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E-Book

E-Book, Deutsch, 276 Seiten

Koch Rusesabagina


3. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1664-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 276 Seiten

ISBN: 978-3-7412-1664-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Papst Franziskus ist tot. In seine Fußstapfen tritt ein Außenseiter und nennt sich Zachäus. Zachäus der Zöllner, zur Zeit Jesus verachtet und gemieden. Und er tut etwas, was niemand erwartet hätte, er folgt einer Stimme seiner Träume und verlässt heimlich den Vatikan. Irgendwo dort draußen wartet ein Mädchen und stellt alles Bisherige in Frage.

Werner Koch lebt in Hirschaid bei Bamberg. Er sieht sich selbst als Geschichtenerzähler, und jede seiner Geschichten hat einen selbst erlebten Hintergrund. Rusesabagina, ist sein fünftes Buch und setzt sich mit der grundsätzlichen Einstellung zur Religion auseinander. Religion ist zwar nicht zu leugnen, aber oft falsch verstanden. Gerade dieses falsche Verständnis hat im Laufe der Jahrhunderte viel Leid hervorgerufen, und die aktuellen Probleme der Gegenwart zeigen dieses sehr deutlich. Was wäre, wenn alles, was wir bisher über die Religion zu wissen dachten, absolut falsch gewesen wäre?
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München, ein Jahr zuvor


Eine gute Wahl Herr Brunner, all diese Bücher stammen aus dem Nachlass eines Franziskaners, den ich in Altötting in einem Antiquariat kennenlernte. Wir waren damals beide Büchernarren und kamen schnell ins Gespräch und wurden über die Jahre gute Freunde. Leider ist er letztes Jahr verstorben. Mein guter alter Freund Bettino. Schade.“

Rolf Brunner erschrak kurz und klappte das Buch zusammen. Fausto, der Eigentümer des kleinen Antiquariats stand neben ihm und warf einen Blick auf den Bucheinband.

„Fausto verdammt noch Mal, warum musst du dich immer so anschleichen, ich wäre fast zu Tode erschrocken!“

„Aber Signore Brunner, ich schleiche mich nie an, die Menschen sind nur meist so entrückt, dass sie gar nicht bemerken, wenn man sich Ihnen nähert. Aber genauso soll es doch sein, das Buch soll einen entführen in eine andere Welt. Ganz weit weg von all den Sorgen und alltäglichen Nöten, die uns umgeben.“

Rolf Brunner und Fausto waren schon eine halbe Ewigkeit befreundet und er wusste, dass Fausto eigentlich recht hatte. Er liebte dessen Geschäft und verbrachte fast jede freie Minute hier zwischen all diesen Schätzen aus Vergangenheit und Gegenwart. Er war einfach ein total verrückter Büchernarr, aber es reizten ihn gerade diese Bücher, die nicht im Drahtkorb, entwertet an der Supermarktkasse lagen oder auf der Bestsellerliste des Spiegels standen. Die Welt da draußen rannte stets den Trends der Buchindustrie her. Dieses Wort schon, „Buchindustrie“, wie würdelos, wie schrecklich! Bücher, die wirklichen Bücher sind Schätze, wertvoller als Gold, sie verzaubern, wecken Emotionen, kriechen ins Innerste unserer Seele. Sie umschmeicheln Diese oder werden zu einen dieser unzähligen kleinen Spiegel, die uns unser eigentliches Ich gnadenlos vor Augen führt. Nein, die wahren Schätze lagen hier, versteckt in alten Umzugskartons, angestaubt und meist ganz unten im Stapel. Rolf war ein Schatzsucher und Faustos Laden war der Grund des Meeres. Nein, er konnte Fausto nie wirklich böse sein, denn wer solche Schätze für Andere erhält, ist wahrlich ein großer Mann.

