E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Klement Untot - Die Vampirprinzessin
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99128-086-6
Verlag: Obelisk Verlag ein Imprint der Verlagsanstalt Tyrolia Gesellschaft m. b. H.
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
ISBN: 978-3-99128-086-6
Verlag: Obelisk Verlag ein Imprint der Verlagsanstalt Tyrolia Gesellschaft m. b. H.
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Robert Klement wurde 1949 in St. Pölten geboren. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Hauptschullehrer begann er Reportagen für Zeitungen und Magazine ('Profil') zu schreiben. Seit 1986 veröffentlichte er über 26 Bücher. Seine an Tatsachen anknüpfenden Romane beruhen auf genauen Recherchen. Gleich in seinem ersten Buch ('Durch den Fluss') prangert er Menschenrechtsverletzungen in der damaligen CSSR an. Nach ei- ner Flugblattaktion für den Charter-Gründer und späteren Staatspräsidenten Vaclav Havel wird er 1989 in Prag inhaftiert. In Brasilien mischt er sich unter Straßenkinder, die von Todesschwadronen bedroht werden. Nach dem schweren Erdbeben in Armenien versucht er, die Schicksale der Opfer und Helfer aufzuzeichnen. Im Himalaya recherchiert er die verschlungenen Wege der Pelztier-Mafia, die den Schneeleoparden jagt. Seine Studien- reisen führen ihn von Alaska bis Neuseeland, von Kuba bis zu den Philippinen.
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GESCHÖPFE DER NACHT
Natürlich war Jan stolz auf seine Tante. Wer konnte schon von sich behaupten, eine Schlossbesitzerin in der Verwandtschaft zu haben?
„Dieses spitzbübische Lächeln“, sagte sie. „Genauso habe ich dich in Erinnerung.“
Der Besuch von Tante Amalie in Wien lag ja auch schon eine Weile zurück. Heute war Jan bei ihr zu Gast im böhmischen Schloss Krumau.
Die alte Dame wirkte gepflegt, war gediegen gekleidet. Der schicke Blazer und die Lippen leuchteten in Pink, ihrer Lieblingsfarbe. Ihr silberweißes Haar erinnerte Jan an Zuckerwatte. Mit ihrer großen, runden Brille glich sie ein wenig einer Eule. Sie sprach vornehm leise, aber bestimmt.
„Natürlich möchtest du wissen, ob sie nun tatsächlich ein Vampir war.“
„Na ja, wegen Eleonore bin ich ja hier. Du weißt sicher mehr, als bei den Führungen erzählt wird.“
„Alle, die ins Schloss Krumau kommen, wollen nur das eine wissen. Das Problem ist, dass du Vampire nur aus deinen schwachsinnigen Filmen kennst. Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Vergiss diese ungezügelte Fantasie von Regisseuren und Romanautoren!“
Die Tante blickte Jan prüfend an. Der Sticker in seinem rechten Nasenflügel schien ihr schon vom bloßen Hinsehen wehzutun. Er trug ein fliederfarbenes Hemd und eine Krawatte, die seltsam unpassend an ihm hing. Dazu ein Sakko, das deutlich zu weit war. „Du musst anständig gekleidet sein“, hatte die Mutter gemahnt. „Tante Amalie achtet auf so was!“ Natürlich hätte er sich jetzt in seinen Röhrenjeans, dem Polohemd und den bunten Air-Max-Schuhen bedeutend wohler gefühlt.
Die Tante bemühte sich nun zu erklären, dass die Wurzeln des Vampir-Mythos nicht im fernen Transsilvanien des Grafen Dracula, sondern genau hier, in Böhmen zu finden seien. Eigentlich wusste Jan durch die Mutter schon einiges über die Vampirprinzessin. Doch die Tante hatte versprochen, sich Zeit zu nehmen, um ihm die Hintergründe des Vampir-Mythos deutlich zu machen. Man könne Eleonore nur verstehen, wenn man in die damalige Zeit eintauche und bereit sei, sich auf die Schicksale der Menschen einzulassen.
