E-Book, Deutsch, 390 Seiten
Koestler Der Sklavenkrieg
Erstausgabe
ISBN: 978-3-939483-70-0
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 390 Seiten
ISBN: 978-3-939483-70-0
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Arthur Koestler, geboren am 5. September 1905 in Budapest, gestorben am 3. März 1983 in London. Schulbesuch in Budapest und Baden bei Wien, 1922 Beginn eines Maschinenbaustudiums. 1927 Ullstein-Korrespondent in Palästina, anschließend als Journalist in Paris und Berlin. 1931 Eintritt in die Kommunistische Partei und einjährige Reise durch die Sowjetunion; im Spanischen Bürgerkrieg 1937 festgenommen und zum Tode verurteilt. 1938 unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse Austritt aus der KP. 1939 in Frankreich interniert; Flucht nach England. In den fünfziger Jahren Rückzug aus dem politischen Journalismus und Beschränkung auf literarische Arbeiten und wissenschaftliche Publizistik. Suizid angesichts einer unheilbaren Erkrankung. - Arthur Koestler zählte zu den politisch einflußreichsten europäischen Journalisten seiner Zeit. Seinen internationalen Rang als Schriftsteller begründete der Roman «Sonnenfinsternis», eine Abrechnung mit dem totalitären Kommunismus und nach wie vor eines der grundlegenden Werke der politischen Literatur des 20. Jahrhunderts.
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PROLOG
DIE DELPHINE
Noch ist es Nacht.
Noch haben die Hähne nicht gekräht.
Doch der Amtsschreiber Quintus Apronius ist es gewohnt, dass der Beamte früher aus dem Bett muss als das Federvieh. Ächzend angelt er mit den Zehen nach seinen Sandalen auf der staubigen Bretterdiele. Die Sandalen stehen wieder verkehrt, mit den Spitzen zum Bett: erstes Ärgernis des Tages, wie viele werden noch folgen?
Er schlürft zum Fenster, blickt in den Hof hinab, in den fünf Stockwerke tiefen Schacht des Mietshauses. Ein knochiges Weibsbild steigt die Feuerleiter empor: Pomponia, seine Haushälterin und einzige Sklavin, sie bringt das Frühstück und den Eimer mit heißem Wasser. Pünktlich, das muss man ihr lassen. Pünktlich, aber alt und knochig.
Das Wasser ist lauwarm, das Frühstück ungenießbar: zweites Ärgernis. Doch da fallen ihm die Delphine ein, Glanz und Höhepunkt des Tages, der Vorgenuss streift lächelnd seine Züge. Pomponia schwatzt und zankt, während sie in der Stube herumwirtschaftet, seine Kleider säubert, beim Zurechtlegen der komplizierten Falten seiner Amtstracht hilft. Er schreitet die Feuerstiege hinab, würdevoll und ängstlich bedacht, den Saum des hochgerafften Gewandes nicht über die Sprossen zu schleifen; er weiß, dass Pomponia, den Besen in der Hand, ihm aus dem Fenster nachschaut.
Nun ist er in der engen Gasse; der Morgen dämmert schon; den Rock immer hochgerafft, drückt er sich den Häuserwänden entlang, denn durch die Gasse fährt ein ununterbrochener Zug von Ochsen- und Pferdekarren, mit viel Geholper und Hütteho – tagsüber ist der Wagenverkehr in der ganzen Stadt Capua polizeilich verboten.
Ecke Salbenmarkt und Fischmarkt begegnet ihm ein Trupp von Bauarbeitern. Es sind Gemeindesklaven, finstere Gestalten mit hartem Blick und unrasierten Gesichtern. Er drückt sich noch enger an die steinerne Fassade, presst das faltige Gewand ängstlich an die Hüften, murmelt Abschätziges. Zwei der Vorbeimarschierenden rempeln ihn an, achtlos und ohne sich zu entschuldigen. Der Amtsschreiber zittert vor Empörung, wagt aber nicht aufzumucken – die Leute tragen keine Fesseln, verfluchte neumodische Laxheit, und die Aufseher schlendern weit hinter dem Trupp.
