E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Knecht Goldjagd
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-9525456-5-2
Verlag: anexa books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-9525456-5-2
Verlag: anexa books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Knecht ist Unternehmer, Dozent und Persönlichkeitscoach. Neben seinen Thrillern veröffentlicht er auch Sachbücher zu Managementthemen. Gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Edita Horvath kreiert er innovative Kochbücher, die mehrfach ausgezeichnet wurden.
Zielgruppe
Geschichtsinteressierte: Menschen, die sich für den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen historischen Ereignisse interessieren.
Thriller-Fans: Leser, die spannende Geschichten mit überraschenden Wendungen lieben.
Fans von Verschwörungsthrillern: Personen, die gerne in dunklen Geheimnissen und Intrigen schwelgen.
Leser, die sich für psychologische Aspekte interessieren: Menschen, die die Charakterentwicklung und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schätzen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Schweizer Mittelland, Februar 2010
»Was steht heute auf der Tagesordnung?«
Mit einer schwungvollen Bewegung drehte Peter Holmberg seinen Bürostuhl um hundertachtzig Grad und blickte fragend in die braunen Augen seiner Kollegin.
»Nun ja, der übliche Kram.«
Sie verzog ihren Mund zu einer gequälten Grimasse.
»Zuerst ein Bericht über die geplante Geschwindigkeitsbegrenzung im Hasenfeldquartier und danach als krönender Abschluss eine Geburtstagsreportage.«
»Nicht schon wieder!«
Peter stöhnte laut auf. Er wusste nur zu gut, was ihn erwarten würde: Etwa zweimal pro Woche wird im Einzugsgebiet der Zeitung ein hoher runder Geburtstag gefeiert. Der Mittelland-Kurier berichtet jeweils auf den Lokalseiten von diesen Ereignissen. Der offizielle Akt dauert zum Glück nicht lange und verläuft immer nach demselben Muster: Der Jubilar oder die Jubilarin sitzen mehr oder weniger freudestrahlend in einem bequemen Polstersessel und werden dabei von zwei Behörden- oder Regierungsvertretern flankiert, die affektiert in die Kamera lächeln und auf diese Weise kostenlose Wahlkampfwerbung erhalten.
Peter seufzte leise.
»Eine riesige Herausforderung! Bald gehört er mir!«
»Wer?«
»Na, der Pulitzerpreis …«
Er grinste flach.
Sonja verdrehte theatralisch die Augen. Dann griff sie in einen Stapel Papiere und hielt Peter mit einem süffisanten Lächeln ein Blatt entgegen.
»Deine Instruktionen!«
»Oh nein, in Hägenwil …«
Sonja schaute ihn fragend an.
»Der dortige Gemeindepräsident kommt notorisch zu spät, und wenn er endlich da ist, hält er eine endlos lange Rede ...«
Das Mittagsgeläut hallte in den Gassen der Stadt, als Peter in seinen Wagen stieg und in Richtung Hägenwil fuhr. Die Ampeln an der City-Kreuzung zeigten grün, und er pfiff fröhlich die Melodie, die eben im Radio lief. Den Artikel über die Geschwindigkeitsbeschränkung im Hasenfeldquartier hatte er bereits auf seinem Notebook getippt. Nun blieb noch die Geburtstagsreportage.
Die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres fielen durch die verschmutzte Windschutzscheibe. Peter blinzelte, griff in das Ablagefach und setze sich eine Sonnenbrille auf. Ob der Frühling sich wohl bald durchsetzen würde?
Beim Dorfeingang, unmittelbar nach dem Ortsschild, hielt er an und fragte einen Jungen, der eine Ferrari-Schirmmütze trug und mit seinem Skateboard unterwegs war, nach dem Weg.
»Kaminski? Dort oben!«
Er deutete mit dem Finger in Richtung Waldrand.