Als Eleonore lebte, herrschte große Angst vor Untoten und Wiedergängern, die aus ihren Gräbern stiegen und sich über die Lebenden hermachten. Die Nacht war ihr Reich, Blut ihre Nahrung. Oft stand Eleonore im Schloss am Fenster ihres Schlafgemachs und beobachtete, wie die Krumauer gegen Mitternacht Gräber aufwühlten.
Tante Amalie erzählte nun mit solcher Leidenschaft, als wollte sie Eleonore für einige Augenblicke ins Leben zurückholen. Jan bewunderte ihre Fähigkeit, Menschen aus dem Dunkel der Geschichte heraustreten zu lassen.
„Ich will dir zunächst von Milan, dem Sohn des Wirts, berichten. Dann folgt die Geschichte von der kleinen Prinzessin, die in die große Welt hinausging und sich dort verirrte.“
Als es dämmerte, hüllte die untergehende Sonne die Grabsteine in ein magisches Licht. Bei Einbruch der Dunkelheit hoben mehrere Männer Gräber aus. Ihre Gestalten zeichneten sich schemenhaft gegen den Nachthimmel ab.
Das Graben fiel Milan schwer. Der Boden war verdammt hart. Der letzte heftige Winter mit ausgeprägtem Bodenfrost erschwerte die Arbeit. Milan blickte auf das einfache Grabkreuz, auf dem „Joseph Gruntherer“ stand. Milan hatte ihn gekannt. Er war oft im Gasthaus seiner Eltern gewesen. Seine hübsche Tochter hieß Marie. Das Grab wirkte immer gepflegt. Marie musste es erst vor Kurzem gegossen und bepflanzt haben.
Der Amtmann, der Pfarrer und der Messdiener wandelten wie Gespenster zwischen den Grabreihen. Sie trugen lange schwarze Roben und brennende Pechfackeln.
Am Friedhof von Krumau breitete sich eine Totenstadt von bizarrer, berührender Schönheit aus. Bäume und Grabsteine verschmolzen zu eigentümlichen Gebilden aus Holz und Stein und entwarfen ein düsteres Bild des Verfalls. Die Toten hier waren vom irdischen Jammertal befreit. Für die Menschen bedeutete der Tod lediglich einen Übergang von einem mühseligen Leben in die Freuden des Paradieses.
Milan wollte Joseph Gruntherer nicht ausgraben, doch der Amtmann hatte ihn dazu gezwungen. Maries Vater war eine fürstliche Jagd zum Verhängnis geworden. Dem Treiber waren zwei Schrotkugeln in die Schläfe gedrungen und er war auf einem Auge erblindet. Von heftigen Schmerz-Attacken geplagt, hatte er in seiner Verzweiflung den Kopf gegen Wände gestoßen.
Wenn sich Gruntherer nun tatsächlich als Untoter herausstellte, dann war die Verlobung von Karel und Marie geplatzt. Die Familie eines Vampirs wurde verachtet und gemieden.
Über den Dächern von Krumau leuchtete ein halber Mond. Milan erkannte einen Schimmer des weißen Marmorengels in der Mitte des Friedhofs. Der Bote Gottes stand für Trost und Hoffnung und wachte über die Seelen der Toten. Doch heute schien er keine Macht über diesen geweihten Ort zu haben.
Milan hatte nun etwas mehr als einen halben Meter geschafft. Er sprang in die Grube, spuckte in die Hände und grub weiter.
Dumpf und schwer hallten die Glockentöne der Veitskirche. Fledermäuse zuckten über den Abendhimmel.
Fünf Bürger aus Krumau wurden heute Nacht als Vampire verdächtigt. In der nächsten Grabreihe plagten sich weitere Männer mit dem harten Boden ab. Der kürzlich verstorbene Filip Horak war angeblich vor wenigen Tagen gegen Mitternacht vom Messdiener gesehen worden. Erwachte er in der Finsternis, um Blut und Leben zu schmecken? Die Menschen fürchteten nichts so sehr wie die Nacht, die voll wilder Tiere und gefährlicher Ungeheuer war.
