E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Koerrenz Semitismus - Eine Kultur der Praxis
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-9196-0
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
ISBN: 978-3-7799-9196-0
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz lehrt und forscht an dem von ihm 2008 mitgegründeten Institut für Bildung und Kultur an der Universität Jena. Er hat Pädagogik, Philosophie, Evangelische Theologie und Germanistik studiert und beschäftigt sich mit allgemeinen Mustern von Anthropologie und Kultur.
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1.Semitismus – Eine Kultur der Praxis
Kultur ist das Ringen von Menschen um Normalität. Das semitische Paradigma der Kultur ist von der Alltagspraxis der Aufklärung und des innerweltlichen Atheismus bestimmt.
Erzählungen sind wie Bilder. Wenn wir Erzählungen hören oder lesen, entstehen durch unser inneres Auge Szenen, Motive, Geschichten, die wir in uns zu erinnerten Bildern zusammenfügen. In den gehörten oder gelesenen Bildern wird manches beachtet, manches bleibt ohne gesonderte Aufmerksamkeit in der Ecke liegen. Wenn wir als Menschen die gleiche Erzählung hören oder lesen, können wir aus Gründen der Alltagserfahrung davon ausgehen, dass wir zumindest Ähnliches, wenn nicht gar Vergleichbares durch unser inneres Auge aufnehmen. Und dennoch entspringt es unserer Eigenheit, was uns wie anspricht, was uns wie berührt. Es ist Teil der Bildung, jener Gabe freier Verantwortung und verantworteter Freiheit, was wir mit dem Gehörten und Gelesenen anfangen können, was wir daraus machen.
So wird es auch mit den Erzählungen sein, über die in diesem Buch Semitismus als eine Kultur der Praxis vor unsere Augen kommt. Hören und Lesen sind wie eine Reise, die wir mit unserem Herzen in unserem Kopf organisieren. Wir durchwandern Sphären des rationalen und des emotionalen Verstehens und werden das Erzählte irgendwo zwischen Verstand und Gefühl in unsere Erinnerung einflechten. Verstand und Gefühl folgen – und da sind wir eigentlich schon mitten in den Motiven von Semitismus als einer Kultur der Praxis – (immer nur) gemeinsam der Logik der dem Menschen möglichen Vernunft. In der Vernunft des hörenden und lesenden Herzens sind Verstand und Gefühl untrennbar ineinander verwoben und begleiten uns in die Geschichten des Semitismus, in denen das angemessene Verhalten und Handeln in der Welt immer Vorrang hat vor einem abstrakten Für-Wahr-Halten. Semitismus zu erzählen, verweist darauf, dass das Erzählen von Geschichten auf das menschliche Handeln im Alltag gerichtet ist. Es geht nicht um abstrakte Wahrheiten, sondern um das konkrete Hier und Jetzt im Angesicht der Geschichte.
Beginnen wir unsere Lesereise mit einer der vielleicht schwierigsten Fragen: Was bedeutet denn in diesem Zusammenhang „Kultur“? Die Frage ist deswegen schwierig, weil sie irreführend ist oder zumindest missverstanden werden kann. Denn es geht nicht um eine theoretische Vermessung. Eigentlich zielt bereits diese Frage im Kontext von Semitismus auf „Praxis“, auf das Verhalten und Handeln im Alltag, und nicht darauf, irgendeine abstrakte Definition zur Kenntnis zu nehmen und für wahr zu halten. Bereits das Nachdenken über Kultur ist in Wahrheit immer praktisch, ist immer praxisrelevant und praxisleitend – sonst wäre sie keine Wahrheit im Sinne semitischen Denkens. Wahrheit basiert immer auf dem Umtänzeln der alltäglichen Wirklichkeit, auf Annäherung an das Gegebene, das es verantwortlich zu gestalten gilt.
Im Prinzip handelt das gesamte Buch von Annäherungen an Antworten auf die Frage nach dem, was eigentlich das Nachdenken über „Kultur“ als Praxis bedeutet. Im Prinzip handelt das gesamte Buch von Annäherungen an Antworten auf die Frage nach dem, was eigentlich „Kultur“ als Rahmung menschlichen Handelns, menschlicher Praxis bedeutet.
Im Hintergrund und im Vordergrund steht für den Semitismus, dass der Mensch Mensch ist. Das bedeutet im Sinne des ersten Gebotes aber vor allem, dass der Mensch nie Gott ist und die absolute Differenz zwischen Mensch und Gott zum Prüfkriterium machen muss, wie Menschen ihren eigenen Lebenslauf und ihr Zusammenleben organisieren und verstehen. Diese absolute Differenz kommt auch darin zum Ausdruck, dass selbst die Bezeichnung „Gott“ sich der Benamung durch Menschen entzieht. Die Differenz muss radikal und absolut gesehen werden – im Sinne selbst der sprachlichen Unverfügbarkeit des letztlich unnambaren Anderen durch den Menschen. Der unnambare Andere kann von Menschen nicht durch Sprache identifiziert werden, entzieht sich dem identifikatorischen Verlangen nach Eindeutigkeit und bleibt doch als regulativer Referenzrahmen über die Erzählung seiner Geschichten mit Menschen verbunden.
