Klier | Ostfriesisches Erbe. Ostfrieslandkrimi | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 7, 300 Seiten

Reihe: Hauke Holjansen ermittelt

Klier Ostfriesisches Erbe. Ostfrieslandkrimi


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95573-491-6
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 7, 300 Seiten

Reihe: Hauke Holjansen ermittelt

ISBN: 978-3-95573-491-6
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die ostfriesische Insel Borkum erlebt düstere Zeiten. Ein Arzt wird tot aufgefunden, mit den Stichwunden einer Harpune, und der Besitzer einer Lebensmittelkette wird erpresst. Gibt es zwischen den Fällen einen Zusammenhang? Hauptkommissar Hauke Holjansen und sein Kollege Sven Ohlbeck werden auf die Insel geschickt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Ihre Ermittlungen führen sie zu Brun van der Heyde, dem Besitzer einer renommierten Privatklinik. Er ist schwer krank, und etliche Personen sind an der Änderung seines Testaments interessiert. Als ein weiterer Harpunenmord geschieht, stellt sich die Frage: Geht es um Rache oder steckt ein gigantisches Erbe dahinter? Die Serie der Verbrechen reißt nicht ab, und die Kommissare stoßen immer tiefer in ein schier endloses Netz krimineller Machenschaften...



Andrea Klier ist eine sehr erfolgreiche deutschsprachige Autorin. Bereits in ihrer Kindheit wollte sie Schriftstellerin werden. Ihr Roman-Debüt wurde auch ins Chinesische übersetzt und mit dem Literatur- preis »Die Kalbacher Klapperschlange« ausgezeichnet. Im Klarant Verlag ist die bekannte Ostfrieslandkrimi-Serie „Hauke Holjansen ermittelt“ erschienen.
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Prolog


Alles ist in Bewegung, alles verändert sich im ständigen Auf und Ab des ewigen Lebens.

(Schild mit Welle im Laden von Folina Harms. Fotoecke.)

Borkum, fünf Jahre später

Peet van der Heyde schlug den Kragen seiner Jacke nach oben. Der Wind blies kräftig von Norden über ihn hinweg und wirbelte die Wolkendecke durcheinander. Es dämmerte, die Sonne war längst verschwunden und am Horizont nur noch vereinzelte rosa, rote und orange Lichtstreifen zu sehen. Peet ließ seinen Blick zu dem Leuchtturm schweifen und sog die frische Brise tief in sich ein. Nein, heute konnte er keine Entspannung finden, seine Gedanken ratterten unaufhörlich und ließen ihm keine Ruhe.

Nicht ausgerechnet Doktor Simon Lerch.

Als Arzt mit einem hervorragenden Ruf schien er auf den ersten Blick geeignet, die Klinik von Brun van der Heyde zu leiten, doch Peet wusste mehr als die anderen, denn er hatte im Laufe seines sechzigjährigen Lebens gelernt, tiefer zu sehen. Vor allem, wenn es um Menschen ging, die Zuwendung suchten und jemanden, der ihnen ernsthaft zuhörte. Was Kranke brauchten, waren Ärzte, die bereit waren, sie mit all ihren Ängsten anzunehmen, ohne sie ungehört gleich mit den gängigen Standards zu unterdrücken.

Es kam auf den Einzelnen an, der Mensch musste als Ganzes betrachtet werden und nicht als lebloses Teilstück einer Reparaturwerkstatt.

Peet blickte den Seevögeln nach, die geschickt im aufkommenden Wind ihre Kreise zogen. Die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören, war eine seiner größten Stärken, und dank seiner unermüdlichen Geduld gelang es ihm auch stets, mehr herauszuhören als andere.

Nur Brun hatte ihm nicht zugehört. Sein Cousin wollte oder konnte nicht glauben, dass die Geschichte mit Doktor Lerch damals kein einmaliger menschlicher Fehler gewesen war, sondern die Folge einer Fehleinschätzung des eigenen Könnens und einer menschenverachtenden Einstellung.

