E-Book, Deutsch, Band 7, 160 Seiten
Reihe: Verbotene Liebe
Klessinger Verbotene Liebe - Folge 07
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1702-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Nacht mit Folgen
E-Book, Deutsch, Band 7, 160 Seiten
Reihe: Verbotene Liebe
ISBN: 978-3-8387-1702-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Julia ein paar Urlaubstage allein in Paris verbringt, begegnet ihr eine faszinierende junge Frau. Julia verlebt aufregende Stunden mit der geheimnisvollen Carolin und ahnt nicht, dass Carolin und sie eine Gemeinsamkeit haben: Jan!
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»Was wollen Sie für das Bild haben, Frau Mendes?« Der große grauhaarige Mann deutete auf ein Schwarzweißfoto, das im Flur der Arztpraxis hing, und sah Julia herausfordernd an.
Verlegen wich sie seinem Blick aus. »Das Bild ist leider unverkäuflich.«
»Schade. Aber wenn Sie Ihre Meinung ändern sollten, sagen Sie mir Bescheid. Ich sammle Fotokunst und bin bereit, dafür einen guten Preis zu zahlen.« Er reichte Julia die Hand. »Es tut mir leid, dass ich schon gehen muss. Aber was ich gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt.«
Der Mann gehörte zu Ricardos deutschen Patienten und hatte die Einladung zur Vernissage von Julias Fotoarbeiten gern angenommen. Sie hatten den Donnerstag ausgewählt, weil ihnen dieser Tag so kurz vor dem Wochenende am günstigsten erschienen war. Dafür hatten sie sogar ausnahmsweise auf den Praxisbetrieb verzichtet.
Dass dennoch zahlreiche Interessierte gekommen waren, hatte Julia überrascht. Aber Ricardo hatte viele Patienten, außerdem gehörte er zu einer der alteingesessenen Familien Mallorcas und beide, Ricardo und Julia, hatten einen großen Freundeskreis.
In der kleinen Praxis war es brechend voll gewesen, so viele Menschen waren zur Vernissage gekommen.
»Danke, dass Sie vorbeigeschaut haben«, sagte Ricardo, der hinzugekommen war, um den grauhaarigen Mann zu verabschieden. Der hatte seinen Arzt im ersten Moment in der dunklen Hose und dem blauen Hemd gar nicht erkannt.
»Nein, ich muss mich bedanken«, wehrte der Besucher höflich ab. »Die Bilder Ihrer Frau haben mir Mallorca noch einmal ganz neu gezeigt, obwohl ich schon zwanzig Jahre hier wohne.«
Er wandte sich an Julia und blickte sie wohlwollend an. Sie sah mit ihren langen blonden Haaren und dem ärmellosen schwarzen Kleid sehr elegant aus.
»Ihre Bilder sind ungewöhnlich«, lobte er. »Sie zeigen Mallorca aus einem anderen Blickwinkel. Manches hätte ich gar nicht wiedererkannt. Machen Sie weiter so, Sie haben das Zeug zu einer großen Fotografin.« Dann verabschiedete er sich von Julia und Ricardo.
Als auch die letzten Gäste gegangen waren, nahm Julia ein Tablett, um die leeren Sektgläser einzusammeln, die überall in den Praxisräumen standen. Sie war etwas benommen – ob von dem Sekt, den sie mit den Gästen getrunken hatte, oder vom Erfolg ihrer Ausstellung, hätte sie nicht sagen können.
Sie hielt das Tablett in der Hand und sah den Flur entlang, in dem ihre Fotografien hingen. Es waren Schwarzweiß-Aufnahmen von abgelegenen Orten Mallorcas.
Für die Ausstellung hatte Julia nur Landschaftsaufnahmen ausgewählt, auf denen keine Menschen zu sehen waren. Gerade das hatte viele der Gäste zunächst irritiert und dann begeistert, denn Mallorca ohne Menschen hätten sie sich vorher kaum vorstellen können.