Drei ausgegrabene Leichen waren von Maden entstellt und befanden sich in einem Zustand fortgeschrittenen Zerfalls. Der Verdacht, es könnte sich um Vampire handeln, bestätigte sich nicht.
Milan wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der dumpfe Geruch frisch ausgehobener Erde verbreitete sich um das Grab. Seinem Vater gehörte das Gasthaus „Zum Engel“. Die lallenden Gäste, der Geruch von Erbrochenem, die verqualmte Wirtsstube, das Gebrüll und die Schlägereien hatten sich ihm schon als Kind tief eingeprägt. Milan kannte die Gräber der Männer, die sich langsam und beharrlich zu Tode gesoffen hatten. Sie tranken Bier gegen die Sorgen, Enttäuschungen und Niederlagen.
Als Milan mit vierzehn stark genug war, musste er betrunkene Gäste im Schubkarren nach Hause schaffen. Oft waren das bis zu zwei Kilometer – das ging ganz schön in die Arme! Monat für Monat Seite an Seite mit diesen grobschlächtigen Menschen, das konnte nicht seine Zukunft sein.
Einige junge Männer waren heute aus bloßer Neugierde gekommen. Sie wollten wissen, wie eine Leiche nach Monaten im Grab aussah. Milan hörte, wie der Wind in den Bäumen rauschte, und beobachtete einen fetten Regenwurm, der sich schwach ringelte. Der Amtmann näherte sich.
„Grab Er nur weiter, Martinez!“, befahl er.
Gessl hatte eine schneidende, Respekt heischende Stimme. Er war ein übellauniger Menschenfeind mit dem Aussehen eines Raubvogels, der seine Beute nicht aus den Augen lässt, ehe er sich auf sie stürzt. Milan war vor wenigen Wochen von ihm ertappt worden, als er in einem Seitenarm der Moldau einen Fisch mit bloßen Händen gefangen hatte.
Es war kurz vor Mitternacht, da stieß Milans Spaten auf etwas Hartes. Ein dumpfes Dröhnen – endlich, da war er. Plötzlich nahm ihm der Geruch von Moder und Durchfeuchtung fast den Atem. Er musste nun mit Helfern an beiden Enden unter der Kiste Seile anbringen. Der Sarg von Joseph Gruntherer kam zentimeterweise rumpelnd und ruckelnd nach oben. Zwei Männer zertrümmerten den Deckel mit Spitzhacken.
Langsam ließ der Messdiener den Lichtstrahl über den Körper wandern. Die Augen hinter den geschlossenen Lidern waren tief eingesunken. Der Körper wirkte merkwürdig aufgedunsen, das Gesicht rosig. Der Amtmann kniff die Augen zusammen und trat näher heran, um im flackernden Licht seiner Fackel Gewissheit zu erlangen. Er sah die langen Fingernägel, die wie Klauen hervortraten. Im rechten Mundwinkel schimmerte frisches Blut.
Die Umstehenden fluchten und stießen wilde Verwünschungen gegen den Toten aus. Milan wandte sich ab. Er wollte nicht zusehen, wie die Vampir-Rituale an dem Toten vollzogen wurden.
„Nochmals zuschlagen!“, befahl Gessl.
Der Pfahl war nun so tief in den Leichnam eingedrungen, dass er sogar den morschen Sargboden durchbohrte.
„Er wird niemandem mehr schaden!“, sagte der Pfarrer und murmelte weiter seinen Rosenkranz.
Neben dem Kirchturm wurde ein Stoß Holz in Brand gesetzt. Die Leichen von Joseph Gruntherer und Wilhelm Malik, dessen Leichentuch blutdurchtränkt war, wurden ins Feuer geworfen. Nun...