Dass Brun ihm nicht glaubte, lag an Doktor Lerchs Redegewandtheit und seiner Fähigkeit, andere von sich zu überzeugen. Dazu kam noch Bruns Krankheit und sein Wunsch, die Klinik noch weiter zu etablieren und zu einer der attraktivsten auf Borkum auszubauen.

War das Panik im Alter? Die Angst, in schwierigen Zeiten nicht mehr bestehen zu können, oder Größenwahn am Ende des Lebens? Peet wusste es nicht. Er wusste nur, dass Brun sich gegen ihn entschieden hatte, trotz all seiner bisherigen Leistungen. Eine scheinbare Koryphäe hielt nun das Zepter in der Hand.

Peet zog die Stirn in Falten. Menschlichkeit, Mitgefühl und die Selbstbestimmung der Patienten zählten für ihn zu den wichtigen Pfeilern einer Behandlung. Und dank der Eigenschaften seines Pflegepersonals hatte die Klinik unter seiner Leitung goldene Zeiten erlebt.

Und jetzt bin ich mit sechzig plötzlich zu alt“, stieß er bitter hervor.

Peet steckte die Hände in die Taschen und lief weiter. Der Wind nahm an Stärke zu, doch es störte ihn nicht. Im Gegenteil, das Raue, Kalte und Harte tat ihm gut, und nur die unbezwingbare Natur, die sich von nichts und niemandem aufhalten ließ, konnte jetzt noch seinen Kummer vertreiben.

Bei diesem Gedanken hielt er inne. Manchmal zwang einen das Leben dazu, hart und kalt zu sein. Manchmal musste man so handeln, um Schlimmeres zu verhindern. Was, wenn …?

Peet schnappte entsetzt nach Luft. Nicht in solche Gedanken verirren, ermahnte er sich, obwohl ihm bewusst war, dass er verloren hatte, wenn er jetzt nachgab und nichts gegen den neuen Leiter der Van-der-Heyde-Klinik unternahm. Schlimmer noch, er machte sich mitschuldig an dem, was ab morgen passierte.

Doktor Simon Lerch durfte niemals Chef dieser Klinik werden. Abgesehen von der Gefahr, die von diesem Mann ausging, würde er innerhalb weniger Monate zerstören, was sie alle zusammen in jahrzehntelanger Arbeit mühsam aufgebaut hatten.

Und trotzdem musst du dich fügen, ermahnte ihn sein Gewissen. Es ist Bruns Entscheidung, nicht deine.

Ja, es war Bruns Entscheidung. Er konnte nichts dagegen tun. Nur auf ein Wunder hoffen.

Wunder passieren viel zu selten, dachte Peet und blieb am Strand stehen.

Es liegt nur an dir, schoss es ihm durch den Kopf, als eine größere Welle laut tosend auf den Strand zurollte und sich dort brach.

Zu große Wellen brechen, jagten die Gedanken hinter seiner Stirn. In deinen Händen liegt das Schicksal einer Klinik, die noch so ist, wie sie sein sollte. Du musst handeln und den Gegner aufhalten, du musst ihn brechen.

Peet presste die Lippen zusammen und wandte den Kopf zu dem Leuchtturm, der groß und erhaben dem Wind trotzte. Beim Anblick des Turms fühlte er sich besser. Ja, er würde handeln. Wenn er jetzt nicht aufgab, sondern beharrlich sein Ziel verfolgte, konnte sich vielleicht doch noch alles zum Guten wenden.

*****

Eine Frage zum Nachdenken:

Bedeutet der Tod ‚nur‘ das Ende in dieser Welt,

und ist er woanders ein neuer Anfang?

(Handgeschriebene Karte im Laden von Folina Harms. Sport- und Waffenecke.)

Zur gleichen Zeit, als Peet van der Heyde vor dem Leuchtturm stand, machte sich Doktor Simon Lerch auf den Weg zu einem Abendspaziergang. Stolz darauf, ab morgen neuer Chef der Van-der-Heyde-Klinik zu sein, spazierte er durch die Straßen Richtung Strand. Sein Ziel war ein einsamer Flecken, von wo aus er über die Weite der Nordsee blicken konnte. Sehen würde er nicht mehr allzu viel, doch der Abendspaziergang würde ihm sicher trotz der Kälte guttun.