Endlich sind sie vorbei, Apronius kann seinen Weg fortsetzen; aber der Tag ist ihm verdorben. Die Zeiten werden immer bedrohlicher, fünf Jahre sind vergangen seit des großen Diktators Sulla Tod, seither ist die Welt wieder aus den Fugen. Sulla, das war ein Mann, der hatte es verstanden, Ordnung zu halten, die Plebs mit eiserner Faust niederzupressen. Ein ganzes Jahrhundert der revolutionären Wirren war ihm vorausgegangen: die Gracchen mit ihren verrückten Reformplänen, die schrecklichen Sklavenaufstände in Sizilien, der Terror des Pöbels unter Marius und Cinna, die die Sklaven Roms bewaffnet hatten und gegen die Adelspartei losließen. Hart am Abgrund stand damals die zivilisierte Welt, Sklaven, stinkend-stures Gesindel, besitzloses Proletariat, drohten die Macht an sich zu reißen, gaben vor, die Herren von morgen zu sein. Doch da war Sulla gekommen, der Retter, und riss das Steuer herum. Die Herrschaft des alten Adels stellte er wieder her, den Volkstribunen verbot er das Maul, den schlimmsten Hetzern schlug er die Köpfe ab, die Führer der Volkspartei verbannte er aus dem Land, jagte sie nach Spanien ins Exil. Die unentgeltliche Kornverteilung, diese Prämie für Arbeitsscheue und Tagediebe, schaffte er ab, eine neue, strenge Verfassung gab er dem Volk, für Jahrtausende und ewige Zeiten – aber dann wurde der große Sulla leider von der Läusesucht befallen, von der Ptyriasis, wie man sagte, und die Läuse frassen ihn auf.
Fünf Jahre war das her – aber wie lange lag diese gute Zeit zurück! Die Welt ist aufs Neue voller Wirrnis und Bedrohung; wieder gibt es Gratiskorn für Faulenzer und Arbeitsscheue, Volkstribune und Demagogen dürfen blutrünstige Reden halten; die Aristokratie, ihres großen Führers beraubt, macht Konzessionen, schwankt hin und her, und die Canaille erhebt wieder ihr Haupt.
Dem Amtsschreiber Quintus Apronius ist der Tag endgültig verdorben; nicht einmal der Gedanke an die Delphine, Glanz und Höhepunkt des Tages, heitert ihn auf. Da fällt sein Blick auf ein hölzernes Baugeländer, das die Scriptoren gerade mit einer neuen Anzeige schmücken. Es ist eine sehr feierliche Ankündigung, beinahe fertig schon: Obenauf befindet sich eine zinnoberrote Sonne, mit dem Pinsel gemalt, die Strahlen nach allen Richtungen aussendet; darunter beehrt sich der Fechtmeister Lentulus Batuatus, Inhaber der größten Gladiatorenschule in der Stadt, das hochgeehrte Capuaner Publicum zu einer Monstreveranstaltung einzuladen. Übermorgen bereits, am Tage des Minervafestes, werde das festliche Spiel stattfinden, und dies bei jedem Wetter; denn der Fechtmeister Batuatus werde, die großen Unkosten nicht scheuend, Sonnensegel spannen lassen, wohl geeignet, auch etwaigen Regen vom geehrten Publikum fernzuhalten; überdies werde in den Pausen auf den Tribünen Parfüm gesprengt.
«Zittert und eilt herbei, Liebhaber der festlichen Spiele, ehrenwerte Bürger Capuas, die Ihr Zeugen der Kämpfe eines Pacidejanus, des hundertsechsfachen Siegers, wart und den unbesiegbaren Carpophore bewundert habt; versäumt nicht die einmalige Gelegenheit, die berühmten Fechter aus der Schule des Lentulus Batuatus kämpfen und sterben zu sehn.»
