Kniescheck | Eva & Söhne | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Kniescheck Eva & Söhne


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-903061-95-8
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-903061-95-8
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eva führt einen kleinen Laden, den sie später an ihre Söh-ne übergeben wird. Was kaum jemand weiß: Sie ist auch Mutter einer Tochter, die als kleines Kind starb. Niemand spricht mehr über das Mädchen, schließlich wird sogar ihr Grab aufgelöst. Das Schweigen, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Evas ländlicher Heimat allgegenwärtig ist, wird zur bedrückenden Last, bis Eva schließlich ganz verstummt. Es bleiben Schmerz, Wunden, Geheimnisse, aber auch eine neu gefundene Kraft, die es der jungen Mutter ermöglicht, ihre Stimme wiederzufinden und nach dem Tod ihres Kindes weiterzuleben. Siebzig Jahre später stirbt Evas erstgeborener Sohn. Erst jetzt erfährt Evas Enkelin, dass ihre Großmutter eine Tochter hatte. Sie beschließt, der Unsichtbarkeit der Frauen in ihrer Familie etwas entgegenzusetzen, und macht sich auf die Suche nach dem verschollenen Grab von Evas Tochter. Eine Recherche beginnt, die mit einer unerwarteten Erkenntnis endet. Eva & Söhne erzählt von der Selbstermächtigung zweier sehr unterschiedlicher Frauen im 20. und 21. Jahrhundert. Es ist eine Geschichte über Tod, Wut und Trauer. Sie handelt von der Ungerechtigkeit der Geschlechterverhältnisse und des Schicksals, aber auch von der verbindenden Kraft der Liebe.

BEATE KNIESCHECK wurde 1975 in Oberösterreich geboren. Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Wien, längere Reisen nach Kuba, Indien und Südostasien. Seit 2006 selbstständige Kommunikationsberaterin und Schreibtrainerin, zuvor Redakteurin bei österreichischen Tageszeitungen sowie Lizenzmanagerin bei einem deutschen Verlag. Schreibt seit vielen Jahren Kurzprosa und Gedichte, die in österreichischen und deutschen Anthologien und Literaturzeitschriften erscheinen. Eines ihrer Dramolette wurde im Schauspielhaus Wien aufgeführt, ein weiteres Dramolett von der Kulturinitiative Wies ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien. Eva & Söhne ist ihr Romandebüt.
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»Gleich sind wir oben«, sagte meine Mutter und mit oben meinte sie das Krankenhaus. Sie legte ihre Handtasche wieder auf den Schoß und schaute geistesabwesend aus dem Fenster. Ich starrte auf die Fahrbahn, die grünen Wiesenstreifen am Straßenrand. Rhythmisch bewegten sich die Scheibenwischer, Regentropfen zeichneten Muster auf die Windschutzscheibe. Der Februar des Jahres 2019 war überdurchschnittlich warm gewesen, doch an diesem verregneten Tag hinterließen die frühlingshaften Temperaturen keine erkennbaren Spuren am Horizont. Die Sonne ließ sich nicht blicken und der Himmel war düster. Mein Vater war schon seit ein paar Tagen im Krankenhaus, sein Zustand hatte sich verschlechtert. Die Ärzte hatten ihn auf die Intensivstation verlegt und entschieden, ihn in künstlichen Tiefschlaf zu versetzen. Meine Mutter suchte etwas in ihrer Handtasche, dann sagte sie: »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wenn wir oben sind.«

»Erzähl Papa doch vom Wetter«, empfahl ich.

»Das wird keine schöne Geschichte«, sagte sie. Beide lachten wir, erleichtert für einen Moment.

Im Krankenhaus fuhren wir mit dem Lift in den vierten Stock. Der Raum, in dem wir warten mussten, war grell ausgeleuchtet, ein septischer Schock für die Augen. Ich nahm den Geruch von Orange und Zimt wahr, in einer Duftlampe brannte eine Kerze. Ein Regal war schütter mit Ratgeberliteratur bestückt, auf den Buchrücken stand Lebensmut in schwerer Zeit, Wege zur Heilung und Trost und Trauer. Ich nahm Trost und Trauer zur Hand, wegen des Titels, den ich abstoßend fand.

Die automatische Tür zur Intensivstation öffnete sich. »Sie können jetzt hinein«, sagte die Krankenpflegerin. Als wir am Bett meines Vaters standen, fiel mir auf, wie breit seine Hände waren, selbst die von der Arthrose verbogenen Finger wirkten kräftig. Auf seinen Beinen, die unter der Decke hervorschauten, hoben sich die blauen Krampfadern reliefartig von der Haut ab. »Besuch für Sie«, flüsterte sie meinem Vater ins Ohr und strich ihm über die grauen Haare, die ordentlich über seine Glatze gekämmt waren. Zu uns sagte sie, es gehe dem Vater den Umständen entsprechend gut. Sie warf einen Blick auf die Monitore, dann verließ sie den Raum. Ich stellte einen Sessel ans Bett, für meine Mutter. Sie blieb stehen und sah meinen Vater an. Schweigend nahm sie seine Hand.

