Koch | Gottfried Benn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Koch Gottfried Benn


1. Auflage 2019
ISBN: 978-87-11-83614-9
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-87-11-83614-9
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses biographische Essay über den 1956 verstorbenen Arzt und Dichter Gottfried Benn basiert auf exakten Nachforschungen und ist angefüllt mit bezeichnenden und unterhaltenden privaten Details. Keine der vielen Seiten Benns bleibt unbeleuchtet, was den Menschen dem Leser sehr nahe bringt. Diese Biographie stützt sich dabei auf persönliche Eindrücke des Autors, der einen persönlichen Kontakt zu Benn hatte.-

Thilo Koch wurde am 20. September 1920 in Kanena geboren. Nachdem er sein Abitur 1939 als Jahrgangsbester abgelegt hatte, studierte er Philosophie, Geschichte und Germanistik. Thilo Koch wollte zunächst Autor und Dichter werden, aber nach der Veröffentlichung einiger Bücher schlug er jedoch den Laufweg zum Fernsehjournalismus ein. Er bewarb sich erfolgreich beim NWDR und arbeitete später beim NDR. Für viele Jahre war er auch Korrespondent nach Washington und schrieb für DIE ZEIT. Neben dieser Tätigkeit arbeitete er jedoch während seines gesamten Lebens regelmäßig als Sachbuchautor und Herausgeber. Am 12. September 2006 verstarb er in Hausen ob Verena.
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Nachwort 1970


Dieser Nachdruck meines biographischen Essays über Gottfried Benn ist ein willkommener Anlaß für mich, erneut und aus der Distanz von fünfzehn bis zwanzig Jahren darüber nachzudenken, warum dieser Autor mich so sehr faszinierte. Was zog mich besonders an: seine Thematik, sein Stil, seine Denkungsart? Oder war nur der Zeitpunkt der Begegnung besonders günstig?

Ich suchte in jenen Jahren nach Fünfundvierzig ungeduldig, ja oft verzweifelt nach geistiger Orientierung. Was brachte einer schon mit, der Neununddreißig Abitur gemacht, danach nur Krieg gesehen hatte und nun in Berlin neben dem Studium seinen Unterhalt als Journalist verdienen mußte . . . Jetzt war das Angebot plötzlich groß. Aber alles erschien »unter Lizenz«. Man war unendlich mißtrauisch und allergisch geworden gegen »Manipulation« – so würde man es heute ausdrücken. Goebbels war tot, aber nun bestimmten Amerikaner, Russen, Engländer, Franzosen, was wir lesen durften; welche Filme, welches Theater, welche Kunst die Deutschen umerziehn sollten.

Mein Ohr war 1949 wohl besonders offen für den Ton der Dichtungen Benns. Und Benn, damals schon über sechzig, hat sich selber immer wieder darüber gewundert, auf wieviele offene Ohren er plötzlich traf mit seinen bis dahin nur in kleinsten Auflagen publizierten Dichtungen aus drei voraufgegangenen Jahrzehnten.

Es mag vor allem der weit über Nietzsche hinausdrängende Nihilismus Benns gewesen sein, was auf uns damals Jüngere wirkte wie ein frischer, klarer Luftzug. Wir hatten einen Nachholbedarf an Provokation – Benn artikulierte sie. Endlich einmal wollte ein führender Geist der Epoche uns nicht führen und geleiten. Vielmehr ließ er jeden allein, aber die Einsamkeit, die man nun mit Benn teilte, war meisterhaft stilisiert, fand in sich selber ihren Sinn – man hätte sie auch mit einem damaligen Modewort existentialistisch nennen können.

Ich weiß noch ziemlich genau, wie ich zum ersten Mal auf Gottfried Benn stieß. In der Viersektorenstadt Berlin erschienen damals nach dem Kriege Zeitungen mit russischer, amerikanischer, britischer und französischer Lizenz. Die am flottesten gemachte Tageszeitung hieß ›Der Kurier‹; die Franzosen kontrollierten sie, und ein offenbar recht liberaler französischer Zensor ließ viel durchgehen. Weltoffen und vorurteilslos war vor allem das Feuilleton des ›Kurier‹, das Carl Linfert leitete und in dem Christian Lewalter unter einem halben Dutzend Pseudonymen Berliner Dampf aus allen Gassen ins Blatt blies. Die jungen Genies des ›Kurier‹-Feuilletons waren der brillant schreibende Walter Busse (heute ›Spiegel‹), seine spätere Frau, die herrlich ironisch-beredte Christa Rotzoll, und Barbara Klie, eine grundgescheite Kritikerin.

