Kleve / Coith / Spallek | Versunken | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 123 Seiten

Kleve / Coith / Spallek Versunken


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98756-797-1
Verlag: Littera Magia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 123 Seiten

ISBN: 978-3-98756-797-1
Verlag: Littera Magia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Geheimnis einer Flaschenpost, ein unerreichbar scheinendes Heilkraut, zwei ungleiche Liebende- versinkt in fantasievolle Welten unter den Wellen!Die Anthologie vereint vier queere Geschichten und ist liebevoll illustriert. Wer also das Meer und dessen Wunder liebt, wird hier fündig.

Aufgewachsen im Bergischen Land hat Anna Kleve schon früh ihre Liebe zu Büchern entdeckt. Kein Wunder, da eine Wand ihres Kinderzimmers mit einem großen Bücherregal vollgestellt war, in dem alle Bücher aufbewahrt wurden. Zuerst alle möglichen Bücher gelesen - alles was ihre Mutter so angesammelt hatte - stieß sie irgendwann auf den Bereich der Fantasie und blieb dabei. Schon als sie damit begann erwachten in ihren Gedanken fantastische Geschichten, die sie irgendwann aufzuschreiben begann. So begann ihre Geschichte und dazu sagt sie auch: Fantasie ist wie ein Schmetterling, hauchzart und kann in alle mögl
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Wellentänzer
Anna Kleve


Lijan

Mit dröhnendem Kopf wachte ich auf. Das war nichts Neues und es wurde immer schlimmer, unerträglicher, anstrengender. Ich unterdrückte das schmerzerfüllte Stöhnen. Anderenfalls hätte ich meinen Onkel Sarat geweckt, der auf seinem Seegrasbett friedlich am Schlafen war.

Langsam und möglichst leise stemmte ich mich hoch und stockte, als Schwindel mich erfasste. Als die Höhle aufhörte sich zu drehen, setzte ich mich vollständig auf und sog so leise wie möglich das Wasser in meine Kiemen ein.

Sie brannten.

Kleine Wellen kräuselten sich an meiner Haut.

Vorsichtig schwamm ich einen Moment später los, auch wenn die Heilkundige immer betont hatte, dass ich möglichst im Bett sollte. Doch ich konnte nicht liegen bleiben.

Er brauchte mich, kam in meiner Welt nicht alleine zurecht und wenn ihn die anderen in seiner verwandelten Gestalt erwischen würden, wäre das sein Todesurteil. Alleine der Gedanke verkrampfte mein Herz in eisigem Schmerz. Ich unterdrückte die Vorstellung, ihn tot zu sehen. Zu schrecklich.

Und er war am Leben. Das rief ich mir immer wieder ins Gedächtnis.

Es entspannte mich etwas.

Gleich würde ich bei ihm sein.

Diese Tatsache vertrieb alle Kälte und ließ mein Herz freudig schneller schlagen. Wie immer, wenn ich an unsere Treffen dachte.

Und da stieß ich gegen die große Essensmuschel und biss mir auf die Zunge, um zu verhindern, dass ich laut aufschrie. Die Muschel jedoch schrammte laut über den Höhlenboden. Schockiert erstarrte ich dabei.

Ein leises Brummen erklang.

»Lijan?«, fragte mein Onkel mit schlaftrunkener Stimme.

»Ich wollte etwas für meinen Kopf holen«, flüsterte ich und hoffte nur, dass diese Ausrede anschlagen würde.

»Ich dachte, dass Mija dir gestern noch Algenauflagen gebracht hat«, erwiderte Sarat und richtete sich etwas auf.

»Ich wollte mir ein wenig Seeigeltee holen«, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, bevor ich den Kopf verlor.

»Mach nicht zu lange«, forderte mein Onkel mich auf und sank zurück auf sein Algenbett.

»Natürlich«, murmelte ich nur und schwamm hinaus.

Vorsichtig und so leise wie möglich glitt ich durchs Wasser. Immer wieder ließ ich meinen Blick aufmerksam hin und her zucken, um nichts zu übersehen.

