Klemm Herzmilch
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-85420-939-3
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-85420-939-3
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gertraud Klemm, geboren 1971 in Wien, aufgewachsen in Baden, Biologiestudium. Sie erhielt mehrere Stipendien und Förderpreise, zuletzt den Harder Literaturpreis 2012. Bisher erschienen: Höhlenfrauen. Erzählungen, 2006, Mutter auf Papier, 2010.
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2.
Am Abend sind wir komplett, wir kommen von überall; aus dem Büro, aus dem Geschäft, ich aus dem Staub mit den Käfern und Larven. Mein Bruder kommt zuletzt. Mein Bruder isst, schläft und scheißt bei uns, spricht aber nur im Notfall. So ist das mit Brüdern; alle meine Schulkolleginnen, die ältere Brüder haben, stöhnen unter ihnen. Ich stöhne nicht. Ich existiere einfach nicht, und es gibt Schlimmeres. Ich will und kann verschwinden, zwischen die Handflächen meiner Mutter, unter das Bett, aus den Seiten des Fotoalbums mit dem Spinnwebpapier dazwischen.
Bei meinem Bruder geht das nicht. Mein Bruder ist das Genie und seine Höchstleistungen ragen aus dem Durchschnitt empor: ausgezeichnete schulische Leistungen, Spitzenleistung im Sportlichen, überdurchschnittliche Merkfähigkeit. Das hat er von meinem Vater geerbt. Gemeinsam kennen sie alle Hauptstädte, alle Flüsse der Welt. Wenn ich ihn die Höhe von Bergen abprüfe, spricht mein Bruder sogar mit mir. Großglockner: 3798m! Grimming: 2352m! Hochschwab: 2277m! Traunstein 1691m! Bis die Berge Österreichs zur Neige gehen. Mein Bruder und mein Vater sind so klug. Aus mir kommen nur langgezogene Flötenklänge und Bilder von Pferden. Und Geschichten über meinen Wellensittich. Und Gebilde aus Holz und Federn, die ich gebastelt habe: magische Wunderwedel, Kreisgeflechte, Blumensterne. Wenn ich sie herzeige, nicken sie anerkennend, aber dann werde ich gefragt: »Schön. Aber was ist das?« Es ist immer ein Fragezeichen dabei. Es hilft dem Wunderwedel nicht, dass er zaubern kann, wenn er nicht etwas abbildet, das die Erwachsenen wiedererkennen können. Gezeichnete Pferde, gut proportioniert und sorgfältig angemalt, ohne dass die Stifte über die Ränder hinausfahren. Flötenstücke, die klar und richtig reproduziert werden. Die Füße in senkrechte Position gekippt, auf der Spitze der Ballettschuhe durch den Saal mit den Spiegeln gehen. Alles, was schön ist, gegen die Klugheit, die aus Zahlen entspringt. Berge, Schach, das Wetter. Meteorologie ist mehr als ein Steckenpferd für meinen Bruder. Jeden Tag liest er die Temperatur ab und trägt sie in eine Liste ein.
Ob sie ihn mehr lieben als mich?
Vater ist in der Arbeit, und dann kommt er heim und sitzt viel und liest. Er ordnet seine Fotos und schneidet Filme, die er auf den Bergen gedreht hat und unter Wasser und in den Wäldern. Alles im Sitzen. Mutter hingegen läuft immer. Ihr Haar wippt und das Geklacker der Stöckelschuhe gibt das Tempo an: am Morgen die Stiegen hinab, dann wieder hinauf und hinab, weil etwas vergessen wurde. Am Abend hinauf und in der Wohnung tauscht sie die Stöckelschuhe gegen Flipflops: ihr Klatschen gegen die Fußsohlen ist der Applaus dafür, wie sie in der Wohnung herumläuft, in und aus der Küche, in und aus dem Bad, wieder und wieder von der Küche ins Esszimmer, und dann zwischen den Kinderzimmern und dem Schlafzimmer hin und her. Dauernd muss sie etwas tun. Nur wenn sich die Katze auf sie legt, ist Ruhe.