„Ich hab mich nur ein wenig erschrocken, nur leider hat es fürs Tod umfallen diesmal nicht gereicht, mein lieber Fausto. So vermute ich, du willst nur meine ganzen Bücher erben, wenn ich einmal sterbe. Da garantiere ich dir aber, da wirst du aber noch eine ganze Weile warten müssen, denn ich habe vor neunundneunzig zu werden und keinen Tag weniger!“

„Ach Signore Brunner, jetzt wollen sie mir aber ein schlechtes Gewissen einreden, nichts würde mir ferner liegen, als ihren Tod herbei zu sehnen. Na gut, das mit den Büchern wäre natürlich schon eine feine Sache, denken sie doch mal an meinen Neffen Maceo aus Rom, der wird den Laden mal erben wenn mich mein Herr im Himmel irgendwann endlich zu sich ruft!“

„Also gut Fausto, für Maceo würde ich mein Testament ändern, aber nicht für dich, das ist mir eindeutig zu früh“

Fausto lächelte verschmitzt und klopfte Rolf Brunner freundschaftlich auf die Schultern.

Sie trieben diese Scherze über das gegenseitige Vererben und den Tod schon seit Jahren. Möglicherweise überspielten so Beide die Furcht vor dem Alter und natürlich auch vor dem Sterben. Rolf Brunner drückte das Buch eng an sich, gerade weil ihm die Einleitung so gut gefiel, wollte er diesen besonderen Moment mit niemanden teilen. Es war diese besondere Zeitspanne, bei der man sofort wissen wollte, wie es weiterging. Da war einen alles Andere unwichtig und man suchte dringlich nach einen Ort, wo man ungestört war und sich dem, was dann folgte, ganz und gar hingeben konnte. Rolf hatte schon wegen eines guten Buches auf einen, mit garantierter Sicherheit erotischen Abend mit einer attraktiven Frau verzichtet. Doch das war schon etliche Jahre her und seit Rolf im Ruhestand war und nur noch gelegentlich als Gastdozent Vorträge über Germanistik an der Universität München hielt, konnte man sein Leben eher als beschaulich und unspektakulär bezeichnen. Endlich konnte er den Zeiger der Uhr anhalten oder zurückdrehen, wann er wollte. Ein Vormittag im Café, dann ein Spaziergang durch den „Englischen Garten“, Parkbank und Entenfüttern inklusive. Aber dann zielstrebig in die Unibibliothek oder ins Antiquariat zu Fausto. Er liebte es, den Ablauf seines Tages endlich selbst bestimmen zu können und ihm waren solche Dinge, die für andere Menschen feste Tagesregeln waren, stets zuwider. Frühstücken, Zeitung lesen, einhundert Gramm Butter zu kaufen, wenn diese bei Norma im Angebot war, oder am Sonntag um zehn Uhr in den Gottesdienst zu gehen. Alles Quark! Er kaufte Butter, wenn seine alle war, Frühstück war manchmal Mittagessen, besonders wenn es regnete und er nicht einsah vor elf das Bett zu verlassen. Und Gott, seinem Gott fand er in so vielen Dingen, die doch meist fern waren von diesen düsteren Gebäuden die immer so furchtbar rochen als müsste man den Geruch der Sünde und den des Todes, den die Kirche seit Jahrhunderten über die Menschheit gebracht hatte, ganz einfach mit Weihrauch übertünchen. Sein Gott begrüßte ihn freundlich beim morgendlichen Spaziergang mit dem Gesang der Vögel. Auch im Rauschen und Plätschern eines Baches konnte er dessen Stimme hören und vor allem im Verhalten von bestimmten Menschen, die selbstlos und voll der Liebe alles gaben, um Armen oder Bedürftigen zu helfen. Sein Gott hatte diese Kirchen längst verlassen, denn die wahre Welt befand sich vor den Türen und Mauern einer superreichen Religion, die selbstherrlich und zufrieden am Euter ihrer üppigen Einkünfte saugte.

Rolf wollte schnellstmöglich das Antiquariat von Fausto verlassen. Das erste Mal! Sonst konnten ihm die Gespräche über Bücher, Lyrik und Kunst gar nicht lange genug dauern. Da draußen vor der Türe war sonst absolut nichts, was wichtiger gewesen wäre, als die Zeit, die die Beiden immer miteinander verbrachten. Doch nicht heute, irgendetwas war anders, irgendetwas schob ihn unaufhaltsam Richtung Türe. Er musste alleine sein, ungestört. So versuchte er sich mit einer fadenscheinigen Ausrede aus dem Gespräch zu winden.

