E-Book, Deutsch, Band 1, 268 Seiten
Klingler Badische Sünde
2020
ISBN: 978-3-8392-6134-7
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 268 Seiten
Reihe: Ex-Kriminalbeamtin Viktoria Herrmann
ISBN: 978-3-8392-6134-7
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eva Klingler wurde im oberhessischen Gießen geboren. Ihre Jugend und die Studienjahre verbrachte sie in Mannheim, bevor sie nach Baden-Baden zog, um ein Volontariat beim Südwestrundfunk zu absolvieren. Nach einigen Jahren entschloss sie sich, selbstständig zu arbeiten und wirkte als Dozentin, Autorin und freie Journalistin in den Redaktionen in Baden-Baden und Bretten. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Bibliotheksleiterin in Rheinstetten wurde sie endgültig als freie Autorin sesshaft. Ihre Bücher spielen meistens in Baden und im Elsass. Mit Mann und Hund lebt Eva Klingler nun in einem grünen Stadtviertel von Karlsruhe und betreibt die von ihr gegründete Wohltätigkeitsorganisation '20 Stühle'.
Autoren/Hrsg.
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Karlsruhe-Rüppurr,
Ende September 1959
Sie kamen nicht im Morgengrauen. Es waren auch keine schweren Stiefel, die die Treppe in unserem Wohnhaus ächzen ließen, und doch verbreiteten sie auch am helllichten Nachmittag im Karlsruhe des Jahres 1959 einen Respekt, der ihnen vorausging und über dessen Ursprung nicht nachgedacht wurde.
Vor dem Haus, auf der mittäglich leeren Straße, hatten sie ihre Grüne Minna geparkt; ein dunkelgrüner VW Käfer mit jetzt stummem Blaulicht, der auch damals schon ein klein wenig altmodisch wirkte und laut Zeitungsbericht bald durch modernere Autos ersetzt werden würde.
Natürlich waren es beides Männer, die sich da vor unserer Wohnungstür aufbauten: ein älterer mit Mütze und bärbeißigem Gesicht sowie einem wie eingewachsenen misstrauischen Blick und ein jüngerer, der keine Uniform trug, aber deshalb fast noch offizieller wirkte.
Da die beiden Beamten Geschöpfe der deutschen Nachkriegszeit waren, wussten sie vermutlich selbst, dass alleine schon ihr Auftreten in unserem Mietshaus eine Schande für die Aufgesuchten bedeutete: Polizei im Haus!
Ende der 50er-Jahre gab es eine Menge Autoritäten, vor denen man sich besser hütete. Den Hauswirt, der die Miete einmal im Monat einkassierte und peinlich genau in ein Buch eintrug. Den durch sein Schicksal verhärmten Parteibeamten der SPD, der bei Stahls im ersten Stock den Beitrag kassierte, und den jovialen Postboten, der die ersehnte Rente für die alten Leute brachte.
Doch Polizei war noch eine Stufe mehr, bedeutete immer Hab-Achtung.
Es klingelte schrill zweimal kurz an unserer Wohnungstür.
»Ja?«, fragte meine Mutter, und mir als jungem Mädchen war es peinlich, dass ihre Stimme so ängstlich klang. Ich mochte sie nicht, diese ewige Vorsicht der Eltern und der Großeltern. Immer, »was werden die Nachbarn denken?« und »Kind, was sollen die anderen von dir halten?«
Der uniformierte Polizist tippte kurz an seine Schirmmütze.
»Frau Hermann? Ist Ihr Mann zu Hause?«Die beiden Männer betraten die Wohnung ohne Einladung. Meine Mutter stand mit dem Rücken zu dem neuen Palisanderholzschuhschrank im Gang.
Ängstlich flogen ihre Augen hin und her. Hatte sie oder einer aus ihrer Familie etwas falsch gemacht?