Wir sind anständige Leute. Trotzdem essen wir auf dem kleinen Couchtisch wie Tiere, vornübergebeugt, auf dem Boden sitzend, weil man beim Essen eigentlich nicht fernsieht und deswegen der Fernseher im Wohnzimmer steht. Es schmeckt uns, während JR Sue Ellen betrügt. Sue Ellen ist hysterisch und trinkt Alkohol aus der Flasche. Wenn sie das tut, wankt sie und wird von JR verhöhnt. Wenn JR trinkt, dann aus einem Bleikristallglas.
Familien essen, was Papas schmeckt, und das schmeckt uns auch. Papas mögen keine Nudeln, keinen Reis, keine Süßspeisen. Am liebsten mögen Papas Gegrilltes, Gebackenes und Kartoffeln. Sie mögen Scharfes und sie lieben Salz. Für uns gibt es immer Salat dazu. Salat macht schlank, sagt meine Mutter. Ich stelle mir vor, wie der Salat von innen am Magen zieht, damit der Bauch sich nach innen wölbt.
In unserer Familie sind die Mutter und die Tante und die großen Cousinen dauernd zu dick. Sie essen nichts oder passen ein bisserl auf. Ich sehe sie nie nicht aufpassen. Wenn sie einmal unsichtbar maßlos waren, erfahren wir davon, weil Buße getan wird. Saure Milch und Semmel statt des Mittagessens, drei Tage lang. Uns Kindern ekelt. Das ist köstlich, sagen die Frauen. Das hält schlank. Ihr wisst ja nicht, was gut ist!
Es ist sehr wichtig, nicht dick zu werden. Es ist sehr wichtig, jünger geschätzt zu werden. Es ist eine Tragödie, alt und hässlich zu sein. Aber natürlich gibt es Wichtigeres!
Frisuren sind wichtig, Farbberatung, sich von der Seite betrachten und von hinten. Jedes Jahr beginnt mit einer Fastenkur, jeder Tag beginnt mit demselben mühevollen Ritual: Haare waschen, einsprayen, um die Bürste wickeln, den Fön daraufhalten, darüberkämmen, façonnieren, einsprayen. Die Haut mit Cremen betätscheln, Makeup auftragen, die Kleidung mit Bedacht wählen, sie zurechtzupfen, bis sie optimal fällt, den Schmuck dazu kombinieren. Sich kritisch betrachten und bestehen. Während wir schlafen, leistet meine Mutter all diese Arbeit an sich. Das macht sie jeden Tag, auch, wenn Sonntag ist, und auch, wenn es ihr nicht gut geht. Manchmal, wenn ich früher wach bin, darf ich mich neben sie setzen, auf meine Fersen, und zusehen. Wie sie geschickt mit der Rundbürste hantiert, alles spiegelverkehrt und ohne dass sich die Haare in der Bürste verkrallen. All das kommt auf mich zu, denke ich dann. Noch kann ich alles anziehen und einfach aufstehen und mich um das Zähneputzen drücken. Ein paar Jahre habe ich noch, in denen älter werden erstrebenswert ist, ich gehe einen Berg hinauf und weiß, auf der anderen Seite beginnt der Abstieg. Der Zeitrahmen, in dem ich erwachsen sein darf und nicht alt, wird kurz sein; bald wird mein Körper den Kampf gegen die Tragödie – alt und hässlich zu werden – aufnehmen müssen. Obwohl es nicht wie ein Kampf aussieht, sondern wie ein unverzichtbares Ritual. Das ist tröstlich. Die meisten Mütter machen das, weil sie alle frisiert und geschminkt aussehen, wenngleich keine so schön ist wie meine Mutter. Aber sie ist nicht nur schön. Ganz nebenbei räumt meine Mutter noch schnell zusammen und macht das Frühstück, für uns und für die Katzen, die ihr auf den Fersen sind, seit sie auf ist, erst maunzend und zeternd, dann an ihr hochspringend und kratzend. Und dann weckt uns die schöngemachte Mutter, einzeln, in mehreren Etappen, denn: Morgenmenschen sind wir alle nicht.
