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E-Book

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Klek Couch Talk

Ein Mann und sein Ego im Rückwärtsgang
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7460-5848-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Mann und sein Ego im Rückwärtsgang

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-3-7460-5848-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Johannes Korb stolpert über den roten Faden, dabei ist er nicht einmal sicher, ob es überhaupt einen gibt. Doch davon gänzlich unbeeindruckt, galoppiert das hohe Ross der Retrospektive unaufhaltsam weiter und reißt den Gerber, Künstler und Firlefanz mit auf einer hakenschlagenden Reise durch dessen Befindlichkeit. Ein autobiographisch inspirierter Nabelschauroman, der uns hineinzieht in das schlingernde Leben eines Individualisten, der jenseits von Konsumdiktat, Leitkulturversprechen und Riesterrentenpleite bemüht ist, einem authentischen Dasein auf der Spur zu bleiben.

Markus Klek, Jahrgang 1969, lebt als Goldschmied, Gerber, Künstler und Steinzeitmensch nach jahrelangen Umwegen über Bayern, die USA und Portugal heute wieder mit seinen drei Kindern im Schwarzwald.
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***

Im Tannbachtal hat dann irgendwann mit unnachgiebiger Handkante das Karma zugeschlagen. So konnte es auf keinen Fall weitergehen. Es war einfach nicht mehr schön. Unsere Zeit in diesem Paradies lief ab, und ein hart erkämpfter Entschluss war gefallen.

Wir hatten uns einige Wochen Aufschub, einige Wochen Bedenkzeit gegeben für einen großen Schritt, und diese Zeit war nun verstrichen und jetzt war es so weit. Das Hin-und-her-Überlegen musste ein Ende finden. Schließlich lagen alle Karten offen ausgebreitet vor uns auf dem Tisch, und das Ass war zum Greifen nah. Es musste gehandelt werden, und im Grunde unseres Herzens wussten Tatjana und ich auch schon, was geschehen würde. Irgendwann verändert sich eh alles. Also, auf was warteten wir noch?

Wir würden unsere Heimat also wieder verlassen.

Wir würden also wieder weggehen, weit weg sogar. Nicht ganz so weit wie Amerika, aber immerhin. Wir würden wieder von vorne anfangen. Wieder auswandern.

Wir mussten ein wunderbares und geliebtes Leben hinter uns lassen. Wir würden bald Abschied nehmen vom Tannbach, vom Schwarzwald, von unseren Freunden und von uns selbst, um in ein Land zu reisen, welches in unserem bisherigen Leben überhaupt noch keine Rolle gespielt hatte.

Den Namen der Region, die wir als neue Heimat auserwählt hatten, hatte ich vor ein paar Monaten überhaupt zum ersten Mal gehört. Wir verstanden die Sprache dort nicht, hatten erst vor vier Wochen begonnen, Kontakte dorthin zu knüpft. Es wartete dort keine Bleibe und auch keine Arbeit auf uns, und übrigens gab es auch keinerlei finanzielle Rücklagen für einen derartigen Neustart.

Das einzige, was Korb ursprünglich über dieses Land gewusst hatte, war seine geographische Lage sowie den Namen der Hauptstadt. Daran ließ sich auch nicht mehr viel ändern, denn es sollte bald losgehen.

Niemand zwang uns zu dem Schritt durch dieses neue Tor. Doch noch während sich die Ereignisse entwickelt hatten, welche zu dieser Entscheidung führen sollten, bemerkte Korb, dass sich hinter den martialischen Gebärden der Vorsehung die Fee des Schicksals verbarg. Als umschleierte Figur trat sie leise und sanft aus dem Dunst der verhärteten Umstände hervor. Sie war es, welche mit ihren dynamischen Veränderungskräften bei uns erschienen war und mit einem verheißungsvollen Lächeln auf den Lippen und weicher, aber sicherer Handbewegung hinaus in die Welt wies und uns einlud, den nächsten Schritt im Vertrauen zu tun.