In diesem ›Kurier‹ nun erschien am 2. März 1949 ein Stück Prosa unter der Überschrift ›In der Weinstube‹ von einem Manne namens Gottfried Benn. Eine Einleitung stand darüber, die mich furchtbar ärgerte; ich bezeichnete sie in einem Leserbrief erbost als »intellektuelle Darmverschlingung« und beckmesserte an den Sätzen herum. Später erfuhr ich, daß Carl Linfert höchstselbst sie verfaßt hatte. Um so schlimmer fand ich die beiläufige Entnazifizierung, die da vorgenommen wurde. Was mag mich so aufgebracht haben? Ich weiß es nicht mehr genau, aber mein späteres Verhältnis zu dem Autor Gottfried Benn und zu dem Mann Gottfried Benn, mein schwieriger Anfang mit ihm, gibt einigermaßen Aufschluß: Ich war fasziniert von dieser Syntax, diesem »seitlich in die Dinge Hineinschauen«; um so mehr fühlte ich mich enttäuscht, daß auch ein Mann von solcher Denkungsart und mit solcher Sprachgewalt anscheinend irgendwann mit Hitler und Goebbels sympathisiert hatte. In meinen Kopf, jedenfalls in meinen damaligen Kopf, ging das nicht hinein.

Die ›Kurier‹-Veröffentlichung mit Linferts Manschette war einer der ersten Abdrucke eines Benn-Textes nach 45 in Deutschland. Die ›Statischen Gedichte‹ hatten in der Schweiz, bei der ›Arche‹, herauskommen müssen. Er galt in seinem Heimatland als belastet, als intellektuell – moralisch belastet jedenfalls, oder doch als zu umstritten, als das ihn die unter Besatzungszensur arbeitenden deutschen Redakteure hätten ausgraben wollen. Insofern war Linferts Abdruck eine Tat und in Berlin bahnbrechend für die breite Diskussion, die dann über Benn, über seine neuen und seine alten Werke und über seinen Lebensweg in Gang kam. Ich selber bin zu meinem Teil ein Beispiel für die Wirkung jener ›Kurier‹-Veröffentlichung. Da mir zufällig Carl Linferts Einleitung noch in einem vergilbten Zeitungsausschnitt zur Hand ist, zitiere ich sie hier:

»Der in Berlin lebende Arzt Gottfried Benn ist ein Schriftsteller, der seine beste, sehr plastische Potenz aus einer spekulativen, dabei höchst praktisch gesonnenen Naturphilosophie bezog. In den zwanziger Jahren führte er seine Feder mit jener bilderschweren und doch schlagenden Kraft, die nur aus einem erleuchteten Kopf stammen konnte. Es war aber der Kopf eines Dichters: von ihm gibt es Lyrik so abgründig und so weit in ihrer Vision, daß man die eruptiven, oft zerstückelten Formen aus expressionistischer Gewohnheit sehr bald vergaß und statt der subjektiven Emphase nur noch die objektive harte Fantasie der Natur bemerkte – wie in archaischen Hymnen. Das gleiche Gefühl für die Untergründe des Lebens beherrschte auch seine dringlichen biologisch-spekulativen Essays. 1933 veröffentlichte er einen Band ›Der neue Staat und die Intellektuellen‹, durch den er – in dem Irrglauben befangen, das politische Geschehen sei eine Umwälzung – in den Geruch kommen konnte, er ›verbreite nationalsozialistisches Gedankengut‹. Er versuchte aber nur, den neuen Machthabern seine Denkweise zu imputieren. Niemand hörte, und er selbst schwieg bald. Sein Irrtum war ein Irrationalismus, der gesellschaftliche Vorgänge so eruptiv verstand, wie sein Bild von der Natur war. Da aber sein Geist sonst scharf die Phänomene der Welt belichtete, darf dieser Fehlgriff nicht viel mehr gelten. Demnächst erscheinen von ihm Essays unter dem Titel ›Der Ptolemäer‹ im Limes-Verlag Wiesbaden, woraus wir das folgende Stück abdrucken.«

