Klement Halbmond über Rakka
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7026-5908-0
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verführung Dschihad
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-7026-5908-0
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Klement wurde 1949 in St. Pölten geboren. Nach der Matura besuchte er die Pädagogische Akademie in Krems und absolvierte dort die Ausbildung zum Hauptschullehrer. Er unterrichtete lange Zeit Deutsch und Geschichte. Neben seiner beruflichen Tätigkeit begann er, Reportagen für Zeitungen zu schreiben und arbeitete als freier Mitarbeiter für den ORF. Sein erstes Jugendbuch erschien 1987. Heute arbeitet Robert Klement als Schriftsteller. Er lebt in St. Pölten.
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Kapitel 1
Leilas Mutter war eine kleine Frau mit schwarzen Haaren. Nico kannte sie als zurückhaltende, leise Person. Worte kamen ihr eher zögerlich über die Lippen, sie wog sehr genau ab, was sie sagen wollte.
„Zuerst waren wir glücklich, dass Leila ihren Glauben so ernst nimmt“, erzählte Frau Ergun. „Sie hat auf vieles verzichtet und oft von Allah und dem Paradies gesprochen. Irgendwann ist sie immer fanatischer geworden. Wir konnten nichts …“
Frau Ergun versagte die Stimme. Nico schwieg. Er war bei Leilas Eltern immer willkommen gewesen. Sie hatten nie Einwände gegen die Beziehung gehabt. Dennoch hatte ihn dieser Besuch einige Überwindung gekostet, aber auch seine Mutter hatte ihn in seinem Vorhaben bestärkt.
Leilas Vater war ein stämmiger Mann mit kräftigen Händen, einer, den sonst so leicht nichts umwerfen konnte. Kranführer bei einem Bauunternehmen.
„Sie hat die falschen Leute kennengelernt“, stieß Herr Ergun wütend hervor. „Wir konnten nicht wissen, was sie vorhat.“
War es tatsächlich möglich, dass sich seine Tochter einer Mörderbande angeschlossen hatte? War Leila nun wirklich Teil einer Terrorgruppe, die im Namen Allahs Angst und Schrecken verbreitete? Und wer hatte sie dazu verführt, in einen Krieg zu ziehen?
Wenige Stunden zuvor waren zwei Männer in der Wohnung der Erguns gewesen. Sie hatten Zivilkleidung getragen, sich ausgewiesen und nach Leilas Computer gefragt. Die beiden korrekten Herren von der Kriminalpolizei, Abteilung Staatsschutz, hatten die Mitnahme des PC und einiger USB-Sticks schriftlich bestätigt und auch etwas dagelassen: die Bilder mehrerer Überwachungskameras des Flughafens Wien-Schwechat.
Sie zeigten Leila am vergangenen Freitag um 15:52 Uhr an einem Schalter der Turkish Airlines. Sie trug eine wattierte schwarze Jacke und helle Jeans. Exakt zehn Minuten später checkte sie ein und legte eine prall gefüllte Reisetasche auf das Gepäckband. Dann sah man sie auf dem Weg zu einem der Gates. Auf den gestochen scharfen Bildern wirkte sie irgendwie verloren, entrückt, einer Schlafwandlerin gleich.
Nico fiel auf, dass sie kein Kopftuch trug.
„Eine Vorsichtsmaßnahme“, hatten die beiden Staatsschützer erklärt. Das würden die Anwerber so empfehlen. Leilas Handy war in der Funkzelle des Flughafens eingeloggt. Flug TK 1298 hob pünktlich um 17:55 Uhr ab.
Das Flugticket war eine Woche zuvor in einem Reisebüro im sechsten Wiener Gemeindebezirk gekauft worden. Wien–Ankara, ohne Rückflug. Es war bar bezahlt worden. Die Bilder einer Überwachungskamera eines benachbarten Juweliers zeigten einen jungen Mann, etwa dreißig Jahre alt, mit südländischem Aussehen. Die Angestellte des Reisebüros erinnerte sich an diesen Kunden, der gebrochen Deutsch gesprochen hatte. Herr und Frau Ergun beteuerten, den Mann nicht zu kennen. Auch Nico hatte ihn noch nie gesehen.
„Wieso darf eine 16-Jährige in diesem Land ohne meine Erlaubnis ausreisen?“, schnaubte Herr Ergun. Seine rechte Hand war zur Faust geballt, er drückte sie gegen die Tischplatte. Es schien, als ob er jeden Moment aufspringen und die Einrichtung zertrümmern könnte. Angestrengter konnte man nicht um Fassung ringen. Ein Tiger im Käfig der eigenen Ohnmacht.
Dann saßen die Eltern und Nico da und schwiegen. Plötzlich war es so still, dass das Tropfen des Wasserhahns in der Küche unerträglich wurde.
Wieso hatten sie nichts gemerkt? Diese Frage hing über den Eltern wie eine unausgesprochene Anklage. Warum hatten sie die Anzeichen nicht erkannt? Warum den Zeitpunkt übersehen, als aus Frömmigkeit Extremismus geworden war? Sie hätten bloß etwas aufmerksamer sein müssen. Merkwürdig war zum Beispiel, dass Leila vor zwei Monaten begonnen hatte, einige Habseligkeiten über eBay zu versteigern. MP3-Player, Schmuck, Bücher – alles Dinge, die sie geschätzt hatte. Das hätte Misstrauen erwecken müssen.