Dass diese Urmutter es war, welche an unserer Schwelle trat, wäre nicht die einzig mögliche Betrachtungsweise unserer Situation gewesen. Wir hätten auch einem grässlichen, tobenden Dämon Einlass gewähren können. Einem keifenden Rumpelstilzchen, welches voller Wut und Verzweiflung, im kratzigen Widerstand über die Ungerechtigkeit der Welt, die Hacken in den Boden stemmt und sich verweigert. Oder aber es quillt aus dem Bewusstsein ein schlaffer, klammer Fisch mit tränenden, blassen Augen hervor, welcher hilflos zitternd und nach Luft schnappend dem Auslaufen seines geliebten Teichs zusieht. Opferrolle.

Unsere persönliche, im Hier und Jetzt fleischgewordene Schicksalsfee sah jedoch folgendermaßen aus: Sie trug am liebsten Stöckelschuhe, bestellte fast täglich Klamotten online bei Esprit und war Anfang zwanzig. Diese junge Frau arbeitete als Sekretärin im Rathaus ein paar Orte weiter und war stolz darauf, in zwei Jahren Beamtin auf Lebenszeit zu sein. Für uns hörte sich der Titel eher an wie das Todesurteil .

Unsere Petra setzte auf Sicherheit, Ordnung und zitrusfrische Keimfreiheit. Sie kam aus einem Kaff um die Ecke und war die frisch angetraute Ehefrau des Jungbauern auf unserem Hof. Und somit wurde unser Tannbach auch zu ihrem Tannbach, und das konnte nicht gut gehen. Nach der Hochzeit zog sie mit ihrem

Mann zu uns ins Leibgedinghäuschen, und zwar in die zweite Wohnung dieses kleinen Hauses, welche sich genau unter uns befand. Dort hatte bisher Erika, die unverheiratete, ältere Schwester von Elsa, gewohnt. Sie war eine wunderbare Frau Ende sechzig. Schlank, aufrecht und weißhaarig. Sie war erfüllt von Naturverbundenheit und echter christlicher Nächstenliebe. Wir waren über Jahre hinweg ein prächtiges Team gewesen, welches sich gegenseitig respektierte und schätzte. Außerdem war sie ein wenig schwerhörig, was bei uns jungen Leuten mit drei Kindern über ihr, durchaus nicht schadete.

Der nun anberaumte Umzug war der Anfang vom Ende. Meiner Frau und mir rutschte bereits das Herz in die Hose, als wir zum ersten Mal von diesem Plan erfuhren. Jetzt rückte uns eine Frau Saubermann auf die Pelle.

Eigentlich hätte es allen von vorneherein klar sein müssen, dass das keine gute Idee war, denn unsere Lebensentwürfe, unsere Lifestyles, waren so diametral verschieden wie Tag und Nacht. Während Erika und wir die gemeinsame Haustür seit Jahren nicht mehr abgeschlossen hatten, drehte sie den Schlüssel um, sobald es anfing zu dämmern und zwar so oft, dass man, falls man noch mal raus wollte, vom Wiederaufschließen beinahe einen Tennisellenbogen bekam.

Wir liebten die Dunkelheit, sie installierten Flutlicht. Wir bewunderten wilde Blumenwiesen, sie rasierte den Rasen, sobald er fünf Millimeter lang war. Ich saß im Tipi am Lagerfeuer und briet Forellen, sie schrubbte das Treppenhaus mit Ajax, vergiftete den Garten mit Schneckenkorn und tatsächlich jeden einzelnen Abend drang ein aquariumhafter, bläulicher Lichtschein aus ihrem Wohnzimmerfenster. Sie saßen immer vor der Glotze.

Dabei waren sie und ihr Mann eigentlich nette Leute, aber es passte einfach nur wie die Faust aufs Auge.

Ich bin sicher, dass auch unsere Bäuerin Elsa damals von Anfang an tief im Innersten wusste, dass es nicht funktionieren würde.

