E-Book, Deutsch, Band 6, 232 Seiten
Reihe: Maren Mainhardt ermittelt
Klingler Hassliebe
1., Aufl
ISBN: 978-3-7650-2144-2
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein badischer Krimi
E-Book, Deutsch, Band 6, 232 Seiten
Reihe: Maren Mainhardt ermittelt
ISBN: 978-3-7650-2144-2
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eva Klingler, Jahrgang 1955, ist Journalistin und Autorin. Sie arbeitete als Redakteurin beim SWR und für verschiedene Tageszeitungen und veröffentlichte bisher zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Heute lebt und schreibt sie in Karlsruhe. 2005 erschien ihr erster badischer Krimi 'Erbsünde'; seither hat sie in dieser Reihe fünf weitere Fälle der Ahnenforscherin Maren Mainhardt veröffentlicht: 'Blutrache', 'Kreuzwege', 'Blaublut', 'Weißgold' und 'Hassliebe'.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Sélestat, November 2009
Ich stand am Fenster und sah hinaus. Eine Gasse im November.
Drinnen knackte ein Elektroöfchen und verbreitete eine oberflächliche kurzlebige Wärme. Französische Wärme eben. Vom Mittelmeer bis zur belgischen Grenze heizen die Gallier auf diese Weise. Allein bei dem Gedanken daran erleidet jeder Deutsche einen Preisschock.
Schaltete man das flache Ding an der Wand aus, wurde es sofort kalt.
Die Wände selbst stammten übrigens aus dem sechzehnten Jahrhundert und hatten so eine Menge Zeit gehabt, unfreundliche Kälte zu speichern.
Gegenüber von meinem Fenster befand sich in der Entfernung eines verlängerten Armes das Nachbarhaus. Dort wohnte ein recht nettes Ehepaar. Sie hatten drei Papageien, und sie waren Franzosen.
Eine Selbstverständlichkeit sollte man meinen, da sich das Haus in Frankreich befand.
So war es aber nicht, denn der Rest der Straße befand sich fest in orientalischer Hand.
Das große Nachbarhaus zur Rechten war erfüllt vom Leben und Lieben einer marokkanischen, einer türkischen sowie einer tunesischen Familie.
Es war also beinahe wie in der Südstadt – und doch anders.
Kinder, die man den einzelnen Nationalitäten nicht zuordnen kann, spielen hier bis nachts auf der Straße.
Sie wachsen auf wie in ihrer Heimat, pflegen deren Bräuche, aber sie sind in erster Linie stolze Franzosen, und sie sprechen französisch miteinander.
Wenn sie mich sehen, betrachten sie mich neugierig, denn ich bin hier die Ausländerin, nicht sie. Sie sagen höflich aber scheu: »Bonjour, Madame.«
Ihre Mütter, mollige dunkelhaarige Frauen mit runden Gesichtern, betrachten mich etwas mitleidig von ihrem geschnitzten Holzbalkon herab.
»Ça va, Madame?«, fragen auch sie. Die Frauen sind sehr oft auf dem Balkon, denn sie trocknen ihre Wäsche dort. Täglich. Auch sonntags und auch jetzt im Winter. Im Schwäbischen würde man sich schütteln, im Badischen zumindest wundern.
Heute war aber Donnerstag, es war kalt, regnete fiese graue Bindfäden, und im Rücken unseres Hauses hatte die mächtige Hochkönigsburg – laut Reiseführer der zweitgrößte Touristenmagnet Frankreichs nach dem Eiffelturm – ihr Haupt in Regenwolken gehüllt.
Ein regnerischer Wintertag ist überall gleich trostlos.
In einer Kleinstadt im Norden Frankreichs ist er noch trostloser als in Karlsruhe. Denn Kleinstädte sind weltweit gleich, nämlich klein.
Die Läden hier in der Stadtmitte schließen überraschend früh, die Straßen sind abends im Winter leer bis auf die Hundehäufchen, die sich meterweit vertreten. Die Restaurants weigern sich, vor 18.30 Uhr aufzumachen, und ein Café gleich am Ortseingang schließt um 18.00 Uhr; und wenn man um 20 Uhr daran vorbeiläuft, ist es wieder offen.
