E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Kleiner Kettenreaktion
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-3921-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
ISBN: 978-3-7519-3921-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Kleiner wurde 1996 in Neu-Ulm geboren. Sie wuchs mit zwei Geschwistern in einem Dorf in der Nähe von Ulm auf und machte dort ihr Fachabitur an einem Sozial- und Gesundheitswissenschaftlichen Gymnasium Profil Soziales. Mit zehn Jahren begann sie ihre ersten eigenen Geschichten zu schreiben. Schon 2014 hatte sie die Idee für ihren Debütroman Kettenreaktion.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Das Klingeln meines Handys riss mich aus dem Schlaf. Genervt drehte ich mich in meinem Bett um, es konnte unmöglich schon Zeit zum Aufstehen sein. Ich griff mein Handy und das Display zeigte mir zwei Fakten. Erstens, es war sechs Uhr morgens und damit tatsächlich zu früh, um aufzustehen, und zweitens, meinen Anrufer. Ich sah das Bild eines Mädchens mit langen, leicht gewellten, braunen Haaren, grünen Augen und einem sanften Lächeln. Ein Lächeln, das ich so gut kannte wie kein anderes, denn das auf dem Bild war meine beste Freundin seit meiner frühsten Kindheit. Wir hatten uns nämlich im Kindergarten kennengelernt und hatten seitdem einiges miteinander erlebt und wir würden für immer die besten Freundinnen bleiben. Das hatten wir uns geschworen.
Doch jetzt stöhnte ich lustlos auf. Ich hatte schon den Verdacht gehabt, dass der Anruf von Helen kam. Denn ganz ehrlich, wer sonst als meine beste Freundin sollte den Mut haben, mich an einem Mittwoch um diese Uhrzeit anzurufen? Mittwochs hatte ich nämlich immer erst zur zweiten Stunde Unterricht, was bedeutete, dass ich mehr oder weniger ausschlafen konnte. Doch jetzt war ich wach und Helen hatte sicher einen guten Grund, mich so früh sprechen zu wollen. Also nahm ich mit einem eventuell etwas genervt klingenden „Was?“ ab.
„Oh, sorry! Hab ich dich geweckt?“, hörte ich die Stimme, die ich wohl unter tausenden wiedererkennen würde, und verdrehte die Augen. Hatte sie denn etwas anderes erwartet?
„Nein, Leni, ich dachte heute, wo ich doch erst so spät zur Schule muss, stehe ich extra früh auf und mache meiner gesamten Familie Frühstück“, war meine leicht ironische Antwort und ich konnte genau vor mir sehen, wie jetzt Helen mit den Augen rollte, bevor sie wieder etwas sagte.
„Ist ja gut. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber es ist wirklich wichtig.“
Das war mir eigentlich schon klar gewesen. Helen und ich waren schließlich in derselben Klasse und das hieß, dass sie ebenfalls erst später Unterricht hatte. Da musste schon etwas passiert sein, dass meine beste Freundin schon so früh auf den Beinen war, denn sie war absolut keine Frühaufsteherin.
Und noch etwas wunderte mich. Durch den Hörer konnte ich nämlich noch ein leichtes Rauschen wie von Wind hören und dann noch ein vorbeifahrendes Auto. Helen war also definitiv nicht in ihrem Zimmer und darauf sprach ich sie auch direkt an. Schließlich war es immer noch erst sechs Uhr morgens.
„Du, sag mal, Leni, das klingt irgendwie so, als wärst du draußen. Was ist denn eigentlich los?“
Inzwischen war ich auch deutlich wacher und hatte mich aufgesetzt. Ich machte mir schon leichte Sorgen um Helen.
„Deswegen rufe ich ja an. Sag mal, hast du meine Kette gesehen? Du weißt schon, die goldene mit dem Herzmedaillon, die ich von meiner Oma bekommen hab.“
Jetzt war ich verwirrt. Natürlich kannte ich ihre Kette, aber was hatte die mit meiner Frage zu tun?
„Die hast du doch immer um, aber was hat das damit zu tun, dass du draußen bist?“, sprach ich meine Gedanken auch gleich aus.
„Na ganz logisch. Ich suche die Kette.“
Natürlich, ganz logisch. Ich konnte ja auch Gedanken lesen, dachte ich mir, doch ich sprach es nicht aus.
„Okay, also hast du die Kette verloren?“, fragte ich stattdessen.
„Sonst würde ich sie ja wohl nicht suchen, oder?“
Die hatte aber auch eine Laune heute. Allerdings war ihr die Kette wirklich wichtig, was ihre schlechte Laune erklären sollte. Ihre Oma war vor zwei Jahren verstorben und sie hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander gehabt. Schließlich war Helen das einzige Enkelkind, denn sie war Einzelkind und ihr Onkel hatte keine Kinder. Der legte nämlich nur Wert auf seine Hunde und hatte nicht gerne Kontakt zu anderen Menschen.
Das bedeutete, dass sie alle Zuwendung und Liebe ihrer Großmutter für sich alleine bekommen hatte.