Dann kam dieser verhängnisvolle Freitag. Leila habe am Wochenende mit einer Freundin an einem Kreativ-Workshop in einem Wiener Bildungshaus teilnehmen wollen. Die Mutter erinnerte sich an eine innige Umarmung, anders als sonst. Irgendwie habe sie gespürt, dass dies ein besonderer Abschied war. Spätestens da hätte sie die Tochter festhalten müssen, fragen, ob etwas nicht stimme. Fragen, wozu sie das viele Gepäck für ein einziges Wochenende brauche.
Als Leila schließlich am Sonntagabend nicht wie vereinbart zurück und über ihr Handy nicht erreichbar war, wurde bei der Mutter die Unruhe zur Sorge, aus Sorge wurde Angst. Aus Angst nach und nach Panik. Da war plötzlich dieser schreckliche Verdacht: Leila, ihr fanatischer Glaube, Syrien …
Von dunklen Ahnungen getrieben, hatte Frau Ergun nach Leilas Pass gesucht und in einer Schreibtischschublade einen Brief entdeckt. Er war offenbar in großer Eile auf kariertes Papier geschrieben worden – alle Wörter in Großbuchstaben:
MACHT EUCH KEINE SORGEN. BIN AUF EINER LANGEN REISE, UM MEINEM GOTT ZU DIENEN. ICH LIEBE EUCH, ABER ICH LIEBE ALLAH MEHR !!!
Drei Zeilen, zweiundzwanzig Wörter auf einer Spiralblock-Seite. Das war alles, was von ihrer Tochter geblieben war. Als sie die Nachricht gelesen hatte, wählte die Mutter immer wieder, über Stunden, Leilas Nummer. Schließlich hörte sie, dass das Handy der Tochter läutete, doch der Anruf wurde nach dem dritten Klingeln weggedrückt. Irgendwann gegen 21:00 Uhr meldete der Vater die Tochter als vermisst.
„Das Problem bei Mädchen ist, dass sie gleich nach ihrer Ankunft in Syrien mit Gotteskriegern verheiratet werden“, hatte der Beamte vom Staatsschutz heute erklärt. „Sobald sie ein Kind haben, ist eine Flucht fast aussichtslos.“
Herr Ergun glaubte, einen merkwürdigen Ausdruck auf seinem Gesicht zu erkennen. Irgendwo zwischen Mitleid und Häme.
„Wir verstehen Ihren Schmerz“, hatte der Mann mit dem Computer unter dem Arm an der Tür gesagt.
„Sie verstehen überhaupt nichts!“, hatte ihn Herr Ergun angebrüllt. „Wie können Sie verstehen, was wir fühlen?“
Draußen wurde es dunkel, doch niemand dachte daran, das Licht einzuschalten, so sehr waren alle in diesem Gespräch gefangen. Als Nico wenig später im Stiegenhaus über die Dächer Wiens blickte, waren seine Gedanken immer noch bei Leila. Er glaubte, sie in einem schwankenden Boot zu sehen, das auf ein unbekanntes Meer hinaustrieb. Ihre Mutter, der Vater, die Schwester und alle, die sie kannten, blieben fassungslos am Ufer zurück.
Nico tippte hektisch eine Textnachricht an einen Schulkollegen, während er seiner Mutter vom Besuch bei Leilas Eltern erzählte. „Wenn sich ein intelligentes Mädchen wie Leila zu diesem Wahnsinn überreden lässt, dann muss es irgendetwas geben, von dem wir beide nichts wissen.“
„Was meinst du?“ Die Mutter nippte an ihrem Espresso.
„Irgendeine geheime Kraft.“
„Hm. Ihr Glaube?“
Sie sprachen darüber, wie sehr Leilas Weggehen die Familie aus ihrem Alltag gerissen hatte. Über das Eingeständnis der Eltern, nichts von den Geheimnissen und Plänen ihrer Tochter gewusst zu haben, obwohl sie mit ihr auf engstem Raum gelebt hatten.
„Es kann nicht allein ihr Glaube gewesen sein“, gab sich Nico überzeugt. „Da muss noch was anderes eine Rolle gespielt haben.“
Eigenartig, dass man mit einem Mädchen befreundet sein konnte, ohne es zu kennen. Irgendwann hatte Leilas Welt Sprünge bekommen. Irgendwann musste sich in ihren Gedanken ein Monster eingenistet haben. War es, als sie plötzlich aufgehört hatte, sich zu schminken? Kein Nagellack mehr, kein Parfum, kein Haargel? Als sie den kleinen glitzernden Stein über ihrer Lippe entfernt hatte?
„Sicher haben sie eine Gehirnwäsche mit ihr gemacht“, meinte die Mutter. „Am Ende bist du ein Zombie und sagst zu allem Ja und Amen.“
Nicos Mutter zog ihre Strickweste über dem Oberkörper zusammen als würde sie frieren. Sie hatte große, dunkle Augen und schwarze, lockige Haare und wirkte mit ihren vierzig Jahren immer noch mädchenhaft, zierlich und gleichzeitig unbeugsam. Sie konnte kratzbürstig sein, wenn etwas nicht so lief, wie sie wollte. Dann wurde ihre Stimme mitunter schrill. Zugleich besaß sie großes Einfühlungsvermögen.
„Sie haben Leilas Computer beschlagnahmt“, sagte Nico und warf einen Blick auf Facebook. „Sie werden Dinge finden, die mich betreffen.“
„Vielleicht hat sie die Festplatte gelöscht.“
„Man kann die Daten wiederherstellen.“
Nico wusste, dass Leila ein Tagebuch im PC geführt und ihre Gedanken und Gefühle stets penibel notiert hatte. Würde die Polizei auch über ihn einiges entdecken?
„Machst du dir deshalb Sorgen?“
„Hm. Nein. Mehr als das übliche...




