Klingler | Erbsünde | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 323 Seiten

Klingler Erbsünde

Maulbronn Krimi
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7650-2102-2
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Maulbronn Krimi

E-Book, Deutsch, 323 Seiten

ISBN: 978-3-7650-2102-2
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Karlsruher Ahnenforscherin Maren Meinhardt soll eine Familienchronik schreiben. Doch der harmlose Auftrag einer alten Freundin aus Maulbronn entpuppt sich bald als verwirrende Spurensuche. Sie führt zurück bis in die Maulbronner Schulzeit des jungen Hermann Hesse, und Maren, die immer tiefer in den Sog der dunklen Vergangenheit und ihrer eigenen Gefühle gerät, stößt auf die 'Erbsünde' der Familie Urban - mit tödlichen Folgen. Ein packender Krimi rund um die lebendige Karlsruher Südstadt und das geheimnisumwobene Kloster Maulbronn.

Eva Klingler, geboren 1955, ist Journalistin und Autorin. Sie arbeitete als Redakteurin beim SWR und für verschiedene Tageszeitungen und veröffentlichte bisher zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Im G.Braun Buchverlag sind bisher die erfolgreichen Krimis 'Erbsünde', 'Blutrache', 'Kreuzwege', 'Blaublut', 'Weißgold' und 'Hassliebe' erschienen.
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eins


Der Auftrag kam zwar überraschend, aber durchaus willkommen.

Auf der Straßenbahnfahrt nach Maulbronn versuchte ich, meine Erinnerung an Violet Griesheimer hervorzuholen.

Keine leichte Aufgabe für mich, die ich eher vergesslich bin, andererseits aber eine interessante Übung für jemanden, der in seiner Jugend – für die zahlreich konsultierten Ärzte rätselhaft – zwei Jahre lang taub gewesen war.

Aus dieser Zeit hatte ich viel gelernt.

Wenn du nichts mehr hörst, siehst du schärfer, beobachtest anders – eine Gabe, die mir aus dieser grauen stillen Epoche meines Lebens erhalten geblieben war.

Also – Violet Griesheimer.

Ein frischer Geschmack drängte sich mir auf. Irgendwas mit Pfefferminz… Vivil!

„Vivi!“

Ich lächelte erleichtert. Mir gegenüber saß ein älterer Türke in einem gestreiften Anzug, er lächelte freundlich zurück.

Vivi! Richtig, man hatte sie Vivi genannt, obwohl nichts an ihr an jene Fernsehmoderatorin aus den Siebzigern erinnerte. Oder doch?

Charmant und liebreizend – ein altmodisches Wort, und doch traf es den Kern – war auch unsere Vivi gewesen, dabei so fein wie eine französische Dame des 18. Jahrhunderts. Doch hatte ihre Freundlichkeit niemals aufgesetzt gewirkt, sondern stets echt, warm, mitfühlend und so sanft wie ein Stück Milchschokolade im Mund.

Und obwohl unsere Bekanntschaft schon etliche Jahre zurücklag – ich kannte sie aus meiner Mannheimer Studentenzeit, aus einem Leben also, welches mir, der Maren Mainhardt von heute, wie das einer anderen vorkam – entstand jetzt vor meinen Augen ein deutliches Bild von Violet.

Es setzte sich langsam zusammen, so wie sich ein Phantombild auf dem Computerbildschirm aufbaut: ein makellos schönes Gesicht mit einer Haut, die Kosmetikerinnen arbeitslos werden ließ. Keine Rötungen, keine großen Poren, keine Äderchen – nur eine glatte Fläche von dunklem mattem Elfenbein. Dunkle Augen, schwarzes Haar, dichte Augenbrauen und perfekte Formen an Mund, Kinn und Stirn. Flache breite Wangenknochen. Schlank und zierlich, wie sie war, konnte sie alles tragen. Obwohl sie offensichtlich aus einfachen Verhältnissen stammte, kleidete sie sich edel, und wir in unseren T-Shirts, Sweatshirts, Jeans und – je nach ideologischer Ausrichtung – karierten Holzfällerhemden oder indischen Seidenblüschen, bewunderten ihren Geschmack.

Sanft, manchmal scheu, immer aber gewinnend war ihr Lächeln. Sie konnte gut zuhören und stellte die richtigen Fragen, die den Kern und das Herz trafen. Sie nahm echten Anteil, das spürte man, und deshalb suchte jeder ihre Gesellschaft. „Maren, das Wertvollste, was du heute einem Menschen schenken kannst, ist deine Zeit!“, hatte sie einmal zu mir gesagt.

Eine Weisheit, die trivial erscheint, aber gleichwohl stimmt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin nämlich Single, unfreiwillig übrigens, wie ich zugeben muss, und eins kann ich versichern: Es gibt nicht viele Leute, die dir beispielsweise an einem Sonntagmorgen ihre Zeit schenken.

Da gehen die Läden bei den Paaren spät hoch, da wird gegähnt, gefrühstückt, in Socken und Bademantel der Tag geplant. Auszeit für Gesellschaft. Auszeit für Singles.

Ich fühlte den Schmerz – er war noch da. Rüdiger und die kleine Isobal! Glück auf Zeit.

Zurück zu Vivi.

Liebenswürdig, am Schicksal anderer interessiert, warm und weiblich und schön – die Männer, Studenten ebenso wie Dozenten, waren naturgemäß begeistert von solch einer Frau. Doch nur Letztere konnten sich Vivi leisten.

