E-Book, Deutsch, 468 Seiten
Kober Lange Schatten
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-8310-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum Pflanzenwachstum keinen Sauerstoff liefert, wie Wärmepumpen Wärme pumpen und eine Familiengeschichte
E-Book, Deutsch, 468 Seiten
ISBN: 978-3-6951-8310-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Friedhelm Kober wurde 1944 in Pforzheim geboren, wo er zur Schule ging und im Jahr 1963 Abitur machte. Nach dem Studium der Chemie und der Promotion an der TU Karlsruhe im Jahr 1970 kam er an die TU Darmstadt, wo er als wissenschaftlicher Assistent und Dozent tätig wurde und im Jahr 1977 mit einer Arbeit über einen neuen Bindungstyp des Elementes Arsen für das Fach Anorganische Chemie habilitierte. Eine Lehrstuhlvertretung, Lehraufträge und ein Studien-Aufenthalt führten ihn für einige Semester an die Universitäten Saarbrücken, Kaiserslautern und Uppsala. Seit dem Jahr 1984 war er Professor an der TU Darmstadt für das Fach Anorganische Chemie, seit April 2009 ist er pensioniert, doch hielt er danach als Lehrbeauftragter des Fachbereichs Chemie bis zum Jahr 2020 die Vorlesungen Qualitative Analyse, Quantitative Analyse und Chemisches Rechnen. Er war bis zum Tod seiner Frau verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne, zwei Schwiegertöchter und zwei Enkel. Neben zahlreichen Publikationen über Komplexchemie, über die Chemie arsen-organischer Verbindungen, über Fachdidaktik und die Geschichte der Chemie in einschlägigen wissenschaftlichen Journalen hat er mehrere Lehrbücher über verschiedene Gebiete der Chemie veröffentlicht [Komplexchemie, Analytische Chemie, Spektroskopie, pH-Wert-Berechnungen mit und ohne Computer, Symmetrie der Moleküle und Kristalle]; ein Buch zur Geschichte der Chemie (Quellentexte) hat er zusammen mit zwei Kollegen verfasst. Sein erster Roman, die Trilogie Freyas Tränen, ist eine romantische Liebesgeschichte, hat aber auch einen historischen Hintergrund: die Zeit Völkerwanderung, der Sturm der Hunnen über Europa, die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, die Belagerung Roms und die Besiedelung Britanniens durch die Angeln und Sachsen. Sein zweiter Roman Das Maß aller Dinge: Sophies Weg spielt in der Zukunft, ist aber weniger Science-Fiction, sondern eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Menschen unterschiedlicher Begabungen und Veranlagungen miteinander umgehen sollen. Sein dritter Roman wie man kein Professor wird ist stark autobiographisch und schildert den Berufsalltag an einem chemischen Institut einer deutschen Universität aus der Sicht eines jungen Chemikers, der auf dem langen Weg von der Promotion zur Berufung ist. So gibt der Roman einen Blick durchs Schlüsselloch, geschrieben im Schnodder-Stil und mit viel Respektlosigkeit von einem, der den Laden kennt, aber nicht mehr dazugehört.
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1 - EINE MERKWÜRDIGE BEGEGNUNG AUF DEM FRIEDHOF
Im letzten Sommer habe ich einen ebenso merkwürdigen wie auch bemerkenswerten Mann kennengelernt, der mir seine Geschichte … ja, ich möchte sogar sagen: seine Lebensgeschichte hat er mir erzählt und er hat mich damit so sehr beeindruckt, dass ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, diese Geschichte erzählen will ... und ein wenig von mir werden Sie dabei auch erfahren, obwohl ich gewiss nur eine Randfigur bleiben werde.