Es folgt die Liste der kämpfenden Paare, die ziemlich lang ist; als Hauptattraktion ist der Kampf zwischen dem gallischen Fechtdoktor Crixus und dem thrakischen Ringträger Spartacus angekündigt. Außerdem erfährt man, dass 150 Neulinge AD GLADIUM, das heißt: Mann gegen Mann, 150 weitere AD BESTIARIUM, Mann gegen Tier, exponiert werden sollen. In der Mittagspause und während der Desinfektion der Arena werden Zwerge, Krüppel, Frauen und Clowns Scheingefechte aufführen. Vorverkauf der Eintrittskarten, zum Preise von 3 Ass bis zu 50 Sesterzien im Freibad des Hermios, beim Bäckermeister Titus sowie bei den autorisierten Theateragenten, die beim Eingang des Minervatempels zu finden sind. –
Quintus Apronius murmelt Abschätziges vor sich hin: In Rom ist man längst zum System der Gratis-Spiele übergegangen, die ehrgeizige Politiker den Wählermassen offerieren; hier, in der rückständigen Provinz, muss jeder selbst für sein bisschen Vergnügen bezahlen. Er beschließt, den Festspielunternehmer Lentulus Batuatus, den er vom Sehen kennt, um Freikarten anzugehn; der Fechtmeister, einer der angesehensten Männer der Stadt, ist gleichfalls Stammgast bei den Delphinen, und Apronius hat sich längst vorgenommen, seine Bekanntschaft zu machen.
Ein wenig aufgeheitert von diesem Entschluss, setzt der Amtsschreiber seinen Weg fort; wenige Minuten später ist er an seinem Ziel, in der Halle des Minervatempels angelangt, wo das Marktgericht tagt.
Die Sonne geht auf, die Kollegen kommen, die kleinen Beamten zuerst, unausgeschlafen, mürrisch, ihrer Würde bewusst. Auch zwei Prozessparteien sind schon da, Händler, die einen Streit um einen Verkaufsstand auf dem Fischmarkt auszutragen haben; streng werden sie angewiesen, draußen zu warten, bis der Gerichtsdiener sie aufruft. Die Beamten gehen schläfrig in der Halle herum, rücken die Bänke zurecht, ordnen die Akten auf dem Präsidententisch. Quintus Apronius genießt ein gewisses Anseh[e]n unter seinen Kollegen, teils auf Grund seiner siebzehn Dienstjahre, teils weil sie wissen, dass er ehrenamtlicher Sekretär eines Geselligkeits- und Sterbekassenvereins ist.
Auch jetzt nimmt er die Gelegenheit wahr, einen jüngeren Kollegen für den Verein zu werben, der sich «Verehrer der Diana und des Antinous» nennt; mit wohlwollender Herablassung setzt er ihm die Statuten auseinander. Neuaufgenommene haben ein Eintrittsgeld von 100 Sesterzen zu zahlen, der Jahresbeitrag beträgt 15 Sesterzen und wird in monatlichen Raten von 5 Ass entrichtet. Demgegenüber zahlt die Kasse zur Bestattung jedes verstorbenen Mitglieds 300 Sesterzen, Selbstmörder werden ausgeschlossen. Für das Leichengeleit werden 50 Sesterzen abgezogen und am Scheiterhaufen verteilt. Wer bei den geselligen Veranstaltungen Streit anfängt, zahlt vier Sesterzen Strafe, wer zu prügeln beginnt zwölf, wer den Vorsitzenden beleidigt zwanzig. Die Festschmäuse werden von je vier jährlich wechselnden Mitgliedern veranstaltet, welche Decken oder Pölster für die Speisesofas, heißes Wasser nebst Geschirr, außerdem vier Amphoren guten Wein und für jedes Mitglied ein Brot zu zwei Ass und vier Sardinen zu besorgen haben. Quintus Apronius hat sich warm geredet; aber der Kollege, anstatt sich geehrt zu fühlen, erklärt nur, er werde sich die Sache überlegen. Enttäuscht und verärgert wendet er dem Grünschnabel den Rücken zu.
Endlich kommen auch die hohen und höheren Beamten, bis hinauf zum städtischen Ratsherrn, der das Amt des Marktrichters versieht. Gnädig verabschiedet er sein Gefolge, huldvoll nickt er...