Die Tage vergingen, aber der Zustand meines Vaters besserte sich nicht. Bei den häufigen Telefonaten mit meinem Onkel und meinen Brüdern sprachen wir über die medizinischen Details, die uns die Ärzte mitteilten. Die Grippe, eine echte Influenza, habe zu einer Lungenentzündung geführt, der Vater werde seit Tagen beatmet, auch seine Nieren hätten versagt, weshalb sein Blut jeden Tag gereinigt werde. Die Ärzte schienen in einer fremden Sprache zu sprechen, ich verstand kein Wort. Nach bangen Tagen des Wartens teilten sie mit, dass er vielleicht bald wieder selbstständig atmen könnte. Wie verlässlich diese Aussage denn sei, wollte ich wissen. »Man wird sehen«, sagte der Chefarzt.

Schließlich hatten sie meinen Vater aus dem künstlichen Tiefschlaf geholt. Bei unserem Besuch waren seine Augen geschlossen, er murmelte unverständliche Dinge. Nur die folgenden Worte waren klar und deutlich zu verstehen: »Unterste Lade. Unterste Lade. Unterste Lade.« Er warf den Kopf von einer Seite auf die andere und versuchte, die Hände zu heben. Eine Pflegerin kam ins Zimmer und prüfte die Infusionsbehälter, aus denen Flüssigkeit in die Venen meines Vaters tropfte. Sie sah auf professionelle Weise besorgt aus und erklärte, es könne sich um einen Fiebertraum handeln. Dann begann sie, mit meinem Vater zu sprechen, während sie ihm den Kopf streichelte: »Alles ist gut, Herr Anzgruber, alles ist gut.« Seine Gesichtszüge waren verzerrt, ganz so, als wäre er sehr verzweifelt. Deshalb sagte ich irgendwann zu ihm: »Sobald ich in eurer Wohnung bin, schaue ich in alle untersten Laden.« Er beruhigte sich und schlief ein.

Unterste Lade. Die Worte meines Vaters gingen mir nicht aus dem Kopf. In der folgenden Nacht durchkämmte ich systematisch die Wohnung meiner Eltern. Ich fand alte Zeitungsausschnitte, Zeitschriften und Bücher, blätterte rasch ein paar durch und stellte sie wieder zurück. Mein Vater schätzte seine Zeitungslektüre beim Frühstück. Berichte, die ihn interessierten, hob er auf. Manchmal las er ein Buch, als Jugendlicher hatte er Karl May gemocht. Sein Lieblingsbuch: Winnetou III. Als Erwachsener sah er häufiger fern. Ich erinnerte mich, dass er abends in seinem wuchtigen Ledersessel Platz nahm, die Füße hochlegte und den Fernseher einschaltete. Wenn mein kleiner Bruder und ich zu laut waren, nahm er seine schweren Pantoffeln und schleuderte sie mit Wucht durchs Zimmer. Einmal fiel dabei eine Vase krachend zu Boden. Uns Kinder traf er nie. »Schon komisch, wie schlecht er zielt«, sagte mein Bruder. »Wo er doch so gut Tischtennis spielt.«

Beim Herumstöbern erwartete ich, etwas zu finden, gleichzeitig fürchtete ich mich vor diesem Fund. Gab es vielleicht Unterlagen, die er für den Fall seines Begräbnisses vorbereitet hatte? War es das, was er mit unterste Lade sagen wollte? Mein Großvater hatte eine Mappe mit detailreichen Anweisungen hinterlassen. Er hatte sogar eine Skizze für den Trauerzug gezeichnet, um festzulegen, in welcher Reihenfolge die örtlichen Vereine aufmarschieren sollten: zuerst die Blasmusik, dahinter Kirchenchor und Seniorenbund, dann die Goldhaubengruppe, der Kriegsopferverband und die Sportvereine. Mein Großvater war Schuldirektor, Stabführer der Blasmusik und Leiter des Kirchenchors, somit eine wichtige Persönlichkeit im Ort. Er rechnete mit einer schönen Leich.