„Fausto, verzeih mir bitte, ich muss leider pünktlich an der Uni sein, die Vorlesungen, du weißt! So gern ich mit dir plaudern würde, aber ich bin schon sehr spät dran und hab ganz die Zeit vergessen. Wir können uns gerne beim nächsten Mal weiter unterhalten. Ich muss jetzt los!“

Er hasste es, zu lügen und gerade gegenüber Fausto hatte er ein furchtbar schlechtes Gewissen. So klopfte er ihn mit der Hand auf die Schulter und versuchte sich an ihm vorbei Richtung Türe zu schieben. Das Buch hatte er halb unter seinem Mantel gesteckt. Er hätte nie einen Laden verlassen, ohne für etwas zu bezahlen. Doch heute schien alles anders zu sein und er hatte keine Ahnung warum.

Doch auch Fausto spürte diese Veränderung, die von seinem Freund Besitz ergreifen zu haben schien und stellte sich diesen in den Weg.

„Rolf, du wirst doch nicht einen Familienvater um sein täglich Brot bringen wollen. Willst du mir etwa eins meiner wertvollsten Bücher stehlen, das würdest du doch nicht tun, oder?“ Dabei lächelte er auf seine typisch italienische Art und Rolf erkannte sofort, dass er das natürlich nicht ernst gemeint hatte. Dennoch stand Fausto zwischen ihm und der Türe und er schob ihn resolut beiseite.

„Ich zahl es dir Morgen, ich bin total in Eile, soweit ich mich erinnere, bin ich dir noch nie etwas schuldig geblieben, oder?“

Fausto hob abwehrend die Hände und trat überrascht einen Schritt zurück. Er kannte Rolf nun schon seit einigen Jahren und mit der Zeit war aus einem Kunden ein guter Freund geworden. So sah er Ihm seine ruppige Art heute nach und öffnete Rolf die Türe auf die Straße. Rolf schritt schnell hinaus in den Lärm und die Hektik der Stadt und ohne ein Wort des Abschieds verschwand er im Strom der Menschen.

Fausto sah ihm noch eine kurze Zeit nach und zog sich dann kopfschüttelnd in sein Geschäft zurück. Gedankenverloren setzte er sich neben dem Karton mit den Büchern des Franziskaners. Er zog einige Bücher heraus und blätterte sie oberflächlich durch. Er glaubte fast, der Geruch von Weihrauch würde aus den Buchseiten den Weg hinaus, in seine Nase finden.

„Ach Bettino mein alter Freund, ich erinnere mich so gerne an eine unserer letzten Begegnungen in Assisi. Wir saßen am Platz vor der Kirche der Hl. Clara auf ein Glas Wein und schauten hinaus in die Täler der Toskana, als gerade die Sonne unterging. Ich fragte dich, was du spürst, wenn du solche wunderbare Momente in Worte fassen müsstest. Du sahst noch sehr lange der schwindenden Sonne entgegen bevor du mir geantwortet hast.

„Fausto, wenn ich das beschreiben könnte, was ich sehe, wären es Worte voller Magie. Diese Gabe habe ich nicht, also schweige ich lieber, bevor ich diesen Momenten den Zauber nehme. Es gibt Menschen, denen hat eine große Macht ein besonderes Geschenk gemacht. Sie schreiben Bücher! Ich lasse mich gerne verzaubern, darum lese ich. Du verschenkst gerne diesen Zauber, darum hast du einen Buchladen. Irgendwie gehört doch alles zusammen. Die Schreiber, die Buchhändler, die Leser.

Halt, das Wichtigste hätte ich fast vergessen!“

„Was denn, Bettino?“

„Denen Menschen, denen diese Geschichten passiert sind. In jeder, auch noch so phantastischen Geschichte, die in Büchern steht, steckt ein wahrer Kern. Sei er auch noch so klein, so bildet er doch den Grundstock für ein Buch. Möglicherweise passiert so etwas auch gerade mit uns!“

„Was soll mit uns passieren, Bettino?“

„Denk doch Fausto, wie einfach es sein könnte, dass gerade ein Schreiber an uns vorbei geschritten...



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