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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Köster-Lösche Die letzten Tage von Rungholt
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96048-038-9
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-96048-038-9
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kari Köster-Lösche, 1946 in Lübeck geboren, veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Bücher, bevor sie mit ihren historischen Romanen ein begeistertes Publikum fand. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet sie in ihrer Wahlheimat Nordfriesland als Tierärztin.
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I
Du, Kerl! Komm her und gib mir eine Auskunft!« Arfast drehte sich um und betrachtete den schwarzhaarigen baumlangen Mann von oben bis unten. Er stand am Ufer des Schluth, als ob er den Priel vom Festland her entlang gekommen wäre. Schon wieder einer von diesen dreisten Fremden, dachte er. Mit einer so frischen roten Narbe quer über dem Kinn und einem Wams, dessen Lederbesatz eine dicke Panzerung ergab, konnte er nur ein Söldner sein. Die Hand hatte er am Kurzschwert wie einer, der demnächst ziehen will.
»Wo ist die Trojburg?« fragte der Mann mit sichtbarer Ungeduld, wieder in plattdeutscher Sprache.
Der Salzsieder war unbewaffnet. Er blieb gelassen, aber das hatte nichts damit zu tun, daß er selber groß und gewandt im Kampf war. Die Leute von der Trojburg kannte er. Wie alle Halbwüchsigen von Langeneß und Nordmarsch hatte er sich gelegentlich nachts dorthin geschlichen und sich mit den Männern angelegt, aber als Erwachsener, der zu Vernunft gekommen war, nicht mehr. Die Trojburger waren unfriedliche Leute, deren Gewerbe zwischen Seeräuberei im eigenen und Küstenschutz in des Königs Auftrag schwankte. Arfast stützte Hände und Kinn auf den Pfahl, den er gerade einschlagen wollte, und deutete mit den Augen auf die höchste Erhebung hinter den violett blühenden Büscheln des Halligflieders. »Dort liegt sie. Folge dem Priel bis zum Stock und jenseits des Stockes dem Trampelpfad. Die Burg ist nicht zu übersehen.«
Ohne dem Mann noch einen Blick zu gönnen, hob Arfast die schwere Handramme wieder auf und ließ sie dröhnend auf den Pfahl fallen, der sich tief in den Kleiboden senkte. Es war der letzte Pfahl, der den Verlauf des Sommerdeiches um das künftige Abbaugebiet von Salztorf markierte. So konzentriert war er bei der Arbeit, daß er beinahe das Sirren des Pfeils überhört hätte, der an ihm vorbeiflog und sich eine Manneslänge neben ihm in das Gras bohrte. Sein Instinkt ließ ihn zur Seite springen, aber er war sich klar darüber, daß er jetzt auch hätte tot sein können.
»Knut Wogensson nimmt niemanden auf, der so schlecht schießt«, rief Arfast erbost, aber der Fremde war schon von der Graskante auf den Schlick am Priel hinuntergesprungen und außer Sicht. Sein höhnisches Lachen mischte sich mit dem Gurgeln des schnell strömenden Wassers.
Arfast starrte ihm verdrossen hinterher. Immer öfter tauchten sie auf, diese Dänen und Holsteiner, und ob der König sie schickte, die Grafen oder der Bischof: Sie machten Rechte geltend, die niemand kannte, und nahmen sich, was sie wollten. Und je mehr von ihnen kamen, desto öfter gab es Streit.
In sicherer Entfernung kroch der Fremde wieder auf das Halligufer und formte die Hände zu einem Schalltrichter. »Mich wird er nehmen, ich bin sein Sohn. Nimm dich in acht, wenn wir uns wieder begegnen, Friese!«
Arfast trabte mit dem eisenschweren Schlagklotz am abgewinkelten Arm locker der Salzsiederei entgegen, einer der beiden, die er im Auftrag des Kaufmanns Benedikt Knoop bewirtschaftete. Trotz seiner jungen zwanzig Jahre leitete er beide Siedereien nach eigenem Ermessen, und sechs ältere Männer gehorchten ihm.
