihm einen körperlichen Verweis erteilt …« »Du weißt schon, Boss«, unterbrach der Muskeltyp und lachte meckernd. »Ein paar von jenen Schlägen, die Wirkung zeigen, ohne am Körper Spuren zu hinterlassen.« »Es hat nichts genützt, also habe ich ihn ein wenig gekitzelt.« Der Dicke deutete auf die dolchähnliche Waffe in seiner Hand. »Der Bursche stellt sich trotzdem stur.« »Jetzt bin ich mit meiner Geduld am Ende«, wetterte der rundliche Mann auf der Couch. »Er schuldet mir über viertausend Mark und will das nicht abverdienen?« Er füllte die Gläser erneut und trank einen Schluck. »Bisher habe ich jeden Pfennig, den ich vorgestreckt habe, mit Zins und Zinseszins zurückbekommen, und dieses Würstchen wird nichts daran ändern, ganz im Gegenteil. Ich werde ein Exempel statuieren, das der Kerl nicht vergessen wird. Und nicht nur er, sondern alle, die meinen, sie könnten sich ihren Verpflichtungen mir gegenüber entziehen.« • • Drohend und düster, angenagt wie ein kariöser Zahn, ragte das Behördenhochhaus in den nächtlichen, sternenlosen Januarhimmel des noch jungfräulichen Jahres. Noch stand das Domizil der Stadtverwaltung, von dem aus seit September 1963 die Geschicke der mittelhessischen Metropole gelenkt worden waren, doch seine Tage waren gezählt. Längst waren die Behörden aus dem einsturzgefährdeten Betonklotz ausgezogen, und schon bevor Gießen sein Doppeljubiläum 1997/98 beenden würde – 800 Jahre Ersterwähnung, 750 Jahre Stadtrechte – sollte er, gerade mal fünfunddreißig Jahre alt, abgerissen werden. Der Baustoff für die Ewigkeit hatte sich infolge Pfusch am Bau als relativ kurzlebig entpuppt. Hätte sich ein Architekt bei der Errichtung der Pyramiden einen solchen Lapsus erlaubt, hätte ihn der Pharao sicherlich köpfen lassen. Diese Gefahr bestand im zivilisierten Deutschland des 20. Jahrhunderts nicht, denn man hatte Justitia einfach die Augen verbunden, und als sie nichts mehr sehen konnte, schnell eine Verjährungsfrist für solche Stümperei ins Gesetzbuch geschrieben. Natürlich hatte man diese Texte in weiser Voraussicht nicht in Beton gegossen, sondern auf dem wesentlich robusteren Papier niedergeschrieben. Die ersten Januartage waren nicht kalt, eher regnerisch und sehr windig. Heulend rüttelte der Sturm an den bloßgelegten, rostigen Stahlverstrebungen des Rathauses, verkrallte sich in dem morschen Gemäuer, riss Putzstücke und Fliesenreste ab und schleuderte sie zu Boden. Orgelnde Böen umtosten auch das benachbarte Landratsamt, das sich ängstlich in den Windschatten des maroden Riesen zu ducken schien. Mit Titanenfäusten rissen die aufgepeitschten Luftmassen an den mächtigen Kronen der Baumriesen im nahen Botanischen Garten und brachten die pflanzlichen Methusalems zum Ächzen und Stöhnen. Wie Jo-Jos wippten die mittels Stahlseilen in luftiger Höhe befestigten Straßenlaternen über den Fahrbahnen auf und ab, Fahnen flatterten und zerrten an ihren Masten, als wollten sie mitsamt ihrer Verankerung endlich als Windjammer auf große Fahrt gehen. Die bereits zum Abbau bestimmten, über Seltersweg und anderen Fußgängerzonen gespannten Weihnachtsdekorationen tanzten heftiger, als es angeheiterte, schunkelfreudige Kölner Karnevalisten beim Ausruf »De Zooch kütt!