Manchmal kommen Gäste. Die Freundin der Mutter. Sie ist dick. Mit ihren schmalzig glänzenden Wangen und ihrem kernigen Lachen, das wie ein Motorengeräusch das Gespräch untermalt, macht sie einen fröhlichen Eindruck, egal, was die Mutter und die Tante nachher sagen. Dass sie dicker und dicker wird. Dass der Mann eine Jüngere hat und man ihm das nicht vorwerfen kann. Dass das ein Suizidversuch war, als sie damals so abrupt ins Krankenhaus musste. Sie bekommt eine Tasse Kaffee und beginnt fast augenblicklich mit dem ununterbrochenen Rauchen und Quatschen. Anfangs darf ich daneben sitzen und zuhören, wie sie Bekannte ausrichten. Noch eine Tasse und noch eine Tasse und immer eine Zigarette dazu. Wenn das Wohnzimmer vernebelt ist und ich vom Zuhören – Scheidungen, Frisuren und unmögliche Kleidung – mürbe geworden aus dem Raum gehe, beginnt das Flüstern, ganz ohne Lachen.
Manchmal kommen entfernte Onkel und Tanten, die gehen nach Hause, ohne Musik zu hören. Oder es sind Bürokollegen oder Universitätsprofessoren, die kommen eigentlich meines Vaters wegen und hören gerne Musik. Viele haben keine Kinder, oder sie lassen die Kinder zu Hause. Ihre Frauen dürfen manchmal mit. Die Männer sehen bedeutsam aus, die Frauen haben lackiert wirkende Lippen, und sie duften aus den immer hoch aufgetürmten Frisuren. Manchmal kommt die kluge Wissenschaftlerin, deren Haar fett angeklebt ist und die viel zu viele Falten hat und keinen Mann und keine Kinder.
Wir sind die Kinder, die freundlich inspiziert werden. Die Gesichter der Erwachsenen kommen uns sehr nahe und begutachten unser Wachstum. Wachsen ist unsere Pflicht, genauso wie aufessen, grüßen und das Kleid nicht anpatzen, bevor der Besuch weg ist. Der Besuch kennt uns nicht, aber unser Wachstum, unsere ordentliche Kleidung und unseren ersten Eindruck zu kommentieren ist eine Pflicht, die keiner auslässt. Zufrieden sind Erwachsene, wenn man sich danach unsichtbar macht; verzückt sind sie, wenn man Flöte spielt, Sprüche aufsagt, einen Knicks macht und sich danach unsichtbar macht.
Wenn Besuch kommt, ist es ganz leicht, meine Eltern glücklich zu machen. Dann lasse ich meine Hände über das Klavier oder die Flöte fliegen, ohne Noten, auswendig, und ich ernte Oohs und Klatschen dafür. Ein Lied reicht; ein zweites ist schon zu viel, das Klatschen verebbt und die Hand meines Vaters legt sich dann auf meinen Rücken und schubst mich sanft vom Klavierhocker. Die fremden Erwachsenen stellen Fragen, die mit Und? Beginnen. Und? Gehst du schon in die Schule? Und in welche Klasse? Und? Was willst du denn einmal werden, wenn du groß bist? Es ist sehr wichtig, etwas werden zu wollen. Ich möchte mit Tieren sprechen können, sage ich. Sie lachen. Dann schenkt mir ein Mann einen Riesenschlecker mit einer rot-gelben Spirale. Darf ich den essen? Lachen. Ja warum denn nicht? Ich soll keine Schlecker von Fremden nehmen. Wieder Lachen. Es ist etwas anderes, wenn die Eltern die Fremden kennen. Dann sind sie nicht mehr fremd, erklärt der Mann, seine großen, haarigen Hände legt er mir auf die Schulter und lacht, sein Lachen schlüpft durch die Handflächen und bringt meine Schultern zum Mitlachen. So ist...




