E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Klement 70 Meilen zum Paradies
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7026-5879-3
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-7026-5879-3
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Klement wurde 1949 in St. Pölten geboren. Nach der Matura besuchte er die Pädagogische Akademie in Krems und absolvierte dort die Ausbildung zum Hauptschullehrer. Er unterrichtete lange Zeit Deutsch und Geschichte. Neben seiner beruflichen Tätigkeit begann er, Reportagen für Zeitungen zu schreiben und arbeitete als freier Mitarbeiter für den ORF. Sein erstes Jugendbuch erschien 1987. Heute arbeitet Robert Klement als Schriftsteller. Er lebt in St. Pölten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Sharas Lieblingsplatz war die kleine Bucht, wo die Wellen sich unablässig an den Felsen brachen. Nur wenige hundert Meter von ihrem Quartier entfernt, befand sich ein breiter Sandstrand.
Dort fühlte sie den Wind und schmeckte das Salz auf ihren Lippen. Möwen ließen sich von den Aufwinden über den Klippen tragen und segelten schwerelos und ohne einen einzigen Flügelschlag. Kleine Krebse liefen geschäftig über den Meeresboden. Die Welt war lebendig in dem hellen Licht und dem Wind.
Heute hatten die Nachbarskinder Shara eine Tauchermaske geborgt. Die Ausbeute konnte sich sehen lassen: In Felslöchern hatte sie einen Seeigel und mehrere Miesmuscheln gefunden. Am Nachmittag brachte sie einen Roten Seestern und wie Phosphor leuchtende Krebse an die Oberfläche. Dann beobachtete sie fasziniert einen Schwarm Fische, der zwischen feuerfarbenen Korallen einen graziösen Reigen tanzte. Immer wieder war Shara Leuchtquallen respektvoll ausgewichen, denn sie wusste, dass deren haarfeine, giftbewehrte Tentakel sie wie eine Stacheldrahtpeitsche verwunden konnten.
Shara befand sich in einer blaugrünen Zauberwelt, in der man für wenige Stunden alle Sorgen vergaß.
Gegen Abend, wenn die Felswände im Licht der untergehenden Sonne glühten, ging sie mit den Kindern ins Dorf zurück. Vorher kletterte sie stets auf den großen gespaltenen Felsen und blickte aufs Meer hinaus.
„Irgendwo dort drüben liegt Europa“, dachte sie.
Feucht und faulig roch es in den engen Winkeln der Altstadt. An jeder Ecke wurde heftig gefeilscht. Die Medina war von der mächtigen tausendjährigen Stadtmauer mit ihren Wehrgängen und eckigen Wachtürmen umgeben. Im engen Gassengewirr konnte man sich kaum orientieren.
Siad stand vor dem Stadttor und blickte sich um. Tatsächlich, dort war der kleine Schusterladen, von dem man ihm erzählt hatte.
„Ich suche den Piraten.“
Der Mann blickte einmal kurz auf und musterte ihn argwöhnisch.
„Den Piraten?“
„Man hat mir gesagt, dass du mich zu ihm bringen kannst.“
„Keine Ahnung, wen du meinst“, knurrte der Schuster und griff wieder zu seinen Werkzeugen.
Er arbeitete an einem Paar den spitzen, tunesischen Pantoffeln aus feinstem Ziegenleder. Angeblich gab es keine Maschine auf der Welt, die das nur annähernd so gut konnte wie die tunesischen Handwerker. Siad ließ sich nicht abschütteln.
„Aber das ist doch der Schusterladen neben dem Stadttor.“
Der Mann hatte sich abgewandt, würdigte ihn keines Blickes. Plötzlich fiel Siad ein, dass er ja das Codewort nennen musste.
„Happy landing.“
Der Schuster wandte sich ihm jäh zu, seine Züge hellten sich auf. Vorsichtig blickte er sich nach allen Seiten um. Dann rief er seinen kleinen Sohn.
„Das ist Damak, er wird dir den Weg zur Travel Agency zeigen.“
Mit diesen Worten streckte er ihm fordernd eine Hand entgegen. Siad kramte in seiner Hosentasche und holte zwei Dinar hervor.
„Travel Agency“, dachte er und seine Anspannung wuchs.
Der Knabe führte ihn durch ein verwirrendes Labyrinth aus Gässchen, Treppen, Torbögen, alten Höfen und Sackgassen. Diese „Travel Agency“ war nicht leicht zu finden. Hin und wieder sah Siad das Minarett der Großen Moschee, die sich im Zentrum der Medina von Sfax befand. Die Spitze des Marmorturms leuchtete golden in der Nachmittagssonne. Kupferschmiede hämmerten kunstvolle Ornamente in Teller und Kannen. Händler priesen ihre Lederwaren, Teppiche, Kleider und Keramiken. Verhandelt wurde laut und gestenreich. Nach einer Unterführung hielt der Knabe vor einer kleinen Lehmhütte.
Eine Tür aus Wellblech führte ins Innere der Reiseagentur. Sie bestand aus einem einzigen Raum. Auf einem Teppich lag der Länge nach ausgestreckt ein rundlicher Mann mit schwarzen Stoppelhaaren. Er wartete auf Ware.