»Eine riesige Villa!«
Riesige Villa, dachte Peter, da bin ich mal gespannt. Er bog beim nächsten Kreisverkehr scharf nach rechts ab und schaltete in der ruppigen Steigung einen Gang runter.
Zwei Minuten später parkte er seinen Wagen auf dem mit Kies bedeckten Vorplatz eines prachtvollen Anwesens. Erstaunt musterte er die Umgebung: In der Mitte eines gepflegten und weitläufigen Parks befand sich ein gigantischer Swimmingpool, der kaum kleiner war als das Schwimmbecken im städtischen Freibad.
»Der Pool wird nur im Sommer benutzt. In den anderen Jahreszeiten schwimmt Herr Kaminski im Hallenbad, welches sich im ersten Untergeschoss befindet.«
Überrascht drehte sich Peter um. Vor ihm stand eine ältere Frau. Die grauen Haare hatte sie streng nach hinten geknotet, was den resoluten Eindruck, den sie ausstrahlte, zusätzlich unterstrich. Geringschätzig betrachtete sie Peters alten Renault.
»Sie sind von der Zeitung?«
Es klang eher einer Feststellung als eine Frage.
»Ja, ich ...«
»Der Empfang findet im Konzertsaal statt!«
Abrupt drehte sie sich um und verschwand durch einen Nebeneingang des riesigen Anwesens.
Empfang? Konzertsaal? Peter war verwirrt. Er vermisste die spießige Stimmung und die Trägheit, die normalerweise solchen Anlässen anhaftet.
Kopfschüttelnd betrat er die Villa durch den Haupteingang und war überrascht, als er von einem echten Butler empfangen wurde: blütenweißes Hemd, schwarzer Frack, gepflegter Schnurrbart und listige kleine Augen.
»Darf ich Ihren Namen erfahren?«
Köstlich – der Butler sprach tatsächlich mit englischem Akzent.
Peter stellte sich vor und wurde in den Konzertsaal geleitet, wo man ihm in einer hinteren Reihe einen Platz anbot. Erstaunlicherweise waren die zehn Stuhlreihen bereits größtenteils besetzt. Das Publikum unterhielt sich leise und wartete geduldig. Über der Bühne hing eine riesige, goldene 100, die auf das biblische Alter des Jubilars anspielte. Es dauerte nicht lange und der letzte Gast traf ein. Peter musste schmunzeln: der Gemeindepräsident ...
Die Flügeltüren wurden geschlossen. Das Orchester erhob sich und die Musiker verbeugten sich synchron. Der quirlige Dirigent im Smoking nickte den Musizierenden aufmunternd zu und hob seinen Taktstock mit einer fast anmutigen Geste. Die Violinen spielten die Einleitung und nach dem fünften Takt stimmten die anderen Instrumente ein.
Zwanzig Minuten später legte der Kapellmeister seinen Stab unter dem warmen Applaus des Publikums sorgfältig auf sein Dirigentenpult. Ein beleibter Mann betrat ein wenig unbeholfen die Bühne und watschelte zum Mikrofon. Peter kannte ihn: Er hatte früher eine politische Sendung im Fernsehen moderiert und war dann Pressesprecher bei einem Pharmakonzern geworden. Der dicke Moderator begrüßte die Anwesenden in einem übertrieben feierlichen Ton und hob einige prominente Gäste hervor: Lokalpolitiker, Künstler und Geschäftsführer von regionalen Unternehmen, die wahrscheinlich in der Vergangenheit finanzielle Unterstützung vom Jubilar erhalten hatten. Dann erwähnte er einige bekannte Sportler, die Kaminski entdeckt und gefördert hatte.
Das Orchester spielte einen Tusch. Der Moderator hüstelte gekünstelt, rückte das Mikrofon nochmals zurecht und begann mit dem Lebenslauf des Jubilars.
