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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Kohl Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941–1944
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-561151-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sowjetische Überlebende berichten
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Reihe: Die Zeit des Nationalsozialismus ? »Schwarze Reihe«
ISBN: 978-3-10-561151-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Kohl, Journalist, wurde 1937 geboren.
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Einleitung
Warum ich diese Reise unternahm
Oradour und Lidice sind bekannte Namen. Selbstverständlich. Doch Kortelisi, Bajki, Borki, Dalwa? Vielleicht mit Ausnahme von Chatyn kennen wir keines der 628 Dörfer, die allein in Belorußland mitsamt der Bevölkerung von deutschen Truppen niedergebrannt wurden. Warum nicht? Über die KZs in Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen usw. wurde sehr viel veröffentlicht. Warum wurde noch nichts veröffentlicht über die Lager in und um Minsk, Baranowici, Smolensk, Vjasma usw.?
Das Getto von Warschau ist ein Begriff. Warum wissen wir nichts über die Gettos von Minsk, von Vitebsk, von Orscha, von Mogilov, von Sluzk oder Riga? Warum?
Über Auschwitz wissen wir sehr gut Bescheid. Warum wissen wir nichts über Trostenez bei Minsk, den zentralen Vernichtungsort von Belorußland, wo 206500 Menschen erschossen, vergast und verbrannt wurden? Warum ist Trostenez so unbekannt? Über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht, der deutschen Polizei und der SS in Polen wissen wir viel. Warum wissen wir so wenig über die Massaker der deutschen Truppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion? Was wissen wir über den Einsatz der Gaswagen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion durch die Einsatzgruppen? Was wissen wir überhaupt über diese Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD)?
Über 28 Millionen Tote hatte die Sowjetunion durch den deutschen Überfall von 1941 und die Besetzung bis 1944 zu beklagen. Das sind 14 Prozent der Bevölkerung der UdSSR. Das sind aber auch 44 Prozent der weltweiten Gesamtzahl der Opfer des Zweiten Weltkrieges. Ausgehend von der früheren Angabe von über 20 Millionen sowjetischen Opfern mußten 13,6 Millionen Rotarmisten ihr Leben lassen und 7 Millionen Zivilisten. Nach Angaben des Minsker Historikers Iwan Bejdin wurden von den deutschen Truppen sogar 11 Millionen Zivilisten ermordet. Wie viele Millionen Kriegsgefangene und Zivilisten wurden nach Deutschland deportiert, um sich hier in den Rüstungsbetrieben zu Tode rackern zu müssen? Und wer von uns kennt die Massengräber, wo diese Menschen bei uns im bundesdeutschen Boden verscharrt liegen? Wir haben die Feuerstürme von Hamburg und Dresden selbst erlebt, oder zumindest darüber erzählen gehört. Und man spricht noch heute davon. Doch wer erwähnt auch nur mit einem Wort eine der 1700 zerbombten Städte oder eines der 70000 vernichteten Dörfer in der Sowjetunion?
50 Jahre nach Ende dieses Vernichtungskrieges wissen wir – von wenigen großen Städten abgesehen – immer noch beschämend wenig darüber, was damals dort geschah. Eine andere Art von Eisernem Vorhang haben wir hier in unserem Wahrnehmungsvermögen heruntergehen lassen. Und wenn man darüber zu sprechen beginnt, dann hört man oft, es solle »endlich Schluß sein« mit alldem. Wie kann Schluß sein mit Informationen, die noch gar nicht verbreitet wurden? Und wer sagt dies? Und in welcher Absicht?
Wenn bei uns vom Krieg und vom »Russen« die Rede ist, hört man als erstes die leidvollen Geschichten der Flüchtlinge und Vertriebenen. Daß aber davor die deutschen Truppen russische Bevölkerung vertrieben und deportiert haben und diese vor den Deutschen fliehen mußte – wer denkt schon daran? Und man rechnet auf, was die russischen Truppen beim Einmarsch in das zusammenbrechende Reich alles begingen. Natürlich sind auch hier Verbrechen geschehen. Ich sage »natürlich«, denn ich stelle mir vor, mit welcher Wut, mit welchem Haß und Rachegefühl Rotarmisten den Boden des damaligen Reiches betraten, nachdem sie erleben mußten, wie ihre Familien von den Deutschen massakriert wurden, wie ihre Städte und Dörfer zerstört und ihre Kameraden in den Lagern von der Wehrmacht wie Ungeziefer vernichtet wurden. Sollte man von solchen Menschen erwarten, daß sie nicht in Zorn und Rache diesen Boden betraten, von dem dieser Krieg ausging? Auch hier verwechselt man gerne Ursache und Wirkung.
Und dennoch und trotz allem hat die einmarschierende Rote Armee nicht Gleiches mit Gleichem vergolten. Das ist leicht nachzurechnen. Denn hätten die Sowjets auch ihrerseits über 28 Millionen Deutsche umgebracht – was wäre da noch vom Rest-Reich geblieben? Von der damals sowjetisch besetzten Zone wäre auf jeden Fall nichts mehr geblieben. Und viele von uns würden heute nicht mehr leben.
Leicht kommt uns von den Lippen, daß die Alliierten Hitler besiegt hätten. Sie landeten in der Normandie aber erst am 6. Juni 1944, eineinhalb Jahre nachdem die Rote Armee die deutsche Wehrmacht in Stalingrad endgültig geschlagen hatte. Sie griffen erst ein, als längst feststand, daß die Rote Armee Hitler in die Knie zwang. Die Rote Armee hat uns vom deutschen Faschismus befreit, und nicht die Alliierten. Und das schaffte die Rote Armee nicht wegen, sondern trotz Stalin. Dennoch feiern wir immer noch die Alliierten als unsere »Befreier«.
