E-Book, Deutsch, 363 Seiten
Knecht Lebensqualität produzieren
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-531-92573-8
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Ressourcentheorie und Machtanalyse des Wohlfahrtsstaats
E-Book, Deutsch, 363 Seiten
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-92573-8
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Über das Konzept der Lebensqualität des Volkswirts und Philosophen Amartya Sen bin ich erst vor einigen Jahren gestolpert. Nachdem mich die Weltfremdheit vieler volkswirtschaftlichen Modelle schon in meinem Studium beschäftigt hatte, fing mich Sens 'neuer' Ansatz, der mit Begriffen wie Fähigkeiten, Handlun- möglichkeiten und eben Lebensqualität hantiert, an zu faszinieren. Tatsächlich waren Sens Gedanken gar nicht mehr so neu, sondern gingen auf die Mitte der 80er Jahre zurück. In Deutschland wurde Sen jedoch erst ab Ende der 90er v- stärkt rezipiert - und zunächst auch nur innerhalb seiner eigenen Fächer Philo- phie und Volkswirtschaft. Ich bekam schon bald den Eindruck, dass der Ansatz von Sen die Chance böte, ökonomische Probleme 'näher am Menschen' und dennoch theoretisch fundiert zu diskutieren, was den Anlass zu dieser Arbeit gab. Eigentlich stellen Lebensqualitätsdissertationen ja ein Paradox dar, da - mindest das Verfassen einer solchen Arbeit meist nur sehr bedingt die Lebe- qualität steigert. Für die Soziologie stellt Sens Werk eine Herausforderung - man könnte auch sagen: eine schwerverdauliche Kost - dar. Viele seiner Ausführungen - schäftigen sich mit volkswirtschaftlichen und philosophischen Detailfragen, die sich nur aus der disziplin-geschichtlichen Entwicklung und dem formalen D- ken dieser Fächer ergeben. Sen selbst hat sein Betätigungsfeld stark gegen die Soziologie abgegrenzt und macht stets Kurven um sie herum - enge Kurven, die aus soziologischer Sicht erstaunen. Selbst wenn er sich auf einem Terrain - wegt, welches die Soziologie schon lange und mit Erfolg beackert, bleibt er den Denkweisen seiner Disziplinen treu.
Alban Knecht ist Lehrbeauftragter der Hochschule München und der Universität München. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialpolitik, Armut und Soziale Ungleichheit.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;5
2;Verzeichnisse;8
3;1 Einleitung;10
3.1;1.1 Fragestellung und Methode;11
3.2;1.2 Aufbau;11
4;2 Messung und Beschreibung von Lebensqualität;14
4.1;2.1 Konzepte zur Messung von Wohlfahrt und sozialer Ungleichheit;15
4.1.1;2.1.1 Das Konzept Lebensqualität;15
4.1.2;2.1.2 Das Konzept Lebenslage;27
4.1.3;2.1.3 Das Konzept Lebensstandard;37
4.2;2.2 Ressourcentransformation und Lebensqualitätsproduktion bei Sen;40
4.2.1;2.2.1 Sens Kritik am Nutzenkonzept;40
4.2.2;2.2.2 Sens Kritik am Einkommenskonzept;42
4.2.3;2.2.3 Transformationen, functionings und capabilities;46
4.2.4;2.2.4 Operationalisierung und Formalisierung von Sens Theorie;55
4.2.5;2.2.5 Sens Konzept des well-being;58
4.2.6;2.2.6 Kritik am Ansatz von Sen;65
4.3;2.3 Vergleich der Ansätze;69
4.4;2.4 Lebensqualität und gesundheitliche Ungleichheit;73
4.4.1;2.4.1 Lebensqualität: Unterschiede in Mortalität und Morbidität;74
4.4.2;2.4.2 Drei Beispiele zur Lebensqualitäts-Analyse;78