In einer Ecke des Arbeitszimmers meines Vaters entdeckte ich sogenannte Herrenhefte, Ausgaben von Playboy und Penthouse. Irgendwann setzte ich die nächtliche Suchaktion in seinem Schlafzimmer fort. Im Kleiderkasten fand ich in der untersten Lade einen Wollpullover, der uralt sein musste, ich glaube mich zu erinnern, dass meine Großmutter ihn für meinen Vater gestrickt hatte. Es war ein unangenehm kratziges Ding, und trotzdem mochte mein Vater den Pullover und trug ihn jahrelang unter dem Skianzug, weil er gut warmhalte, wie er sagte. In den letzten Jahren war er nicht mehr Ski gefahren, er hatte auch den Pullover nicht mehr getragen. Die Wolle verströmte einen unangenehm scharfen Geruch, eine Mischung aus Mief und Mottenkugeln. Abgesehen vom Pullover schien die Lade leer zu sein. Ich schloss den Kasten und öffnete die oberen Laden der Kommode. Sie waren vollgestopft mit Socken und Unterhosen, in der untersten befanden sich Unterhemden aus Angorawolle, die er im Winter oft anhatte. Ich nahm sie heraus und entdeckte am Boden der Lade ein Kuvert: Nach meinem Tod zu öffnen stand darauf und eine Jahreszahl, 1994. Er hatte das schon vor langer Zeit geschrieben, vor fünfundzwanzig Jahren. Auf der Rückseite, wo der Umschlag zugeklebt war, hatte ihn mein Vater mit seinem Namen gezeichnet: Rudolf.

Am nächsten Tag besuchten wir meinen Vater erneut im Krankenhaus, dieses Mal gemeinsam mit meinen Brüdern. Anschließend trafen wir den Chefarzt zu einer weiteren Besprechung. »Rudolf Anzgruber … Ich werfe nur kurz einen Blick in den Akt«, sagte der Arzt mehr zu sich selbst. Er sah uns an, biss sich auf die Unterlippe, wählte seine Worte mit Bedacht und formulierte schlussendlich Sätze, die glasklar waren. »Falls sich die Nieren nicht bald erholen, gibt es kaum noch Hoffnung.«

Meine Mutter, die bei jedem der bisherigen Gespräche Fragen gestellt hatte, sagte nichts. Sie saß da und nickte. Ich fuhr mit ihr nach Hause, wieder suchte sie etwas in ihrer Handtasche, ohne es zu finden.

Später beim Mittagessen meinte sie, der Vater solle ein schönes Begräbnis bekommen, das schönste überhaupt. Ich wusste, dass ich ihr von dem Kuvert erzählen musste, das ich gefunden hatte. Vorsichtig äußerte ich meinen Verdacht, dass er möglicherweise Vorbereitungen für sein eigenes Begräbnis getroffen hatte. Ich hätte einen Umschlag gefunden, auf dem stehe Nach meinem Tod zu öffnen, sagte ich und holte ihn. Meine Mutter öffnete den Umschlag, nahm einen handgeschriebenen Brief heraus und las ihn. Dann gab sie ihn mir.

Höhenhart, 30. August 1994

Lieber Toni! Lieber Thomas!

Ihr habt große Absichten und bringt diese auch zu einem guten Ende. Ihr seid tüchtig unterwegs auf Eurem Lebensweg, aber seid Euch darüber im Klaren, dass der Abschnitt, der hinter Euch liegt, nur einer von vielen ist. Wichtiges kann noch vor Euch liegen – beruflich, aber auch privat.

Bleibt, wie Ihr seid, entwickelt Euch aber trotzdem weiter zu starken Männern und aufrechten Persönlichkeiten. Lasst neue Eindrücke in Euch einströmen. Seid neugierig und schaut auch hinter die Kulissen. Lernt immer wieder dazu. Wer nichts weiß, muss alles glauben!

Schließt echte Freundschaften und verzichtet auf die falschen. Achtet auf Eure Gesundheit und darauf, dass sich die Seele entfalten kann. Versucht nicht, alles auf einmal zu erreichen, seid aber dennoch fleißig und macht Eurer Familie Ehre.

Seid sparsam, aber nicht knauserig. Ihr habt unsere wirtschaftlich richtigen Ansichten geerbt. Finanziell konnten Eure Mutter und ich eine gute Grundlage für Euch schaffen, wenn es auch keine Reichtümer sind. Aber einiges ist möglich, wenn man das Geld nicht zum Fenster hinauswirft, sondern dort investiert, wo es Sinn ergibt.

Und denkt daran: Der berufliche Weg ist nie einfach, egal, ob man selbständig ist oder angestellt. Es gibt Neid und Konkurrenz, Missgunst kann überall entstehen. Lasst Euch dadurch nicht entmutigen!

In...


BEATE KNIESCHECK wurde 1975 in Oberösterreich geboren. Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Wien, längere Reisen nach Kuba, Indien und Südostasien. Seit 2006 selbstständige Kommunikationsberaterin und Schreibtrainerin, zuvor Redakteurin bei österreichischen Tageszeitungen sowie Lizenzmanagerin bei einem deutschen Verlag. Schreibt seit vielen Jahren Kurzprosa und Gedichte, die in österreichischen und deutschen Anthologien und Literaturzeitschriften erscheinen. Eines ihrer Dramolette wurde im Schauspielhaus Wien aufgeführt, ein weiteres Dramolett von der Kulturinitiative Wies ausgezeichnet.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien. Eva & Söhne ist ihr Romandebüt.



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