Klingemann | Die Nachtwachen des Bonaventura | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 150 Seiten

Klingemann Die Nachtwachen des Bonaventura


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2951-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 150 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2951-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Nachtwachen ist ein satirischer Roman, der August Klingemann zugeschrieben wird und 1804 in Penig bei Ferdinand Dienemann mit dem Zusatz 'Von Bonaventura' erschien. Der Roman gliedert sich in 16 Episoden, die als 'Nachtwachen' bezeichnet werden. Unterschiedliche Textformen (Rede, Prolog, Briefwechsel, Gedicht, Essay oder Bildbeschreibung), die nicht zwingend der Handlung angehören, durchbrechen die erzählende Struktur des Textes und lassen ihn insgesamt unzusammenhängend und fragmentarisch erscheinen. Damit lehnt er sich an romantische Vorbilder wie Friedrich Schlegels Lucinde oder Clemens Brentanos Godwi an.

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Achte Nachtwache



Die Dichter sind ein unschädliches Völkchen, mit ihren Träumen und Entzückungen und dem Himmel voll griechischer Götter, den sie in ihrer Phantasie mit sich umhertragen. Bösartig aber werden sie sobald sie sich erdreisten ihr Ideal an die Wirklichkeit zu halten, und nun in diese, mit der sie gar nichts zu schaffen haben sollten, zornig hineinschlagen. Sie würden indeß unschädlich bleiben, wenn man ihnen nur in der Wirklichkeit ihres freien Pläzchen ungestört einräumen und sie nicht durch das Drängen und Treiben in derselben eben zum Rückblik in sie zwingen wollte. Für den Maasstab ihres Ideals muß alles zu klein ausfallen, denn dieser reicht über die Wolken hinaus und sie selbst können sein Ende nicht absehen, und müssen sich nur an die Sterne als provisorische Grenzpunkte halten, von denen indeß wer weiß wie viele bis heute unsichtbar sind und ihr Licht sich noch auf der Reise zu uns herab befindet.

Der Stadtpoet auf seinem Dachkämmerchen gehörte auch zu den Idealisten, die man mit Gewalt durch Hunger, Gläubiger, Gerichtsfrohne u.s.w. zu Realisten bekehrt hatte, wie Karl der Große die Heiden mit dem Schwerdte in den Fluß trieb, damit sie dort zu Christen getauft würden. Ich hatte mit dem Nachtraben Bekanntschaft gemacht und lief wenn ich meine Karte als einen Zeitschein in die Nachtuhr geschoben hatte, oft zu ihm hinauf, um seinem Gähren und Brausen zuzuschauen, wenn er dort oben als begeisterter Apostel mit der Flamme auf dem Haupte gegen die Menschen zürnte. Sein ganzes Genie konzentrirte sich auf die Vollendung einer Tragödie, worin die großen Geister der Menschheit deren Körper und bloße äußere Hülle sie gleichsam nur erscheint, die Liebe, der Haß, die Zeit und die Ewigkeit als hohe geheimnißvolle Gestalten auftraten, durch die statt des Chors ein tragischer Hanswurst, eine groteske und furchtbare Maske, hinlief. Der Tragiker hielt das schöne Antliz des Lebens mit eiserner Faust unverrückt vor seinen großen Hohlspiegel, worinn es sich in wilde Züge verzerrte und gleichsam seine Abgründe offenbarte in den Furchen und häßlichen Runzeln die in die schönen Wangen fielen; so zeichnete er's ab.

Es ist gut, daß es viele nicht begriffen, denn in unserm Lorgnetten Zeitalter sind die größesten Gegenstände so entrükt worden, daß man sie höchstens nur noch in der Ferne undeutlich durch die Vergrößerungsgläser erkennt; dagegen die kleinen recht gründlich kultivirt werden, weil Kurzsichtige in der Nähe um so schärfer sehen. –

Er hatte das Ganze bereits beendigt, und hoffte daß die Götter die er dabei angerufen, sich ihm diesmal wenigstens als ein goldener Regen offenbahren würden, durch den er seine Gläubiger, den Hunger und die Gerichtsdiener von sich verscheuchen könnte. Heute war der Tag an dem das imprimatur des wichtigsten Zensors, des Verlegers, hatte einlaufen müssen, und mich trieb die Neugierde zu ihm hinauf und die Sehnsucht ihn in dem fröhlichen Gelage der Erdengötter zu erblicken. – Ist es nicht traurig daß die Menschen ihre Freudensäle so fest verschlossen halten und durch Geharnischte2 bewachen lassen, vor denen der Bettler, der sie nicht bestechen kann, erschrocken zurückweicht!

Ich stieg keuchend in den hohen Olymp hinauf und öffnete den Eingang; aber statt eines Trauerspiels, das ich nicht erwartet hatte, fand ich ihrer zwei, das rükgehende vom Verleger, und den Tragiker selbst der das zweite aus dem Stegereife zugleich gedichtet und als Protagonist3 aufgeführt hatte. Da ihn der tragische Dolch gemangelt, so hatte er in der Eile, was bei einem improvisirten Drama leicht übersehen werden kann, die Schnur die dem auf der Retourfuhre begriffenen Manuscripte als Reisegurt gedient, dazu auserwählt, und schwebte an ihr als ein gen Himmel fahrender Heiliger, recht leicht und mit abgeworfenem Erdenballast über seinem Werke.

Es war übrigens in der Stube ganz still und fast schauerlich; nur ein paar zahme Mäuse, spielten als einzige Hausthiere friedlich zu meinen Füssen und pfiffen, entweder aus guter Laune, oder aus Hunger; für das leztere schien beinahe eine dritte zu entscheiden, die sehr eifrig an der Unsterblichkeit des Dichters, seinem retourgegangenen opere posthumo, nagte.