Dann erreichte ich das Gelände der Heilkundigen, das zu durchqueren nötig war, um letztlich zu den Lavahöhlen zu gelangen. Im Gegensatz zu mir brauchte mein Schützling wesentlich mehr Wärme, um zu überleben. Ich atmete erneut tief ein, obwohl meine Kiemen dadurch wieder wie verrückt brannten. Anschließend bemühte ich mich darum normal zu erscheinen. Dabei schwamm ich zwischen den steinernen Höhlentürmen entlang. Mir wurde zum Glück keine große Aufmerksamkeit geschenkt.

Lediglich Safida, die Gefährtin der Obersten, bedachte mich mit einem längeren Blick, dessen Eindringlichkeit mich erschauern ließ.

Sofort beschleunigte ich meine Bewegungen, um dem zu entkommen, auch wenn das weh tat. Schließlich warf ich einen Blick zurück, aber Safida blieb auf ihrem Vorsprung hocken und behielt das Meer über uns genau im Auge. Hielt sie nach Anzeichen für einen neuen Sturm Ausschau? Alleine daran zu denken erfüllte mich mit Aufregung.

Alle von uns liebten Stürme.

Seit Monaten war mein Zustand nicht gut genug um mit den anderen an die Oberfläche des Meeres zu schwimmen, wenn es soweit war. Ich konnte ihnen immer nur mit Wehmut hinterher sehen. Ein freudiger Flatterschlag meines Herzens vertrieb diese Gefühle, denn der letzte große Sturm hatte ihn zu mir gebracht. Eilig schwamm ich weiter, um möglichst schnell zu ihm zu gelangen.

Und dann kam ich an den Lavahöhlen an, wo dass Wasser deutlich wärmer war, als an vielen anderen Orten im Ozean.

»Ruben?«, fragte ich leise und sah eine dunkle Schwanzflosse in der Nische hinter dem Seegrasvorhang verschwinden. Ein Seufzen entkam mir und Sorge durchfraß mein Inneres. Verwandlungen war ich gewohnt. Mein Volk verwandelte sich seit jeher in Wasserpferde. Seine Verwandlung war anders, aber eben auch nur eine Verwandlung. Lediglich das Wesen, in das er sich verwandelte beunruhigte mich ziemlich.

»Du sollst doch nicht so herumschwimmen. Man fürchtet sich vor Steinfischen«, sagte ich mahnend, getrieben von dieser Besorgnis.

»Ich musste mich etwas bewegen, aber ich bin nicht weit geschwommen«, gab Ruben zurück.

Dabei ließ ich es lieber bewenden. Ich hatte nicht vor die kurze Zeit, die wir zusammen hatten, mit streiten zu verbringen.

»Ja«, murmelte ich nur und ließ mich an der Wand neben dem Pflanzenvorhang nieder, lehnte mich mit dem Rücken gegen den warmen Stein. Ein gebräunter Arm schob sich zwischen dem Seegras hervor und legte sich um mich. Diese zärtliche Berührung war schöner als jede Umarmung, die ich je gespürt hatte. Zufrieden seufzend legte ich eine Hand über seine. Sie war so wundervoll warm und weich.

Ruben

»Erzähl mir noch einmal von den Sternen«, bat Lijan mit leiser Stimme.

Ich rückte etwas näher an das Seegras heran und musste mich zusammenreißen, um den Kopf nicht hindurch zu stecken und ihn auf die wellengleichen Haare zu küssen.

Doch der Gedanke, dass er fliehen würde, sobald er mein Gesicht sehen würde, hielt mich zurück.

»Der Himmel in den Nächten funkelt von Sternen. Kleine leuchtende Punkte am Himmel. Die Seelen der Toten steigen zum Himmel auf und so werden neue Sterne geboren. Und um den Lebenden beizustehen, zeigen die Seelen einem mit ihrer Position am Himmel den Weg. Sie führen Reisende und auf dem Meer helfen sie auf besondere Weise den Weg zu finden«, erzählte ich leise, was er schon wissen musste.

Ich konnte nicht genau sagen, wie oft wir schon über die Sterne geredet hatten und doch hörte er jedes Mal mit derselben Faszination zu, wie beim ersten Mal. Doch mir ging es nicht so anders, wenn er mir von den Geschichten aus dem Ozean erzählte. Seine tiefe, warme Stimme klang so unglaublich angenehm und ich hätte ihm ewig zuhören können.