Eine der Aufnahmen zeigte das Meer, das sich wie ein Spiegel bis zum Horizont erstreckte. Ein Gast hatte es als totenstill bezeichnet, es hatte nichts gemein mit dem typischen Foto vom Mittelmeer, dem azurblauen Wasser und dem obligatorisch blauen Himmel darüber.
Auf einem anderen Bild war eine schroffe Felswand zu sehen, die die linke Hälfte des Bildes einnahm und sich bedrohlich schwarz im Wasser spiegelte. Es erinnerte eher an ein Felsmassiv in den Dolomiten als an die sonnenbeschienene Steilküste Mallorcas.
Julia hatte die Aufnahmen zu unterschiedlichsten Tageszeiten gemacht, immer dann, wenn sie Zeit gehabt hatte und sich nicht um ihren Sohn Timo, die Arztpraxis ihres Mannes Ricardo oder die große Finca hatte kümmern müssen.
Julia konnte Stunden damit verbringen, das passende Bild zu suchen. Oft musste sie dann lange warten, bis der Ort, den sie festhalten wollte, menschenleer war. Wenn sie auf den Auslöser drückte, war es, als würde sie die Zeit einfrieren.
Hatte sie einen solchen Augenblick dann verewigt, spürte sie ein tiefes Glücksgefühl in sich. Julia liebte diese Fototouren, auf denen sie ihren Alltag hinter sich lassen und ganz im Augenblick leben konnte.
Sie zuckte zusammen, als Ricardo seinen Arm um sie legte.
»Du bist ja ganz fasziniert von deinen eigenen Werken.« Er lachte.
»Entschuldige, ich war in Gedanken versunken. Ehrlich gesagt bin ich selbst erstaunt, dass ich so schöne Bilder zustande bringe.«
»Und was hast du dich aufgeregt, als ich dir vorgeschlagen habe, du könntest wieder fotografieren. Nie wieder!«, machte Ricardo ihre Stimme nach.
»Man soll eben niemals nie sagen«, konterte Julia.
»Niemals mache ich eine Ausstellung!« Wieder imitierte Ricardo seine Frau und beide mussten lachen.
»Ich hatte einfach Angst, mich bis auf die Knochen zu blamieren – und dich dazu. ›Die Frau des Doktors macht jetzt auf Kunst‹, hätte es geheißen und alle hätten gelacht.«
»Jetzt wissen sie, dass die Frau des Doktors richtig gute Kunst macht. Die Leute wollen sie sogar kaufen, aber du rückst deine Werke ja nicht raus. Oder willst du nur den Preis in die Höhe treiben?«
»Quatsch. Die anderen Bilder würde ich schon verkaufen, nur dieses nicht«, sagte Julia.
Ricardo betrachtete das große Strandbild, an dem der grauhaarige Mann sich so interessiert gezeigt hatte. »So aufregend finde ich es gar nicht. Du hast wirklich bessere Bilder gemacht.«
»Dr. Mendes?«, rief Dolores aus einem der Untersuchungszimmer. »Soll ich die Zimmer wieder einräumen?«
Die ältere Sprechstundenhilfe tauchte mit einem Ultraschallgerät in der Hand im Flur auf. Auch in den Untersuchungszimmern hingen Julias Bilder, und sie hatten als Vorsichtsmaßnahme vor der Veranstaltung die teuren medizinischen Geräte bei Seite geräumt.
Dolores war schon bei Ricardos Vater, dem alten Dr. Antonio Mendes, Sprechstundenhilfe gewesen. Da sie nicht mehr die Jüngste war, teilte sie sich ihre Stelle nun mit Julia. Seit einiger Zeit arbeiteten beide halbtags in der Praxis, Julia am Vormittag, während Timo in der Schule war, und Dolores am Nachmittag. Ricardo konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne die beiden auskommen sollte.
»Warten Sie, Dolores«, rief er und ging ihr entgegen, »ich helfe Ihnen.«
Julia betrachtete das Strandbild. Es war ihr Lieblingsbild. Niemals hätte sie es weggegeben. Sie wusste noch genau, wann sie es gemacht hatte. Es war an ihrem und Jans Geburtstag gewesen. Mit Timo und Ricardo hatte sie morgens ausgiebig gefrühstückt, und das war es auch schon gewesen.