Natürlich habe ich, bevor ich mich ans Schreiben gemacht habe, den Mann gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass ich seine Geschichte erzähle, und er hat nach einigem Zögern eingewilligt. Nicht, dass Sie jetzt aber denken, dass ich ihn dazu überredet hätte – ich habe ihn im Laufe unserer Begegnungen und Gespräche viel zu sehr schätzen und achten gelernt, als dass ich daran auch nur gedacht hätte –, es war vielmehr so, dass ich ihn gefragt und seine Antwort abgewartet habe, … und er hat zugestimmt: ››Wenn Sie glauben, dass es außer Ihnen noch einen Menschen interessiert, was ein alter Penner wie ich erlebt hat‹‹, hat er gesagt und dabei bitter gelächelt, ››dann schreiben Sie.‹‹
Dass ich diesen Mann kennengelernt habe – seinen vollständigen Namen habe ich auch erfahren, nachdem ich seinen Nachnamen schon zuvor auf einem Grabstein des Friedhofs gelesen hatte, was Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon bald verstehen werden –, ich kenne also seinen vollständigen Namen, musste ihm aber versprechen, diesen nicht zu nennen, was ich selbstverständlich respektieren werde ... und nun noch einmal von vorne:
Dass ich diesen Mann kennengelernt habe, war gewiss ein Zufall, doch der Ort, an dem ich ihn kennengelernt habe, ist von einiger Bedeutung, was ich aber erst im Verlauf unserer Gespräche verstanden habe: der Friedhof der Stadt, an deren Universität ich als Professor für Chemie arbeite; um genau zu sein: als Professor für Anorganische Chemie, aber ich möchte annehmen, dass chemiespezifische Einzelheiten Sie nicht interessieren, und ich verspreche, Sie auch in Zukunft damit zu verschonen.
Aber ein Wort zu ›Friedhof‹ und ›Universität‹ möchte ich schon noch sagen: Eine Vorlesung, die ich bisher stets im Winter-Semester abgehalten hatte, war aus ›stundenplantechnischen Gründen‹ – nein, für das Amtsdeutsch unserer Universitätsverwaltung bin ich nicht verantwortlich! – diese Vorlesung also war in das Sommer-Semester und in einen anderen Hörsaal verlegt worden, was nicht wichtig ist; wichtig ist, dass dieser Hörsaal in einem Gebäude liegt, das seinen Standort nahe am schon einmal genannten Friedhof hat.
Ich hätte nun, gemessen an der Wegstrecke, die ich von zuhause bis zum Parkplatz in der Nähe des Hörsaals zurückzulegen hatte, zur angemessenen Zeit losfahren können, wäre aber trotzdem hin und wieder zu spät gekommen, weil der innerstädtische Verkehr gerade um diese Zeit, zu der meine Vorlesung beginnt, oft nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt; außerdem ist es schwierig, um diese Zeit dort oder anderenorts auf dem Universitätsgelände einen freien Parkplatz zu finden.
Also bin ich früher aufgebrochen und habe den Besucherparkplatz des Friedhofs angefahren, der zu dieser Zeit fast unbesetzt ist – oder sagt man ›unbeparkt‹? –, und ich benützte die kleine ›Auszeit‹, die mir durch meine frühe Ankunft bis zum Beginn meiner Vorlesung gegönnt war, zu einem Spaziergang durch den Friedhof, um von dort durch einen kleinen Nebenausgang zum nahegelegenen Hörsaal-Gebäude zu gehen. Glauben Sie mir: An keinem anderen Ort ist in einer Stadt am frühen Morgen die Stimmung so friedlich und so ruhig wie auf einem Friedhof, und sicher ist in den heißen Sommermonaten zu keinem anderen Zeitpunkt und an keinem anderen Ort die Luft so angenehm kühl und frisch wie dort.
Nun sind meine Frau und ich erst im Erwachsenenalter und bedingt durch meinen Beruf in diese Stadt gezogen, und weder meine Eltern noch meine Schwiegereltern oder andere Verwandte oder Bekannte von uns haben jemals in dieser Stadt gelebt, so dass ich auch kein Grab eines Bekannten oder Verwandten hätte besuchen können. Und deshalb habe ich mir bei meinen Spaziergängen über den Friedhof einer fremden und – wenn ich das sagen darf – einer trotz der vielen Jahre, die ich hier schon wohne, auch fremd-gebliebenen Stadt meine Gedanken gemacht: Wer in diesem oder jenem Grab wohl ruhen dürfte, was für ein Leben er oder sie geführt haben mag, ob sie glücklich oder unglücklich waren, bevor sie hier beerdigt wurden, warum einige so alt geworden sind und andere schon so jung hatten sterben müssen, was sie dadurch versäumt hatten ... oder was ihnen erspart geblieben ist.
Für einen Mann, der kaum eine halbe Stunde später eine Vorlesung über ein so nüchtern-sprödes Thema wie ›Stöchiometrisches Rechnen‹ halten muss, welches Gefühlen auch nicht den geringsten Spielraum lässt, mögen das merkwürdige Gedanken sein, und so war ich stets ein wenig stolz, dass mir zu jedem Grab die passende Geschichte eingefallen ist; ... nein, sagen wir: eine Geschichte eingefallen ist, die hätte passend sein können. Doch dann habe ich diesen Mann kennengelernt, dessen Geschichte ich Ihnen erzählen will, und ich muss gestehen, dass diese meine Fantasie weit übertroffen hat.