4.4.3;2.4.3 Die Komplexität der Übertragungswege;91
4.4.4;2.4.4 Transformation, Lebensphasen, Bedeutung der Kindheit;95
4.4.5;2.4.5 Fazit: Die Produktion von Lebensqualität;103
4.5;2.5 Ableitung eines Modells der Ressourcentransformation;106
4.5.1;2.5.1 Ressourcen und Ressourcentransformation;106
4.5.2;2.5.2 Eigenschaften von Ressourcen;111
4.5.3;2.5.3 Formalisierung;118
4.6;2.6 Fazit;123
5;3 Rahmenbedingungen der Produktion von Lebensqualität;125
5.1;3.1 Lebensqualität als Ziel staatlichen Handelns;126
5.2;3.2 Sozialpolitik zwischen Befriedungs- und Befriedigungspolitik;131
5.2.1;3.2.1 Historischer Rückblick: Das Werden des Sozialstaats;131
5.2.2;3.2.2 Claus Offe: Das Kräftemessen in der Gesellschaft;144
5.3;3.3 Diskurs und Kultur als Rahmenbedingungen;154
5.3.1;3.3.1 Der Diskurs zu Wohlfahrt und Lebensqualität;154
5.3.2;3.3.2 Wohlfahrtskultur und Kultur der Lebensqualität;170
5.3.3;3.3.3 Die Subjektivierung von Lebensqualität;182
5.4;3.4 Vom Wohlfahrtsregime zum Lebenslaufregime;185
5.4.1;3.4.1 Ländervergleichende Strukturanalyse und Wohlfahrtsregime;186
5.4.2;3.4.2 Das Lebenslaufregime;197
5.5;3.5 Fazit: Rahmenbedingungen der Lebensqualitätsproduktion;202
5.5.1;3.5.1 Die drei Zugänge zur Lebensqualitätsproduktion;202
5.5.2;3.5.2 Das Wohlfahrtsdispositiv und die Subjektivierung von Lebensqualität;206
5.5.3;3.5.3 Sen und die Produktion von Lebensqualität;210
6;4 Interventionen zur Produktion von Lebensqualität;213
6.1;4.1 Modell der Ressourcenzuteilung und Lebensqualitätsproduktion;214
6.1.1;4.1.1 Das Mehrebenenmodell;215
6.1.2;4.1.2 Systematisierung der Interventionen;221
6.2;4.2 Die Interventionen im Detail;227
6.2.1;4.2.1 Die Ressource Geld;227
6.2.2;4.2.2 Die Ressource Gesundheit;233
6.2.3;4.2.3 Die Ressource Bildung;240
6.2.4;4.2.4 Psychische Ressourcen;245
6.2.5;4.2.5 Soziale Ressourcen;250
6.2.6;4.2.6 Transformationen verbessern: Fähigkeiten enwickeln;252
6.2.7;4.2.7 Strukturen ändern: Sozial-ökologische Interventionen;255
6.2.8;4.2.8 Fazit;257
6.3;4.3 Aktuelle politische Leitbilder – ressourcentheoretisch gedacht;260
6.3.1;4.3.1 Der Aktivierungsstaat;261
6.3.2;4.3.2 Der Sozialinvestitionsstaat;267
6.3.3;4.3.3 Der pädagogische Früh-Förderstaat;272
6.3.4;4.3.4 Die Leitbilder und der Befähigungsstaat – ein Fazit;279
7;5 Zusammenfassung, Ausblicke;283
7.1;5.1 Zusammenfassung;283
7.1.1;5.1.1 Überblick;283
7.1.2;5.1.2 Das Mehrebenenmodell in Kürze;286
7.2;5.2 Ausblicke;287
7.2.1;5.2.1 Anwendungen;287
7.2.2;5.2.2 Eine Anmerkung zum reduktionistischen Fehlschluss;294
8;Bibliographie;297
4 Interventionen zur Produktion von Lebensqualität (S. 213-214)
Was heißt, ein Schiff führen (franz.: gouverner237)? Gewiss heißt es, sich der Seeleute anzunehmen, doch heißt es zugleich, dass Schiff und die Ladung zu übernehmen; ein Schiff zu führen heißt auch, die Winde, die Klippen, die Stürme, die Unbilden der Witterung zu berücksichtigen. Es ist dieses Herstellen einer Beziehung zwischen den Seeleuten und dem Schiff, das gerettet werden, und die Ladung, die in den Hafen gebracht werden muss, und deren Beziehung zu all jenen Ereignissen wie den Winden, den Klippen, den Unwettern, das die Führung eines Schiffs kennzeichnet. (Foucault 2006 [1978]: 146f.)
