E-Book, Deutsch, Band 6, 240 Seiten
Reihe: Hauke Holjansen ermittelt
Klier Tödliche Wappen. Ostfrieslandkrimi
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95573-409-1
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 240 Seiten
Reihe: Hauke Holjansen ermittelt
ISBN: 978-3-95573-409-1
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ostfriesland wird von einer grausamen Mordserie erschüttert: Drei Frauenleichen werden gefunden innerhalb von wenigen Tagen! An allen Tatorten wurden geheimnisvolle Wappen hinterlassen. Doch was haben diese Zeichen zu bedeuten? Bald schon gerät ein dubioser ostfriesischer Fotograf ins Visier der Fahnder. Hat er die Frauen auf dem Gewissen, um an spektakuläre Motive für seine berühmten Schreckensfotografien zu gelangen? Die hinterlassenen Zeichen führen aber auch zu weiteren Verdächtigen. Was fehlt, ist ein Motiv und eine gemeinsame Verbindung der Opfer. Hauptkommissar Hauke Holjansen und sein Kollege Sven Ohlbeck ermitteln auf Hochtouren, denn bis zum nächsten Mord scheint es nur eine Frage der Zeit...
Andrea Klier ist eine sehr erfolgreiche deutschsprachige Autorin. Bereits in ihrer Kindheit wollte sie Schriftstellerin werden. Ihr Roman-Debüt wurde auch ins Chinesische übersetzt und mit dem Literatur- preis »Die Kalbacher Klapperschlange« ausgezeichnet. Im Klarant Verlag ist die bekannte Ostfrieslandkrimi-Serie „Hauke Holjansen ermittelt“ erschienen.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Osteel
Es war nach drei Uhr nachts, als Hannes Gerber den Vorgarten seines Häuschens durchquerte und auf den Eingangsbereich zuschritt. Müde von dem langen Tag fasste er in seine Jackentasche und tastete nach seinem Schlüssel. Er zog ihn heraus, ließ ihn aber erschrocken fallen, als sich urplötzlich ein Schatten von der seitlichen Hauswand löste. Der Schatten vergrößerte sich, kam näher und tauchte eine Sekunde später in den Lichtkegel der Lampe über der Haustür ein.
Hannes stieß die angehaltene Luft wieder aus. „Mensch Derek! Hast du mich erschreckt. Kannst du dich nicht räuspern oder sonst wie bemerkbar machen?“
Derek Matinski grinste breit. „Warum sollte ich? Dich zittern zu sehen, ist viel amüsanter. Bist weich geworden. Schreckhaft wie ein junges Mädchen auf dem Friedhof um Mitternacht. Fehlt nur noch, dass du wie eines aufkreischst.“ Er deutete mit dem Kopf zur Haustür. „Willst du nicht endlich aufschließen? Oder zittern deine Hände so sehr, dass das nicht möglich ist? Hast wohl getrunken.“
Es war keine Frage, nur eine Feststellung. Als Hannes ihn nur anstarrte, maß er ihn von oben bis unten. „Soll ich mir die Füße abfrieren? Schon vergessen? Ich bin der, der dich ernährt.“
Hannes riss sich aus seiner Erstarrung und steckte den Schlüssel ins Schloss. „Schleichst du schon lange ums Haus?“, wollte er wissen und ließ seinen Auftraggeber herein.
„Nee.“ Derek rieb sich die Hände und schlüpfte aus der Jacke. „Vielleicht zehn Minuten. Bin ein wenig herumgestreunert, um zu sehen, was fotografisch in diesem Kaff so drin ist. Der Nebel hat es in sich. Ich rate dir dringend das zu nutzen, und zwar bevor sich die gespenstische Kulisse wieder verzieht.“
„Wofür soll ich den Nebel nutzen?“ Hannes blickte auf die kräftige Gestalt seines Chefs und dann in sein derbes Gesicht. Es war kaum zu glauben, dass dieser klobig aussehende Mann ein Fingerspitzengefühl für Kunst besaß und damit ein Riesenvermögen verdiente. Hannes riss sich von seinem Anblick los, lief voran ins Wohnzimmer und knipste das Licht an. In dem Raum war es angenehm warm, die Glut eines Holzfeuers glomm noch orange-rot schimmernd im Kamin.