„Eine guate Nachbarschaft sollt man eigentlich net auseinander nehme“, gestand sie mir einmal ungefragt, als ich wie so oft mit den Kindern den Weg von unserem Haus vor zum Hof ging und bei ihrem Gemüsegarten für ein Schwätzchen Halt machte.

Ich lehnte am Jägerzaun, die Sonne schien auf die prachtvoll gedeihenden Salate in den Beeten und Elsa stand, mit dem blauen Kopftuch und den Gummistiefeln, auf eine Harke gestützt, zwischen den bunten Bauernblumen. Dies war ein typisches Tannbachbild, ein wundervolles Gemälde, welches mit feiner Nadel wie eine Tätowierung in das Fleisch meiner Erinnerung gestochen ist. Die warme Sonne am blauen Mittagshimmel, die gebeugte Bäuerin zwischen den Kohlköpfen und duftenden Blumen, der alte, bemooste Zaun, die tanzenden Schmetterlinge über den Rabatten. Alles war wie immer, aber über unseren Köpfen hing das Damoklesschwert an einem dünnen Faden.

Ohne auf eine Antwort meinerseits zu warten beendete Elsa dann ihre Überlegung und meinte,

„Ja, so isch´s jetzt eben. Machen wir das Beschte draus“. Mit diesen Worten nahm sie ihre Arbeit wieder auf. Was sollte sie auch tun. Irgendwo im Familienrat war eben die Entscheidung gefallen, ihren Sohn und seine Neue bei uns einzuquartieren und so zogen wir eben den Kürzeren. Blut ist halt dicker als Wasser. Wie um das unangenehme Thema abzuschließen harkte sie kraftvoll weiter Gras und Unkraut aus den Beeten. Nach einer Weile, während der wir beide schwiegen, warf sie, ohne aufzublicken ein:

„Und Johannes, habt ihr noch genügend Kartoffeln?“

Korb war ihr damals dankbar gewesen, dass sie das angefangene Gespräch wieder in seine gewohnten Bahnen gelenkt hatte.

„Sonst holt euch ruhig welche aus dem Keller, gell.“, fuhr sie fort.

In meinem Herzen hatte sich inzwischen ein schweres Kloßgefühl bemerkbar gemacht, gepaart mit einer rauen Trauer über den Verlust unseres Paradises. Unter diese Keime der Enttäuschung mischte sich leise aber bestimmt auch ein gewisser Vorwurf, dass man uns verraten hatte, und dazu gesellte sich sogar ein Funken schrundige Wut. Ich blickte auf meine Schuhe. Diese Gefühle würde ich Elsa gegenüber niemals offenbaren können. Für Korb trifft sie jedoch keine Schuld. Es war uns einfach nicht bestimmt, hier unsere Kinder groß zu ziehen, so wie wir es uns vorgestellt hatten. Also überführte ich meine zersetzende Tristesse in einen Kühlraum irgendwo tief zwischen meinen Lungenflügeln und antwortete schnell und in versöhnlichem Tonfall,

„Ja, ja Elsa haben wir, danke“.

„Dann isch´s ja guat“, nickte sie. „Übrigens, die Erika hat euch noch ein paar Setzlinge mitgebracht.“, fuhr sie fort.

„Oh, super, die können wir immer gut gebrauchen“. Ich wehrte mich gegen einen Stimmungsabfall an diesem wunderschönen Tag, und so führten wir unser Gespräch fort, so wie wir es die letzten sieben Jahre getan hatten, wenn wir uns irgendwo auf dem Hof trafen. Täglich waren wir uns auf den zweihundert Metern Straße zwischen den beiden Häusern begegnet. Dann reden wir immer über die Dinge des Alltags, das Wetter, die Kinder oder den Milchpreis, entweder hier am morschen Gartenzaun oder mit den Kindern zusammen im Stall, oder in der Milchkammer, oder draußen auf der Wiese beim...



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