E-Book, Deutsch, Band 8, 280 Seiten
Reihe: Hauke Holjansen ermittelt
Klier Ostfriesische Gier. Ostfrieslandkrimi
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95573-503-6
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 8, 280 Seiten
Reihe: Hauke Holjansen ermittelt
ISBN: 978-3-95573-503-6
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Am Upstalsboom in Aurich wird die erst siebzehnjährige Elske ermordet aufgefunden, einen goldenen Taler fest umklammert in der Hand. Schnell wird klar: Der Fundort ist nicht der Tatort. Doch wer hat die Tote zum Upstalsboom gebracht, der symbolträchtigen friesischen Versammlungsstätte aus längst vergangenen Zeiten? Hauptkommissar Hauke Holjansen und seinem Kollegen Sven Ohlbeck offenbart sich ein erschreckendes Geflecht aus Gier, Bestechung und Leid. Die Spur der Ermittlungen führt ausgerechnet zu Edo Boysen, dem Chef des örtlichen Jugendamts und einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Aurichs. Doch nicht nur er gerät ins Visier der Fahnder, sondern auch Elskes eigene Freunde und ihre Familie. Die Lösung des Falls könnte in einem mysteriösen zweiten goldenen Taler liegen, den Elske vor allen verbarg und der seit ihrem Tod spurlos verschwunden ist...
In der „Hauke Holjansen ermittelt“ - Reihe sind erschienen:
1. Lazarusmorde
2. Die schwarze Perle
3. Ostfriesische Rache
4. Friesische Zerstörung
5. Das letzte Ultimatum
6. Tödliche Wappen
7. Ostfriesisches Erbe
8. NEU: Ostfriesische Gier
Alle Ostfrieslandkrimis von Andrea Klier können unabhängig voneinander gelesen werden.
Andrea Klier ist eine sehr erfolgreiche deutschsprachige Autorin. Bereits in ihrer Kindheit wollte sie Schriftstellerin werden. Ihr Roman-Debüt wurde auch ins Chinesische übersetzt und mit dem Literatur- preis »Die Kalbacher Klapperschlange« ausgezeichnet. Im Klarant Verlag ist die bekannte Ostfrieslandkrimi-Serie „Hauke Holjansen ermittelt“ erschienen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Ihlowerfehn am gleichen Abend
Der Wind wehte von Norden, als Bauer Ludwig das Haus verließ. Er schlug den Kragen nach oben und sah sich in der Dunkelheit nach allen Seiten um. Es war niemand auf der Straße zu sehen.
Nur schnell fort von hier, dachte er und setzte sich in Bewegung. Er beschleunigte seinen Schritt, doch als er um die Ecke bog und gerade erleichtert ausatmen wollte, versperrte ihm eine dunkle Gestalt den Weg.
„Na, du alter Schwerenöter, noch so spät unterwegs?“
Ludwig wich erschrocken zurück und blickte in ein höhnisches, breit grinsendes Gesicht.
Ocke Bracks! Dieser Mann war so ziemlich der Letzte, dem er hatte begegnen wollen.
Noch ehe er reagieren konnte, presste ihm Bracks Mittel- und Zeigefinger in die Brust. „Bist wieder bei dieser Nutte gewesen, hä?“
„Was erlaubst du dir?“, wehrte Ludwig sich. „Und wovon redest du überhaupt?“
„He, tu nich blöder, als du bist“, fuhr Bracks ihn an. „Ich rede von Mareike, die du neuerdings besuchst. Wenn das deine Alte mitkriegt, bist du erledigt.“
„Ich war nicht bei Mareike, sondern spazieren.“
„Das erzähl mal deiner Frau, aber nicht mir. Ich hab dich reingehen sehen. Ich beobachte das schon seit zwei Wochen.“
„Was willst du?“
Bracks grinste erneut. „Dreimal darfst du raten. Moneten, und zwar dafür, dass ich dich nicht verpfeife.“
Ludwig ballte die Hand zur Faust, aber Bracks war schneller. Er verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube, packte ihn mit beiden Händen am Kragen und schleuderte ihn an die Häuserwand. „Los, rück raus, was du hast, oder ich sorg dafür, dass du durch die Hölle gehst, und diese Schlampe gleich mit. Ehebruch kommt bei deiner Hermine nicht an. Die setzt dich auf die Straße. Und da ihr der Hof gehört, kannst du in deinem Alter höchstens noch als Hilfsarbeiter bei deinen Kumpels unterkommen.“
Er griff dem Bauern in die Jacke und zog dessen Geldbörse hervor. „Wollen mal sehen, was du so mit dir rumschleppst.“
„Nur ’nen Hunderter.“
„Na, da is er ja schon“, grinste Bracks und vergriff sich auch an dem Kleingeld. „Reicht fürs Erste“, brummte er und ließ Scheine und Kleingeld in seiner Hosentasche verschwinden.
