Koestler | Sonnenfinsternis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 254 Seiten

Koestler Sonnenfinsternis

Roman. Nach dem deutschen Originalmanuskript
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-939483-44-1
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. Nach dem deutschen Originalmanuskript

E-Book, Deutsch, 254 Seiten

ISBN: 978-3-939483-44-1
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Rubaschow, Mitglied der 'alten Garde' eines revolutionären Staates, wird eines Nachts im eigenen Land und im Auftrag der eigenen Partei verhaftet. Der einstige Volkskommissar bleibt zwar auch in der Gefängniszelle seinen politischen Grundsätzen treu, allmählich wird ihm aber bewusst, welche Schuld er im Dienste der Weltrevolution auf sich geladen haben könnte und daß der Zweck womöglich nicht jedes Mittel heiligt. Um moralische Kategorien geht es seinen innerparteilichen Gegnern allerdings nicht: Angeklagt wegen oppositioneller Gesinnung und Verschwörung, widersetzt Rubaschow sich zunächst den haltlosen Vorwürfen, bis sein Widerstand in unbarmherzigen Verhören gebrochen wird. - 'Sonnenfinsternis', Koestlers Abrechnung mit dem Stalinismus und jeder Form von politischem Totalitarismus, wurde in über dreißig Sprachen übersetzt und gilt als einer der bedeutendsten politischen Romane des 20. Jahrhunderts. Die bisher bekannte Fasung war eine - von Koestler selbst durchgeführte - Rückübersetzung aus dem Englischen, da das deutsche Originalmanuskript im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen war. 2015 wurde das verschollene Original in einer Bibliothek in der Schweiz entdeckt; diese Ausgabe präsentiert erstmals Koestlers deutsche Originalfassung.

Arthur Koestler, geboren am 5. September 1905 in Budapest, gestorben am 3. März 1983 in London. Schulbesuch in Budapest und Baden bei Wien, 1922 Beginn eines Maschinenbaustudiums. 1927 Ullstein-Korrespondent in Palästina, anschließend als Journalist in Paris und Berlin. 1931 Eintritt in die Kommunistische Partei und einjährige Reise durch die Sowjetunion; im Spanischen Bürgerkrieg 1937 festgenommen und zum Tode verurteilt. 1938 unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse Austritt aus der KP. 1939 in Frankreich interniert; Flucht nach England. In den fünfziger Jahren Rückzug aus dem politischen Journalismus und Beschränkung auf literarische Arbeiten und wissenschaftliche Publizistik. Suizid angesichts einer unheilbaren Erkrankung. - Arthur Koestler zählte zu den politisch einflußreichsten europäischen Journalisten seiner Zeit. Seinen internationalen Rang als Schriftsteller begründete der Roman 'Sonnenfinsternis', eine Abrechnung mit dem totalitären Kommunismus und nach wie vor eines der grundlegenden Werke der politischen Literatur des 20. Jahrhunderts.
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DAS ERSTE VERHÖR


«Man kann keineswegs schuldlos herrschen.»

1.


Die Zellentür knallte hinter Rubaschow ins Schloß.

Er blieb einige Sekunden lang an die Tür gelehnt stehen und zündete sich eine Zigarette an. Auf der Pritsche zu seiner Rechten lagen zwei leidlich saubere Decken, und der Strohsack sah frisch aufgefüllt aus. Das Waschbecken zu seiner Linken hatte keinen Stöpsel, aber der Hahn funktionierte. Der Kübel daneben war frisch desinfiziert, er roch nicht. Die Wand war zu beiden Seiten aus Ziegeln und gab keine Klopf-Resonanz, aber die Austrittstellen der Heizröhre und des Abzugrohrs waren vergipst und tönten leidlich; die Heizröhre selbst schien außerdem schalleitend zu sein. Das Fenster begann in Kopfhöhe, man konnte in den Hof hinuntersehn, ohne sich am Gitter hochziehen zu müssen. Soweit war alles in Ordnung.

Er gähnte, zog sich die Jacke aus, rollte sie zusammen und legte sie als Kopfkissen auf den Strohsack. Er sah in den Hof hinab; der Schnee glänzte gelblich in dem doppelten Licht des Mondes und der elektrischen Laternen. Rings, der Mauer entlang, war eine schmale Spur ausgeschaufelt für den Spaziergang. Es dämmerte noch nicht, die Sterne schimmerten klar im Frost, trotz der Laternen. Auf der Rampe der Außenmauer, die Rubaschows Zelle gegenüber lag, ging ein Soldat mit geschultertem Gewehr die hundert Schritte ab; er stampfte bei jedem Schritt mit den Füßen auf wie beim Parademarsch; Rubaschow konnte nicht entscheiden, ob er es wegen der Vorschrift oder wegen der Kälte tat; ab und zu blitzte auf seinem Bajonettschaft die Spiegelung der gelben Laternen auf.