Wenig später las ich eine Rezension der ›Statischen Gedichte‹ aus der Feder Friedrich Sieburgs in der damals renommiertesten deutschen Nachkriegszeitschrift, in der ›Gegenwart‹. Der Altmeister der deutschen Literaturkritik gebrauchte dabei eine Wendung, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Benn, schrieb Sieburg, lasse in diesen Gedichten wie mit einem Flügelschlag alles andere hinter sich, was sonst aus den Schubfächern deutscher Schriftsteller nach 45 ans Licht gekommen sei.

Nun begann ich ernsthaft, ja fast besessen alles zu lesen, was ich von Benn und über ihn auftreiben konnte. Mehr und mehr interessierte mich der Mann, der Mensch hinter diesen eigentümlichen Strophen und Sätzen. Wenn er in Berlin lebte und wenn ich doch in derselben Stadt war, warum sollte es unmöglich sein, ihn kennenzulernen. Ich schlug einfach im Telefonbuch nach; er stand drin. Was folgte, habe ich andeutungsweise in meinem biographischen Essay beschrieben.

Mein Wunsch war es damals, mit dieser Arbeit in einer guten Zeitschrift zu erscheinen. Ich wandte mich an den ›Merkur‹. Hans Paeschke, einer der Herausgeber, zeigte Interesse. Aber dann winkte er ab – mit einer Begründung, die festgehalten zuwerden verdient. Unter dem 15. 1. 1957 schrieb Dr. Paeschke mir aus München nach Berlin:

»Sehr geehrter Herr Koch,

wir mußten uns mit unserem Entscheid über Ihre Benn-Studie etwas Zeit lassen. Mehrere Gesichtspunkte waren zu berücksichtigen und lagen miteinander im Streit. Wenn der Bescheid nun negativ ausfällt, so seien Sie bitte überzeugt, daß er uns bestimmt nicht leichtgefallen ist. Ausschlaggebend waren gewiß räumliche Überlegungen, aber ich will Ihnen auch die hintergründigeren nicht verschweigen. Die Lektüre überzeugte mich davon, daß ich die Frage eines meiner vorhergehenden Briefe, ob man Werk und Lebensbiographie Benns auf einen Nenner bringen könne, nicht umsonst gestellt habe. Benns Formel vom Doppelleben gilt meines Erachtens auch gerade für dieses Verhältnis zwischen persönlicher Psychologie und Werk. Letzteres allein steht für die nächsten Jahre und Jahrzehnte unter dem Urteil der Öffentlichkeit. Es ist, mit einer Goethe-Formel zu sprechen, das ›obere Leitende‹, dem Sie in dem zweiten und dritten Teil Ihrer Arbeit doch das meiste schuldig geblieben sind, besser: bleiben mußten. Ich sage das ohne Vorwurf. In engerer Wahl stand deshalb das erste Kapitel, das uns aber wiederum für eine Einzelveröffentlichung zu fragmentarisch erscheint.

Ich nehme natürlich an, daß Sie keine Schwierigkeiten haben werden, Auszüge dieser Arbeit, wenn nicht das ganze, in einer anderen Zeitschrift unterzubringen, denn, vom Gesichtspunkt des Funk her gesehen, ist Ihr Versuch durchaus gelungen, und er wird viel Echo hervorrufen. Hoffentlich hat diese Arbeit nicht das von Ihnen sicher ungewollte Ergebnis, eine Reaktion gegen die Benn-Hörigkeit der letzten Jahre einzuleiten – ähnlich wie dies die biographische Studie von Demetz über den jungen Rilke tat. Wir rutschten dann wieder einmal in falsche Antithesen hinein. Auch für den Funk würde ich eine erhebliche Straffung der politischen Interpretation empfehlen; hier sollte man es bei dem belassen, was Benn selbst dazu geäußert hat.

Haben Sie jedenfalls Dank, daß Sie zunächst an uns...



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