Kneifel | ATLAN X: Kristallprinz in Not | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 351 Seiten

Reihe: ATLAN X

Kneifel ATLAN X: Kristallprinz in Not


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8453-5311-1
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 351 Seiten

Reihe: ATLAN X

ISBN: 978-3-8453-5311-1
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mitte des 17. Jahrhunderts: Der Arkonide Atlan, der seit Jahrtausenden auf der Erde weilt und sich als 'Paladin der Menschheit' versteht, wird in seiner Tiefseekuppel geweckt. Seltsame Ereignisse erschüttern das westliche Europa - aufgrund eines Hinweises der Superintelligenz ES muss Atlan aktiv werden. Mithilfe seines Roboters Rico rüstet er sich zu einem ungewöhnlichen Einsatz. Seinen Weg kreuzen der englische Heerführer und Revolutionär Oliver Cromwell sowie der französische Musketier D'Artagnan. Darüber hinaus trifft Atlan auf zahlreiche wichtige Persönlichkeiten der Jahre 1648 bis 1652. Er muss sich sogar mit Schwarzen Messen und unheilvollen Entführungen auseinandersetzen. Die wichtigste Person aber, auf die er trifft, ist eine Art Pandora, eine schöne Frau mit unheilvollem Erbe ...

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3.

Leben und sterben

Pilar de Baeza zügelte ihren Schimmel, als wir den Schatten der Eichen auf dem Hügel erreicht hatten. Vor uns, auf einer riesigen weißgelben Fläche, brachten Bauern die Kornernte ein. Jeder heiße Windhauch wehte Schleier aus Staub und Spelzen über die Felder; Vogelschwärme pickten nach den gelben Körnern. Pilar stützte sich auf den Sattelknauf, sah mich mit müden Augen an und hob die Schultern, als ob sie fröre.

»Ich bin müde. Mein Hals tut weh.« Sie legte die Hand an die Stirn. »Und hier drinnen bohrt und klopft es.«

»Dann reiten wir nicht weiter«, sagte ich und winkte dem Reitknecht Pablo, der uns als Wächter folgte. »Ich bring dich zu euch, ins Haus; lege dich in ein dunkles, kühles Zimmer.«

»Das ist wohl das Beste«, sagte Pilar und kicherte dünn. Sie flüsterte: »Vielleicht waren wir auch etwas zu stürmisch, Enrique und ich, in den letzten Nächten.«

»Komm mit!« Ich ritt an, wendete und trabte neben ihr zu Pablo. Die Pferde trabten ins grelle Sonnenlicht, den Hang hinunter und unter den Alleebäumen zur Mauer, die den Besitz von Pilars Eltern umgab. Enrique und Pilar!, dachte ich und lächelte in mich hinein. Ich hatte ihn mindestens ein halbes Jahr früher als sie verführt, trotz Hunderter wachsamer Augen, alles, was er konnte, gelernt und seine ausdauernde Leidenschaft genossen. Ich führte die Schwankende in die Halle des Hauses, fühlte ihren Puls und legte die Hand auf ihre Stirn.

»Fieber, liebste Freundin«, sagte ich leise. »Schick nach mir, wenn du dich erholt hast.«

»Ich versprech es. Schon bald.« Sie nickte schläfrig. Ihre Mutter und eine Dueña trugen sie halb ins dämmerige Innere des Hauses. Ich ging zu Pablo, der die Zügel hielt.

»Die junge Herrin ist bald wieder gesund«, sagte ich. Er half mir in den Sattel. »Du musst mich nicht nach Hause begleiten, Pablo.«

»Ich hab' meine Befehle.« Er verbeugte sich und rückte den Hut in die Stirn. »Eure Mutter sorgt sich, Graciana.«

»Nun, sie soll sich nicht sorgen.« Ich kitzelte den Rappen mit den Sporen. Wir ritten zur Casa Carvajal; ich ließ mir die Reitstiefel ausziehen, öffnete ein Fenster der Bibliothek und suchte ein Buch aus, in dem ich bis zur Dunkelheit und der abendlichen Mahlzeit las. Die Erschöpfung, die während der Erntenächte die Menschen befiel, war ebenso wie die weitabgewandte Stille und die Burgruinen Teil dieses Landes. Unsere Welt endete, als läge sie zwischen Mauern oder breiten Flüssen, drei oder vier Reittage rund ums Dörfchen; was jenseits der Landesgrenzen um das Jahr 1640 geschah, erfuhren wir viel später, und unendlich wenig davon veränderte unser Leben.

