E-Book, Deutsch, 488 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Knieps Die Glerien Saga II
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-89600-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die brüchigen Bande
E-Book, Deutsch, 488 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-89600-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Angélique Knieps wurde am 1992 in Bochum geboren und studiert Germanistik und Geschichte auf Lehramt. Die Idee zur vielschichtigen Glerien Saga, die durch viele Charaktere, Nebenhandlungen und gesellschaftskritischen Themen eine enorme Tiefgründigkeit aufweist, hatte ihren Ursprung in der Entwicklung einer Kurzgeschichte, die als Geburtstagsgeschenk gedacht war.
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Das Recht des Blutes
Die Türen zum Thronsaal schlugen auf und gaben den Blick auf Zekra frei, der auf dem Thron seines Vaters saß als hätte dieser ihm schon immer gehört. Neil konnte nicht verleugnen, dass der äußere Schein Zekras dem eines Königs würdig erschien. Doch der Schein trog, das wusste er genau. Ein Mann mit diesem miesen Charakter konnte niemals ein Vorbild für das Volk sein. Je näher Neil an ihn herantrat und ihn betrachtete desto mulmiger wurde ihm. Sein Gesicht strahlte keine Spur von Trauer, Schmerz oder Leid aus, obwohl seine Eltern erst vor kurzem verstorben waren. Neil war so von Zekra abgelenkt, dass er den groß gewachsenen Skipertio hinter ihm erst recht spät bemerkte. Für Neil wirkte er beinahe so unsympathisch wie der neue König selbst. Ein schmieriger Typ. Er trug die Kleidung der Königsgarde und war mit einer großen Sense ausgestattet, was recht untypisch für die Elitekrieger war, die mehr für ihre klassische Kampfkunst mit Schwert, Lanze oder Axt bekannt waren.
Die Gruppe verbeugte sich vor dem neuen König und Kratos erstattete Bericht. Er unterrichtete Zekra von dem Erfolg des Auftrags. Nachdem er damit fertig war, erhob sich Zekra von seinem Thron.
»Nun denn. Es ist schön zu hören, dass das Königreich nun wieder sicher ist. Kratos, ich will dir für deine treuen Dienste an der Königsfamilie danken. Dennoch werde ich dich aus der Leibgarde des Königs ausschließen und statt deiner Josil Nenali zu meinem Leibgardisten ernennen. «
Mit einer Handbewegung wies er auf den Skipertio mit der Sense. Kratos biss sich auf die Lippe. »Ganz wie Ihr wünscht, Eure Majestät.«
»Überreiche mir bitte dein Diadem, das dich als Anführer der Königsgarde auszeichnet«, bat Zekra gespielt höflich.
Kratos zögerte keinen Moment seinem neuen Herrscher das Zeichen seines Ranges mit einer Verbeugung zu überreichen.
Neil war schockiert über das Schauspiel, was sich ihm darbot. Wie konnte Zekra nur jemand so loyalen wie Kratos aus der Leibgarde absetzen?
Nun trat Keikai vor. Sein Blick war fest auf den neuen König gerichtet. »Nun sagt mir, Eure Majestät, werdet Ihr das Versprechen halten, welches mir Euer Vater gegeben hat?«
Zekra hielt Keikais Blick stand. »Ja, das werde ich. Die Darkonianer dürfen innerhalb Gleriens leben. Frei und mit allen Rechten, die auch den Elementen zustehen. Ich werde das morgen öffentlich bekannt geben und Boten in die Elementardörfer entsenden. Von den Dörfern werden dann Leute ausgesandt, die zum Königshof aufbrechen, um Euch nach Hause zu geleiten. Am frühen Abend wird ein Festmahl für euch bereitstehen. Anschließend dürft ihr euch in eure Gemächer zurückziehen.«
Keikai verneigte sich erneut vor dem König. »Darf ich Euch, als neuer König der Darkonianer, morgen um ein Gespräch bitten? Es wäre erforderlich, dass alle hier Anwesenden diesem beiwohnen dürfen.«
Zekra nickte. »Aber natürlich dürft Ihr das, Eure Majestät.«
Zekras Wortwahl war geschickt höflich, doch Neil spürte die Verachtung, die jede Silbe in sich trug. Er kannte diesen Unterton genau. Es war der gleiche Ton, in dem seine Mitschüler aus Norken mit ihm sprachen, wenn ein Lehrer in der Nähe war.
Neil hatte gerade genug Zeit auf das Zimmer zu gehen, in dem er bereits vor der Abreise gewohnt hatte, und sich kurz hinzulegen. Er genoss das weiche Bett, doch in seiner Magengegend hatte sich ein fester Knoten gebildet. Glerien stand einem übermächtigen Gegner gegenüber, den es zu schlagen galt. Doch zu seinem Glück lenkte Kiko, der immer wieder von seinem Bauch auf den Boden und wieder zurück sprang, ihn von seinen grüblerischen Gedanken ab. Die Energie, die dieses Wesen hatte, erstaunte Neil ein ums andere Mal. Im Gegensatz zu ihm schlief der kleine Morsil kaum und rannte stattdessen aufgeregt herum oder erkundete neugierig die Umgebung. Etwas beneidete er Kiko um dessen Dynamik. Er selbst fühlte sich die meiste Zeit ausgelaugt, gestresst und vor allem ratlos.
Nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, betrat Neil den Saal, den er auch von seinem ersten Aufenthalt kannte. Der Tisch war reich gedeckt. Diverse Fleisch- und Brotsorten waren mit einer Früchtevielfalt, die er nur von dem Schloss kannte, aufgetischt worden. Er stopfte sich mit allem voll, was er zwischen die Finger bekam. Glücklich und vollgefressen ging er danach zusammen mit Shax in sein Zimmer. Schon auf der Reise hierhin hatte er mit ihm ausgemacht, dass sie zusammen in das Buch von Neils Vater und ihrer beider Mutter gucken würden. Neil schmiss sich auf das Bett und zog die Tasche unter dem Bett hervor. Dort fischte er das Buch heraus und legte es sich auf den Schoß. Kiko, der das Buch, das seinen Platz auf Neils Schoß eingenommen hatte, missbilligend ansah, rollte sich beleidigt neben ihnen auf dem Bett zusammen. Dabei hielt er ein Auge offen, das weiterhin das dicke, von der Zeit gezeichnete Schriftstück musterte. Auffällig war, dass es keinen Titel auf dem Einband trug. Als Neil die erste Seite aufschlug, las er die Namen seiner Eltern Aedeiro Wemson & Rose Dark. Auf der zweiten Seite stand ein kurzer Text, der in der Handschrift seines Vaters verfasst wurde. Aufgeregt las Neil den Text laut vor:
Neil,
wenn du dieses Buch in den Händen hältst und diese Zeilen lesen kannst, bedeutet das, dass ich nicht mehr am Leben bin. Es stimmt mich traurig, dass ich dich nicht auf deinem langen Weg begleiten kann. Aber dafür hast du deine Brüder an deiner Seite, die du hoffentlich schnell kennenlernen wirst.
Wenn du einen Rat benötigst, wende dich an Keikai. Ich hatte die Ehre diesen weisen Mann kennenzulernen. Er wird dir stets das Richtige raten.
Dieses Buch enthält alle Zaubersprüche, die Rose und ich beherrscht haben.
Neil, ich bin stolz auf dich.
In Liebe dein Vater
Neil konnte die Tränen nicht mehr unterdrücken. Sie kullerten einfach über seine Wangen und landeten auf dem Papier. Er dachte, er würde mittlerweile damit zurechtkommen, dass er seinen Vater nie kennenlernen durfte. Für ihn war er bisher nur ein Unbekannter gewesen, den man nicht vermisst. Doch je mehr er über ihn erfuhr desto mehr schmerzte es, dass er nicht bei ihm sein konnte. Neil merkte wie sein Körper zitterte und seine Brust sich krampfartig zusammenzog.
Plötzlich legte Shax einen Arm um ihn. »Es hört sich an als sei dein Vater ein großer Mann gewesen.«
Neil fasste das Hemd seines Bruders und vergrub sein Gesicht. Shax konnte ein leises Schluchzen wahrnehmen. Er weinte als hätte er gerade erst erfahren, dass sein Vater gestorben war. Er weinte über den Verlust und aus Verzweiflung. Shax wartete geduldig, bis Neil sich ein wenig beruhigt hatte. Dieser hatte ihn jetzt wieder losgelassen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Shax hatte recht: Sein Vater war ein großer Mann.
»Glaubst du, dass Lavah noch lebt?«, wechselte Neil das Thema, nachdem er einige Zeit gedankenverloren aus dem Fenster geblickt hatte.
Shax ballte die Hände zu Fäusten und biss die Zähne aufeinander. Er hasste Lavah aus tiefstem Herzen, doch er musste seine Rolle spielen. So wie sein Meister es von ihm verlangte.
»Lavah ist ein starker Mann. Er wird irgendwo da draußen sein«, antwortete Shax überzeugend. »Allerdings«, fuhr er fort, »haben ihn die Belange Gleriens und unseres Volkes nie wirklich interessiert. Er wird das Chaos genutzt haben, um seine Freiheit zu finden.«
»Was meinst du mit seiner Freiheit?«, fragte Neil, der zum Fenster hinüberging und es öffnete. Er brauchte die frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen.
»Ich meine damit, dass er sich möglichst aus unseren Problemen raushalten wird. Ihm ist seine Freiheit wichtiger als seine Familie und sein Volk«, erklärte Shax, während er im Buch umherblätterte.
Schockiert bemerkte er einen Text, der an ihn gerichtet war. Bedacht darauf möglichst leise zu sein, riss er behutsam die nächsten Seiten aus dem Buch, faltete sie und ließ sie schnell in seiner Tasche verschwinden. Danach stand er vom Bett auf und legte Neil eine Hand auf die Schulter. »Ich lass dir mal etwas Zeit zum Nachdenken.«
Neil nickte. Es war ihm sehr recht, dass sie nicht noch weiter in dem Buch stöberten, da seine Augenlieder drohten jeden Moment zuzufallen. Er steckte das Buch zurück in die Tasche und kuschelte sich unter die Decke. Auch der kleine Morsil schien im verziehen zu haben, da er sich direkt neben seinem Kopf zusammenrollte. Nachdem Neil das Licht gelöscht hatte, dauerte es nicht lange und er schlief tief und fest.
Shax hingegen kramte noch im Gang die Zettel hervor und blickte auf die geschwungene Schrift seiner Mutter, mit der sie zwei Briefe verfasst hatte. Einen an ihn und einen an seinen Halbbruder Lavah Myronel. In Darkonia war es kein Geheimnis gewesen, dass die...




