E-Book, Deutsch, Band 5, 224 Seiten
Reihe: Elfenblüte
Knoll Wiesengrün (Elfenblüte, Teil 5)
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-646-60115-2
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 5, 224 Seiten
Reihe: Elfenblüte
ISBN: 978-3-646-60115-2
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Julia Kathrin Knoll ist im Großraum München geboren und aufgewachsen. Sie hat in Regensburg Germanistik, Italianistik und Pädagogik studiert und arbeitet heute als freiberufliche Museumspädagogin. Mit dem Schreiben begann sie schon mit dreizehn Jahren, am liebsten mag sie Fantasy und Historisches. »Elfenblüte« ist ihr Debütroman.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
IM KERKER
»Ist dir kalt?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, reichte der Inquisitor ihr eine Decke durch die schmalen Gitterstäbe, hinter denen er sie eingeschlossen hatte. Aus Stolz hätte Lilly am liebsten abgelehnt, doch es war tatsächlich eisig hier unten, tief in den mittelalterlichen Verliesen unter dem alten Rathaus.
Noch immer glaubte sie den Druck der Pistole zu spüren, die der Bürgermeister ihr in den Rücken gepresst hatte, um sie hierherzubringen. Dann war er verschwunden und hatte den Priester zu ihrer Bewachung abgestellt. Jetzt saß sie da wie ein Hund im Käfig und starrte abwechselnd die Folterinstrumente an der Wand und ihren Kerkermeister an.
Ob Alahrian vor fast vierhundert Jahren in derselben Zelle gesessen hatte? Waren die eisernen Zangen, Dornen und Spieße noch immer die gleichen? Hatten die grässlichen Instrumente an der Wand einst sein Blut gekostet? Lilly erzitterte bei dem Gedanken und Tränen wollten ihr in die Augen schießen.
Der Priester folgte ihrem Blick und deutete ihn falsch. »Dir wird nichts geschehen«, erklärte er beruhigend. »Wir haben nicht vor, dir etwas anzutun. Wenn dein Freund sich kooperativ zeigt, wirst du innerhalb kürzester Zeit hier herauskommen, versprochen.« Er lächelte aufmunternd. Hätte Lilly das blasse, weiche Gesicht nicht zur grausamen Fratze verzerrt in Alahrians Erinnerungen gesehen, sie wäre fast versucht gewesen, den Mann für harmlos, ja, für vollkommen ungefährlich zu halten. Er hatte tiefe Schatten unter den Augen, die Wangen waren unrasiert, die Hände zitterten. Er schien nervöser zu sein als Lilly. Mehr noch: Er hatte Angst.
Lilly selbst spürte beinahe keine Furcht. Das war seltsam, denn hätte sie nicht eigentlich völlig außer sich sein sollen? Sie war gekidnappt, entführt und eingesperrt worden – und das von zwei Männern, die Alahrian fast zu Tode gefoltert und dafür von einem unheimlichen Schattenwesen zur Unsterblichkeit verflucht worden waren. Genug Gründe also, um auf der Stelle in heillose Panik zu verfallen. Und doch war Lilly fast unheimlich ruhig. Vielleicht, weil die Angst zu groß, zu unermesslich war, um sie in ihrem vollen Ausmaß zu erfassen. Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein lauerte sie, die Furcht, doch Sorgen machte sich Lilly nur um Alahrian.
Er würde kommen, so viel stand fest. Er würde kommen, um sie zu retten. Doch was würde dann mit ihm geschehen?
»Was haben Sie mit ihm vor?«, fragte sie laut den Inquisitor.
»Mit deinem Freund?« Der Mann zuckte mit den Schultern. »Nichts. Er soll uns nur einen kleinen Gefallen tun.«
Angespannt biss sich Lilly auf die Lippen. Sie hatte keine Ahnung, welche finsteren Pläne die beiden Widerlinge schmieden mochten, doch die hässlichen, eisernen Apparate an der Wand verhießen nichts Gutes. Sie hatten schon einmal sein Blut getrunken … Lillys Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.