Es hatte Jahre gedauert, bis sie Ricardo davon hatte überzeugen können, dass sie ihren Geburtstag nicht feiern wollte. An diesem Tag würde sich alles nur um sie drehen, und das wäre ihr zu viel, hatte sie ihm versichern können.
Ricardo wusste nichts von ihrer Familie, ihrer Herkunft, ihrem Leben auf dem Schloss der von Anstettens. Er wusste vor allem nichts von ihrem Zwillingsbruder und ihrer verbotenen Liebe zu ihm. Niemand hier wusste etwas davon.
Auf Mallorca war sie Julia Mendes, die Frau des Doktors, des erfolgreichen Neurochirurgen. Sie managte seine Praxis und viele Patienten nannten sie deshalb auch »Frau Doktor«, was Julia jedes Mal energisch abwehrte und Ricardo zum Schmunzeln brachte.
Am Abend ihres Geburtstags war Julia allein gewesen, Ricardo hatte noch in der Praxis gearbeitet und Timo war schon im Bett gewesen. Sie hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten und war mit ihrer Kamera losgezogen. Andere gingen joggen, wenn sie entspannen wollten, Julia ging fotografieren.
Sie ließ ihren Blick langsam über das Bild wandern. Es war perfekt, alles stimmte, die Belichtung, der Blickwinkel, das Motiv. Nur Kunst, die aus Schmerz geboren wird, ist wirklich gut, hatte sie einmal gehört. Auf dieses Bild traf es zu.
Es zeigte nichts als einen leeren, aufgewühlten Sandstrand und dahinter das Meer, und es erzählte doch so viel mehr. Vorn im Bild war ein vergessener Ball zu sehen, er zeugte vom Glück des Tages, von ausgelassenen Spielen und fröhlichen Menschen, die sich vielleicht das ganze Jahr auf diesen Urlaub gefreut hatten. Die mit ihrer Familie oder mit ihren Freunden gekommen waren. Oder mit ihrem Liebsten, wie Julia damals auch.
Das Bild hatte schon viele fasziniert, es war im Dämmerlicht aufgenommen worden und die Schwarzweiß-Aufnahme verstärkte die Verlassenheit des Ortes noch. Die Betrachter versuchten, die Geschichte des Bildes zu rekonstruieren. Wem könnte der Ball gehört haben? Was haben die vielen Fußspuren im Sand zu bedeuten?
Fragen, die auch Julia nicht beantworten konnte. Sie hatte nur ihre Erinnerung an diesen Strand und hütete sich davor, auch nur einem Menschen davon zu erzählen.
Am Abend ihres Geburtstages war sie ziellos über die Insel gefahren. An einer Bucht hatte sie angehalten und war zum Strand gegangen. Julia erinnerte sich noch daran, wie erstaunt sie gewesen war. Der Strandabschnitt hatte ausgesehen wie der auf Lanzarote. Mit der spitz zulaufenden Bucht, den Felshügeln und der kargen Vegetation. Auch das Licht war ähnlich gewesen, ein mildes Dämmerlicht.
Windstill war es gewesen, der Strand verlassen, damals, als sie mit Jan dort gewesen war. Sie hatten einen herrlichen Tag gehabt, den schönsten ihres Liebesurlaubs. Endlich hatten sie den Mut gehabt, das Tabu zu brechen und ihre Liebe zu leben. Wie ein glückliches Kind war Julia ins Wasser gelaufen.
Jan hatte noch einen Paparazzo verscheucht – eine Julia von Anstetten im Bikini gab immer ein gutes Motiv ab.
Allerdings hatte sie sich seitdem oft gefragt, was genau der Paparazzo von ihnen gewollt und ob er von ihrem Geheimnis gewusst hatte. Sie hatte sich noch einmal zu Jan umgedreht, ihm zugewinkt, dann war sie tiefer ins Wasser gegangen...