Rubaschow zog sich, am Fenster stehend, die Schuhe aus. Er löschte die Zigarette, legte den Stummel neben das Fußende der Pritsche und saß einige Minuten lang auf dem Strohsack. Er ging noch einmal an das Fenster zurück; der Hof war still, der Wachsoldat machte gerade kehrt, über dem Maschinengewehrturm sah man ein Stück der Milchstraße. Rubaschow streckte sich auf der Pritsche aus und wickelte sich in die obere Decke. Es war fünf Uhr früh; vor sieben mußte man hier im Winter wohl nicht aufstehn. Er war sehr schläfrig und überlegte, daß das erste Verhör kaum vor drei bis vier Tagen stattfinden würde. Er hob den Zwicker ab, legte ihn neben den Zigarettenstummel auf die Steinfliesen, lächelte und schloß die Augen. Die Decke hüllte ihn warm ein, er fühlte sich geborgen, das erste Mal seit Monaten fürchtete er sich nicht vor dem Träumen.

Als der Wärter einige Minuten später das Licht von außen abdrehte und durch den Spion in die Zelle sah, schlief der ehemalige Volkskommissar Rubaschow, den Rücken zur Wand gedreht, mit dem Kopf auf dem ausgestreckten linken Arm, der steif aus dem Bett herausragte; nur die Hand am Ende des Armes hing schlaff herab und zuckte im Schlaf.

2.


Eine Stunde vorher, als die beiden Beamten vom Volkskommissariat des Innern gegen Rubaschows Wohnungstür gehämmert hatten, um ihn zu verhaften, hatte Rubaschow gerade geträumt, daß er verhaftet wurde.

Das Pochen war stärker geworden, und Rubaschow hatte sich bemüht aufzuwachen. Er hatte Übung darin, sich aus einem Alptraum zu reißen, denn der Traum von seiner ersten Verhaftung kehrte seit Jahren periodisch wieder und lief mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes ab. Manchmal gelang es ihm, mit einer starken Willensanspannung das Uhrwerk zum Stehen zu bringen, sich gleichsam am eigenen Schopfe aus dem Traum hochzuziehn, aber diesmal gelang es nicht; die letzten Wochen hatten ihn sehr zermürbt, er schwitzte und röchelte im Schlaf, das Uhrwerk schnurrte, er träumte weiter.

Er träumte, wie immer, daß an seine Tür gehämmert wurde und daß draußen drei Männer standen, die ihn verhaften kamen. Er sah sie, durch die Türe hindurch, wie sie draußen standen und gegen das Rahmenwerk schlugen. Sie hatten ganz neue Uniformen an, die kleidsame Tracht der Praetorianer der deutschen Diktatur; auf ihren Kappen und Ärmeln trugen sie ihr Symbol, das mit aggressiven Widerhaken ergänzte Kreuz; in den unbeschäftigten Händen hielten sie unförmig große Pistolen, ihr Riemenzeug roch nach frischem Leder. Plötzlich standen sie im Zimmer, vor seinem Bett. Zwei waren hochgewachsene Bauernjungen mit dicken Lippen und Fischaugen, der dritte war klein und rund. Sie standen vor seinem Bett und hielten die Pistolen in ihren Händen und atmeten ihn an; es war ganz still, nur der kleine Dicke schnaufte asthmatisch. Dann wurde in der oberen Etage ein Abzug gezogen, und das Wasser strömte mit gleichmäßigem Geräusch durch die Röhren in den Wänden.

– Das Uhrwerk surrte ab. Das Hämmern an Rubaschows Tür wurde lauter; die beiden Männer draußen, die ihn verhaften kamen, hämmerten abwechselnd und bliesen sich in die kaltgefrornen Hände. Aber Rubaschow konnte nicht aufwachen, obwohl er wußte, daß jetzt eine besonders peinigende Szene des Traumes folgen mußte: die Drei stehen immer noch vor seinem Bett, er versucht sich seinen Schlafrock anzuziehn. Aber der eine Ärmel ist nach innen gestülpt, er vermag mit dem Arm nicht hineinzugelangen, er müht sich vergeblich, bis ihn eine Art Lähmung befällt: er kann sich nicht rühren, obwohl alles davon abhängt, daß er rechtzeitig in den Ärmel gelangt. Diese quälende Erstarrung dauert eine Anzahl von Sekunden, während deren Rubaschow stöhnt, die kalte Nässe auf den Schläfen spürt und das Hämmern an seiner Türe wie ein ferner Trommelwirbel in seinen Schlaf dringt; sein Arm unter dem Kopfkissen zuckt in der fiebrigen Bemühung, in den Ärmel des Schlafrocks hineinzuschlüpfen – da trifft ihn endlich der erste, erlösende Hieb mit dem Pistolenknauf schmetternd am Ohr.

