Köhler | Ich bin gleich da | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Köhler Ich bin gleich da

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8321-8848-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8321-8848-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Für Elsa ist Kochen viel mehr als nur ihr Beruf oder die bloße Zubereitung einer Mahlzeit. Nur in der Küche gelingt es ihr, ihre Sorgen hinter sich zu lassen und sich ein anderes Leben zu erträumen. Außerdem hat Elsa sich ein Ziel gesetzt: Sie will nach Norden ans Meer. Und damit möglichst weit weg von der Familie in Süddeutschland, weg von der schmerzhaften Leerstelle, die der Tod ihres Vaters in ihr Leben gerissen hat. Sensibel und berührend gelingt es Anne Köhler in ihrem Debütroman, von großen Gefühlen zu erzählen und sie in atmosphärisch einzigartigen Koch- und Küchenszenen aufgehen zu lassen. >Ich bin gleich da< ist die Geschichte einer jungen Frau, die auf der Suche nach sich selbst ihrer Familie wieder näherkommt - und vielleicht auch einer glücklichen Liebe.

ANNE KÖHLER wurde 1978 in Gießen geboren und lebt als Autorin und Texterin in Berlin. Ihr Debütroman >Ich bin gleich da< erschien 2015 bei DuMont. Für die Arbeit an >Nicht aus der Welt< erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats. Ihr Schlupfloch aus dem eigenen Leben hat sie im Schreiben gefunden - dank ihrer Familie kehrt sie aber immer wieder daraus zurück.
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Phantomschmerzen

Die Sonne tauchte hinter die Baumwipfel. Ein einzelner Strahl blitzte aus den spärlich stehenden Stämmen am Waldrand hervor, strich warm über Elsas Wange und glitt zwischen die Bäume zurück. Sie stieß Rauch durch die Nasenlöcher. Es war die letzte Gelegenheit für eine ungestörte Zigarette, bevor im Restaurant das Abendgeschäft begann. Gegen siebzehn Uhr, wenn die Vorbereitungen für den nächsten Schub in der Küche abgeschlossen waren, brachte sie den Müll in den Hinterhof. Sie hatte die Küchenhilfen Emra und Zahid nicht lange bitten müssen, diese Pflicht an sie abzutreten. Für eine Schachtel Zigaretten stellten die beiden keine Fragen.

Elsa genoss die stillen Minuten an der frischen Luft, zog sich hinter Glascontainer und Restmülltonne zurück, blickte zum Wald und rauchte. Heute gleich drei Zigaretten hintereinander, mit tiefen Zügen. Es war der 29.April. Immer wieder wurde ihr Blick zu der Stelle gezogen, wo sich zwischen Wald und Stadt die Felder aufspannten. Irgendwo dort würde morgen das Maifeuer entzündet werden – eine Tradition, der man auch hier im Norden Deutschlands nicht entkam. Hätte er nicht an einem anderen Tag sterben können?, dachte Elsa nicht zum ersten Mal, an irgendeinem Tag ohne Signalfeuer auf den Feldern? Schon die Osterfeuer ließen jedes Jahr die Erinnerung aufflackern, alte Gefühle. In diesen Tagen bis zum Maifeuer schlief Elsa kaum. Nach stundenlangem Herumwälzen übermannte sie mit viel Glück im Morgengrauen ein unruhiger Halbschlaf. Seit zwei Wochen dauerte dieser Zustand bereits an. Die Innenseite ihrer Lider brannte. Sie sah die Tabakschwaden in der Luft verwehen. Jetzt, wo das direkte Sonnenlicht verschwunden war, wurde es schlagartig kühl.

Hildesheim lag eingebettet in eine unaufgeregte Landschaft aus Heide und Mischwald. Mit rund hunderttausend Einwohnern bangte die Verwaltung ständig um den Status als Großstadt. Jeder gemeldete Bürger zählte. Die frisch Zugezogenen wurden mit einem Strauß Freikarten für kulturelle Events begrüßt: Theater, Kino, das Weinfest. Elsa hatte bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, die Karten einzulösen. Sie arbeitete in der Spätschicht mit ungewissem Ende. Einzig die Frühschicht war zeitlich relativ verlässlich begrenzt und daher den Kollegen vorbehalten, die zu Hause Kinder zu versorgen hatten. Nur selten kam Elsa vor Mitternacht aus dem Restaurant heraus.

