E-Book, Deutsch, 112 Seiten
Klein Im Dutzend Bunter
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-0006-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwölf vielfältige Geschichten
E-Book, Deutsch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-7597-0006-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heike Klein lebt im schönen Rheinland bei Bonn. Während sie in ihren Romanen gerne in der jüngeren Geschichte unterwegs ist, tobt sie sich in ihren Kurzgeschichten, oft mit einem Augenzwinkern, quer in allen Genres aus und lässt ihrer Fantasie freien Lauf.
Autoren/Hrsg.
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Gnome retten die Welt
Sie sitzt an dem kleinen Tisch mit den filigranen Beinen und bürstet ihr tiefschwarzes Haar. Ihr Blick ruht im goldverzierten Spiegel, doch plötzlich scheint es ihr, als habe es hinter ihr im Zimmer aufgeblitzt. Sie dreht den Kopf, aber alles, was sie sieht, ist ihr Bett mit dem mächtigen Baldachin, den samtroten Sessel und die lodernde Fackel an der Wand im halbrunden Turmzimmer. Sie zuckt die Achseln und kämmt weiter das Haar, doch ein kleiner Rest Unwohlsein bleibt. Es ist nicht mehr dieselbe Unbekümmertheit, mit der die Bürste durch das seidige Haar gleitet. Und in der Tat, mit einem Mal geht es rasend schnell: ein krächzender, abgewürgter Schrei, Gerenne, Gewusel, kleine Schritte. Sie spürt einen Schlag an ihrer Seite, doch wachsam ist sie längst aufgesprungen und wehrt, nur von Instinkten geleitet, das Etwas ab, packt es mit aller Kraft, während es ebenso kämpft und sich aus ihrem Griff zu rangeln versucht.
»Was?!«, ruft sie und hält den Gnom an der Taille – oder wo auch immer an dem knorpeligen Körper eine Taille sitzen sollte – und hält ihn dabei so weit von ihrem Körper weg, wie es die Arme erlauben.
»Lass! Lass mich sofort runter!«, schimpft und zetert er und windet sich weiter.
Doch die Prinzessin hat ihre Contenance wiedergefunden. »Ich denk nicht dran. Was suchst du in meinem Zimmer? Zu so später Stunde kann das doch nichts Rechtes sein. Willst du mich etwa bestehlen?«
»Bestehlen? Ich bin doch kein Dieb!«, entrüstet sich der Gnom so heftig, dass seine große, haarige Warze auf der Wange ihr gleich entgegen zu springen droht. »Jetzt lass mich sofort runter!«
Sie schüttelt den Kopf und plötzlich sieht sie es wieder blitzen, im selben Moment ein stechender Schmerz in ihrem Unterarm. Mit einem Schrei lässt sie den Gnom fallen. Ohne nachzudenken greift sie nach einem der Schürhaken, die neben dem Kamin aufgestellt sind, und hält ihn schützend vor sich. Der Gnom hingegen steht immer noch an der gleichen Stelle, wo sie ihn hat fallen lassen. Triumphierend hält er sein Schwert in der Größe eines Tafelmessers hoch.
»Au! Du hast mir wehgetan!«, klagt sie und reibt sich den Blutstropfen weg.
»Du hättest mich nur loslassen müssen.«
»Damit du mich bestehlen kannst?«
»Ich bin kein Dieb.«
»Was willst du dann?«
»Ich bin wegen des Kindes hier.« Er zeigt mit dem Schwert auf ihren wohlgerundeten Bauch.
»Wegen meinem Kind?«, fragt sie erstaunt.
»Es muss sterben«, antwortet er mit finsterer Stimme und zielt weiter auf ihren Bauch.
»Sterben? Mein Kind? Du bist wohl vollkommen verrückt in deinem zusammengepressten Schrumpfkopf. Ich lass dich doch nicht mein Kind töten!« Sie packt das Eisen fester. »Komm ruhig her und lern meinen Schürhaken kennen, du kleiner Wicht.«
»Das Kind muss sterben«, knurrt er. »Und kleiner Wicht. Das ist wirklich sehr diskriminierend. Man beurteilt seinen Gegner nicht nach der Größe. Gnome sind sehr schnell und haben verblüffende Kräfte. Überraschung und Schnelligkeit sind unser Element.«
»Na, sehr überrascht bin ich jetzt aber nicht mehr«, erklärt die Prinzessin, während sie weiter den Schürhaken vor ihrem Bauch schwingt.
»Ja, in der Tat. Das könnte ein Problem werden«, räumt der Gnom ein und betrachtet mit sorgenvoller Miene die scharf geschmiedete Spitze des Hakens.
»Aber warum willst du überhaupt mein Kind töten? Ist Kindertöten ein gern verbrachter Zeitvertreib bei Gnomen?«
»Nein, natürlich nicht. Aber die große, alte, weise Unke hat es uns orakelt.«
»Was? Eine Kröte hat dir erzählt, du sollst mein Kind töten? Das ist ja lächerlich.«
»Keine Kröte!«, empört er sich. »Eine Unke, und zwar eine weise. In Eurem Königreich wird die Zukunft aus dem Gespinst von Mehlmotten gelesen. Das erscheint mir auch nicht wesentlich fortschrittlicher.«
»Na, mir schon. Aber bitte, erzähl, was deine Unke euch orakelt hat.«
»Sie sagt, dass ein Kind geboren wird. Ein Kind mit großen zerstörerischen Kräften. Es wird die Welt in den Abgrund reißen und alles in Finsternis tauchen. Und Ihr, Prinzessin, seid die Mutter dieses Kindes.«
»Das ist ja wohl der größte Unsinn, den ich je in meinem Leben gehört habe! Ich soll die Mutter eines Weltzerstörers werden? Wie komme ich dazu?«
»Der Vater«, flüstert der Gnom und sieht sich hastig nach allen Seiten um.