Während im zweiten Kapitel dieser Arbeit gezeigt wurde, wie der einzelne Mensch Lebensqualität mit Hilfe von Ressourcen und durch die Transformation von Ressourcen produziert, ging es im dritten Kapitel um die Bedeutung der Rahmenbedingungen für die Produktion von Lebensqualität. Kulturelle Überzeugungen und politische Auseinandersetzungen führen zu einem institutionellen Gefüge, das den Lebensverlauf jedes Einzelnen vorstrukturiert. Regime können als Beschreibung von solchen Strukturen verstanden werden.
Der Zusammenhang zwischen diesen Regimen und der individuellen Ressourcenausstattung wurde in der Forschung bisher kaum expliziert. Esping-Andersen bezieht sich in seiner Diskussion der Wohlfahrtsregime zwar auf den schwedischen Level-of- Living-Ansatz und bemerkt, dass sich die einzelnen Regime in der Verteilung der Ressourcen unterscheiden, allerdings vertieft er diesen Gedanken nicht (Esping-Andersen 1990: 57). In der Diskussion der Lebenslaufregime wird dagegen die Bedeutung von Ressourcen wie Bildung und Geld klar gesehen und deren Entwicklung über den Lebensverlauf thematisiert; dies dient dann aber nur dazu Übergänge, wie Berufseintritt, Heiratsalter und das Alter, in dem man Kinder bekommt, zu erklärt, jedoch nicht die Lebensqualität oder Lebenserwartung.
Im Folgenden soll nun auf Basis des im zweiten Kapitel entwickelten Modells der Ressourcentransformation und der im dritten Kapitel beschriebenen politischen und kulturellen Rahmenbedingungen ein Modell entwickelt werden, das es erlaubt, den schwer abzubildenden Zusammenhang zwischen Mikro- und Makroebene, den Mikro-Makro-Link, auf eine umfassende und übersichtliche Weise zu beschreiben. Dabei werden staatliche Interventionen darauf hin untersucht, auf welche Weise und in welchem Umfang sie dem einzelnen Menschen Ressourcen zur Verfügung stellen.
Neben direkten Ressourcenzuteilungen und -umverteilungen wird dabei auch betrachtet, inwieweit der Staat in jene Ressourcenverteilungen eingreift, die außerhalb der Sphäre direkter staatlicher Interventionen liegen. Mit Bezug auf den Ansatz von Amartya Sen stellt sich die Frage, inwieweit staatliche Interventionen neben der Zuteilung von Ressourcen die Entwicklung der Fähigkeiten (functionings) und der Handlungsspielräume (capabilities) ihrer Bürgerinnen und Bürger beeinflussen.
Es wird nun zuerst ein Mehrebenenmodell der Ressourcenzuteilung und Lebensqualitätsproduktion – als zweiter Baustein der Ressourcentheorie – entwickelt (Kap. 4.1.1). Verschiedene Interventionsarten werden systematisiert (Kap. 4.1.2) und die Zuteilung der einzelnen Ressourcen wird dargelegt (Kap. 4.2). In Kapitel 4.3 werden dann verschiedene Trends der Wohlfahrts- und Lebensqualitätspolitik aus der Perspektive der Ressourcentheorie betrachtet.




