E-Book, Deutsch, Band 1976, 64 Seiten
Reihe: Dr. Holl
König Chefarzt Dr. Holl 1976
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-5715-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Mann ohne Angst
E-Book, Deutsch, Band 1976, 64 Seiten
Reihe: Dr. Holl
ISBN: 978-3-7517-5715-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jenny erfasst die Panik. Warum hat sie sich nur zu diesem Ausflug in die Kletterhalle überreden lassen? Nun hängt sie in zwanzig Metern Höhe in der Wand, verzweifelt klammert sie sich an den Griffen fest, unfähig, sich zu bewegen. Klettertrainer Alex erkennt den Ernst der Situation. Furchtlos hangelt er sich hoch. Er beruhigt Jenny und bringt sie sicher auf den Boden zurück.
Nach dem dramatischen Erlebnis kommen sich Jenny und ihr Retter näher. Sie ist fasziniert von Alex' Wagemut. Der Klettertrainer ist auch ein Star im Internet. Seine Videos, in denen er Steilwände ohne jegliche Sicherung bezwingt, werden von Zehntausenden gesehen.
Sie begleitet ihn nun immer öfter auf Klettertouren in die Berge. Während sie gegen ihre Ängste weiter ankämpfen muss, werden Alex' Aktionen immer waghalsiger - ja, immer leichtsinniger. Kennt dieser Mann denn keine Furcht? Da begreift Jenny, dass nicht sie es ist, die ein Problem hat, sondern Alex. Ein Problem, das er mit dem Leben bezahlen könnte ...
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Weitere Infos & Material
Der Mann ohne Angst
Niemand kennt den wahren Grund für Alex' Leichtsinn
Von Helene König
Jenny erfasst die Panik. Warum hat sie sich nur zu diesem Ausflug in die Kletterhalle überreden lassen? Nun hängt sie in zwanzig Metern Höhe in der Wand, verzweifelt klammert sie sich an den Griffen fest, unfähig, sich zu bewegen. Klettertrainer Alex erkennt den Ernst der Situation. Furchtlos hangelt er sich hoch. Er beruhigt Jenny und bringt sie sicher auf den Boden zurück.
Nach dem dramatischen Erlebnis kommen sich Jenny und ihr Retter näher. Sie ist fasziniert von Alex' Wagemut. Der Klettertrainer ist auch ein Star im Internet. Seine Videos, in denen er Steilwände ohne jegliche Sicherung bezwingt, werden von Zehntausenden gesehen.
Sie begleitet ihn nun immer öfter auf Klettertouren in die Berge. Während sie gegen ihre Ängste weiter ankämpfen muss, werden Alex' Aktionen immer waghalsiger – ja, immer leichtsinniger. Kennt dieser Mann denn keine Furcht? Da begreift Jenny, dass nicht sie es ist, die ein Problem hat, sondern Alex. Ein Problem, das er mit dem Leben bezahlen könnte ...
Er erstickte. Sie sah es. Sie hörte es. Vor ihren Augen rang dieser kleine Junge nach Luft, würgte und hustete. Sein Gesicht wurde erst rot, dann blass, dann färbte es sich blau-violett. Er röchelte. Krümmte sich. Und dann sah er hilfesuchend zu ihr hinauf. Flehend, bittend.
Hilfe, sagten seine geschwollenen Augen. Bitte, bitte, hilf mir.
Sie wollte auch helfen. Unbedingt. Sie wollte es nicht nur, es lag sogar in ihrer Verantwortung.
»So tun Sie doch was!«, sagte irgendjemand neben ihr, vermutlich die korpulente Frau von vorhin, die sich erst geweigert hatte, den Aufpreis für ihr falsches Ticket zu zahlen. »So helfen Sie ihm doch!«
Jenny wollte nichts lieber, als diesen kleinen Jungen zu retten. Sie ertrug das Leid nicht, das sich vor ihr abspielte. Sie wollte ihn packen, ihn schütteln, ihn von seiner Not erlösen. Aber sie konnte es nicht. Jenny Schwarz, die Frau, die für genau solche Situationen ausgebildet war, war wie erstarrt. Sie konnte sich nicht rühren. So sehr sie es auch versuchte, ihr Körper gehorchte ihr nicht. Und während sie stocksteif dastand, wurde das Gesicht des kleinen Jungen dunkler und dunkler und ...