»Was ist mit dem Vater?«
»Es ist … der Teufel.« Jetzt ist seine Stimme nur noch ein Hauch.
»Der Teufel?« Sie lacht. »Na, das wüsste ich aber. Langsam wird deine Geschichte wirklich amüsant. Und dann schickt man so etwas wie dich, um dieses blutige Werk zu verrichten? Einen Wicht? Konntet ihr euch keinen anständigen Attentäter leisten?«
»Bitte, wir mögen das W-Wort nicht. Und Gnome, sie sind schnell, clever, stark, können klettern, springen, hechten …«
»Jaja, ich verstehe schon. Gnome retten die Welt. Wenn du mir gleich noch erzählst, dass du fliegen kannst …«
Der Gnom lächelt nur verschmitzt in seinem ledrigen Gesicht.
»Das ist doch absurd. Ich muss nur nach meinen Wachen rufen, dann ist dieses Theater beendet. Ich wollte nur hören, was du mir zu sagen hast.«
»Eure Wachen, Prinzessin, habe ich auf dem Weg in dieses Zimmer erledigt.«
»Was?!« Erschrocken weicht die Prinzessin einen Schritt zurück. »Vielleicht habe ich dich doch falsch eingeschätzt.«
»Vielleicht. Aber bangt nicht um Eure Wachen. Ich habe sie nicht getötet. Sie liegen nur geknebelt vor der Tür. Ich fürchte jedoch, mit Euch kann ich nicht so milde sein.«
»Aber … aber es ist doch noch ein Baby im Bauch seiner Mutter. Wie kann man so etwas denn töten wollen?«, ruft sie entsetzt.
Der Gnom holt tief Luft. »Leider ist dies die einzige Möglichkeit. Nur jetzt schläft es schutzlos in Eurem Bauch. Ohne Euch kann es nicht leben, wenn Ihr sterbt … Aber sobald es auf der Welt ist, hat es eigene Kräfte, die es behüten werden.«
»Nein, das glaube ich nicht, der Vater …« Sie bricht ab und ihr Ausdruck wird mit einem Mal sehr still und zweifelnd.
»Was ist mit ihm? Was wisst Ihr über den Vater Eures Kindes?«
»Was soll ich wissen? Ein Hallodri war er wohl. Aber ich hätte es schon gemerkt, wenn er zwei Hörner auf der Stirn oder einen Pferdefuß gehabt hätte«, erwidert sie, nun trotzig. »Nett anzusehen war er. Sein volles wallendes Haar, ein Engelsgesicht und recht manierlich gebaut war er ebenso.«
»Aber kommt Euch das nicht verdächtig vor, wenn ein Mann zu schön ist? Woran erinnert Ihr Euch noch?«
»Ein Charmeur war er. Versprochen hat er immer viel. Wie das so ist. Und …« Sie beginnt auf ihren roten Lippen zu nagen. »Er war immer sehr plötzlich da und ist dann einfach verschwunden.«
»Als hätte ihn die Erde verschluckt oder wieder ausgespuckt?«
»Ja … nein … ich weiß nicht … obwohl … manchmal, wenn es sehr leidenschaftlich war, hatte er dieses Glühen in den Augen, beinahe wie ein rotes Feuer, und an gewissen Stellen, da war er fast schon unnatürlich gut gebaut. Ach!« Ein lautes Schluchzen hallt die steinernen Wände hinauf und der Schürhaken gleitet ihr aus der Hand. »Vielleicht …«
»Kommt, Prinzessin, Ihr müsst Euch erstmal setzen.« Vorsichtig zieht er sie an ihrem langen, fließenden Kleid. Es scheint, als sei ihre helle Haut restlos aller Farbe beraubt. Zitternd und wankend folgt sie ihm zum Sessel.
»Aber«, sie reibt sich die Tränen aus ihren hübschen Mandelaugen, »das muss doch nicht heißen, dass mein Kind böse ist. Wenn ich es aufziehe und Gutes lehre. Niemandes Schicksal ist doch vorherbestimmt.«
»Ich fürchte, meine Teuerste, so arbeitet die Vorsehung nicht. Also glaubt Ihr mir jetzt?«
Sie blickt direkt in seine grüngelben Knollenaugen und dann auf ihren Bauch. »Es ist doch schon fast egal. Entweder ist dieses Kind das, was du sagst, und wenn nicht, schau, in welche Lage ich mich gebracht habe. Ach, diese Schande, wie töricht ich war. Seit Wochen bin ich hier oben im Turm versteckt. Nur des Nächtens traue ich mich für ein paar Schritte vor das Tor und frage mich im fahlen Mondlicht, wo das alles hinführen soll. Mein armer Vater, er hatte doch schon einen prächtigen Prinzen für mich ausgesucht, der dann König werden sollte, und ich an seiner Seite. Aber welcher Prinz nimmt mich denn noch? Es ist ein Wunder, dass man mich noch nicht ganz verstoßen hat. Und was soll...