« je getan hatten, und alles, was nicht schwer oder standfest genug war, entdeckte seine Mobilität und beschloss, auf Wanderung zu gehen – leere Mülltonnen, abgestellte Eimer und allerlei Gerümpel. Die vom Himmel fallenden Schauer trugen noch dazu bei, auch gutwilligen und wetterfesten Naturen den Aufenthalt im Freien zu verleiden. Es war nicht die Menge an feuchtem Nass, die abschreckte, sondern die Kombination aus Wasser und Wind. Beinahe waagerecht trieb der Sturm den Regen durch die Stadt, wie Peitschenhiebe trafen die Tropfen die ungeschützte Haut, gegen die ein Schirm so gut wie nichts nützte. Mal wurde er so gepackt, dass er nur noch ein Wirrwarr aus Stoff und Stangen war, dann wieder wurde er zu einer Art Segel, das den Träger nach vorn oder hinten riss oder ihm, als Schild gehalten, das Vorwärtskommen fast unmöglich machte. Es war ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagte. Langsam ging es auf Mitternacht zu. Die Stadtbusse, für die der Berliner Platz, dem Standort des abbruchreifen Behördenhochhauses, eine wichtige Umsteigestation war, fuhren unbeeindruckt von Wind und Wetter diese Haltestelle an, doch Fahrgäste waren rar. Auch der sonst starke Autoverkehr war eher spärlich, und die Passanten, die hier tagsüber zu Dutzenden auf jede Grünphase der Fußgängerampeln warteten, ließen sich an einer Hand abzählen. Im nur einen Steinwurf entfernten Stadttheater hatte sich heute der Vorhang nicht gehoben, weil spielfrei war, und die ebenfalls benachbarte Kongresshalle hielt auch ihre Pforten geschlossen. Etliche Gießener Bürger nutzten die arbeitnehmerfreundlichen Feiertage zu einem Kurzurlaub, und viele Studenten hatten die Gelegenheit wahrgenommen, die weihnachtliche Vorlesungspause an der Universität bei ihren Familien in heimatlichen Gefilden zu verbringen. Ein Teil der Bewohner war der Stadt vorübergehend abhanden gekommen, und von den Leuten, die sich hier aufhielten, gingen nur die nach draußen, die es unbedingt mussten. Das vielgeschossige ehemalige Rathaus war dann ohnehin nicht das Ziel. Düster und heruntergekommen stand es da, mit finsteren Fensterhöhlen und verstaubten, blinden Scheiben, eine leb- und seelenlos gewordene Ruine. Unzählige Schicksale hatte sie in ihren Mauern erlebt, Freude und Leid, Ärger und Triumph, Bürokratentum und Menschlichkeit, Feindschaft und Zuneigung, Hinwendung und Ablehnung. Freundschaften und Liebschaften hatten sich hinter dem bröckelig gewordenen Beton angebahnt, Ehen und Scheidungen. Ein Mikrokosmos des Lebens waren die Amtsstuben gewesen, und nun waren die Tage des einst so stolzen Gebäudes gezählt. Noch stemmte sich der Gigant aus Stahlbeton allen Witterungseinflüssen entgegen. Sturm und Regen verschluckten die Schrittgeräusche in seinem Treppenhaus, keine Stufe ächzte oder knirschte, als sich Füße auf dem Weg nach oben des Aufgangs bedienten, der offiziell längst gesperrt war. Plötzlich zerbrach im zehnten Stock klirrend eine Scheibe, die schemenhaften Umrisse einer menschlichen Gestalt wurden in der dunklen Öffnung sichtbar. Sofort orgelte der Sturm durch das Loch in den dahinter liegenden Raum. Die Person strauchelte fast unter der Wucht der Böen, taumelte dem Fenster entgegen und klammerte sich dort fest. Einen Moment lang schien sie zu zögern, dann stürzte sie mit einem unartikulierten Schrei in die Tiefe. Für Sekundenbruchteile war in den im Rahmen steckenden Glasresten ein helles Oval zu sehen. War es ein menschliches Gesicht, oder handelte es sich nur um die Spiegelung einer Straßenlaterne? Ein Sog der aufgewühlten Luftmassen erfasste die schlanke Gestalt, katapultierte sie förmlich vom Gebäude weg und wirbelte sie wie ein abgerissenes Aststück über...



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