Das Volk Lusitaniens – oder Portugals – stand gegen Spanien auf und krönte schließlich Herzog Johann von Bragança zum König Portugals; plötzlich teilte wieder jene alte Grenze unser Land. In England herrschte Bürgerkrieg: Gegen den rechtmäßigen König Karl den Ersten kämpfte der Bürgerliche Oliver Cromwell. Der Dreizehnte Ludwig, Frankreichs König, so hörte man, war ebenso krank wie Richelieu, der Kardinal Frankreichs. In Deutschland tobte seit langem ein Krieg, in dem alle Länder gegeneinander zu kämpfen schienen, und während sich die Katalanen gegen unseren König erhoben, kämpften Frankreichs Heere auch gegen Spanien, nicht nur gegen den Kaiser, den Dritten Ferdinand. So viele Kriege, so viele Verwundete, so viel Zerstörung! Im Dörfchen Yuste arbeiteten lediglich eine Handvoll Handwerker für den Krieg, und wir erfuhren nur von wenigen Bauernburschen, die sich als Soldaten anwerben ließen und aus dem abendlichen Paseo am Marktplatz verschwanden. Herzog Oliváres regierte unser Land, in dem die Armut auch wegen der Kosten der Kriege gegen die Niederlande zunahm; in den großen Landgütern, auch in Casa Carvajal, die sich gegen die Verarmung stemmten, gab es für Mensch und Getier genügend zu essen, denn wir hatten keine großen Ansprüche.

Drei Tage nach unserem kurzen Ausritt besuchte ich Pilar. Der große, kühle Raum, in dem ihr Bett stand, roch nach Krankheit und Fäulnis. Obwohl nur wenig Licht durch die Sprossenfenster einsickerte, sah ich, wie elend sie war: Ihre ältere Schwester und Mutter Baeza flüsterten, dass das Fieber gestiegen sei, und dass keine Medizin die Halsschmerzen und die Kopfschmerzen lindern konnte, und dass Pilar nichts im Magen behielt. Der Médico war ratlos.

Anfälle von blutigem Durchfall marterten ihren Körper. Die Stellen, wo Niere und Leber saßen, waren geschwollen und schmerzten. Im Fieberschlaf röchelte Pilar halb verständliche Fetzen ihrer Albträume hervor. Mein Herz blutete, als ich meine Hand auf ihre Brust legte; ihr Körper unter der trockenen Haut schien innerlich zu verbrennen.

»Der Médico kann weder helfen noch lindern«, murmelte Pilars Mutter. »Er ist ebenso verzweifelt wie wir. Wir beten und zittern um sie – sie ist doch noch so jung!«

Als sie anfingen, die blutigen Laken zu wechseln, ging ich. Pilar lag besinnungslos da und hatte niemanden erkannt. Sie sah wie eine Sterbende aus; in vielen Büchern meines Vaters fand ich viele Zeilen über die furchtbare Pest, aber nichts über diese Krankheit.

Zwölf Tage, nachdem ich Pilar nach Hause gebracht hatte, starb sie. Rasendes Fieber schüttelt und verbrannte ihren Körper. Aus allen seinen Öffnungen trat Blut aus, das zuletzt nicht mehr gerann. Aus Pilars Mund kamen Worte, die von Vorstellungen der Hölle und den Martern furchtbarer Träume sprachen. Pilar war nicht mehr ansprechbar, und nur ihr Durst, der ebenso raste wie das Fieber, zeigte den Angehörigen und dem Médico, dass sie noch einen Funken Leben besaß.

Ich sah aus den blutigen Leichentüchern nur einen Teil ihres Gesichts, als wir sie ins Grab senkten. Die Haut war weiß wie eine Sommerwolke, das Gesicht glich einem Totenschädel, und überall war Blut.

