E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Klimanski Schmitts letzter Fall
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-5852-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7448-5852-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manfred Klimanski, Jahrgang 1947, war insgesamt zweiundvierzig Jahre in der Verwaltung von Musikhochschulen tätig, zunächst in Stuttgart, dann seit 1979 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2011 als Kanzler der Hochschule für Musik Freiburg. Kein Wunder, dass er es auf Musiker abgesehen hat. Der erste Roman seiner Trilogie Schmitts Fall aus dem Musiker- und Musikbetriebsmilieu mit dem Privatermittler Schmitt, dessen Exfrau Mälis und dem Kriminalhauptkommissar Ringwald erschien im Juni 2014, der zweite Schmitts tiefer Fall im Mai 2015. Mit dem vorliegenden Buch wird die Reihe abgeschlossen.
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DIE INSTRUMENTENVERSICHERUNG
EINS
Nicht weit entfernt vom Rathaus befassten sich einige Herren der Garant-Versicherung AG mit einem Thema, das in ausgesprochener Nähe zum Ostrataler Orchester lag. Die Garant hatte sich vor einigen Jahren durch eine offensive, um nicht zu sagen aggressive Marketingkampagne gegen die führende deutsche Instrumentenversicherung einige Marktanteile geholt und es geschafft, die Dienstinstrumente eines Großteils deutscher Orchester zu versichern. Besonders lukrativ waren dabei Verträge für private, teilweise sehr wertvolle Instrumente einzelner Orchestermitglieder, die diese der Einfachheit halber in die ruhige und zuverlässige Hand der Garant gaben.
Im repräsentativen, etwas pompösen Büro des Vorstandsvorsitzenden Kamphusen hoch über den Dächern Ostratals wurde Rechenschaft verlangt. Und zwar vom Chef der Sparte Instrumente, Axel Steven. Der pummelige Mitfünfziger sah sich einem Triumvirat gegenüber, dem außer Kamphusen noch der Leiter der Revisionsabteilung Ellenbrecht und der Justiziar Roth angehörten. Steven fühlte sich ausgesprochen unwohl. Und er bemerkte, dass er entschieden gegen seinen Willen begann, heftig zu schwitzen.
Kamphusen kam ohne Umschweife zum Kern des Treffens.
»Innerhalb der letzten achtzehn Monate wurden Mitgliedern des hiesigen Orchesters zwei Violinen im Gesamtwert von dreihundertdreiundsiebzigtausend Euro, ein Cello im Wert von einhundertachtzigtausend Euro, eine Bratsche für dreiundneunzigtausend Euro und eine Gold-Querflöte im Wert von dreißigtausend Euro gestohlen. Ist das bis hierhin richtig?« Kamphusen wartete eine Antwort nicht ab. »Zusammengerechnet handelt es sich also um einen Versicherungsschaden von fast siebenhunderttausend Euro. Und Ihnen ist nicht spätestens nach dem dritten angezeigten Versicherungsfall etwas aufgefallen? Die Häufung von Diebstählen privater Instrumente in einem einzigen Orchester hat Ihnen nicht zu denken gegeben? Und der seltsame Zufall, dass die betroffenen Musiker alle Mitte fünfzig oder älter sind?«
»Natürlich fanden meine Mitarbeiter und ich das etwas komisch …«
»Komisch? Haben Sie sich wenigstens köstlich amüsiert?«
Kamphusen, ein durchtrainierter Mittvierziger asketischen Zuschnitts, wie mittlerweile die meisten Wirtschaftsführer offensichtlich mit dem Gen Typ Triathlet ausgestattet, wirkte nicht annähernd amüsiert.
»Nein, natürlich nicht«, versuchte Steven sich zu rechtfertigen. »Ich habe meine Mitarbeiter schon vor Monaten auf die verdächtige Häufung hingewiesen, aber die sprachen nur von einer Delle, wie sie immer mal vorkommen könne. Und ich bin ja erst seit einem Jahr …«
»Nun laden Sie das mal nicht auf Ihre Mitarbeiter ab, Herr Steven!« Die Miene des Vorsitzenden verfinsterte sich zusehends. »Sie hätten den Zusammenhang zwischen der Häufung der Diebstähle, dem Alter der Bestohlenen und nicht zuletzt der in aller Öffentlichkeit diskutierten vorgesehenen Auflösung des Orchesters erkennen müssen. Das stank doch zum Himmel!«
»Diesen Zusammenhang habe ich sehr wohl erkannt. Aber es gab eben keine belastbaren Hinweise auf eine verabredete, konzentrierte, ja bandenmäßig betriebene Aktion bestellter Diebstähle. Bei den Opfern sind keinerlei Anzeichen von krimineller Energie feststellbar. Die Instrumente sind nicht auf den uns bekannten Märkten zum Verkauf angeboten worden. Auch nicht im Internet. Und die Musiker werden sich kaum ihrer eigenen Arbeitsmittel berauben.«
»Das brauchen sie auch nicht«, meldete sich jetzt Roth zu Wort, ebenfalls ein Hungerhaken. »Sie haben nämlich Anspruch auf ein qualifiziertes Dienstinstrument seitens des Orchesterträgers. Und dieses Instrument dürfen sie natürlich auch für ihre Konzerte, Orchesteraushilfen, ihren Unterricht und so weiter nutzen. Wenn auch solche Nebentätigkeiten kaum noch üppig gesät sein werden. Das dürfte Ihnen eigentlich bekannt sein, Herr Steven.«
»Natürlich ist mir das bekannt. Und übrigens habe ich die Polizei auf meine Vermutung aufmerksam gemacht, dass da was nicht koscher läuft. Aber der zuständige Kommissar, ein Schönling namens Kohl, wollte davon nichts wissen.«
»Nun gut, ich will keine Köpfe rollen sehen«, lenkte Kamphusen versöhnlich ein. »Wir müssen uns aber gegen einen weiteren Ausverkauf, wenn ich so sagen darf, wappnen. Und ich will, auf welchem Wege auch immer, die gestohlenen Instrumente zurückbekommen. Dafür sollten wir eine einschlägig befähigte Detektei einschalten. Unsere eigenen Leute wären damit überfordert. Was meinen Sie, Herr Ellenbrecht?«
Der Leiter der Revisionsabteilung nickte.