Vor drei Monaten war sie hier gestrandet, müde von der Routine ihrer alten Stelle. Kein Jahr hielt sie es mehr in demselben Restaurant aus, wechselte nach ein paar Monaten die Arbeit, die Stadt, die Menschen. Die Kriterien für den neuen Ort waren simpel: Es musste eine freie Stelle in einer Küche geben und die Stadt sollte weiter im Norden liegen als die letzte. Seit Elsa vor neun Jahren von zu Hause ausgezogen war, bewegte sie sich Schritt für Schritt der Küste entgegen. Auf dem Meer lösen sich alle Sorgen auf. Das Meer war ein gutes Ziel. Es war geduldig, es war ja schon lange da. Vermutlich würde es nicht so bald verschwinden, im Gegenteil, angeblich wurde es sogar größer, Gletscher schmolzen. Das Meer war ein konkretes Ziel, aber auch nicht zu konkret. Es war schwer zu sagen, wo genau Anfang und Ende waren, und wenn man eines von beiden sehen konnte, zum Beispiel den Anfang, war das Ende weit weg und umgekehrt.

Das Restaurant lag am Stadtrand auf einer Anhöhe. Dahinter begann der Wald, wild durchkreuzt von verrotteten Trimm-dich-Stationen und bunt markierten Wanderwegen, auf denen es am Wochenende von Ausflüglern nur so wimmelte. Jacken in unsäglichen Farben streuten sich zwischen die Stämme, leuchteten auf und verglühten. Die Spaziergänger folgten den empfohlenen Routen, von der kleinen Alibi-Runde bis hin zu den Strecken für, laut Tourismusbüro, »fortgeschrittene Wandervögel«. Es machte keinen Unterschied, am Ende hockten sie ausnahmslos in einer der Gaststätten und schlugen sich die Bäuche voll.

Um sich von den anderen abzuheben, lockte Elsas Lokal mit XXL-Angeboten. Im Prinzip unterschied es sich nicht von den Küchen, in denen sie zuvor gearbeitet hatte. Alles war ein bisschen größer. In den XXL-Mega-Tempel kamen die Gäste nicht nur zum Essen, sondern sie machten »einen Ausflug« und im Grunde hatten sie recht, es war kein Restaurant, sondern ein Monstrositätenkabinett. Die Gäste bestellten Fleischberge: 1,2-Kilo-Rumpsteaks, 2-Kilo-Schnitzel oder 5-Kilo-Burger, und versuchten, alles möglichst schnell hinunterzuschlingen. Was sie nicht schafften, nahmen sie mit. Zu den Riesenportionen wurde automatisch eine Rolle Alufolie an den Tisch gebracht. Sie mussten zu Hause mehrere Tage für die Reste brauchen. Schnitzel auf Toast zum Frühstück, überbackenes Schnitzel zum Mittag und kaltes Schnitzel als Happen zwischendurch, Schnitzelpralinen zum Nachmittagskaffee und zum Abendessen Schnitzel auf Brot. Elsa war zwar nicht groß, aber neben einem Monster-Burger kam sie sich winzig vor. Je mehr XXL-Gerichte bestellt wurden, umso kleiner wurde sie. Nach einer doppelten Schicht, mit Füßen aus Beton, schien es unmöglich, mit der Hand noch den Türgriff zu erreichen.

Mit dem Aufbau der Terrassen vor einigen Wochen hatten die Gastronomen in der Stadt die Frühlingssaison eröffnet. Seitdem saßen die Gäste bei jeder Temperatur draußen, solange das Tageslicht reichte. In bunte Decken gewickelt präsentierten sie weltmännisch ihre Sonnenbrillen. Die Kellnerinnen trugen Daunenwesten über den Blusen und jammerten, wenn sie ein paar Minuten in der Küchenhitze aushalten mussten.

Noch waren die Restaurants nicht vollständig ausgelastet. In den nächsten Tagen würde der Betrieb merklich zunehmen, am Feiertag und an dem sich daran direkt anschließenden Wochenende auf einen der Höhepunkte des Frühjahrs gelangen. Im XXL-Mega-Tempel war man bestens darauf vorbereitet. Zusatzschichten waren angesetzt, die Spätschicht war Stunden früher angerückt. Seit neun Uhr morgens werkelten alle verfügbaren Kräfte in der Küche. Haufenweise Steaks, Schaschlik-Spieße und Spareribs lagen in Marinade, Kartoffel- und Krautsalate zogen in großen Plastikwannen durch, der Grill war geputzt und aufgebaut, bereit für das große Angrillen am Ersten Mai. Morgen, am letzten Apriltag, erwartete man die ersten Feiertagslaunigen. Die Sonderkarte des XXL-Mega-Tempels für den »Tanz in den Mai« leuchtete neonfarben von den Flyern: ein XXL-Schnitzel Jäger-Art mit einem Literkrug Pils für »sagenhafte 9,99Euro!«.

