E-Book, Deutsch, Band 2, 252 Seiten
Klingler Badisches Gold
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8392-7320-3
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 252 Seiten
Reihe: Ex-Kriminalbeamtin Viktoria Herrmann
ISBN: 978-3-8392-7320-3
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eva Klingler wurde im oberhessischen Gießen geboren. Ihre Jugend und die Studienjahre verbrachte sie in Mannheim, bevor sie nach Baden-Baden zog, um ein Volontariat beim Südwestrundfunk zu absolvieren. Nach einigen Jahren entschloss sie sich, selbstständig zu arbeiten, und wirkte als Dozentin, Autorin und freie Journalistin in Redaktionen in Baden-Baden und Bretten. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Bibliotheksleiterin in Rheinstetten wurde sie endgültig als freie Autorin sesshaft. Ihre Bücher spielen meistens in Baden und im Elsass. Mit Mann und Hund lebt Eva Klingler nun in einem grünen Stadtviertel von Karlsruhe und betreibt die von ihr gegründete Wohltätigkeitsorganisation '20 Stühle'.
Autoren/Hrsg.
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2. Kapitel
1. Juni 1967. Donnerstag
Wer die Zeitung aufschlug, der zweifelte daran, dass die Menschheit aus der Geschichte viel gelernt hatte. Die DDR scherte mal wieder aus und sagte den Arabern im Fall eines Krieges mit Israel militärische Hilfe zu. Ich dachte, dass Werner, der ernste junge Mann aus der Kommune in der Jollystraße, das mit Sicherheit verurteilen würde. Es war interessant, sich mit ihm zu unterhalten. Er gefiel mir, aber ich verdrängte dieses Gefühl. Meine Eltern würde der Schlag treffen. Auch das Vorgehen der US-Truppen in Vietnam empörte die Welt. Sartre, dieser hässliche Philosoph, der so klug wie eine Eule aussah, klagte an. Dieser Krieg mochte weit weg sein, doch die Erinnerungen an unseren eigenen Krieg waren noch nicht ausgelöscht, und viele hörten in ihren Albträumen noch das Heulen der Sirenen und den Hall von Schüssen in zerbombten Straßen.
In Karlsruhe tickten die Uhren dennoch scheinbar gemütlich. Im neu hochgezogenen Stadtteil Oberreut richteten sich die Menschen nun in einer neuen, dichten Wohnsiedlung ein, auf dem Altrhein glitten die Fischerboote wie ehedem daher, und die Reiselustigen drückten sich jetzt Ende Mai die Nase an den immer bunter werdenden Aushängen der Reisebüros platt. Man flog in Urlaub. Mallorca wurde ein Begriff. Blaues Meer, Sandstrand und spanisches Essen.
Ich hatte gehofft, ich würde auch ein paar Tage frei bekommen, doch das geschah nicht. Stattdessen sollte ich zu einem Auftritt von sogenannten entschiedenen Christen gehen, die auf dem Marktplatz herumtanzten, und hatte aufzupassen, ob da kleine Kinder dabei waren, die besser ins Bett gehörten. »Das sind auch Spinner!«
Waren aber keine Kinder da. »Alles in Ordnung, Chef!«
Ich nutzte die unerwartete freie Stunde und ging zum Karstadt. Ein neues Sofakissen für die Wohnung schwebte mir vor. Die bestickten Dinger meiner Mutter hatte ich dankend abgelehnt. Was Modernes sollte her. Mit orangefarbenen Kreisen oder Dreiecken. Das war schick.
Noch jemand schien sich außer mir für Haushaltswaren zu interessieren. Es war Agnes aus der Kommune, die um eine Wärmeplatte herumstrich. »So was Bürgerliches schauen Sie sich an?«, schmunzelte ich, als sie mich erkannte und mir zunickte. Ihre Kuhaugen rollten in den Höhlen, als sie sich erregte.