»Hallo! Erde an Jenny! Wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken?«
Jenny kniff die Augen zusammen. Als die junge Frau sie wieder öffnete, war sie von ihrer schrecklichen Erinnerung erlöst. Das Zugabteil, das leise Ruckeln unter ihren Füßen und auch die Passagiere waren verschwunden. Stattdessen spürte sie den Asphalt durch ihre dünnen Sohlen, warme Herbstsonne auf dem Rücken und den bohrenden Blick ihrer schmollenden Arbeitskollegin.
Diese trug allerdings nun keine Uniform, sondern eine lässige Kletterhose. Der Sportrucksack hing ihr über die linke Schulter, die schwarzen, schulterlangen Haare waren locker zu einem Mini-Dutt hochgesteckt. Jenny sah an Sandra vorbei den weiß-schwarzen Gebäudeblock hinauf, der sich wie ein Riese vor ihr aufbäumte. Eine Krähe umkreiste die oberen Etagen, weiter unten kletterten Menschen an bunten Griffen die Außenfassade hinauf.
Jenny schluckte. Heaven's Gate hieß die Halle, die sie gleich betreten wollten. Die Himmelspforte. Nach ihrem Geschmack keine sehr himmlische Vorstellung.
»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, sagte die blonde Frau vorsichtig, mehr zu sich selbst als zu Sandra. Sie beobachtete einen Kletterer, der mit Schwung einen der Griffe packte und sich wie ein Äffchen weiter hochhangelte. Beim bloßen Zusehen wurde ihr schwindelig.
Sandra seufzte hörbar.
»Nichts da! Du hast gesagt, du willst nach diesem fürchterlichen Vorfall auf andere Gedanken kommen. An deine alte Abenteuerlust anknüpfen. Nirgendwo entkommst du deinem schwarzen Loch besser als hier. Also hier ist er, dein Weg hinaus aus deinem melancholischen Zustand und zurück in ein buntes, furchtloses Leben.«
Voller Ehrfurcht betrachtete Jenny den Eingang. Aber Sandra hatte ja recht. Sie war ihrer Kollegin sogar unglaublich dankbar für diesen Ausflug. Ansonsten hätte sie ihre Wohnung erst für den nächsten Dienstantritt wieder verlassen. Dass sie ihre nächste Schicht erst in drei Tagen hatte, verdankte sie ihrem herzensguten Chef, der nach dem Ereignis mit dem kleinen Jungen sofort den Dienstplan angepasst hatte.
»Hier, Jenny«, hatte er ihr nach Feierabend erklärt und ihr noch vor dem Spind den Zettel mit den neuen Dienstzeiten in die Hand gedrückt. »Das gibt dir ein bisschen Raum, den Kopf wieder freizubekommen.«
Solche Gefälligkeiten waren absolut keine Selbstverständlichkeit in ihrem Job als Zugbegleiterin, wo Bereitschaft, Flexibilität und Zuverlässigkeit gefragt waren. Doch ihr Vorgesetzter setzte sogar noch einen drauf.
»Und mach dir keine Gedanken. Die anderen wissen schon Bescheid. Keiner wird dich für einen Schichttausch anrufen.«
Sie musste fürchterlich ausgesehen haben. Vermutlich wollte er mit dieser Mini-Auszeit einem möglichen mentalen Zusammenbruch vorbeugen, bei dem sie mehrere Wochen ausgefallen wäre.
Die Tage in Bayern wurden kürzer, ein kühler Herbst kündigte sich an. Er brachte meist grippale Infekte und viele kranke Mitarbeiter mit sich. Ihr Chef musste also sicherstellen, für diesen Fall die übliche, zähe Jenny an seiner Seite zu haben.
»Was ist nun?«, fragte Sandra neben ihr und holte sie zurück in die Gegenwart. »Komm schon. Ich hab meinen freien Tag für dich geopfert.« Jenny hörte das Drängen in ihrer Stimme.