Elsa spuckte in ihr mitgebrachtes Küchenkrepp, um die Zigarette darin auszudrücken, und warf es in die Abfalltonne. An der Hintertür stieß sie mit Georg zusammen.

»Wo warst du denn so lange?«

»Ich habe den Müll rausgebracht.«

Zweifelnd wanderten Georgs Augen zu den Mülltonnen.

»Brauchst du irgendetwas?«, fragte er und schlang seine Arme um Elsa. Georg war kräftig gebaut, sein Bizeps zeichnete sich deutlich unter der Kochjacke ab. Die harte Arbeit in der Küche blieb nicht ohne Wirkung. Seine Haut hatte die typische Kochblässe, weil er den größten Teil des Tages in künstlichem Licht verbrachte. Georgs Sommersprossen, sein sandfarbenes Haar und die kaum sichtbaren Wimpern deuteten jedoch an, dass er auch in der Sonne eher rot statt braun werden würde. Haupthaar und Bart hatten dieselbe Länge, drei Viertel seines Kopfes waren mit einem kurzen, dicht wachsenden Flaum bedeckt. Er überragte Elsa um mehr als einen Kopf, ihr Gesicht wurde gegen seinen Brustkorb gedrückt. Sie versank im Küchenduft: Bratfett und darunter schwach der vertraute Körpergeruch.

Erst heute Morgen hatte Georg dasselbe gefragt, als Elsas Unruhe ihn aufgeweckt hatte. Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sag das Maifeuer ab, hätte sie am liebsten gesagt, schaff den ganzen Ersten Mai ab, lösch die Feuer! »Es liegt bestimmt am Licht«, hatte sie stattdessen in der Frühe zu Georg gesagt, der davon ausging, dass die Helligkeit sie um den Schlaf brachte. Das Frühlingslicht sei aggressiver als das Winterlicht, hatte er verständnisvoll bemerkt. Georg hatte immer und für alles Verständnis. Elsa hatte ihm nicht widersprochen, obwohl das genaue Gegenteil der Fall war. Es war die Dunkelheit, die ihr zu schaffen machte.

Elsas Aussehen weckte den Beschützerinstinkt. Nicht nur wegen ihrer geringen Körpergröße von gerade mal 1,58Meter. Obwohl sie durchaus braun werden konnte, war ihre Haut hell, zu selten kam sie an die Sonne. Die Adern schimmerten an den Schläfen hindurch wie ein gemalter Flusslauf hinter Pauspapier. Das Haar, früher beinahe weiß, war etwas nachgedunkelt, aber immer noch hellblond. Ein Farbton, den die meisten Frauen nur durch Färben erreichten und der Elsa bereits als Kind zahlreiche wehmütige Blicke eingebracht hatte, wenn sich ihr Gegenüber seufzend daran erinnert hatte, auch einmal blonde Locken gehabt zu haben, als sei das gleichzusetzen mit einer glücklichen Kindheit.

Elsa war zäh, oft fast verbissen. Georg hielt sich an ihr fest, nicht umgekehrt. Ihr Körper behielt einen Rest Anspannung, trotz der Arme, die sie umschlossen, die nichts mehr wollten, als dass sie sich hineinsinken ließ. Aber es gelang ihr einfach nicht, und so war sie es, die diesen großen Mann hielt, neben dem sie wie ein Kind wirkte, als sei er derjenige, der etwas brauchte. Tröstend rubbelte sie ihm mit der Hand über den Rücken. Sie ahnte, was es war. Er brauchte, dass sie etwas brauchte.

»Ja«, antwortete sie deshalb und sah den erwartungsvollen Schimmer in seinen Augen, bereit, alles herbeizuschaffen, was Elsa helfen würde. »Ich brauche Arbeit«, sagte sie und schob sich entschlossen an Georg vorbei. Sie spürte seine Augen auf dem Rücken,...


Köhler, Anne
ANNE KÖHLER wurde 1978 in Gießen geboren und lebt als Autorin und Texterin in Berlin. Ihr Debütroman ›Ich bin gleich da‹ erschien 2015 bei DuMont. Für die Arbeit an ›Nicht aus der Welt‹ erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats. Ihr Schlupfloch aus dem eigenen Leben hat sie im Schreiben gefunden – dank ihrer Familie kehrt sie aber immer wieder daraus zurück.



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