Kneitz | Ki-Phi und das Geheimnis des friedvollen Walds | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Kneitz Ki-Phi und das Geheimnis des friedvollen Walds


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-3718-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-7578-3718-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einen Cousin zu bekommen ist nicht so sensationell, wie einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester. Doch bei Kims Familie war das anders. Kim erzählt den Umgang mit der unheilbaren Erkrankung ihres Cousins Philipp. Die beiden Kinder trafen sich so oft es ging bei den Großeltern nahe der Berge. Dort gab es einen Wald, in dem die Kinder gerne spielten. Philipp fand eines Tages eine verletzte Eidechse und es begann eine ungewöhnliche Freundschaft. Die Eidechse namens Siga stammte vom friedvollen Wald, die der Welt der beiden Kinder sehr ähnlich war. Eines Tages wurde in der Welt des friedvollen Walds alles grau und Siga war spurlos verschwunden. Da machte sich Lilo, die Libelle auf den Weg ihm zu helfen. Ein ungewöhnliches Abenteuer begann und jede Welt hat ihre eigene Geschichte, die sich auf wundersame Weise miteinander verbinden. Nur gemeinsam können sie dem Geheimnis auf die Spur kommen. Eine spannende Fantasiegeschichte, die Mut macht auch in scheinbar ausweglosen Situationen an sich selbst zu glauben und Lösungen zu finden.

Sabine Kneitz Sabine Kneitz, Jahrgang 1966, ist gelernte Erzieherin und Heilpraktikerin. Mit viel Liebe und Hingabe führt sie eine Praxis für Homöopathie und Lebensfreude und mag ihre Arbeit in der Kita. Dabei begeistert sie immer wieder mit Geschichten, die sie am liebsten frei erzählt, vorspielt und schreibt. Sie ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Kindern und lebt zusammen mit ihrem Mann und Hund Benny in Ansbach. Kenneth Bird Ken Bird, Jahrgang 1960, ist freischaffender Künstler. Schon seit seiner Kindheit begeistert er Menschen mit Zeichnungen und kreativen Arbeiten. Er arbeitet gerne mit unterschiedlichen Materialien und lässt inspirierende Kunstwerke entstehen. Das macht er noch heute als Heilerziehungspfleger während seiner Arbeit bei Menschen mit Behinderung (Schädelhirntrauma). Er ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Töchtern und hat zwei Enkelkinder. Der gebürtige Amerikaner lebt mit seiner Frau in Neuendettelsau.
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ZWEI JAHRE SPÄTER



KAPITEL 3


Der Bäcker, der Oma für die Feriengäste belieferte, vergaß an diesem Morgen die Vollkornhörnchen für die Ferienwohnung.

„Kim, magst du schnell ins Dorf runterradeln und sie abholen?“, fragte mich Oma Anni. Verschlafen saß ich am Frühstückstisch in der Pensionsküche. Sie stand am Herd, kochte Eier und belegte Tabletts mit Wurst und Käse.

Ich schwang mich auf Omas E-Bike (schon allein wegen des E-Bikes habe ich die Aufgabe gerne gemacht) und ließ mir den kräftigen Wind ins Gesicht wehen. Die Müdigkeit würde mir beim Fahren bestimmt schnell vergehen. Aber auch der Gedanke an Philipp ließ jeden Hauch von Müdigkeit verschwinden. Er war unterwegs und würde gegen Mittag ankommen. Eine Woche Ferien bei den Großeltern verhieß viel Freiheit und Zeit zum Spielen. Diesmal war es besonders schwer gewesen, seine Mutter davon zu überzeugen, dass er kommen durfte. Es war ein Streit, wie er hin und wieder zwischen den beiden vorkam. Tante Julias Angst um ihn machte ihn trotzig und wütend. Es ging ihm doch gut. Wie auch immer, er hatte es wieder mal geschafft sich durchzusetzen.

Beim Bäcker war richtig viel los. Ich starrte Richtung Theke, an den Leuten vorbei, die vor mir dran waren, und suchte nach diesen Vollkornhörnchen.

„Du bist doch die Kim vom Hallwicher Hof?“, meinte die Verkäuferin.

Ich nickte schließlich, nachdem sich alle neugierig zu mir umgedreht hatten. Am liebsten wäre ich sofort wieder umgedreht.