Um diese hier auf Langeneß mußte er sich keine Sorgen machen, sie war die ertragreichere von beiden. Der Salztorf lag in dicker Schicht auf Land, das für gewöhnlich nicht in Gefahr war, überflutet zu werden. Sie konnten im Frühjahr zeitig mit dem Abbau beginnen und spät im Herbst aufhören.
Aber für die Salzsiederei an der Nordwestseite von Nordmarsch plante er bereits eine Warf und höhere Kajedeiche zum Schutz gegen Sturmfluten, um das Gebiet ähnlich lange wie auf Langeneß bewirtschaften zu können.
Leider war Knoop unbeweglicher als eine Wellhornschnecke im Ufersand, und seine Gedanken hinterließen noch weniger Spuren. Arfast war es leid, auf seine Entscheidung zu warten.
Er wechselte im Laufen den Arm und übersprang einen der schmalen Halligpriele, an dessen Seitenwänden das silbergraue Flohkraut in Büscheln wuchs. Die Priele, die bei Flut Wasser führten, bei Ebbe aber nur Schlick enthielten, waren die einzige Abwechslung in diesem buschlosen, flachen und grünen Halligland. In der Ferne erhob sich die Geest wie ein dunkles Wolkenband.
Kurze Zeit später stand Arfast mit einem einzigen Satz auf der Krone des Sommerdeiches, der die Salztorfgrube vor Hochwasser schützte. Zwei seiner Männer waren gerade dabei, mit langen Stangen eine abgestochene Kleischolle umzubrechen, unter der der Torf lag. Vor dem Schuppen stieg fetter schwarzer Rauch auf, um sich als stinkende Schicht über alles in der Nähe Befindliche zu legen. An windstillen Tagen hatte der Mann Pech, der die Torfsoden zu Asche verbrennen mußte. So wie heute.
Als Arfast heran war, maß er den vierschrötigen Salzbrenner von oben bis unten. Er lachte und klopfte ihm auf die Schulter. Ibbe war geschwärzt wie der Teufel in der Hölle, aber arglos wie ein Säugling, und Arfast mochte ihn gern. Als Ibbe sich die verschmierten Haarsträhnen aus den Augen strich, hinterließ er vier helle Spuren von der Stirn bis in den Ansatz seiner Haare. Er grinste gutmütig zurück.
Arfast drehte sich um. Hinter ihm setzten Sivert und Synneke keuchend die Trage ab, auf der die Brocken von nassem Torf zu einem Berg aufgehäuft waren. An Siverts Seite polterten sie herunter. »Paß doch auf«, murrte Synneke verdrossen.
»Bist du auch endlich wieder da?« fragte Sivert gereizt.
»Ja.« Arfast wunderte sich. Es mußte die Hitze sein, die sie aus den letzten Jahren nicht mehr gewohnt waren. Er überging die unausgesprochenen Vorwürfe wegen seines langen Ausbleibens. Er hatte seine Arbeit sorgfältig getan. Aber es war nicht Siverts Sache, sich darum Gedanken zu machen.
Arfast holte tief Luft. Sein Blick ging über den schmalen Meeresarm, den sie den Schluth nannten, nach Strand. Im klaren Abendlicht sah er die Westerwoldter Kirche, daneben die schwarzen Umrisse des Waldes, der der Siedlung den Namen gegeben hatte. Im wichtigsten Hafenort der Insel, Rungholt, hatte Benedikt Knoop seine Handelsniederlassung. Wenn die Tage kürzer wurden, fand der Herbstmarkt statt, da legten im Sielhafen die Schiffe aus Hamburg, Bremen, Ripen und Flandern an, brachten Wein, Mühlsteine, Schuhe und Tuche, luden Getreide, Ochsen und Salz. In den Herbstwochen wurde Rungholt eine der Drehscheiben des nordischen Handels. »Ich bringe morgen eine Ladung Salz nach Rungholt«, verkündete er entschlossen. »Den neuen Kajedeich habe ich für euch abgesteckt. Ihr könnt anfangen, ihn aufzuwerfen.«
»Du hältst uns wohl für deine Gespannochsen.« Sivert ließ sich mit der Trage unter dem Arm den Abhang hinunterrutschen und machte sich zwischen den keilförmigen Kleischollen davon.