Ich hatte ihre Großmutter auch gut gekannt, denn sie lebte bei uns in der Stadt und Helen und ich hatten sehr oft bei ihr gespielt. Ein Grund dafür war das große Haus, das für uns wie ein Abenteuerspielplatz war, ein anderer, dass wir bei ihr einfach alles machen durften, was wir wollten. Leider ist sie dann sehr krank geworden, eine Lungenentzündung, wenn ich das noch richtig im Kopf habe. Sie hatte Helen die Kette quasi auf dem Sterbebett überreicht, mit der Bitte, sie niemals zu vergessen. Diese Kette war das Einzige, was Helen von ihrer Großmutter besaß und dementsprechend wichtig war sie ihr. Helen nannte sie immer ihren wertvollsten Besitz. Und weil ich das wusste und weil ich eben Helens beste Freundin seit dem Kindergarten war, war klar, wie ich jetzt reagieren würde. Ich seufzte wieder. An Ausschlafen war also nicht mehr zu denken. Ich fragte Helen, wo wir uns treffen sollten, und quälte mich dann aus meinem Bett.
Auf dem Weg in die Küche, um wenigstens eine Kleinigkeit zu frühstücken, traf ich auf meine jüngere Schwester Ina. Dass wir Schwestern waren, konnte man eigentlich sofort erkennen. Nicht nur wegen der langen blonden Haare, die wir beide hatten. Auch wenn das für manche Menschen schon als Beweis für eine Verwandtschaft gilt.
Ina und ich sehen uns einfach sehr ähnlich. Von den Gesichtszügen, dem Körperbau und früher sogar vom Kleidungsstil her. Meine Tante meint immer, Ina sieht aus wie eine kleinere oder jüngere Version von mir.
Gerade schaute mich Ina ziemlich irritiert an, ehe sie mir ein ruppiges „Was machst du denn hier?“ entgegenwarf.
„Guten Morgen, Schwesterchen, ich freu mich auch dich zu sehen. Und nur zu deiner Information, ich wohne ebenfalls hier“, bekam sie auch gleich als Antwort. Normalerweise war ich nicht der fröhlichste Morgenmensch, doch bei so einer Begrüßung konnte ich nicht anders, als mein geringfügig vorhandenes Schauspieltalent auszupacken, um meine Schwester zu nerven.
„Schon klar, aber warum bist du so früh wach? Ich dachte, ich hätte heute früh mal etwas Ruhe vor dir.“
Ja, meine Schwester war auch kein Morgenmensch und das stellte sie im Gegensatz zu mir auch immer wieder unter Beweis.
„Tja, falsch gedacht, ich nerv doch immer gerne unerwartet. Außerdem muss ich zu Leni. Sie hat ihre Kette verloren und wenn wir die nicht wiederfinden, kommt das einem Weltuntergang gleich.“
Bildete ich mir das nur ein oder flackerte in Inas Blick leichte Unsicherheit auf?
„Die Kette, mit dem Herz?“, fragte sie fast schüchtern.
Ich nickte zur Bestätigung.
„Ist die denn so wertvoll?“, fragte sie weiter und ich erklärte ihr knapp, dass die Kette zum Teil aus Gold war, aber sie eben auch ein Erbstück war und damit auf einer ganz anderen Ebene wertvoll. Für Helen unersetzbar. Nach meinen Worten verabschiedete sich Ina sehr schnell und verschwand in ihrem Zimmer. Verwirrt sah ich ihr hinterher. Ich konnte weder ihren unsicheren Blick noch ihr hektisches Verschwinden deuten. Lange dachte ich allerdings nicht darüber nach. Wahrscheinlich war ihr einfach eingefallen, dass sie mal wieder ihre Hausaufgaben vergessen hatte oder dass sie heute einen Test schrieb oder etwas Ähnliches. Davon abgesehen, brauchte Helen mich dringend und ich vertrödelte hier meine Zeit.
Nach nur wenigen Minuten verließ ich endlich das Haus und lief zu meiner und Helens Bank. Dort wartete meine beste Freundin wahrscheinlich schon ungeduldig, um mit der Suche nach ihrer geliebten Kette zu beginnen.
Unsere Bank ist eigentlich eine Bushaltestelle und liegt sowohl auf meinem als auch auf Helens Schulweg. Um genau zu sein, ist es die Stelle, an der unsere Schulwege zusammenführen. Von dort aus liefen wir immer gemeinsam zur Schule. Normalerweise brauchte ich ungefähr fünf Minuten, um diese Bank zu erreichen. Heute war ich etwas schneller. Es war schließlich ein Notfall.
Ich konnte Helen schon von weitem an unserer Bank stehen sehen. Automatisch schlich sich ein Grinsen auf mein Gesicht. Das war immer so, wenn ich die Brünette sah und auch Helen begann zu grinsen, als sie mich erblickte. Ich wusste, dass es bei ihr auch automatisch so war, wenn sie mich sah, doch trotzdem musste ich das Ganze kommentieren.
„Ich dachte, du hast deine Kette verloren, was gibt es denn da jetzt zu grinsen?“, sagte ich also laut, sobald ich in Hörweite war.
„Du bist doof“, kam es nur von meiner besten Freundin, allerdings lachte sie dabei, dann zog sie mich zur Begrüßung in eine kurze Umarmung.
Aber bevor wir mit der Suche anfangen konnten, musste ich unbedingt noch eine Frage loswerden, die mich schon vorher am Telefon beschäftigt hatte.
„Wie kommt es eigentlich, dass du um die Uhrzeit anfängst, die Kette zu suchen?“, fragte ich also, denn normalerweise würde auch Helen um diese Uhrzeit schlafen.
„Mein Vater hat mich heute früh versehentlich geweckt und da hab ich nach meinem Handy auf dem Nachttisch gegriffen, um zu schauen, wie viel Uhr es ist und da ist mir aufgefallen, dass die Kette nicht wie sonst auf dem Nachttisch lag. Also bin ich aufgestanden und hab genauer nachgeschaut, sie aber nirgends...