„Deine Oma hat angerufen. Du brauchst noch die Vollkornhörnchen. Da schau, ich habe sie schon eingepackt“, plärrte die Bäckereiverkäuferin durch den Laden.

Schnell griff ich danach.

Eine Dame half mir und reichte mir die Tüte mit einem überaus besorgten Gesicht. „Ist der Philipp auch wieder hier?“, fragte sie nach.

Da erkannte ich Omas aufmerksame Nachbarin. Wir nannten sie heimlich Kokosnuss, weil sie uns mit ihrem roten Ganzkörperanzug und ihrer blauen Stirnkappe an einen Drachen namens Kokosnuss aus einer Geschichte erinnerte. Sie tauchte meist auf, wenn man am wenigsten mit ihr rechnete.

Im Sommer beschrieb ihr Philipp vor lauter schlechtem Gewissen völlig übertrieben, wie sich Bauchkrämpfe anfühlten, oder wie schrecklich es war, wenn er so viel husten musste.

Äußerst mitfühlend hörte sie damals zu, nichtsahnend, dass er kurz vorher mit einem Stein nach ihrer Katze geworfen hatte, weil das Biest eine Eidechse fressen wollte. Er wollte eigentlich gar nicht treffen, sie nur ein bisschen einschüchtern, damit der Eidechse nichts passierte. Er hatte getroffen – wer hätte das gedacht? Philipp wohl am allerwenigsten.

Der Katze ist nichts passiert und Philipp hinterließ einen bleibenden Eindruck bei der Kokosnuss.

Mit besorgter Miene betrachtete sie mich, als wäre ich, ebenso wie Philipp, an Mukoviszidose erkrankt.

Ich konnte nur nicken und schleunigst nach draußen gehen. Mit vielen Blicken im Rücken schwang ich mich genervt auf das Rad und strampelte den Berg wieder nach oben. Coole Sache mit so einem E-Bike.

Unsere Großeltern waren im Ort sehr bekannt, obwohl sie erst vor etwa zehn Jahren hergezogen sind. Dass mit Philipp etwas nicht stimmte, das haben sie bei den Leuten hier nie groß ausgebreitet, aber auch nicht verschwiegen. Wer wollte, konnte daran teilhaben, doch nicht jeder konnte damit umgehen.

Wir Kinder fühlten uns bei unseren Großeltern schon immer wohl. Sie haben uns einfach machen lassen. Dabei hatten sie bestimmt genauso viel Angst wie Tante Julia, gingen aber ganz anders damit um.

Opa liebte es, mit uns im Wald und in der näheren Umgebung spazieren zu gehen. Er erzählte uns vieles von den heimischen Tieren und Pflanzen und versuchte unsere Fragen zu beantworten. Und Philipp stellte oft merkwürdige Fragen, die Opa aber auch durchaus ernst nahm.

Unsere Großeltern lieben Kinder, und auch für die Gastkinder waren sie gerne da. Irgendwann begann Opa sogar mit den Gästen in den Wald zu gehen. Je nach Interesse, trieb er sich mehr oder weniger lang mit den Gästen im Wald herum.

Dieses Stückchen Wald am Hang liebte Philipp mindestens genauso wie Opa. Gestresst von Arztbesuchen, Medikamenten und Abmachungen mit seiner Mutter blieb er oft stundenlang im Wald.

Einmal erzählte mir Philipp von seinem Fantasieloch. Er zeigte hinter sein linkes Ohr, wo es steckte. Da gehen Geschichten ein und aus. Er erzählte so lebendig, dass sich alles direkt vor uns abspielte.

Selbst wenn er allein war, und das kam öfter vor, wurden die eintönigen Tage, an denen er nicht rausgehen konnte, für ihn viel erträglicher. Ich schaute mir sein linkes Ohr schon mal ganz genau an, doch mit bloßem Auge konnte ich da nichts erkennen.

Philipp lachte nur darüber.

Pünktlich zur Mittagszeit fuhr Tante Julias Wagen in die Auffahrt. Die Stimmung, die beide mitbrachten, glich prall aufgeladenen Luftballons. Es knisterte regelrecht in der Luft. Tante Julia war so angespannt wie schon lange nicht mehr, Philipp hingegen sah ziemlich mitgenommen aus.

Oma Anni nahm sie zur Seite, und Philipp und ich sahen uns betreten an.