»Das sehe ich ganz genauso.«
»In Ordnung. Hat jemand einen Vorschlag?«
»Ja, äh, da gab es doch vor einiger Zeit diesen spektakulären Fall von Mord, Millionenbetrug und ähnlichem im Zusammenhang mit dem letzten Streichquartettfestival hier in Ostratal. Der Fall wurde maßgeblich von einem Privatdetektiv namens Schmitt aufgeklärt, soweit ich mich erinnere«, drängte sich Steven eifrig vor.
Kamphusen runzelte die Stirn.
»Wurde der nicht selber wegen … was weiß ich, Behinderung der Behörden oder so ins Gefängnis gesteckt?«
»Nein, er bekam zwar eine Geld- oder vielleicht eine Bewährungsstrafe. Aber er hat auf jeden Fall praktische Erfahrungen im Instrumentenmilieu, wenn ich das so salopp sagen darf …«
»Das kommt gar nicht in Frage«, donnerte Ellenbrecht überraschend los. »Schmitt! Der war bis vor etwa zehn Jahren bei uns in der Schadensabteilung beschäftigt. Und hat gemeinsam mit einem dubiosen Typ, äh, ich komme gerade nicht auf dessen Namen, unsere Versicherung ausgenommen. Mit manipulierten Autounfällen. Außerdem ist das ein Einmann-Unternehmen. Der ist gar nicht in der Lage, ein komplexes Netzwerk von Instrumentenschiebereien zu erkennen, geschweige denn, es aufzudecken.«
»Na ja«, ließ sich Roth süffisant vernehmen, »immerhin hat er Erfahrung mit kriminellen Strukturen. Denn auch manipulierte Autounfälle bedürfen, wenn auch in geringerem Umfang, eines kriminellen Zusammenwirkens.« Er lächelte in die Runde.
»Das mag alles richtig sein«, Steven kämpfte für seine Idee, »Aber erstens spielt auch der Kostenfaktor eine Rolle. Eine einschlägig erfahrene Detektei käme uns sehr teuer. Schließlich wird meine Abteilung damit belastet. Zweitens könnte es sich für uns und eine eventuell nicht ganz gesetzeskonforme Rückkaufaktion als vorteilhaft erweisen, wenn der Ermittler nicht übermäßig skrupulös agiert. Darüber hinaus hat Schmitt, wie zu lesen war, über seine Exfrau, eine Musikwissenschaftlerin, einen hervorragenden Zugang zur Musikerszene. Und«, setzte Steven in fast schon triumphalem Tonfall noch einen drauf, »er soll auch gute Kontakte zu einem leitenden Beamten bei der Kripo haben, der zwar nicht für Diebstahl und Betrug zuständig ist, sondern für Mord und Totschlag. Aber schaden kann das jedenfalls nicht.«
Steven schwieg erschöpft. Er hoffte, dass der Vorstandsvorsitzende Kamphusen bemerkt hatte, dass er sich schon im Vorfeld eine Strategie zur Schadensbegrenzung ausgedacht hatte. Und das positiv vermerken würde. Kamphusen schwieg. Kamphusen dachte nach. Auch Roth dachte nach. Oder tat so, immerhin gekonnt. Ellenbrecht dachte nicht nach. Der blickte finster in die fernen Weiten der Ebene vor der Stadtgrenze Ostratals.
»Nun gut«, ließ sich der Vorsitzende nach einer gehörigen Weile vernehmen. »Versuchen wir es mal mit diesem Schmitt. Aber Sie führen ihn an der kürzestmöglichen Leine, Herr Steven!« Langsam wandte sich der Leiter der Revisionsabteilung wieder dem Geschehen zu.
»Ich will aber immerhin zu Protokoll geben, dass ich größte Bedenken habe. Und mich gegen die Verpflichtung dieses Herrn Schmitt ausspreche.«
»In Ordnung, Herr Ellenbrecht. Angekommen.«
Jeder merkte Kamphusen an, dass er diese Bemerkung nicht über das Trommelfell hinaus in seine etwas zu großen Ohren gelangen ließ.
»Schmitt.«
Eine müde Stimme. Ohne jeden Elan. Ohne Neugier, Erwartung, Spannung. Nichts davon. Kein Vergleich zum messerscharf herauskatapultierten »Schmitt« vergangener Zeiten. Auch wenn dieser erste Eindruck schon damals nicht von Dauer war.
Schmitt. Mittlerweile gute fünfundfünfzig und unaufhaltsam die sechzig im Blick. Ein geschlagener Held. Ex-Jurastudent ohne Abschluss, Ex-Ehemann, Ex-Versicherungsangestellter und fast auch Ex-Detektiv. Wenig Vergangenheit, kaum Zukunft. Mittlere Größe, mittleres Gewicht. Schmale Augen in undefinierbarer Farbe, dünne Lippen, unausgeprägte Nase, kurze Haare. Seit einiger Zeit zogen sich zwei nicht zu übersehende Kerben von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei bis fast zum Unterkiefer. Wer es nicht besser wusste, musste annehmen, dass diese auf eine chronische Magenschleimhautentzündung hindeuteten. Wer allerdings dem äußerst überschaubaren Kreis derer angehörte,...