»Eben nicht bürgerlich. Der Jo, der Johannes, hat angeregt, dass wir uns auch bei den Mahlzeiten von den sogenannten anständigen Bürgern abheben. Und der weiß, wovon er redet. Johannes kommt aus hochherrschaftlichem Haus mit altem Geld und piekfeiner Verwandtschaft.«
Sie machte eine kleine Pause. Vielleicht hatte sie selbst gemerkt, dass sich da etwas wie Wollust in ihre Stimme gestohlen hatte. Hastig kam deshalb: »Davon muss er sich natürlich unbedingt lösen. Der bourgeoise Mittagstisch mit der Kleinfamilie ist out. Wir essen wie im Süden mit Freunden, trinken Wein und naschen Oliven dazu. Und wir grillen draußen. Im Hof. Wenn man sich da mal wieder aufhalten kann. Jetzt warten wir auf die Handwerker, die den blöden Zaun reparieren. Solange ist da hinten tote Hose, weil das Material rumliegt. Wer braucht überhaupt Zäune? Jeder bringt dann etwas mit, jeder steuert etwas bei und füllt sich den Teller, wie er mag. Und wann er mag. Keine festen Zeiten mehr.«
»Und das Ganze geschieht dann auf einer solchen Wärmeplatte?«, fragte ich ironisch und deutete auf das Teil mit seinem bunt in Brauntönen gemusterten Unterteil. »So eine hat meine Mutter auch.«
Agnes verzog das Gesicht, was sie nicht schöner machte. Wie ein Maschinengewehr knatterte sie heraus:
»Aber wir verwenden diese Platte eben anders. Wir zweckentfremden sie. Sie ist ein ironisches Zitat. Aber Kapitalistenknechte werden unsere Lebensart nie verstehen. Sie geben sich nur dazu her, das Bestehende zu verwalten, zu erhalten und die Hierarchien zu zementieren. Das wird auch Ihr Weg sein. Und irgendwann werden Sie heiraten und das System untermauern, indem Sie zwei Kinder bekommen und zu Hause bleiben.«
Endlich war sie fertig. Ihre Anmerkungen kränkten mich nicht. Eher amüsierten sie mich.
»Ich gebe mich im Moment noch dazu her, Verbrechen aufzuklären. Nicht mehr und nicht weniger.«
Agnes’ fischige Augen erwachten zu einer Art schillerndem Leben.
»Was wollen Sie damit sagen? Wir sind keine Verbrecher. Wir sind nur Leute, die nachdenken und ein anderes System für dieses Land errichten wollen. Wir wollen den Kapitalismus überwinden und streben eine Umverteilung an. Außerdem muss die Rolle der Frau total neu definiert werden. Und Sie sollten sich besser solidarisch mit uns und den Frauen in der Dritten Welt zeigen.«
Blabla, dachte ich. Diese Sprüche hörte man immer im Fernsehen in diesen Diskussionsveranstaltungen, Talk Shows genannt, die beliebt wurden. Manchmal war so ein Chaot, wie mein Vater alle Leute nannte, die protestierten und auf die Straße gingen, eingeladen, und dann fielen diese akademischen Worthülsen. Dabei wollen sie eigentlich nur durcheinanderbumsen, sagte mein Bruder. Aber nur, wenn meine neue Schwägerin nicht dabei war.
Ich konnte mir schon etwa denken, von was für einer Umverteilung diese Agnes auch träumte. Bisschen volleres Haar, kleinere Nase … und ein reicher Ehemann.
»Und es gibt nie Streit bei Ihnen in der Kommune? Immer nur eitel Sonnenschein? Also, wenn ich mir vorstelle, wie oft ich schon zu Hause mit meinen Eltern gestritten habe, weil sie aus einer anderen Zeit kommen, und das ist immerhin Verwandtschaft.«
Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. »Natürlich haben wir ab und zu verschiedene Ansichten oder andere neue Persönlichkeiten entwickeln sich heraus. Aber das wird dann analysiert, ausdiskutiert und auf eine weiterführende Bewusstseinsebene gehoben. Ohne persönliche Aggressionen. Wir lehnen Situationen ab, die nur mit Gewalt gelöst werden können.«
»Das höre ich gerne«, log ich. Nicht nur hörte ich es nicht gerne, sondern ich glaubte ihr kein Wort. »Auch, dass ihr zwei Frauen so gut miteinander auskommt. So verschieden ihr auch seid, also eure Wohngemeinschaft scheint wirklich ideal zu sein.«
Gerissen und erfahren war sie nicht, denn sie ging mir in die Falle. Ihre Augen schillerten feindselig. Was mochte sie wohl studieren. Irgendwas an der Pädagogischen Hochschule, tippte ich. Lehrerinnenschmiede. So streng, wie sie dreinsah, könnte es sogar evangelische Religion sein.