Zwei Tage nach ihr – wir hörten es vom Médico und vom Schmied, der in unserem Stall Pferde beschlug – starb der Schmiedegesell Enrique, der Meister feinrankender Hoftore und Türbeschläge, auf die gleiche, furchtbare Weise. Als ich es erfuhr, wurde mein Körper zuerst eisig kalt und erstarrte, dann schien auch mein Blut zu kochen. Hatte Pilar ihre rätselhafte Krankheit auf Enrique übertragen? Oder hatte er sie angesteckt?

Ich rannte verwirrt weg, schloss mich in der Bibliothek ein und lauschte in mich hinein: Ich empfand mich als gesund.

Zwei Dienerinnen im Haus Baeza starben fünfzehn Tage nach Pilars grausigem Ende. Ihr Tod war ebenso qualvoll wie das lange Sterben Pilars und Enriques. Die Knechte und Mägde tuschelten und wisperten angstvoll: Ihre Hände hatten Pilar berührt, hatten die blutigen Tücher, Hemden und Laken fortgetragen und das Blut, das nicht gerinnen wollte, am Dorfbach und in den Zubern herausgewaschen. Die Strafe des Himmels für mangelnde Frömmigkeit und Gottesfurcht, rief der Pfarrer im Dorfkirchlein, und jeder, der davon hörte, bekreuzigte sich. Meine Mutter bekam es mit der Angst zu tun und schickte mich und Bruder Modesto ins Haus der Yuste, wo ich zwei Jahre im Haushalt meiner Großeltern blieb, ohne dass der blutige Tod wieder seine Sense schwang.

Anno Domini 1645, als ich achtzehn Sommer jung war, stellten mir nicht weniger als ein Dutzend junger Männer nach. Es waren Söhne der reicheren Familien, ein paar Studiosi und der kurzsichtige Sohn des Apothekers, der mir zuflüsterte, er kenne einige Geheimnisse der Alchimisten. Vielleicht glaubte er es sogar selbst. Ich war verwirrt, obwohl es mir gefiel, angestarrt und besungen zu werden.

Meine Jungfräulichkeit hatte ich Enrique geschenkt. Ich wusste, dass ich in den Augen vieler Männer eine Verworfene war, oder Schlimmeres, aber keiner würde es je erfahren.

Meine Mutter schob mich eines Abends vor den Spiegel des Ankleidezimmers, der aus vier übereinander haftenden Glasplatten bestand und unsere Körper dreiteilte. Mutter Ysabel lächelte; ihr Atem roch nach Wein.

»Sieh dich an, Liebes«, sagte sie. »Du und ich, wir und unsere Blutlinie, wir stammen von einer Negerin ab, von der schwarzen Albadolores aus África, die eigentlich Mdanbai hieß. Wir haben die großen, goldfarbenen Augen und das feine Bräunliche unserer Haut. Und die schönen Brüste, die alle Männer loco machen, die langen Beine.« Sie seufzte und wickelte eine graue Strähne ihres hüftlangen Haars um den Finger. »Allen Männern fallen die Augen aus den Köpfen. Aber was sie nicht sehen, ist hier drinnen.«

Sie legte die Spitzen der Zeigefinger an unsere Stirnen und an die Brust. Ich bemühte mich zu verstehen, was sie meinte; schlief etwa ein Raubtier tief in uns? Ihr Blick schien den Spiegel durchbohren zu wollen. »Du wirst es verstehen, wenn du alt genug bist, Graciana. Wir erkennen die Welt mit den Augen, mit allen Sinnen und in der Art von Tieren, die handeln müssen, weil sie nicht denken. Schnelle, schlanke Raubtiere. Das Erbe der dunklen Wälder und der Wüsten. Vieles werden wir nie wissen, aber wir spüren mehr als andere Menschen.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich spüre vieles, aber nicht so wie ein Tier.«

Sie streichelte meine Arme und wandte sich ab.

»Du bist noch zu jung. Eines Tages wirst du sagen: Meine Mutter hat recht gehabt.«

»Das mag sein.« Ich sehnte mich nach einen atemlos schnellen Ritt, nach Hitze, Wind und Leidenschaft in den Armen eines kräftigen jungen Mannes. »Eines Tages werde ich die Extremadura verlassen und selbst erleben, was in der Fremde geschieht.«

Wir wechselten einen langen Blick voller Verständnis im Spiegel. Ich wusste nicht, wie es in der Welt außerhalb Spaniens aussah. Alles, was wir erfuhren,...



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