Ich habe meinen Vater oft gefragt: Was hast du gemacht im Krieg, und nichts erfahren. Er war Polizist und mit einem Polizeibataillon in Polen, in Serbien, in Griechenland und Holland eingesetzt. Ich wußte, daß er beteiligt war am »Bandenkampf«, bei Unternehmungen gegen Partisanen, bei »Befriedungsaktionen«, bei »Säuberungsaktionen« in Dörfern und Gettos. Ich habe ihn oft gefragt, was sie denn mit diesen Menschen gemacht haben. Achselzucken oder ausführliche Erzählungen mit belanglosen Daten, Uhrzeiten, Kompaniezusammenstellungen, gespickt mit Dienstgradbezeichnungen. Meine Ahnung wuchs. Und damit ein unbehagliches Gefühl. Besonders wenn er von seinen »Kameraden« sprach. Mein Vater war kein Nazi. Aber er hat auch nichts gegen sie getan. Er war kein Faschist. Aber auch kein Antifaschist. Daß meine Eltern die NSDAP wählten, war ihnen selbstverständlich. Es ging ihnen doch gut, bis ’39. Sie haben auch nicht »Mein Kampf« gelesen, obwohl das Buch in der Vitrine stand.
Vier meiner Onkel waren an der Ostfront. Drei kehrten zurück. Oft hatte ich sie gefragt: Was habt ihr da eigentlich gemacht? Konkret. Die Antworten: Es war eben Krieg. Wir haben nur unsere Befehle ausgeführt. Das war eben so. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Auch Menschen. Der vierte Onkel ist bei Charkov begraben. Er hatte sich freiwillig gemeldet. Oder sie erzählten penibel genau, wann sie mit welcher Einheit und mit wieviel Mann um wieviel Uhr wohin transportiert wurden, wo sie dann mit welcher Einheit zusammengelegt wurden und wann wo das russische Feuer begann und mit wieviel Geschützen mit wieviel Millimeter sie das Feuer erwiderten. So ein Gedächtnis! Aber keiner kann sich erinnern, jemals einen Russen oder eine russische Familie erschossen zu haben. Zahlen, hinter denen sie verstecken, was sie wirklich trieben.
Einer dieser Onkel war bei der OT, der Organisation Todt. Bei Stalino. Er hat »nur Straßen gebaut«, sagt er. Die Organisation Todt hat in den besetzten Gebieten der Sowjetunion aber auch Konzentrationslager gebaut und die Zivilbevölkerung zu Schanzarbeiten angetrieben und sie niedergeschossen, wenn sie vor Erschöpfung umfielen. Und sie hat Juden in Gettos erschossen. Davon wußte er nichts.
Der andere Onkel war Fallschirmspringer. Für welche Einsätze? Das hatte er vergessen. Und der dritte war bei den Stukas, den Sturzkampffliegern. Er wurde abgeschossen. Und wenn er mal erzählte, schimpfte er über die russischen Partisanen, weil sie sich verteidigt haben. Sie alle und meine Eltern sprechen heute noch vom 8. Mai 1945 als Tag der Niederlage, des Zusammenbruchs, der Kapitulation, und nicht als Tag der Befreiung. Nein, wirkliche Nazis waren sie alle nicht … Warum wurde in der Bundesrepublik der 8. Mai nicht als Nationalfeiertag festgelegt?
Mit meiner Fragerei hatte ich mich in meinem Verwandtenkreis allmählich unbeliebt gemacht. Zumal ich ein Rundfunkfeature für den Sender Freies Berlin über dieses Thema schreiben wollte. Aussagen von Familienangehörigen auch noch veröffentlichen? Da sprach man mit mir erst recht nicht mehr über dieses Thema.
Mehr Ehrlichkeit erhoffte ich mir darauf von Fremden. So gab ich in mehreren Tageszeitungen eine Anzeige auf: »Rußlandfeldzug! Suche ehemalige Wehrmachtssoldaten …« Zwei Wochen lang klingelte das Telefon. 35 ehemalige Wehrmachtssoldaten wollten mir berichten, wie es wirklich war. Ich habe alle besucht, habe ihre Erzählungen auf Kassette aufgenommen.
Sie jammerten über die kalten Winter. Haben die sowjetischen Soldaten nicht gefroren? Sie klagten über den Schlamm, über die schrecklichen Strapazen, über den Hunger. Hatten sich nicht viele von ihnen freiwillig an die Front gemeldet? Und die Sowjets, die ihr Land verteidigten, haben die nicht auch gelitten? Sie schimpften über die Unfähigkeit ihrer Befehlshaber, ihrer Generäle, über deren strategische und taktische Fehlentscheidungen. Sonst hätte man den Bolschewismus natürlich schnell besiegt. Man hätte alles ganz anders machen müssen. Aber auf sie als einfache Soldaten hörte ja keiner. Sie erzählten mir, wie sie es gemacht hätten und wie dann der Russe leicht vernichtet worden wäre.
Und dann schwärmten sie, wie freundlich sie von den russischen Familien aufgenommen wurden, wie diese alles für sie hergegeben haben, wie herzlich ihr Zusammenleben war, als wären die Deutschen dort alle auf Urlaub gewesen. Sie...