»Nun, so ideal ist es nun auch wieder nicht. Wir müssen auch erst eine gemeinsame Ebene schaffen. Rosi, also die heißt nämlich eigentlich Roswitha. Klingt schon anders als Rosi … also geboren wurde sie als braves Mädchen aus einem kleinen Krämerladen. Ihre Eltern haben jetzt aber ein gutgehendes Ausstattungsgeschäft und tragen die Nase hoch. Na ja, die sind ja auch recht passabel durch den Krieg gekommen …«
Ihre Stimme nahm einen merkwürdig ironischen Ton an.
»Was meinen Sie damit?«
Agnes zuckte die Achseln. »Nichts. Nur, dass sie rein zufällig die Ware eines Ladens aus der Nachbarschaft übernommen haben. Verstehen Sie? Natürlich haben sie die Leute ausbezahlt. Damit sie mal richtig schön verreisen konnten. Das war eine gute Tat.« Sie hüstelte vielsagend.
»Worauf spielen Sie an?«
»Dass diese Leute eben wussten, wie man günstig an Ware kommt. Werner hat versucht, mit ihr darüber zu reden, aber das prallt an Rosi ab. Und Rosi ist eben genauso profitorientiert wie ihre Eltern. Sie hat sich leider keineswegs vom Materialismus und Besitzdenken gelöst. Dabei wollen wir das Mein und Dein aufbrechen in unserer Wohngruppe. Rosi spielt aber lieber das ewige Weibchen.«
»Lassen Sie mich raten«, unterbrach ich sie. »Rosi klingt wie Uschi. Uschi Obermeier, von der man immer wieder hört. Diese Frau, die mit den Leuten von der Kommune 1 in Berlin gesehen wird. Der gleicht sie ja wirklich sehr. Die badische Uschi? Eine schöne Frau ist sie schon.«
»Wie man es nimmt. So schön ist sie auch wieder nicht. Viel Schminke. Man muss den Typ mögen …«, murmelte Agnes bitter. »Die weiß halt, wie man’s macht. Mit den Männern. Ich meine, wir haben die Freiheit, Sex zu haben, wann wir wollen, jetzt, wo es die Pille gibt und die chauvinistischen Machtstrukturen bröckeln, aber man muss nicht unbedingt mit jedem ins Bett gehen. Die Jungs tun so, als wäre das Bett eine Verpflichtung. Und wenn du nicht mitmachst, bist du gleich verklemmt.«
Willkommen im Paradies, dachte ich. Mal wieder ein Paradies für Männer. Mal sehen, was sie über Werner Lange wusste.
»Ich glaube, Werner hat ein echtes Interesse an ihr«, erklärte ich deshalb und schaute nachdenklich drein. »Das ist doch eher ein ernsthafter Typ. Oder was denken Sie?«
Agnes zuckte die Achseln. »Werners Art von Liebe ist nichts für Rosi! Wir propagieren eigentlich Liebe ohne Besitzansprüche. Werner will einen Menschen mit Haut und Haar. Der ist besessen von seiner ewigen Ehrlichkeit. Ich glaube, er würde sich lieber umbringen als irgendeine Schuld an jemand anderem zu begehen. Das liegt an seinem Vater.«
Ich betrachtete sie ernst. Um uns herum schubsten und drängten sich die Hausfrauen, die neue Gerätschaften bewunderten. Vor allem teure Dampfkochtöpfe und schicke Toaster. Und Kaffeemaschinen. Im Jahr 1954 war der Wigomat die erste Filterkaffeemaschine gewesen. Anfangs unerschwinglich, wurden die Dinger immer preiswerter. Meine Eltern lehnten sie ab. »Geht doch nichts über einen frischen, selbstgebrühten Kaffee.«
»Und die anderen beiden, Dieter und Johannes, wie sind die so?«
Jetzt war ich zu weit gegangen. Die Frage nach...