»Armer Teufel, sagte ich zu ihm hinaufblickend, ich weiß nicht ob ich deine Himmelfarth komisch oder ernsthaft nehmen soll! Drollig bleibt es allerdings, daß du als eine Mozartsche Stimme in ein schlechtes Dorfkonzert mit eingelegt bist, und eben so natürlich daß du dich daraus weggestohlen; in einem ganzen Lande von Hinkenden wird eine einzige Ausnahme als ein seltsames verschrobenes lusus naturae verlacht, eben so würde in einem Staate von lauter Dieben die Ehrlichkeit allein mit dem Strange bestraft werden müssen; es kommt Alles in der Welt auf die Zusammenstellung und Übereinkunft an, und da nun deine Landsleute nur an ein abscheuliches kreischendes Geschrei statt des Gesanges gewöhnt sind, so mußten sie dich eben deines guten gebildeten Vortrags wegen zu den Nachtwächtern zählen, wie ich denn deshalb auch einer geworden bin. O die Menschen schreiten hübsch vorwärts und ich hätte wohl Lust meinen Kopf nach einem Jahrtausende nur auf eine Stunde lang in diese alberne Welt zu stecken; ich wette darauf ich würde sehen wie sie in den Antikenkabinetten und Museen nur noch das Frazzenhafte abzeichneten und nach einem Ideale der Häßlichkeit strebten, nachdem sie die Schönheit längst als eine zweite französische Poesie für fade erklärt hätten. Den mechanischen Vorlesungen über die Natur wünschte ich auch beizuwohnen in denen es gelehrt wird wie man eine Welt mit geringem Aufwande von Kräften vollständig zusammenstellen kann, und die jungen Schüler zu Weltschöpfern ausgebildet werden, da man sie jezt nur zu Ichsschöpfern anzieht. Guter Gott was müssen nach einem Jahrtausend nicht für Fortschritte in allen Wissenschaften gemacht sein, da wir jezt bereits so weit sind; man muß dann, Naturreparirer, eben so häufig wie jezt Uhrmacher haben; Korrespondenzen mit dem Monde führen, von dem wir heutiges Tages schon Steine heraberhalten; Shakspearsche Stücke in den untersten Klassen als Exercitien ausarbeiten; die Liebe, die Freundschaft, die Treue, wie jezt den Hanswurst, schon nicht mehr auf den Theatern dulden; Tollhäuser nur noch für Vernünftige aufbauen; die Ärzte als schädliche Mitglieder des Staates ausreuten, weil sie das Mittel gegen den Tod aufgefunden; und Gewitter und Erdbeben so leicht veranstalten können, wie jezt Feuerwerke. – Armer schwebender Teufel, wie würde es da mit deiner Unsterblichkeit aussehen, und du hast wohlgethan daß du dich rasch aus dem Staube machtest.« –

Ich wurde aber plözlich in meiner guten Laune gerührt, so wie ein heftig Lachender zulezt in Thränen ausbricht, als ich in einen Winkel blikte, wo seine Kindheit gleichsam als die einzige Freude und zugleich als die einzige zurückgebliebene Möbel dem Erblaßten stumm und bedeutend gegenübergestellt war; es war ein altes verwittertes Gemälde, auf dem die Farben schon halb verlöscht, so wie dem Aberglauben nach auf den Portraiten Verstorbener die Wangenröthe verfliegt. Es stellte den Poeten dar, wie er als ein freundlicher lächelnder Knabe an der Brust seiner Mutter spielte; ach das schöne Antliz war seine erste und einzige Liebe und sie war ihm nur sterbend untreu geworden. Hier in dem Bilde lachte die Kindheit noch um ihn, und er stand in dem Frühlingsgarten voll geschlossener Blumenknospen, nach deren Dufte er sich sehnte und die ihm nur als Giftblumen aufbrachen und den Tod gaben. Ich mußte mich schaudernd abwenden als ich die Kopie, den lächelnden umlokten Kindskopf, mit dem jezigen Originale dem schwebenden Hypokratischen Gesichte verglich, das schwarz und schreklich wie ein Medusenhaupt in seine Jugend schauete. Er schien noch in der lezten Minute den lezten Blik auf das Gemählde geworfen zu haben, denn er hing dagegen gekehrt und die Lampe brannte dicht davor wie vor einem Altarblatte. – O die Leidenschaften sind die tückischen Retouschirer, die den blühenden Rafaelskopf der Jugend mit den fortschreitenden Jahren auffrischen und durch immer härtere Züge entstellen und verzerren, bis aus dem Engelshaupt eine Höllenbreugelische Larve geworden ist. –

Der Arbeitstisch des Dichters, dieser Altar des Apoll, war ein Stein, denn alles vorräthige Holz, bis auf den abgelöseten Rahmen des Gemäldes, war längst bei seinen nächtlichen Opfern zur Flamme verzehrt. Auf diesem Steine lagen das rükgekehrte Trauerspiel, der Mensch überschrieben, und zugleich der Absagebrief des Poeten an das Leben; dieser lautete so:

»Absagebrief an das Leben

Der Mensch taugt nichts, darum streiche ich ihn aus. Mein Mensch hat keinen Verleger gefunden weder als persona vera noch ficta, für die lezte (meine Tragödie) will kein Buchhändler die Druckkosten herschießen, und um die erste, (mich selbst) bekümmert sich gar der Teufel nicht, und sie lassen mich verhungern, wie den Ugolino, in dem größten Hungerthurme, der Welt, von dem sie vor meinen Augen den Schlüssel auf immer in das Meer geworfen haben. Ein Glück ist's noch daß mir so viel Kraft übrig bleibt, die Zinne zu...



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