Man hat überhaupt seltsame Öffnungszeiten hier. So macht erst um zehn Uhr auf der Hauptstraße ein Laden auf, hinter dessen Tresen ein müder Mann mit Tränensäcken bis zu den Knien steht. Reihenweise warten meist jugendliche Einwohner der Stadt und der umliegenden Orte auf Einlass. Er verkauft Lottoscheine und Zigaretten, denn es gibt keine Zigarettenautomaten in diesem ansonsten genussfreudigen Land. Warum er erst so spät öffnet, weiß ich bis heute nicht. Auch sonst ist manches anders in diesem Landstrich, den wir Badener lediglich als exotische Kräuterbutterkolonie betrachten: Samstags hat alles geöffnet, dafür montags alles zu.
Ich stand also immer noch an dem kleinen Fenster, sah hinaus auf die stille enge Straße, auf das verschachtelte Mosaik der Dächer und sehnte mich nach meinem Freund und nach mehr. Nach vertrauten Stimmen, nach dem Lachen meiner Freundinnen, nach meinem bevorzugten Lebensmittellädle in der Südstadt. Ich sehnte mich nach Oliver und meinetwegen auch nach Kelly, seiner Tochter, und fühlte mich wie ein Puzzlesteinchen im falschen Puzzle.
Fragte mich, ob ich nicht eigentlich nach Karlsruhe gehörte. Was machte ich in einem Land, dessen Sprache ich zwar holprig sprach, deren Nuancen ich aber vielleicht nie verstehen würde?
Leben wie eine Göttin in Frankreich hatte ich mir jedenfalls etwas anders vorgestellt.
Vor allem wärmer.
»Hauptsache, wir sind zusammen!«, hatte Oliver kühn behauptet, bevor er das Angebot für die Produktion einer CD und für mehrere Konzerte in Irland und England angenommen hatte und durch den Tunnel unterhalb des Ärmelkanals verschwunden war. Eine eigenartige Definition von ›zusammen‹.
Und so lebte ich jetzt in Sélestat, einer mittelalterlichen Kleinstadt im südlichen Elsass, anstatt in meinem heimischen Karlsruhe.
Bewohnte ein uraltes winziges Haus mit Balken von 1560 anstelle einer schicken Zweizimmerwohnung mit dem Komfort des 21. Jahrhunderts.
Alles hatte natürlich mal wieder mit einem Mordfall begonnen. Im Spargelmilieu. Keine schöne Sache. Ein Mann, der im Schwetzinger Schlossgarten gestorben und dessen Leiche verschwunden war. Und ein Rätsel, das ich beinahe zu spät gelöst hatte.
Sozusagen als Abfallprodukt hatte ich mich im Zuge der Ermittlungen in Oliver Oberst, Melchiors Bruder, verliebt. Gut, mochten meine Kritiker sagen – sie verliebt sich ja immer mal wieder, aber das heißt ja nicht, dass sie gleich aus der Karlsruher Südstadt wegzieht. Bestimmt nur eine kurze Sache
Diesmal war es aber mehr als das übliche Strohfeuer.
Oliver war Melchiors irisch-deutscher Halbbruder. Kripokommissar Melchior Obersts Halbbruder. Ja, genau. Jener Melchior, der ausgerechnet auf dem Jakobsweg mit seiner Kripo-Kollegin und meiner Freundin Elfie Kohlschröter angebandelt hatte. Auf dem Jakobsweg sollte man eigentlich zu sich und nicht zum Mann seiner Freundin finden. Aber so war es gewesen, und das Ganze hatte am Ende zu der Ausstellung eines behördlichen Trauscheins geführt.