„Was für eine blöde Frage. Wofür glaubst du denn ist Nebel gut?“ Derek ließ sich auf das Sofa plumpsen. „Was wir dringend brauchen, sind beeindruckende Fotos für mein Magazin und deine nächste Ausstellung. Du, mein Lieber, lässt langsam nach. Ich will den totalen Kick, genau wie letztes Jahr. Deine Fotografien aus Syrien und Afghanistan hatten es in sich. Das Grauen in den Gesichtern der Leute, die Angst in ihren Augen während eines Anschlags, das Entsetzen und die eingefangene Hoffnungslosigkeit ist genau das, wonach die Leute gieren.“ Er lehnte sich zurück. „In dieser Art will ich es wieder haben. Tod, Schrecken und Gewalt. Vielleicht diesmal etwas subtiler, aber du weißt ja, auf was es mir ankommt.“
Hannes schlüpfte aus der Jacke und setzte sich Derek in einem Sessel gegenüber. „Mich hätt’s letztes Mal beinahe selbst erwischt. Auf Kriegsschauplätze habe ich keinen Bock mehr.“
Derek winkte ab. „Das Thema ist sowieso überreizt. Was mir vorschwebt, ist das Grauen daheim. Hier in deiner ländlichen Umgebung, direkt vor der Haustür.“
„Soll ich vielleicht einen Krieg vom Zaun brechen, nur damit ich dir was in dieser Art liefern kann?“ Hannes fühlte sich unter Druck gesetzt. „Bei den Ostfriesen findest du kein Grauen“, fuhr er fort. „An denen geht jeder Horror vorbei. Wenn die was Furchterregendes oder Ekelhaftes sehen, schütteln die höchstens den Kopf und sagen ‚tz, tz‘. Wenn sie überhaupt was sagen und nicht nur mit den Händen in den Hosentaschen dastehen und gelangweilt gucken. Die Frauen rufen vielleicht noch ‚Kinners, nee‘, aber mehr is hier nicht drin.“
„Klingt cool, da kommt ja eine richtige Herausforderung auf dich zu“, grinste Derek und nahm sich von den Nüssen, die in einer Schale auf dem Tisch lagen. „Um es kurz zu machen, ich will einen Erfolg wie beim letzten Mal, aber keinen Abklatsch davon. Die Gesichter, die ich jetzt präsentieren will, sollen auch nicht die von Ausländern sein.“
Er knackte eine Walnuss und warf sie sich in den Mund. „Das Grauen in der Heimat genügt völlig. Die Angst vor Ort. Friedliche Idylle und dann peng. Du, das ist es, ich spür’s direkt in jedem Knochen.“
„Es gibt keine kriegsgeschädigten Ostfriesen“, bemerkte Hannes bissig. „Ich kann dir Fotos von Kanälen im Nebel schießen, Moore fotografieren und stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen von romantisch, mystisch bis geheimnisvoll bieten, aber kein Grauen.“
„Das ist ja der Trick. Meine Kunst ist nicht für ostfriesische Dörfler und Bauern gedacht, ich verkehre schließlich mit den oberen Zehntausend, und zwar international. Deine Heimat ist nur der Boden für die Sensation, und genau das wirst du mir liefern. Du kannst das. Oder ist die Luft schon raus? Setze ich auf den Falschen?“
Hannes schluckte. Er kannte Derek und seine Art, ihn zu manipulieren. Derek besaß die Gabe, Menschen nicht nur zur Höchstleistung anzutreiben, sondern sie auch dazu zu bewegen, Dinge zu tun, die sie überhaupt nicht tun wollten. Der Erfolg später gab Derek dann meistens recht.
„Ich will nur dein Bestes“, unterbrach Derek seine Gedanken.