„Was meinst du mit fürs Erste?“
Bracks schlug ihm mit der flachen Hand auf die Stirn. „Schalt mal dein Hirn ein. Ich will natürlich mehr. Ich muss ja noch den anderen bezahlen.“
„Welchen anderen?“
„Geht dich nichts an. Hab eben Unkosten, und die hol ich mir jetzt von dir zurück.“
„Einen Dreck wirst du.“ Weiter kam er nicht, da Bracks ausholte und ihm einen weiteren Schlag, diesmal in die rechte Schulter, verpasste.
„Du zahlst oder du bist geliefert.“ Er steckte den geplünderten Geldbeutel wieder in Ludwigs Tasche zurück. Erneut presste er ihn an die Hauswand und klatschte Ludwig einige Male auf die Wange. „Geht doch, jetzt kannst du nach Hause und den braven Ehemann markieren.“
Er tippte sich mit dem Finger an die Mütze. „Bis zum nächsten Mal“, grinste er und drehte sich um. Vergnügt vor sich hin pfeifend, stapfte er davon und ließ Ludwig wütend zurück.
„Dafür wirst du bezahlen.“ Ludwig ballte die Hände. „Ich schwöre dir, dass du dafür bezahlst.“
*****
Ihlowerfehn am nächsten Morgen
Elske durchschritt im Ihlower Forst den Zugangsweg zum Kloster und betrachtete die Banner mit den Aussagen zur Friesischen Freiheit. Um die Symbolik des Kunstwerks zu unterstreichen, waren bunte Bänder, Fahnen und Tücher in den Farben der ostfriesischen Flagge zwischen den Bäumen gespannt worden. Sie wehten munter im Wind, um auf künstlerische Weise den Brückenschlag zwischen der Unabhängigkeit der Friesen und dem Leitspruch der Zisterziensermönche, ‚ora et labora‘, ‚bete und arbeite‘, herzustellen.
Elske musste sofort an das Upstalsboom-Siegel denken und fasste sich an den Hals. „Freiheit“, murmelte sie und lief nachdenklich weiter, ohne die Hand von der kreisrunden Scheibe zu nehmen, die sie unter ihrer Jacke fühlte.
Ich bin erst siebzehn, überlegte sie, und erneut kroch die Angst in ihr hoch. Sie atmete tief durch und verscheuchte ihre Bedenken. Stattdessen dachte sie an die Zukunft und an das, was vor ihr lag. Bald schon tauchte das Gerippe der Klosterkirche Ihlow auf und riss sie aus ihren Gedanken.
„Monasterium Sanctae Mariae in Schola Dei“, murmelte Elske und blieb andächtig vor der Rekonstruktion des Klosters der heiligen Maria, die Schule Gottes, stehen.
Elske hielt einen Moment lang inne und ließ den Blick über die Anlage schweifen. Die frühere Zisterzienserabtei, die sich über die Wipfel von Buchen, Eichen und Linden erhob, war nur zum Teil rekonstruiert worden. Pfeiler aus Stahl und Holz bildeten das Gewölbe und den Dachreiter nach. Das Gelände selbst wurde von immergrünen begehbaren Mauern umrahmt, deren Matten aus Stahlgittern mit Efeu überwuchert waren und die die Außenwände der ehemaligen Backsteinkirche nachstellten.
Obwohl, oder vielleicht gerade weil, es nur ein Gerippe war, wurde die Vorstellungskraft angeregt, wie das Leben der Mönche innerhalb der früheren Klosteranlage ausgesehen haben könnte.