Oliver Oberst, keltisch angehauchter Musiker und Vater einer Teenagertochter, hatte mich temperamentvoll und entschlossen aus meinem emotionalen Tief geholt. Gemeinsam hatten wir den Mordfall in Schwetzingen – gelöst wäre der falsche Ausdruck – gemeinsam hatten wir versucht, ihn zu lösen.
Dieses Abenteuer hätte mich fast das Leben gekostet, und wir hatten uns unter den dramatischen Umständen ineinander verliebt.
Oliver würde ab Sommer dieses Jahres eine Stelle an der Musikhochschule in Straßburg haben. Bis es soweit war, wickelte er noch verschiedene Projekte in England und Irland ab.
Straßburg ist – europäisch gesehen – ein teures Pflaster und deshalb hatten wir uns rechtzeitig dieses Haus im vierzig Kilometer entfernten Städtchen Sélestat gesucht.
Zwanzigtausend Einwohner, und für jeden zweiten davon gibt es anscheinend einen eigenen Supermarkt, denn Hypermarchés und Intermarchés umschließen die Stadt ringförmig wie moderne Festungsanlagen. Die Franzosen haben eine unheilbare Leidenschaft für gigantische Supermärkte.
Ich, die Deutsche, gewöhnt an dreischiffige Aldiläden, pflege mich schon alleine zwischen den hiesigen Käseregalen zu verirren. Sie sind mehr als mannshoch, und die Franzosen schieben riesenhafte Wägen zwischen einer unüberschaubaren Auswahl von Münsterkäsen und Camemberts hin und her.
Geriebener Käse wird hier gleich in praktischen Kilopaketen angeboten, Essig ist gut und preiswert, Olivenöl wird für fast alles benutzt, und Meeresfrüchte haben hier ungefähr den Stellenwert von Kochkäs’ mit Kümmel auf einem oberhessischen Kleinstadtmarkt. Es gibt sie preiswert und in allen Variationen für jedermann. Und nachdem ich aus Versehen einmal salzige Butter gekauft und für den Marmorkuchen benutzt hatte, achtete ich nun besser auf die Aufschrift auf der Butterpackung aus kariertem Papier. Die leuchtend blau verpackte Salzbutter kommt aus der Bretagne und transportiert Urlaubsgefühle in den fernen Osten Frankreichs.
Ansonsten herrscht in Sélestat eine Idylle fast wie im Bilderbuch.
Die Ill plätschert unternehmungslustig durch den Ort. Kanulehrer und Kanuschüler tanzen darauf. Die alten Männer sitzen witterungsresistent vor den Cafés und Bars und trinken aus kleinen Gläschen mit hohen Stilen ihren Weißwein.
Und die Hochkönigsburg schaut hochmütig auf das vom Krieg nie zerstörte Ensemble an Türmen, Türmchen, Dächern, Antennen und Storchennestern herab.
Die Haussuche hatte sich rückwirkend gesehen erstaunlich problemlos gestaltet.
In Sélestat gibt es mehr Immobilienmakler als Bäcker. Und das will im Land der bekennenden Weißbrotjunkies etwas heißen. Ich hatte in einer Straße mindestens zwanzig solcher Anbieter gezählt. Der Himmel weiß, wovon sie leben.
Diese Immobilienmakler haben kleine, von außen einsehbare Büros, die sie – wie in Frankreich üblich – mit glatten, bunten und für unsere Augen ein wenig billig aussehenden Möbeln einrichten.
Da sitzen sie, rauchen ungeniert und ohne jegliches schlechte Gewissen, und haben leere Schreibtische sowie modernste Computer vor sich.
Einer dieser Makler hatte ein Haus aus dem 16. Jahrhundert zu vermitteln. Sowohl der Mann als auch das Haus waren uns sympathisch gewesen – sympa, wie man in Frankreich sagt. (Sagen Sie einfach mal sympa, betonen Sie es auf der letzten Silbe und Sie werden sich gleich beinahe wie Romy Schneider fühlen – und so dem deutschen Spießertum in Richtung Freiheit und Erotik entkommen.)
Geübt, wie ich inzwischen war, gelang es mir, vor den staunenden und...