– Mit der vertrauten, in hundertfacher Wiederholung immer neu durchlebten Erinnerung dieses ersten Schlages, von dem Rubaschows Schwerhörigkeit datierte, pflegte er gewöhnlich aufzuwachen. Eine Weile zitterte er dann gewöhnlich noch, und seine Hand, eingeklemmt unter dem Kopfkissen, zuckte weiter nach dem Ärmel des Schlafrocks; denn ehe er völlig wach wurde, hatte er in der Regel noch die letzte und schlimmste Etappe zurückzulegen. Sie bestand in dem schwindligen, doppelbodigen Gefühl, daß dieses befreiende Erwachen nun erst recht geträumt sei und daß er in Wirklichkeit immer noch auf dem feuchten Steinboden der Dunkelzelle liege, zu seinen Füßen den Kübel, neben dem Kopf den gesparten Brotrest und den Wasserkrug.

Einige Sekunden lang hielt dieser benommene Zustand auch diesmal an, die Ungewißheit, ob seine tastende Hand an den Kübel oder an den Schalter der Nachttischlampe stoßen werde. Dann wich der Nebel, das Licht flammte auf; Rubaschow atmete einige Mal tief ein und aus und trocknete sich mit der Bettdecke die Stirn und die beginnende Glatze am Hinterkopf. Er lag still; genoss, die Hände über der Brust gefaltet, wie ein Rekonvaleszent das beglückende Gefühl der Freiheit und Geborgenheit und blinzelte, mit schon wieder erwachender Ironie, zu dem Öldruck von No. 1, dem Führer der Partei empor, das über dem Bett an der Wand seines Zimmers hing – und an den Wänden aller Zimmer neben, über oder unter ihm, an allen Wänden des Hauses, der Stadt, des unmäßig ausgedehnten Landes, um das er gekämpft und gelitten und das ihn nun wieder aufgenommen hatte in seinem gewaltigen, bergenden Schoß. Er war jetzt endlich völlig wach – aber das Hämmern an seiner Tür hielt an.

3.


Die beiden Männer, die gekommen waren, um Rubaschow zu verhaften, standen draußen im dunklen Treppenflur und berieten. Der Hausmeister Wassilij, der sie heraufgefahren hatte, stand in der offenen Fahrstuhltür und keuchte vor Angst. Er war ein magerer alter Mann, aus dem zerrissenen Kragen des Soldatenmantels, den er über das Nachthemd geworfen hatte, ragte eine breite rote Narbe heraus, die ihm ein skrofulöses Aussehn gab. Sie stammte von einem Halsschuß aus dem Bürgerkrieg, den er in dem Partisanenregiment Rubaschows durchgekämpft hatte. Dann war Rubaschow ins Ausland kommandiert worden und Wassilij erfuhr nur gelegentlich aus der Zeitung, die ihm seine Tochter abends vorlas, was mit ihm passierte. Er ließ sich die Reden vorlesen, die Rubaschow auf den Kongressen hielt; sie waren lang, schwer verständlich, und es wollte Wassilij nie recht gelingen, aus ihnen den Tonfall des kleinen bärtigen Partisanenkommandeurs Rubaschow herauszuhören, der so schöne Flüche gekannt hatte, daß selbst die heilige Madonna von Kazan vor Freude lächeln mußte darüber. Gewöhnlich schlief der Hausmeister in der Mitte dieser Reden ein, wachte aber immer auf, wenn die Tochter bei den Schlußlosungen und dem Beifall anlangte und feierlich die Stimme hob. Zu jedem dieser feierlichen Schlußsätze, es lebe die Internationale, es lebe die Weltrevolution, es lebe No. 1, fügte Wassilij ein ‹Amen› hinzu, innig, aber leise, damit es die Tochter...


Arthur Koestler, geboren am 5. September 1905 in Budapest, gestorben am 3. März 1983 in London. Schulbesuch in Budapest und Baden bei Wien, 1922 Beginn eines Maschinenbaustudiums. 1927 Ullstein-Korrespondent in Palästina, anschließend als Journalist in Paris und Berlin. 1931 Eintritt in die Kommunistische Partei und einjährige Reise durch die Sowjetunion; im Spanischen Bürgerkrieg 1937 festgenommen und zum Tode verurteilt. 1938 unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse Austritt aus der KP. 1939 in Frankreich interniert; Flucht nach England. In den fünfziger Jahren Rückzug aus dem politischen Journalismus und Beschränkung auf literarische Arbeiten und wissenschaftliche Publizistik. Suizid angesichts einer unheilbaren Erkrankung. – Arthur Koestler zählte zu den politisch einflußreichsten europäischen Journalisten seiner Zeit. Seinen internationalen Rang als Schriftsteller begründete der Roman "Sonnenfinsternis", eine Abrechnung mit dem totalitären Kommunismus und nach wie vor eines der grundlegenden Werke der politischen Literatur des 20. Jahrhunderts.



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