Der Weg in sein „Büro“ war so gewählt worden, dass der Fremde die Hütte ohne Hilfe garantiert nicht wieder finden konnte. Der Pirat hatte Gründe für diese Vorsichtsmaßnahme. Er schmuggelte hauptberuflich Menschen.
„Ich bin Hassan, das ist unser Travel Agent Ali“, sagte er und zeigte auf einen Mann, der an einem Tisch saß. Dann erhob er sich schwerfällig von seinem Teppich.
Siad war sich bewusst, dass die beiden Menschenschmuggler Decknamen verwendeten. In ihren Djellabas wirkten sie wie gewöhnliche arabische Händler. Aber sie hatten das Kostbarste anzubieten, das auf diesem schmutzigen Markt zu erstehen war. Die Zukunft. Siad nannte Ali seinen Namen. Der blätterte in einem Notizbuch.
„Möchtest du Tee?“
Ohne die Antwort abzuwarten, servierte ihm Hassan eine Tasse Minztee.
„Wie viele Plätze brauchst du?“
„Was soll diese Frage?“, meinte Siad ungeduldig. „Ihr beide müsst doch wissen, dass ich zwei Plätze brauche.“
Die beiden Männer tauschten Blicke. Ali legte das Notizbuch beiseite und holte einen Laptop aus einem Versteck hervor. Leise surrend fuhr das Programm hoch.
„Hier steht etwas von einem Kind. Wie alt ist es?“
„Sechzehn“, log Siad. Seine Tochter Shara wurde demnächst vierzehn, sah jedoch älter aus und er dachte, dass diese Leute bei zu jungen Passagieren eventuell Probleme machten.
„Du musst dich noch etwas gedulden und einige Tage warten.“
„Warten, warten, warten!“, schrie Siad mit einer Stimme schrill vor Ungeduld. „Wie lange sollen wir noch warten? Jetzt haben wir bereits Anfang Oktober. Bald beginnen die Winterstürme, die eine Passage in einem kleinen Boot unmöglich machen. Das Risiko wird immer größer.“
Die Blicke der beiden Männer waren stumpf, fast feindselig. Der „Travel Agent“ zündete sich eine Zigarette an und paffte dichte Rauchwolken, durch deren Schleier hindurch er sagte: „Wir haben im September zwei Boote verloren. Der tunesische Geheimdienst hat sie beschlagnahmt. Wir bemühen uns sehr, Ersatz zu finden. Wir nehmen außerdem nur erstklassige Boote.“
„Die Sicherheit unserer Kunden hat Vorrang“, meinte Hassan mit einem spöttischen Grinsen. „Du willst doch schließlich nicht, dass wir dich und dein Kind in einen Schrottkahn verfrachten.“
Der Lärm aus den Gassen war gewaltig. Die schrillen Rufe der Marktschreier vermischten sich mit dem Gegacker von Hühnern und dem Aufheulen von Mofas. Dazwischen läutete immer wieder Hassans Handy. Siads Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er erzählte, dass er nicht noch länger warten könne. Täglich drohe eine Razzia der tunesischen Polizei, die Flüchtlinge aus ganz Afrika in ihren Verstecken entlang der Küste aufstöberte. Außerdem habe er nur mehr wenig Geld, um seine Quartiergeber zu bezahlen.
Ali verzog keine Miene. Auf seinen Zügen zeichnete sich eine zynische Selbstgefälligkeit ab. Er drückte hin und wieder einige Tasten und blickte auf den Bildschirm seines Computers.
„Da wäre noch eine Kleinigkeit. Wenn du die beiden Plätze auf dem Boot haben willst, musst du noch 500 Dollar bezahlen.“
Siads Arme und Schultern spannten sich, Zornesröte stieg ihm ins Gesicht.
„Ich habe in Somalia 4.200 Dollar bezahlt. In diesem Preis ist die Überfahrt nach Lampedusa enthalten. Ich zahle euch Gaunern und Halsabschneidern nicht einen Dollar mehr.“
„Wann hast du die Schleusung bezahlt?“, schrie ihn Hassanan.
„Anfang Juni.“
„Na also, das ist fast ein halbes Jahr her. Die Dinge haben sich inzwischen geändert.“
Siad wollte sich auf die Männer stürzen, mit beiden Fäusten auf sie einschlagen.
Ali versuchte zu beschwichtigen.
„Die Verhältnisse sind komplizierter als du denkst, mein Freund. Es gibt ein neues Abkommen zwischen Tunesien und Italien. Unsere Organisation muss der tunesischen Küstenwache immer höhere Bestechungsgelder zahlen.“
Siad konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Schweißperlen kollerten über sein tiefrotes Gesicht.
„Wir sind nur kleine Mittelsmänner“, meinte Hassan, der fortwährend in seinem Tee rührte. „Die Tarife werden von der Organisation festgesetzt. Wir haben unsere Instruktionen.“
Um seinen Mund spielte ein höhnisches Lächeln.
Siad sprang auf, packte Ali am Hemdkragen und schüttelte ihn. Hassan versetzte ihm einen Stoß, dass er gegen die Wand taumelte. In Alis Hand blitzte plötzlich eine Pistole auf, die sich seinem Kopf...