Dieser Mann war das, was man umgangssprachlich einen ›Penner‹, im Behörden-Deutsch wohl einen ›Obdachlosen‹ nennt. Aufgefallen ist er mir, weil er zu der frühen Stunde außer mir der einzige Besucher des Friedhofs war und weil er immer auf der selben Bank saß; erst später habe ich erfahren, dass dies kein Zufall war, aber das werden Sie im weiteren Verlauf der Geschichte, die ich Ihnen erzählen werde, auch noch erfahren.
Obwohl ich zweimal in der Woche an dieser Bank vorbeigekommen bin, hat es schon einige Zeit gedauert, bis wir ins Gespräch gekommen sind; unser beider äußere Erscheinung war wohl doch zu unterschiedlich, obwohl wir beide – unter Beachtung seiner Lebensumstände, die einen Menschen sicher älter erscheinen lassen mögen, als er ist – auch wenn wir beide im selben Alter gestanden haben.
Auch werden Sie verstehen, dass man trotz der notwendigen, wenn auch immer etwas ›bemühten‹ Unvoreingenommenheit, welche – entschuldigen Sie, bitte, den Gebrauch des nun folgenden Fremdworts –, welche von der verlangt wird, dass man eben doch ... Berührungsängste hat.
Nein, schlampig oder gar unsauber war der Mann gewiss nicht gekleidet, aber vielleicht etwas … ärmlich? Auffällig war ein breitrandiger, leicht abgewetzter Hut, den er trug; ein Hut, wie ihn vielleicht Wanderer tragen, um sich vor der Sonne zu schützen, doch hätte es eines Sonnenschutzes gewiss nicht bedurft, denn der Mann saß vom Blätterdach der umgebenden Bäume vor der Sonne gut geschützt stets im Schatten.
In der dritten oder vierten Woche habe ich den Mann im Vorbeigehen knapp, schon bald habe ich ihn bemüht freundlich gegrüßt, bin kurz stehen geblieben und habe nach der gewiss dümmlichen Frage ››Heute auch wieder da?‹‹ den Mann gefragt, ob ich mich für einige Minuten auf seine Bank und zu ihm würde setzen dürfen.
Erst lange nach unserem Gespräch, das sich damals entwickelt hat und das – wie oft bei ersten Gesprächen – noch im Oberflächlichen steckengeblieben ist, hat der Mann mir erklärt, dass es schon lange her sei, dass ihn jemand freundlich gegrüßt oder gar um Erlaubnis gefragt habe, sich zu ihm setzen zu dürfen.
Und noch etwas hat mir der Mann gesagt ... bei unserem dritten oder vierten Gespräch muss das gewesen sein, nachdem ich dem Mann ›gestanden‹ hatte, dass ich Chemie-Professor und auf dem Weg zur meiner Vorlesung bin, was er zwar mit einem kleinen Lächeln quittiert, aber auf die Aufzählung der üblichen Vorbehalte gegen mein Fach, die mir bestens vertraut sind, weil ich sie oft genug gehört habe, freundlicherweise verzichtet hatte ...
Entschuldigen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dass ich den Faden verloren habe; der Satz wurde zu lang. Was wollte ich Ihnen jetzt sagen? Ach, ja: Der Mann hat mir ›gestanden‹, dass er erleichtert war, dass ich ihm kein Geld, keine getragenen Kleider oder gar mein Pausenbrot angeboten habe, und er hat mich gebeten, dies auch künftig nicht zu tun. ››Geschenke dieser Art wirken beleidigend‹‹, hat er mir erklärt, worauf ich nur ››Aha?‹‹ gefragt habe.
Nur ››Aha?‹‹ habe ich gesagt, weil mir sonst nichts eingefallen ist – oder wäre Ihnen etwas eingefallen, was hätte passend sein können? – und auch weil ich über diese merkwürdige Bitte nachdenken musste, so dass eine kleine Gesprächspause entstand, welche der Mann wohl als Aufforderung wertete, mir diejenige Erklärung zu geben, die ich selbst noch nicht hatte finden können.
››Wenn du den Menschen im Bettler achtest‹‹,...