Etwas Derartiges hätte sie natürlich niemals offen gesagt, doch ließ sie auf ihre liebreizende Weise Tatsachen sprechen.

Wer mit Vivi ausgehen wollte, musste die Rechnung übernehmen, ob Frau oder Mann, denn teures Essen im Restaurant konnte sie einfach nicht bezahlen.

Das war bekannt, und sie schämte sich anscheinend nicht dafür. Sie setzte die Einladung mit einem sanften graziösen Lächeln voraus. Obwohl sie selbstverständlich niemals etwas .

„Ach, lass doch das Essen!“, sagte sie gerne und hakte ihr Gegenüber lächelnd unter, wobei jedem auffiel, dass sie gut roch. „Wir gehen zusammen spazieren und essen auf einer Bank einen Apfel!“

Sprach es und landete auf zauberhafte Weise immer im Gourmettempel am anderen Ende der Stadt!

Ob dieses Prinzip funktioniert hätte, wenn sie ausgesehen hätte wie die meisten von uns aussahen, war unklar, doch die Natur hatte ihr großzügig geholfen: Vivi war nun mal eine Schönheit, und in jener Zeit, in der Boris Becker und seine hübsche Babs die Schlagzeilen beherrschten, war Vivis dunkle Exotik mehr als salonfähig.

Ihr Reiz war ihr selbst zwar gewiss nicht verborgen geblieben – sicher kannte sie ihren Wert auf den Cent genau, und sie würde ihn zu gegebener Zeit auch verlangen – doch schien sie niemals berechnend, sondern wirkte mädchenhaft und staunend, was die Welt möglicherweise noch zu bieten hatte. Und sie bot ihr eine Menge.

Ich seufzte.

Das Leben hatte mich eigentlich auch nicht stiefmütterlich ausgestattet, aber Violet spielte eindeutig in einer anderen Liga. „Es gibt Mädchen, die rufen an, und es gibt Mädchen, die werden angerufen!“, hatte unsere Kommilitonin Ina einmal gesagt, und ich hatte trocken zugestimmt: „Ich könnte wetten, Vivi zahlt bei ihrer Telefonrechnung nur die Grundgebühr!“

Die Straßenbahn Richtung Kraichgau fuhr am Europaplatz los. Ich fahre nicht gerne Auto, denn ich habe Angst vor denen, die schneller fahren als ich, und das sind die meisten. In der Stadt bin ich allerdings mutig – todesmutig sagen meine Freunde –, das ist mein Revier, da flitze ich pfeilschnell umher, und wie ein Goldsucher spüre ich freie Parkplätze in engen Innenstadtstraßen auf. Außerhalb der Stadt aber taste ich mich ängstlich wie ein Hase über Land und ducke mich in Haltebuchten, bis die dicken Wagen vorbei sind.

Also hatte ich die Straßenbahn genommen, und die förderte die Tugend der Geduld.

In der Kaiserstraße schlich die Bahn – ein Kind hätte nebenher laufen können –, sie klingelte schrill und hielt ständig ohne ersichtlichen Grund.

An den Haltestellen füllten und leerten sich die Wagen unaufhörlich mit neuen Gestalten, Einkaufstüten drängten sich gefolgt von ihren Trägern in letzter Sekunde durch die seufzenden Türen, die sich rasch öffneten und schlossen.

Langsam schob sich der gefüllte Lindwurm durch die Stadt. Mein Atem formte einen kleinen Ring an der Scheibe, so nahe hing ich am Fenster und so sehr genoss ich den Anblick, denn ich liebe die Großstadt.

Obwohl Karlsruhe eine kleine große Stadt ist. Es kommt immer wieder vor, dass du jemanden zufällig auf der Kaiserstraße triffst, und das gibt ein heimeliges Gefühl. Und doch ist die Stadt groß genug für mich.

Wohin du auch schaust, es tut sich etwas. Ein kostenloser Film übers menschliche Leben. In jeder Ecke ein Schicksal. Kaum hast du dir sein vom Leben geprägtes Gesicht angesehen, hast versucht, eine Lebensgeschichte hineinzudenken, triffst du schon auf das nächste.

Ich zwang meine Gedanken, die so gerne herumwandern, sich manchmal so schwer einfangen lassen, zurück zu Violet.

Vivi hatte so gut wie nie über ihr Elternhaus gesprochen, was kaum weiter auffiel. Wozu in den späten achtziger Jahren an der Uni in Mannheim über die Familie sprechen? Die Zeit, in der man Klassenunterschiede hin und her diskutierte, um zum Schluss doch unter seinesgleichen zu bleiben, war vorbei. Hatte die Familie Geld, dann bezog man seinen Unterhalt eben von dort; hatte sie kein Geld, bekam man Bafög. In den Seminaren über die Entstehung des Nibelungenliedes oder über die Zarenherrschaft im 19. Jahrhundert war das ziemlich egal. Vivi hatte ihre Eltern, beziehungsweise die Nicht-Existenz eines vollständigen Elternpaares, vor den anderen nur ein einziges Mal erwähnt, nämlich als in der kleinen Arbeitsgruppe „Familienstrukturen im ausgehenden 14. Jahrhundert“ die Rede von der schwierigen Lage unehelicher Kinder gewesen war, die man damals nannte oder auch Kegel, woher der Ausdruck „Kind und Kegel“ kommt.

Vivi hatte dazu nur kurz bemerkt: „In diesen Tagen war es nicht lustig, ohne Vater aufzuwachsen, aber heute auch...



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