»Irgendwann werde ich mir die Sterne ansehen«, murmelte Lijan nicht zum ersten Mal.

»Du weißt, dass das zu gefährlich für dich ist«, sagte ich mahnend und spürte die Sorge wie eine drückende Last auf meiner Brust. »Wenn die Menschen dich von ihren Schiffen aus sehen, werden sie dich töten. Man hält dein Volk für wahre Bestien.«

»Ich weiß.«

Lijan seufzte leise.

Für kurze Zeit war es still und ich genoss mit allen Sinnen, dass er in der Nähe war und dass ich ihn zumindest ein wenig spüren konnte. Selbst wenn ich ihn niemals in den Arm nehmen konnte.

»Hattest du noch einen Schwindelanfall?«, fragte ich mich und erinnerte mich an einen Vorfall kurz nach unserer ersten Begegnung. Damals war er fast zusammengeklappt.

»Nein.«

Erleichterung erfüllte mich. Dieses Ereignis beschäftigte mich immer noch. Dabei hatte Lijan mir versicherte, dass alles in Ordnung war.

»Meine Cousine hat mir etwas verrücktes über Delfine erzählt«, berichtete er mir, fuhr angenehm mit seinen Fingern über meinen Arm.

»Ja? Was denn?«, erkundigte ich mich nicht ohne Neugier.

Lijan lachte leise.

»Delfine, die mit einem Kugelfisch Ball gespielt haben und dann waren die total neben der Spur. Sie sind rumgeeiert, getorkelt, im zickzack geschwommen und haben sich echt aufgeführt, als wären sie auf einem Ball für Wassertiere oder so«, erzählte er.

Die Vorstellung ließ auch mich lachen. Mir auszumalen, wie das ausgesehen haben musste, war wirklich komisch.Die Bilder formten sich schnell in meinem Kopf und ich streckte die zweite Hand durch den Seegrasvorhang, während die Magie in mir knisterte und brodelte. Innerhalb von wenigen Augenblicken zeichneten sich die Bilder aus meiner Vorstellung im Wasser ab.

»Wahnsinn«, hauchte Lijan und lehnte sich vor.

Nur langsam legte sich meine Magie. Bevor ich meine Hand wieder zurückziehen konnte, hatte er danach gegriffen und zog sie zu sich, drückte mir einen federleichten Kuss in die Handfläche.

So weich, angenehm und kribbelnd.

Mein Herzschlag beschleunigte sich.

Ich seufzte genießerisch.

»Ich würde dich zu gerne sehen«, flüsterte er nicht zum ersten Mal.

»Bitte. Ich will nicht, dass du das siehst«, wisperte ich und schloss leicht gequält die Augen.

»Du bist warm und wundervoll und gut. Nichts ändert etwas daran«, sagte er zärtlich und ich schluckte ergriffen.

Mir kamen fast die Tränen, so gerührt war ich. Deutlich merkte ich, dass ich viel zu lange alleine gewesen war und einsam.

»Ich kann nicht«, hauchte ich und verkrampfte mich.

Erneut drückte Lijan mir einen Kuss auf die Handfläche, ehe er mich losließ.

»Ich muss jetzt wieder verschwinden, Ruben. Meine Familie wird sich sonst fragen, wo ich bleibe«, murmelte er voller Bedauern und ich spähte durch das Seegras hinaus, konnte kurz sein feingeschnittenes Profil erkennen.

Dann war er verschwunden und ich lehnte mich seufzend zurück, spürte den Stein in meinem Rücken. Ich wünschte mir so sehr, dass die Dinge anders liegen würden.

Lijan

Safida nickte mir ernst zu und ich schluckte nervös.Wusste sie etwas? War es möglich, dass sie mitbekommen hatte, dass ich ein fremdes Wesen in den Vulkanhöhlen versteckte? Der Gedanke verkrampfte meinen Magen. Ruben durfte mich auf keinen Fall für einen Verräter halten. Ob er das tun würde, wenn jemand plötzlich über ihn Bescheid wusste? Ich würde es nicht aushalten, wenn er das von mir denken würde.

Kurz...



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