»Es ist lange her, dass ich klettern war«, fing sie zögerlich an. »Zuletzt in der Schulzeit, als ich noch etwas wagemutiger war.«
»Und ich bin normalerweise nur bouldern«, erwiderte ihre Kollegin. »Ich kenne mich also auch überhaupt nicht mit Seilklettern und Sichern aus. Damit ist es für uns beide etwas Neues! Für dich sogar weniger neu, wenn du es noch von früher kennst. Gib dir einen Ruck! Du hast schon öfter gesagt, dass du deine Höhenangst überwinden willst. Dafür ist Klettern perfekt! Es ist ein ziemlich sicherer, toller Sport. Und da oben kommst du ganz sicher auf andere Gedanken.«
Die verunsicherte Frau sah noch einmal die Außenwand hinauf, an der ein Kletterer nach dem obersten Griff einer Route tastete. Er verlor das Gleichgewicht, rutschte aus und fiel hinab. Erst nach mehreren Metern fing das Seil seinen Sturz auf und bewahrte ihn vor dem schmerzhaften Aufprall auf dem Boden.
Jenny wandte den Blick ab. Sie befürchtete, dass Sandra recht haben könnte. Da oben würde sie wohl tatsächlich auf ganz andere Gedanken kommen.
***
»Ella, das ist ja wohl nicht dein Ernst!«
Ungläubig stand der junge Assistenzarzt Jochen Hansen inmitten der hohen Halle, in der mehrere Menschen entweder mühevoll die Wände emporstiegen oder ebendiese aufmerksam beobachteten, während sie jemanden mit einem Seil von unten sicherten. Durch die Fenster erleuchtete die Sonne feinen Staub, der in der Luft herumwirbelte. Ein leichter Geruch von Kalk stieg Jochen in die Nase. Ella grinste ihn an.
»Oh, doch. Mein voller Ernst.«
Ein Mann neben dem Assistenzarzt feuerte die Frau über ihm an, weiter entfernt erklang ein verärgerter Ausruf. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Jochen sah hinter sich zu seinem Kollegen Dr. Ruben Schmidt, der den Blick sogleich erwiderte und nur mit den Schultern zuckte.
Beschwer dich nicht, schien seine Geste zu sagen. Aber Jochen wollte sich ja auch überhaupt nicht beschweren. Seitdem Ella, Ruben und er so etwas wie Freunde geworden waren und auch außerhalb der Berling-Klinik viel Zeit miteinander verbrachten, waren seine freien Tage viel aufregender und erfüllender geworden. Ella hatte meistens die lustigsten und verrücktesten Ideen, für die Jochen sich immer begeistern konnte.
Aber Klettern? So aufregend und risikoreich musste es nun auch wieder nicht sein. Als Assistenzarzt der Neurologie hatte er es auf der Arbeit oft genug mit eingeklemmten Nerven und Bandscheibenvorfällen zu tun. Alles Dinge, die man sich an Orten wie diesem leicht zuzog, davon war er überzeugt.
»Ach, Jochen«, sagte Ruben, als er den Gesichtsausdruck sah, »stell dich nicht so an. Das wird lustig.«
Jochen rümpfte die Nase. Es wunderte ihn nicht, dass Ruben Feuer und Flamme für diese Freizeitaktivität war. Schließlich war sie Ellas Idee gewesen. Und alles, was die Assistenzärztin der Inneren tat und dachte, sorgte bei Ruben für Begeisterung.
Wann immer er in Ellas Nähe war, versuchte er ihr mit besonders männlichem Getue zu imponieren. Er straffte die Schultern, spannte die Oberarme an und lächelte sein breites Zahnpastalächeln, sobald sie den Kopf in seine Richtung drehte. Sein Benehmen war so subtil wie auffällig gleichermaßen, und Jochen konnte nicht einschätzen, ob er einfach ein besonders gutes Auge für Balzverhalten dieser Art hatte oder es bereits das ganze Krankenhaus belustigte.
Was auch immer der Fall war – ausgerechnet die Person, der dieses Schauspiel gewidmet war, nahm nichts davon...