Peter war an Geburtstagsfeiern schon oft mit Lebensläufen konfrontiert worden. Er mochte sie nicht mehr hören. Im Großen und Ganzen waren sie sich ähnlich gewesen: in der Region geboren, harte Jugend, eine Anstellung gefunden, Heirat, Kinder gezeugt und mit fünfundsechzig in den verdienten Ruhestand getreten ...
Was Peter nun zu hören bekam, war jedoch ungewöhnlich:
John Kaminski wurde am 2. Februar 1910 in der Nähe von St. Paul (Minnesota) geboren. Seine Eltern führten eine Farm, züchteten Pferde und pflanzten auf riesigen Flächen Getreide an. Ihr zweitältester Sohn half ihnen gerne bei der Arbeit, konnte sich aber nie richtig mit dem Beruf des Farmers anfreunden. Mit achtzehn Jahren verließ er das Elternhaus und zog kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. Er half beim Bau des Empire State Building und verließ darauf die Ostküste, um sich seinen Lebensunterhalt mit verschiedenen Jobs auf den Farmen im mittleren Westen zu verdienen. Schließlich landete er in Las Vegas. Dort ließ er sich zum Croupier ausbilden. Ein Job, den er mehrere Jahre ausübte, bis er das mittlerweile bequeme Leben in der Spielerstadt gegen eine unsichere Existenz in der US Army tauschte, wo er rasch die Karriereleiter hochkletterte. Kurz nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1942 wurde er im Nordafrikakrieg eingesetzt, um dann nach der Landung der Alliierten auf Sizilien zusammen mit seiner Einheit den mühsamen Weg nach Norden zu erkämpfen. Während der Abnutzungskämpfe in Italiens Süden verlor Kaminski zahlreiche Kameraden und die Amerikaner, die unmittelbar nach der Landung sehr viel Optimismus verbreitet hatten, prallten unsanft auf dem Boden der Realität auf.
John Kaminski wurde im Oktober 1943 in der Nähe von Volturno angeschossen und verbrachte die folgenden Monate in einem Militärkrankenhaus in Belfast und danach bis zur Genesung in seiner Heimat. Im Juni 1944 führte er bei der Landung in der Normandie eine Luftlandeinheit an. Die Fallschirmspringer um Kaminski setzten am 6. Juni in der Nähe von Sainte-Mère-Église auf. Zusammen mit seinen Leuten trug er maßgeblich zur Befreiung des normannischen Dorfes bei.
Der Moderator erwähnte an dieser Stelle, dass John Kaminski in den letzten Jahrzehnten mehrere Male in der Normandie zu Besuch war.
Peter, der selbst die Kriegsschauplätze im äußersten Westen Frankreichs besichtigt hatte, konnte sich bildhaft vorstellen, wie die Invasion damals abgelaufen war.
Aber das war noch nicht alles: Laut den Aussagen des Moderators half Kaminski auch bei der Befreiung der großen Städte in Thüringen und hatte das Ende des Krieges vor Ort miterlebt.
Peter kam aus dem Staunen nicht heraus und beschloss, sich diesen Kriegshelden separat vorzunehmen. Es war unbegreiflich, dass ein Mann mit einer solch illustren Vergangenheit seit Jahren «unentdeckt« in der Region wohnte. Peter malte sich bereits das zweiseitige Interview aus, das in den nächsten Tagen im Mittelland-Kurier erscheinen würde.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Kaminskis Lebensweg geradliniger und übersichtlicher. Er, der nach dem Krieg in Eisenach eine junge Deutsche kennengelernt hatte, beschloss in Europa zu bleiben. 1957 heirateten Britta und John. Er investierte mit glücklicher Hand in Medien- und Kommunikationsunternehmen und widmete einen großen Teil seiner Zeit der Sammlung von Kunstobjekten und der Förderung von jungen Künstlern.
Peter stellte sich stirnrunzelnd die Frage nach der Herkunft der finanziellen Mittel. Selbst ein hoher Offizier der US Army verdient zu wenig, um sich nach der Dienstzeit ausschließlich...