Elske sah nach oben zur Spitze des Dachreiters in fünfundvierzig Meter Höhe und fragte sich, wie die Menschen damals diese architektonische Meisterleistung bewerkstelligen konnten.
Ihr Blick wanderte weiter zur südlichen Seite, an der sich der Klostergarten anschloss. Im Sommer blühten dort Blumen, und in den vier Themengärten wuchsen Stauden, Büsche und zahlreiche Kräuter.
Elske war schon oft über die acht Pfade gewandelt und hatte einiges über die Wirkung der Pflanzen im Mittelalter gelernt.
Als ein Tier neben ihr im Gebüsch raschelte, riss sie sich von ihrer Betrachtung los. „Mein Pilgerweg endet hier“, flüsterte sie und sah auf die Uhr. Es blieb ihr weder Zeit, durch den archäologischen Park zu schlendern, noch, den Raum der Spurensuche, den der Stille oder den Klostergarten aufzusuchen.
Elske zuckte bedauernd die Schultern. Als eine Wolke die Sonne bedeckte, lief sie weiter Richtung Klosterteich und lauschte den Vögeln in den umliegenden Bäumen, deren Gesang sie auf ihrem Weg begleitete.
*****
Keuchend schlug er sich durch das Gebüsch und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund. Dieses Miststück war ihm entwischt. Hektisch sah er sich um, doch er konnte sie nirgendwo mehr entdecken.
„Das wird sie mir büßen“, fluchte er und stolperte weiter durch den Wald, vorbei an Wällen und Schutzgräben. Grimmig blickte er auf die im umliegenden Waldgebiet noch zu erkennenden Wölbäcker. Diese Felder waren im Mittelalter durch eine spezielle Pflugtechnik entstanden und prägten die charakteristische wellenartige Ausformung des Bodens, doch wie üblich gönnte er dem Landschaftsbild keinen Blick.
Die Wut, die ihn gestern unkontrolliert gepackt hatte, war noch immer nicht verflogen, und jetzt würde er die Sache ein für alle Mal beenden.
Endlich schimmerte ein Fetzen blau vor ihm auf. Er hatte sie wiedergefunden. Sicher war sie auf dem Weg zu einem der Fischteiche, also beschleunigte er seinen Schritt, um ihr auf den Fersen zu bleiben.
Erneut brodelte die Wut in ihm auf. Wenn er sie endlich in die Finger bekam, würde er ihr zeigen, wer das Sagen hatte. Dem anderen hatte er bereits die Fresse poliert. Elske sollte ihm dankbar sein, dass er das gleich heute erledigt hatte. So wie der Kerl ausgesehen hatte, wütend und verzweifelt zugleich, hätte er sie höchstwahrscheinlich bei einer Begegnung erwürgt.
Abrupt stoppte er seinen Lauf, denn Elske tauchte vor ihm auf und ließ sich am Weiher auf einem Baumstumpf nieder. Er ging in Deckung und wartete.
Elske öffnete ihre Jacke und fasste unter ihren Pullover. Etwas Goldenes blitzte im Sonnenlicht auf.
Das Upstalsboom-Siegel, schoss es ihm durch den Kopf. Der alte Grieme hatte nicht gelogen, als der ihm verraten hatte, dass er Elske mit diesem Siegel in der Hand in Aurich gesehen hatte. Das Siegel mit der Jungfrau Maria.
Das ist echtes Gold, hatte sie angeblich in sich versunken gemurmelt und war, den Blick fest auf das Goldstück gerichtet und ohne ihre Umgebung wahrzunehmen, an dem Alten vorbeigegangen.
Echtes Gold, hallte es in ihm nach. Gold und nicht Bronze. Das Original dieses Sekretsiegels konnte es nicht sein, denn der mittelalterliche Stempel war in Groningen erhalten geblieben und wurde sicher verwahrt. Er wusste aber, dass die Ostfriesische Landschaft für eine Ausstellung Abdrücke in Goldbronze und Neusilber hatte herstellen lassen, die ab 2003 für Auszeichnungen verwendet wurden.
Sicher war Elske durch ihre Kontakte an eine Kopie in Gold geraten, allein der Goldwert war nicht zu verachten.
Er schlich einige Schritte näher zu ihr, doch sie schien ihn nicht zu bemerken. In sich versunken betrachtete sie ihren...