Er zuckte mit den Schultern. „Mein Vater möchte mich sehen.“

Ich bekam große Augen. „Wieso das denn?“, fragte ich verwundert. Sein Vater ist kurz nach seiner Geburt verschwunden. Er kannte ihn gar nicht.

Die Erwachsenen brauchten Zeit zum Reden, und wir gingen in unser Zimmer, welches eigentlich als Gastzimmer gedacht war. Oma Anni reservierte es praktisch immer für uns. Ein Zimmer, in dem es nicht nur nach frischer Bettwäsche duftete, mit üblichem Doppelbett, zwei Stühlen und einem Tisch. Selbst Feriengäste schwärmten von Oma Annis gutem Geschmack. Das war in den zwei Ferienwohnungen ebenso der Fall wie in den vier Gästezimmern. Oma hatte farblich alles aufeinander abgestimmt und Opa das alte Holz mit Bienenwachs bearbeitet. Zusammen mit frischen Blumen gab das eine wunderbare Atmosphäre. Es hingen selbstgemalte Bilder von Oma Anni an der Wand oder beeindruckende Fotos von türkisfarbenen Bergseen. In unserem Zimmer war ein Bild auf Leinwand, das Opa fotografiert hatte, kurz nachdem sie eingezogen waren. Es zeigte einen kräftigen Regenbogen über dem neu gestalteten Hof, der von nun an Hallwicher Hof genannt wurde.

Bett, Tisch und Stuhl waren für uns immer mehr als nur Möbelstücke. Wir bauten damit Burgen und Höhlen, spielten Theater oder Dschungel.

All das konnte Philipp erst einmal gar nicht wahrnehmen. Zögernd packte er seine Tasche aus, als wisse er nicht, ob er überhaupt bleiben wollte. Schließlich lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Tür und lauschte, ob er irgendetwas hören konnte.

Ich glaube, wir dachten blödsinnigerweise beide, dass sein Vater jeden Moment zur Tür reinkommen würde.

Was konnte ich tun? Ich sah ihn an und suchte nach einer Idee. „Lass uns was spielen“, meinte ich und fühlte mich noch etwas ratlos. „Wie wäre es mit einer Autofahrt?“, fiel mir schließlich ein. „Wo könnten wir hinfahren?“, fragte ich und suchte verzweifelt nach einem passenden Ziel.

Philipp reagierte nicht.

So packte ich schließlich den Tisch und kippte ihn polternd um. Die Stuhlrücken legte ich auf den Boden. Sie wurden zu Fahrersitzen und der umgekippte Tisch war unser Kofferraum. In einer Schublade waren zwei Schwimmbrillen, die ich rausholte und ihm seine Brille entgegenhielt – für den Fahrtwind in unserem Cabriolet.

„Wie wäre es mit Korsika?“, lockte ich ihn als Nächstes. Der letzte Sommer auf Korsika war eine tolle Zeit mit der ganzen Familie. Der beste Urlaub überhaupt!

Mit hängenden Schultern trottete er schließlich auf mich zu. „Okay, erst fährst du, dann ich“, meinte er und setzte sich auf den Beifahrersitz.

Erleichtert setzte ich mich neben ihn. „Halt! Wir müssen erst noch einpacken“, fiel mir ein. „Was brauchen wir alles?“ Der Gedanke an den letzten Urlaub auf der Insel half auch mir dieser bedrückenden Stimmung zu entkommen. Wir packten alles Mögliche in unseren Kofferraum. Immer mehr musste unbedingt mit, und dieses Spiel löste Philipp schließlich aus seiner Starre. Wir packten gerade noch unsere Zahnputzbecher und Zahnbürsten ein, als es an der Tür klopfte.

Tante Julia lugte zum Türspalt herein. „Oh, was spielt ihr denn?“ Sie lächelte ein wenig und staunte über unser vollgepacktes Auto. Sie wirkte müde und stand wie verloren da.

Philipp zog sich schnell die Schwimmbrille vom Kopf und schlang die Arme um seine Mama. Tante Julia strich ihm zärtlich über den Kopf. „Ich rede erst mal mit Harald, okay, dann sehen wir weiter.“

Philipp sagte gar nichts. Er schmiegte sich an seine Mutter, die ihm erklärte, dass sie selbst nicht wisse, was er eigentlich wolle, er aber doch nun mal sein Vater sei. Und alles, was zwischen ihnen passiert sei, habe mit Philipp selbst gar nichts zu tun. Damit war erst mal alles...



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