Unter diesen Vorzeichen können wir von „Kultur“ als einer Signatur sprechen. Eine Signatur signiert etwas. Die Signatur „Kultur“ signiert ein Bild, das wir in uns tragen. In diesem Bild geht es um nicht mehr und nicht weniger als unsere Vorstellung von Normalität. Kultur ist die Signatur dessen, was wir für normal halten. Dies hat eine beschreibend-analytische und eine wertend-normative Seite. Jede Wertung setzt eine angemessene Beschreibung voraus. Jede Beschreibung ist durch eine normative Einordnung vorbeurteilt. Normalität beschreibt im semitischen Denkrahmen als Praxis immer einen Möglichkeitshorizont, einen Ermöglichungshorizont des Menschlichen. Normalität beschreibt das dem Menschen Würdige. Das Menschenwürdige wird dabei durch die dem Menschen zugeschriebenen Rechte konkret. Menschenwürde wiederum wird in Menschenrechten materialisiert – eben als eine Kultur der Praxis.
Um diesem Gedanken von Normalität zwischen Beschreibung und Bewertung auf die Spur zu kommen, setzen wir ein mit dem Motiv, dass Kultur immer ein Verhältnis, eine Beziehung, eine Relation beschreibt. Kultur ist ein relationaler Begriff. Kultur beschreibt – hebräisch gelesen – das Wechselverhältnis von Mensch-Sein und Welt. Kultur beschreibt das Wechselverhältnis von Mensch-Sein und Welt im unsichtbaren Angesicht des unnambaren Anderen. In Kultur geht es um eine von Menschen gestaltete Praxis des Alltags. Gestaltete Praxis des Alltags basiert auf einer Vorstellung von Normalität. Gestaltete Praxis des Alltags zielt auf eine Vorstellung von Normalität. In Kultur geht es um eine Rahmung, eine Umgrenzung, Eingrenzung oder Entgrenzung von Normalität.
In dem Wechselverhältnis von Mensch-Sein und Welt kommt zum einen der Mensch (in aller Vielfalt) als Gestalter von Kultur in den Blick.
In dem Wechselverhältnis von Mensch-Sein und Welt wird zum anderen Kultur als maßgebliche Prägekraft und Orientierungsrahmen für den Menschen sichtbar.
Ein realistischer Zugang zum Verständnis von Kultur kann nur über die Auseinandersetzung mit dem Menschen und dem Mensch-Sein erfolgen. Kultur erschließt sich über das Verständnis des Menschen, die Anthropologie. Um die Relation in ihrer Wechselseitigkeit in Kurzform zu kennzeichnen, können wir sagen:
Kultur ist anthropologisch gegründet – Anthropologie ist kulturell eingeformt.
Ein kritischer Blick auf das Wechselverhältnis von Mensch-Sein und Welt lenkt die Aufmerksamkeit zunächst auf eine Auseinandersetzung mit den Frage(n): Mensch-Sein? Was zeichnet Mensch-Sein aus? Jenseits von bestimmten Zeiten und bestimmten Weltgegenden? Ein flüchtiges, kurzes Aufmerken und Innehalten führt die Problematik dieser Frage(n) vor Augen.
Mit ganz bestimmten Vorstellungen von „allgemeinem“ Mensch-Sein wurde (und wird) Politik gemacht: eine Politik der Ein- und Ausgrenzung, eine Politik der Unter- und Überordnung, eine Politik der Verachtung und der Anerkennung.
Zwischen Herkünften, Hautfarben und Geschlechterordnungen trieben (und treiben) universale Bestimmungen des „wahren“ Mensch-Seins ihre Unordnung: meist männlich, meist weiß – meist aus der Perspektive einer westeuropäischen Mehrheitsgesellschaft (in der beispielsweise Jüdinnen und Juden höchstens als Randnotiz eine Beachtung erfuhren).
Von dort aus stehen Aussagen über „das“ Mensch-Sein zurecht immer unter Verdacht. Aussagen über „das“ Mensch-Sein produzieren Unbehagen. Es geht um den Verdacht, dass in der Behauptung von allgemeinen Kennzeichnungen „des“ Mensch-Seins Diskriminierungen vom wahren gegenüber dem falschen, vom wertvollen gegenüber dem minderwertigen, vom vollkommenen gegenüber dem unvollkommenen Mensch-Sein mitgeführt werden.
Die Rückseite des Unbehagens an allgemeinen Kennzeichnungen ist der Zweifel an absoluter Relativität und die banale Einsicht in die Unverzichtbarkeit universaler Aussagen. Denn das Wagnis bleibt letztlich unausweichlich, von „dem“ Mensch-Sein sprechen zu müssen, weil sonst der Alltag, die Geschichte und die Zukunft vom ungehemmten Machtspiel der...