»Nein. Er ist bei der Arbeit. Mein Mann arbeitet im Kaufhaus Hertie auf der Kaiserstraße. Als Herrenverkäufer. Früher Union.«
Am liebsten hätte ich gerufen: »Aber warum nach meinem Vater fragen, wir, wir sind doch hier. Das reicht doch, oder sind Frauen keine Gesprächspartner?« Doch so etwas sagte ein junges Mädchen nicht. Renate hätte sich vielleicht getraut. Renate traute sich sowieso alles. Ich vermisste sie in ihren hochhackigen Schuhen, ihren duftigen Petticoats und ihrem frechen Nickituch. So bunt, wie sie gekleidet war, hatte sie mir doch Erstaunliches erzählt von jungen Leuten in Paris. »Die sitzen im Café und rauchen und trinken und tragen alle schwarz, denn sie glauben an nichts.« – »Schwarz?«, hatte ich gefragt. »Ja«, hatte sie geschmunzelt. »Man nennt sie Existentialisten, und sie glauben an nichts außer …« – »Außer, Renate?« – »An den Tod!«, hatte sie ernst geantwortet. »Denn der ist das einzig Sichere im Leben.«
Unauffällig schälte ich mich jetzt aus dem Türrahmen meines Zimmers mit den bunten Tapeten, das immer noch das Kinderzimmer genannt wurde, und war nicht einmal überrascht oder beleidigt, dass meine Mutter die Tür zum Wohnzimmer fest vor meiner Nase schloss. Das war ich sowieso schon gewohnt. Und ich wusste auch, wie ich hören würde, was ich nicht hören sollte.
Das Nachbarzimmer, meines Bruders Reich, war nur durch eine gelbliche Milchglasscheibe getrennt vom Wohnzimmer; etwas, das mein Bruder sehr bedauerte, da er ständig aufgefordert wurde, die Hottentottenmusik leise zu stellen. Vor allem sonntags, dem einzigen Tag, an dem mein Vater frei hatte. Da wollte er seine Schlagerschnulzen oder Operettenmelodien hören. »Die Donau« von einem Mann mit schwer auszusprechenden Namen liebte er. Und den »Kaiserwalzer«. Meine Mutter verdrehte begeistert die Augen bei dem süßen »Für Elise«.
Der Jüngere der beiden Beamten sprach jetzt, und er sprach so leise, dass ich ihn nicht verstand, obwohl ich mein Ohr direkt an das Glas drückte. Um so deutlicher hörte ich den entsetzten, fast beleidigten Aufschrei meiner Mutter.
»Was? Um Gottes willen? Wie …? Welche Schande! Oh Gott.«
Ich atmete tief durch. Sie war doch schon ausgezogen, die Renate. Wieso machte sie meinen Eltern jetzt noch Schande? Es konnte nur um sie gehen, wenn sich meine Mutter so aufregte. Renate hatte ein Auto kaufen wollen. Vielleicht hatte sie einen Unfall gehabt.
Die junge Kindergärtnerin Renate Bandusch, die einige Zeit bei uns im oberen Stock gewohnt hatte und die sich das Bad mit uns geteilt hatte, war ein ständiger Dorn im Auge meiner Mutter gewesen. Wie die lebte, wie die sich kleidete! Mein Bruder war zwar auch ein Halbstarker, der sich mit anderen zusammen in einer fragwürdigen Kneipe Ecke Lammstraße aufhielt, da wo sie gerade neu bauten, aber solche Empörung verursachte meiner Mutter meistens nur Renate Bandusch. Auch wenn sie schon längst nicht mehr da war. Sie nannte sie immer »Fräun Bandusch«, eine lang gezogene Abkürzung von Fräulein, und das wiederholte sie so oft, dass man kaum vergessen konnte, dass es der 26-Jährigen offenbar immer noch nicht gelungen war, einen Ehemann zu präsentieren und in ihr eigenes Heim zu ziehen. Dann wäre sie Frau Sowieso und damit normal! Jetzt war sie sowieso gefallen und damit selbst das »Fräun« noch geschmeichelt.
Ich sah meine Mutter vor mir, obwohl ich sie nicht wirklich sah. Wie sie sich nervös durchs Haar fuhr, das wie festgefroren onduliert war, wie sie die Hände in ihre blassblaue Schürze steckte und sie wieder herausholte, wie sie die Lippen zusammenpresste. Der Lebensstil von Fräun Bandusch war ihr schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Sie hatte nur gewartet, bis sie ihr kündigen konnte. Dabei wusste sie nicht mal alles. Sie wusste nicht das, was ich wusste und von dem ich mich hingezogen und abgestoßen zugleich fühlte.