»Du solltest dir wegen des Jungen vielleicht etwas weniger Gedanken machen«, bemerkte der Inquisitor mit einem Hauch von Spott in der Stimme. »Hast du eine ungefähre Ahnung, was er ist?«
Da richtete sich Lilly auf und funkelte den Mann böse an. »Mehr als Sie!«, entgegnete sie patzig.
Der Priester ignorierte ihren Tonfall. »Nun, dann weißt du ja, dass ihm kaum etwas passieren kann.«
»Haben Sie ihn deshalb foltern lassen?«, fragte Lilly provozierend und spürte plötzlich eine heiße, lodernde Woge von Zorn in sich aufsteigen.
Mit einer gewissen Genugtuung registrierte sie, wie ihr Gegenüber zusammenzuckte. Das blasse Gesicht verlor noch mehr an Farbe. »Er ist … anders«, befand der Priester unsicher. »Er ist kein Mensch!«
Sogleich erkannte Lilly eine nur halb vernarbte Wunde, eine Schwachstelle, und bohrte den Stachel instinktiv weiter hinein. »Und weil er kein Mensch ist, ist es in Ordnung, ihm weh zu tun?«, bemerkte sie hart. »Nächstenliebe … Mitleid … Vergebung … Dürfen Sie entscheiden, für wen diese Dinge gelten – und für wen nicht?«
Wieder zuckte der Mann zusammen. »Es waren andere Zeiten damals«, entgegnete er mit gesenktem Blick. »Er ist … seine Haut leuchtete im Dunkeln … Er konnte über frisch gefallenen Schnee laufen, ohne Spuren zu hinterlassen, und seine Augen …« Er schauderte. »Er sah wie ein Dämon aus und er verfügte über Kräfte, die ihm nur der Teufel verliehen haben konnte!«
»Er ist kein Dämon!«, schrie Lilly wütend. »Er ist …« Er ist ein Engel, hatte sie sagen wollen. Aber das wäre vielleicht missverständlich gewesen. Also fing sie mit Mühe den Blick des Priesters auf, zwang sich, den Mann durchdringend anzusehen, und meinte ernst: »Er ist etwas Gutes.«
Ein schmerzliches Lächeln huschte über die Lippen des Inquisitors. »Bist du dir da so sicher?«, fragte er scharf.
»Natürlich!« Fast verzweifelt zog sich Lilly an den Gitterstäben hoch und sah den Mann weiterhin fest an.
Der jedoch starrte ins Leere. »Damals hieß es, Hexen und Zauberer soll man nicht leben lassen«, bemerkte er tonlos, mehr zu sich selbst, als zu Lilly. »Ich war überzeugt, das Richtige zu tun.«
»Und das hier?« Lilly rüttelte an den Gitterstäben. »Ist dies das Richtige?«
Sie sah das Aufblitzen von Zweifel in den Augen des Priesters, sah die Unsicherheit, das Zögern … und die Schuld. Sie brachte ihn fast um, die Schuld.
Aus einem Instinkt heraus, alles auf eine Karte setzend, sagte Lilly: »Sie müssen nicht tun, was der Bürgermeister von Ihnen verlangt.«
Überrascht, ja, geradezu schockiert, blickte der Inquisitor auf.
Lilly hatte ins Blaue geschossen – und ins Schwarze getroffen. »Lassen Sie mich frei«, bat sie, fest, eindringlich und beschwörend. »Das ist vielleicht Ihre Chance, etwas von den Verbrechen von damals wiedergutzumachen.«
Einen winzigen Moment lang blitzte ein sonderbarer Funken eines tiefen, inneren Kampfes in den Augen des Priesters auf; einen winzigen Moment lang schien die Waagschale sich langsam, ganz langsam in Lillys Richtung zu neigen. Doch dann wich der Mann mit einem Aufschrei vor ihr zurück bis an die Wand, als hätte sie ihn bedroht.