Er hasste Kälte und Wind, doch wegen dieser gottverdammten Drohbriefe, die sein Blut pulsieren ließen, musste er sich jetzt bewegen. Doktor Lerch dachte an das Gespräch mit dem Anwalt, während er dick vermummt mit einem Schal zügig voranmarschierte.

Der Wind blies ihm unfreundlich ins Gesicht, und er wusste, auch ohne nach oben zu sehen, dass die kaum zu erkennenden Wolken am nachtgrauen Himmel durcheinanderwirbelten.

Wie ungemütlich der raue Nordseewind doch im Februar auf Borkum ist, dachte er und blickte mürrisch um sich. Sich gegen den Wind zu stemmen, gefiel ihm gar nicht. Trotzdem wollte er seine Runde wie geplant drehen und den Abend dann mit einem Glas Grog gemütlich ausklingen lassen.

Endlich tauchte der Leuchtturm mit seinem Signallicht vor ihm auf, danach etliche Gebäude und schließlich lag die Weite eines einsamen Strandes vor ihm. Weit und breit war niemand zu sehen, daher wunderte er sich, als in einiger Entfernung eine Lampe aufleuchtete.

Doktor Lerch achtete nicht darauf, sondern marschierte weiter. Erst als er hinter dem Schilf einen Schatten bemerkte, blieb er stehen.

Vielleicht jemand, der vom Weg abgekommen ist oder etwas sucht, dachte er und wollte schon weitergehen, als ein greller Lichtstrahl ihm die Sicht nahm und ihn zum Stehenbleiben zwang.

„Halt“, hörte er eine barsche Stimme sagen, ohne erkennen zu können, ob es die Stimme einer Frau oder eines Mannes war. Sie blieb gedämpft, der Wind und die Wellen des Meeres verschluckten sie geradezu.

Nehmen Sie den Strahl aus meinem Gesicht“, befahl Doktor Lerch, blind von der plötzlichen Helligkeit. „Was wollen Sie von mir?“

„Na was wohl?“, höhnte es ihm entgegen. „Ich will Sie.“

„Mich? Was fällt Ihnen ein? Ich bin der neue Chefarzt der Van-der-Heyde-Klinik und des Sanatoriums. Verschwinden Sie, ich will weiter.“

Ein unheimliches Lachen jagte ihm einen Schauder über den Rücken.

Arzt?“, höhnte sein Gegenüber. „Stümper trifft es besser. Kurpfuscher oder Doktor ohne Gewissen. Die künftigen Patienten der Van-der-Heyde-Klinik tun mir jetzt schon leid. Aber damit denen nichts geschieht, bin ich ja jetzt hier.“

Was erlauben Sie sich?“, ging Doktor Lerch auf Angriff über, nicht gewillt, sich einschüchtern zu lassen.

Ich mir? Sie haben sich erlaubt. Sie haben andere Menschen körperlich vernichtet. Sie hatten es nie nötig, zuzuhören und ihre Patienten als Menschen mit Empfindungen zu betrachten. Sie sind oberflächlich, arrogant, selbstüberheblich und böse.“

Der plötzliche Lichtkegel verschwand so abrupt, wie er gekommen war. Doktor Lerch konnte eine Weile nichts erkennen. Erst als sich seine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erhellte ein weiterer Lichtstrahl die Szenerie. Diesmal war der Strahl des Lichts allerdings nicht auf ihn, sondern auf sein Gegenüber gerichtet.

Doktor Lerch zuckte zusammen, als er die Gestalt vor sich erkannte. Das war doch …

Sein Blick schweifte von dem entschlossenen Gesicht ab und blieb starr auf das lange Etwas gerichtet, dessen Ende auf ihn zielte.

Sind Sie wahnsinnig geworden? Sie können doch nicht …“

Der Körper der Gestalt bog sich nach...



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