Der Jüngere sprach weiter, der Ältere hustete dazwischen. Nun geschah etwas Außergewöhnliches – etwas, das in mir einen selten gespürten Funken Respekt für meine Mutter empfinden ließ. Ihr Schatten hinter der gelben Wand stand nämlich auf, wurde größer, und ehe ich fliehen konnte, hatte sie die Schiebetür aufgerissen.
»Komm rein, Viktoria«, sagte sie knapp. »Sie wollen es dir auch sagen! Schließlich bist du schon 18.«
Zu den beiden müßig dasitzenden Beamten gewandt: »Sie hat gerade ausgelernt. Sekretärin ist sie. Bei der Stadtverwaltung. Wir haben Glück gehabt, dass sie sie übernommen haben. Da ist sie doch sicher, bis sie heiratet. Die Stadtverwaltung ist immer sicher.«
Die Polizisten musterten mich abschätzend, aber jetzt doch mit einem Hauch mehr Respekt.
»Fräun Bandusch …« Meine Mutter löste die Bänder ihrer Schürze und enthüllte einen alten verwaschenen Wollpullover in Violett mit spitzem Kragen und einer kurzen Knopfleiste, »ist tot.«
Für einen Moment stand das Leben still. Wie in einem Brennglas nahm ich unser Wohnzimmer wahr. Das ausladende Buffet, in dem auch die gebügelte und gestärkte Tischwäsche lag. Der große Esstisch, der nicht mehr schön war und deshalb immer von einer gehäkelten Tischdecke geziert wurde. Das große Radio. Die Fernsehtruhe mit dem rundlichen Bildschirm, der zunächst 1954 mit dem NWDR die Welt zu uns nach Karlsruhe gebracht hatte. Der kleine gelb-schwarze hässliche Nierentisch mit den beiden Clubsesselchen, an denen meine Eltern manchmal Karten spielten. Die Bilder mit den Bergszenen.
»Was?«, sagte ich wie betäubt. »Warum denn?«
Meine Mutter ignorierte mich und sprach beschwörend auf den Uniformierten ein.
»Ich hab es geahnt. Eine, die nachts nicht nach Hause kommt. Ich habe es geahnt. Ich hatte ihr gerade noch rechtzeitig gekündigt. Ihre Eltern, Fräulein, so hab ich immer gesagt, Ihre Eltern hätten sich geschämt. Ich habe doch auch Kinder im Haus und so benimmt man sich nicht.«
Die Männer standen abwartend da.
Meine Mutter deutete auf mich. »Ich hab es dir immer gesagt, halt dich von diesem Fräulein fern. Ich hab es ihr nie erlaubt, Herr Inspektor, denn es ist verboten, aber die Dame hatte öfters Herrenbesuch. Auch mal nach zehn Uhr. Ich sage: Fräun Bandusch, bitte halten Sie sich an die Regeln. Sie wissen, dass ich das nicht dulden kann. Und dann … dann kommt sie gar nicht mehr nach Hause. Sie war doch Kindergärtnerin. Erzieht unsere Jugend. Das gab es früher nicht. Auch, wenn sie alle sagen, die Zeit war schlecht. Was ist nur mit unserem Land los?«
Darauf konnte ihr keiner eine Antwort geben.
»Das kommt von all diesem Rockabilly und den Jeans und den Ausländern.« Meine Mutter beendete ihre Aufzählung des Bösen mit einem Seufzen.
»Warum ist sie denn tot?«, fragte ich und hörte meine eigene Stimme so leise und so fremd, als habe ich Watte in den Ohren.
Der Jüngere musterte mich wie ein Objekt im Museum und gab natürlich keine Antwort. »Ihr Name ist Viktoria Hermann. Tochter des Hauses. Sie kannten Fräulein Bandusch gut?«
»Renate! Ja. Warum ist sie denn tot? Das kann doch gar nicht sein. Sie war doch nicht krank.«
»Die Fragen stellen wir, Fräuleinchen!«
Ich habe es dann erfahren. Renate Bandusch, unsere lebensfrohe ehemalige Untermieterin, die mir Nylonstrümpfe geliehen hat und mit der ich Schallplatten mit...