»Nein!«, schrie er mit überschnappender Stimme. »Ich habe bezahlt für das, was ich getan habe! Vierhundert Jahre lang! Vierhundert Jahre lang war ich ein unsterbliches Monster, ein Ding wider der Natur! Es ist genug! Es muss endlich genug sein …« Mit einem Laut, der fast wie ein Schluchzen klang, sank er an der Wand herab. »Ich kann dich nicht gehen lassen. Nicht, ehe das hier vorbei ist.«
»Aber –«
»Halt den Mund!«, brüllte er sie an und fuhr auf, als hätte er einen Schlag erhalten. »Sei endlich still!« Jede Spur von Freundlichkeit war aus seinem Gesicht gewichen; die Augen flackerten wild, die Lippen waren zu einer Maske verzerrt.
Nun war es Lilly, die zurückwich. Aber es gab nichts, wohin sie hätte fliehen können. Hinter ihr war nur kalter, rauer Stein, vor ihr prangten die undurchdringlichen Gitterstäbe.
Fast war sie erleichtert, als sich die Tür der dunklen Kammer öffnete und der Bürgermeister eintrat. Auf das Antlitz des Inquisitors trat sogleich ein fragender Ausdruck.
Der Bürgermeister grinste breit. »Unser leuchtender Freund ist brav wie ein Lämmchen«, versicherte er selbstzufrieden.
»Dann wird er es tun?« Unverhohlene Nervosität schwang in der Stimme des Priesters mit.
»Gewiss.« Der Bürgermeister trat an Lillys Zelle heran und strich fast zärtlich über die Gitterstäbe. »Er will ja nicht, dass seiner Liebsten ein kleiner Unfall widerfährt, nicht wahr?«
»Was haben Sie vor?«, rief Lilly wütend. »Was soll dieser Unsinn?« Nicht zu fassen, dass Anna-Maria niemals gemerkt hatte, was für ein durchgedrehter Irrer ihr Vater war … Lilly hätte Mitleid für sie empfunden, wäre nicht ihre gesamte Sorge auf Alahrian gerichtet gewesen.
Frustriert starrte sie die Gitterstäbe an. Warum nur hatte sie keine dieser erstaunlichen Liosalfar-Fähigkeiten geerbt? Dann hätte sie mit einem Laserblitz das Eisen durchtrennen und vielleicht entkommen können. Stattdessen war sie diesen beiden einer grausamen Vergangenheit entsprungenen Gestalten hilflos ausgeliefert. Wenn sie nur gewusst hätte, was sie planten!
Der Bürgermeister jedoch ignorierte sie, als sei sie nur ein lästiges, in einem Glasgefäß eingesperrtes Insekt. Schulterzuckend wandte er sich ab, zerrte eine Pistole unter seinem Jackett hervor und warf sie achtlos auf einen länglichen, grob gezimmerten Tisch, der vielleicht früher einmal eine Streckbank gewesen war oder etwas ähnlich Furchtbares. Lilly drehte sich fast der Magen um, wenn sie an all die Grässlichkeiten dachte, die innerhalb dieser Mauern geschehen waren.
»Hoffentlich beeilt er sich«, murrte der Bürgermeister und steckte sich ungeduldig eine Zigarette an. Seine freie Hand spielte mit der Pistole auf dem Tisch.
Lilly beobachtete ihn, nun doch angstvoll.
»Muss das mit der Waffe denn wirklich sein?«, zischte der Priester halblaut. »Den Elfen können wir ohnehin nicht damit verletzen, und das Mädchen …«
Der Bürgermeister grinste wieder. »Wir können ihn nicht töten damit«, präzisierte er genüsslich. »Aber verletzen sehr wohl! Die Pistole ist mit Kugeln aus feinstem Edelstahl geladen …« Ein nahezu beseelter Ausdruck trat auf sein Gesicht, sanft glitten seine Finger über die Waffe. »Mich würde interessieren, wie lange ihn das aufhält …«, sinnierte er träumerisch. »Wenn...