Arfast sah ihm mit zusammengepreßten Lippen nach. Sivert hatte sechs Finger an der linken Hand und galt als schwierig. Aber er hatte keine Lust, ihn zur Rede zu stellen.
Er drehte sich zum Wasser um. Seine Verdrossenheit verlor sich mit dem lauter werdenden Schnattern der Vögel, die sich mit der auflaufenden Flut näher ans Ufer treiben ließen. Und dahinter wartete Rungholt auf ihn.
Der schwarzhaarige junge Mann, Knut Wogenssons Sohn, stapfte pfeifend in die Wallanlage der Trojburg hinein. Er war noch nie hier gewesen, und die Mannen seines Vaters kannten ihn nicht, aber das war für ihn kein Grund zu falscher Bescheidenheit. Er donnerte mit dem Schwertknauf an das offenstehende Tor, bis oben an der Treppe des zweistöckigen Wohnturms ein Gesicht erschien, gerötet und mit unstetem Blick. Es dauerte eine Weile, bis die Augen den Gast gefunden hatten.
»Was willst du, Mann?« schrie er hinunter.
»Sag meinem Vater, daß ich da bin!«
»Bist du Knutsson?« Er klang jetzt schon merklich bescheidener und zog sich wortlos zurück, als der Schwarzhaarige nickte.
Kurze Zeit später polterte eine mächtige Gestalt die Treppe hinunter. Knut schloß seinen Sohn in die Arme und drückte ihm herzhaft seinen krausen Bart auf beide Wangen. Lebhaft zog er ihn hinter sich her. »Komm mit zu einem Begrüßungsschluck.«
Knutsson grinste verächtlich. Während er sich den Ritterschlag verdient hatte, war sein Vater anscheinend fett und kriegsmüde geworden. »Ihr begrüßt euch wohl schon eine Weile.«
Der Burgherr wandte sich abrupt um und musterte ihn aus blutunterlaufenen Augen. »Wenn ich es gestatte – warum nicht? Du bist hier willkommen. Aber vergiß nicht, daß dies mein Hühnerhof ist. Wenn du auf einen eigenen aus bist, such ihn dir woanders! Dort kannst du krähen, so laut du willst.«
Sein Sohn gab sich nicht die Mühe, darauf zu antworten. Diese kleine Räuberburg zu befehligen, war gewiß nicht sein Ziel. »Nun geh schon«, sagte er ungeduldig.
Knut stapfte vorweg und machte auf der halben Höhe zwischen erstem und zweitem Stock dem Jüngling Platz, mit dem Knutsson zuerst gesprochen hatte. Inzwischen hatte seine Trunkenheit einen Grad erreicht, der ihn schneller hinuntertaumeln ließ, als auf der steilen Stiege zuträglich sein konnte. »Paß auf«, knurrte Knut und hielt den Mann am Arm fest, als er über eine Trittstufe hinausrutschte.
»Mutter findet übrigens, daß du dich mal wieder sehen lassen könntest. Die Burgmauern sind kalt, und ihr Bett ist es auch«, plauderte Knutsson, indes er sich umdrehte und dem Betrunkenen mit dem Ende seines Bogens einen harten Stoß versetzte.
Der Mann kippte vornüber und rutschte nach unten. Am Fuß der Treppe blieb er mit verdrehtem Hals liegen.
Der Burgherr drehte sich jäh um und betrachtete seinen Gefolgsmann verunsichert aus hervorquellenden Augen. »Ist er tot?«
Knutsson nickte. »Bestimmt. Schade, er war schon zu weit unten, als daß ich ihn noch hätte festhalten können.«
»Er war ein guter Mann«, sagte Knut...