Hannes lachte. „Oh ja, und deines. Den Hauptgewinn streichst schließlich du ein.“
Derek verschränkte die Arme vor der Brust. „Is ja auch gerecht. Ich riskiere die Vorfinanzierung und deinen Unterhalt, und zwar bis du lieferst. Wo wärst du denn ohne mich? Und vor allem, was? Ein kleiner Provinzfotograf, der sich mit Kindergarten- und Schulaufnahmen durchs Leben quält. Einer, der Hochzeitspaare ablichtet und hässliche oder dicke Bräute ins rechte Licht rückt. Aber vielleicht liegt deine wahre Begabung ja gerade darin, ein Doppelkinn mit raffinierten Lichtverhältnissen etwas weniger schlimm aussehen zu lassen.“
Genau das war der wunde Punkt. Hannes wusste, dass er gerade dabei war, in Dereks Falle zu tappen. Nach der Fotoreportage in Syrien und Afghanistan hatte er Abstand gebraucht. Das Leid der Menschen war nicht spurlos an ihm vorübergegangen, auch wenn er durchaus in der Lage war, sich während seiner Arbeit innerlich abzuschotten und dichtzumachen.
„Wir brauchen etwas Besonderes“, unterbrach Derek ein weiteres Mal seine Gedanken. „Das Thema Tod ist gar nicht mal so übel, auch wenn wir das schon hatten. Jedes Thema, vor dem die Menschen Angst haben, eignet sich. Lass dir was einfallen. Wenn du das nicht mehr schaffst, zwingst du mich dazu, mich nach einem anderen Fotografen umzusehen.“ Er sah Hannes in die Augen. „Is nicht persönlich gemeint, aber du weißt ja, wie in der Branche der Hase läuft.“
Das wusste Hannes. Der, der die Nase vorn hatte und mit Sensationen und beeindruckenden Bildern dienen konnte, strich den größten Gewinn ein.
„Ich schlage vor, du nutzt diese Nacht. Der Nebel ist ideal, pack den Horror darin ein.“
„Und wie soll ich das anstellen? Soll ich vielleicht jemanden umbringen, nur damit ich für dich das Grauen auf Bildern festhalten kann?“
„Du hast ja Humor.“ Derek grinste. „Lass deiner Fantasie freien Lauf. Du kriegst von mir bis zum Frühjahr Zeit. Wenn du bis dahin keinen Knüller bringst, bist du raus aus dem Geschäft.“ Er betrachtete ihn amüsiert und erhob sich. „Mach dich auf die Suche, du bist doch ein Jäger, der das drauf hat.“
Er wandte sich zur Tür. „Und vergiss nicht, es muss ein Knaller sein. Ich will Fotos, die einschlagen und einem den Atem nehmen.“ Er tippte sich an die Stirn und verließ das Zimmer.
Hannes hörte nur noch draußen die Haustür zuschlagen. Fotografien, die einem den Atem nehmen, dachte er bitter. Derek war es, der ihm den Atem nahm. Mit jedem Auftrag drehte er ihm ein Stück weiter die Luft ab. Aber er konnte nicht anders, den Absturz in die Durchschnittlichkeit, den würde er nicht ertragen. Es war eine Art Sucht nach Erfolg und Bewährung. Er musste parieren, denn die Menschen vergaßen schnell und fanden noch schneller Ersatz. Er musste es also tun, um jeden Preis.
Eine Weile blieb er noch starr in seinem Sessel sitzen, dann griff er nach seiner Jacke und sprang auf. Die Gelegenheit war günstig. Bei dem Nebel da draußen konnte er noch seinen neusten Auftrag gleich mit erledigen und die gewünschte Stimmung in Marienhafe und im Morgengrauen einfangen.
Hannes schlüpfte in seine Jacke. Die Zweifel waren verflogen. Er würde es Derek zeigen. Wie immer. Und wie bei jedem Auftrag würde er über sich hinauswachsen, selbst wenn er dabei alles riskieren musste.
***
Marienhafe
Rentje stolperte zum Ufer der Abelitz und blieb vor dem glänzenden Tief stehen. Trotz der Kälte fühlte sie sich beschwingt, was nicht nur an...




