E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Kohlrausch Am toten See (Kriminalroman)
Verbesserte Auflage
ISBN: 978-80-268-4706-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-80-268-4706-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Am toten See (Kriminalroman)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Robert Kohlrausch (1850-1934) war ein deutscher Architekt und später Journalist und Autor von Kriminalromanen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus dem Buch: 'Nun blieb sie plötzlich stehen und hob den Kopf mit einer stolzen Bewegung. 'Ich habe Sie kennen gelernt, Sie sind ein Mann, der die Wahrheit liebt. Auch ich habe das Bedürfnis, wahr zu sein. Mögen Sie es denn wissen: ja, ich habe Sie liebgewonnen in diesen schweren Wochen. Vielleicht war es mit, - ich habe häufig darüber nachgedacht, - weil Sie sich so fern von mir hielten. Weil wir unter einem Dache wohnten und doch Fremde und Feinde schienen. Meine Gedanken suchten Sie, weil ich Sie nicht sah. Wir Frauen sind ja darin schwach: es lockt uns, wer uns zu verschmähen scheint. Vielleicht - ach, es ist eigentlich töricht, ein Gefühl zergliedern zu wollen, das über uns kommt wie ein Schicksal!''
Autoren/Hrsg.
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Zweites Kapitel
Das Gewitter, das die Baronin vorhergesagt hatte, war in der Nacht um ein Uhr losgebrochen und hatte mit wildem Lärm von Donner, Sturm und wolkenbruchgleichen Regengüssen die Luft erfüllt. Es regnete noch weiter, als der frühe Sommertag – ein wenig dunkler und später als gewöhnlich – die Nacht ablöste. Der Wind war umgesprungen, und es war kühl geworden. Er wehte, statt von Süden, jetzt beinahe aus Norden und schien die grauen, rasch treibenden Wolken den gleichen Weg zurückzujagen, den sie am vergangenen Tage vergeblich gemacht hatten.
Als flüchtete sie gleich ihnen vor einem unsichtbaren Feinde, so stürmte in der Frühe des Morgens eine weibliche Gestalt über die Treppen und Korridore des Schlosses, eilte bis zum äußersten rechten Flügel des ersten Stockwerks und pochte hier mit unsicheren, bebenden Fingern an eine Tür. »Frau Baronin! – Frau Baronin!« rief sie dabei mit einem Ton, in dem Furcht und Hast merkwürdig durcheinander klangen.
Ueberraschend schnell öffnete sich die Tür, und schon völlig angekleidet, obwohl es noch nicht viel über fünf Uhr war, erschien die Baronin zum Erstaunen des Hausmädchens, das nach ihr gerufen hatte, auf der Schwelle.
»Frau Baronin sind schon auf, – ach, ich habe der Frau Baronin etwas Furchtbares zu melden.«
»Was denn? Sprechen Sie!«
»Ja, der Gärtner, der ist nämlich heute besonders früh in den Park gegangen, weil er hat sehen wollen, was das Unwetter für Schaden getan hat, und da – hat er den Herrn Baron gefunden.«
»Im Park?«
»Nein, in seinem Zimmer, – tot in seinem Zimmer!«
»Um Gottes willen, – Rosa! Das ist ja furchtbar, – furchtbar!« Sie taumelte und hielt sich an einem Stuhl. Das Mädchen eilte hinzu, um ihr beizustehen, doch machte sie eine abwehrende Handbewegung.
»Lassen Sie, Rosa, es handelt sich nicht um mich. Tot, sagen Sie, – ermordet?«
Erstaunt blickte das Mädchen sie an. »Frau Baronin verzeihen, das habe ich nicht gesagt. Der Gärtner sprach von einem Schlaganfall.«
Die Baronin grübelte einen Moment stumm vor sich hin, dann fragte sie: »Und in seinem Zimmer ist er gefunden worden, – wie ist das möglich?«
»Ich weiß es nicht, Frau Baronin, aber der Gärtner –«
»Nein, Sie brauchen es mir nicht zu wiederholen, er soll es mir selber sagen.« Damit warf sie sich einen Mantel über, der neben der Türe hing, und eilte vor dem Mädchen her über Korridor und Treppe nach unten.
Der größte Teil der Dienerschaft war, geweckt von der Schreckensnachricht, bereits wach und auf den Beinen; die große Tür zum Park hinaus war geöffnet, aber die Baronin achtete in ihrer atemlosen Aufregung nicht auf diese Uebertretung ihres Befehles vom vergangenen Abend. Auf die Tür wies das Mädchen. »Das Zimmer ist nach dem Korridor hin, glaube ich, noch verschlossen. Vom Garten aus ist der Gärtner hineingekommen.«
Ohne weiter zu fragen, ging die Baronin mit unverminderter Hast aus der großen Ausgangstür auf die Terrasse hinaus, die schwarz und glänzend vom Wasser war, und auf die der Regen immer noch mit unverminderter Gewalt niederprasselte. Sich nahe der Hauswand haltend, kam die Baronin mit ihrer Begleiterin an mehreren dicht verschlossenen Fenstern des Erdgeschosses vorüber bis zu einer Glastür, an der ein Flügel geöffnet war. Die von innen davorgelegten Läden waren bisher weder hier, noch an den beiden Zimmerfenstern rechts und links von der Tür geöffnet worden, doch ließ im Zimmer brennendes elektrisches Licht genau erkennen, was in dem Raum vorging.
Einen Augenblick zauderte die Baronin hier, sich in einer Anwandlung von Schwäche am Türpfosten haltend, und schaute auf die beiden Männergestalten, die sich drinnen bewegten und mit einer dritten, unbeweglichen beschäftigt waren. Dann trat sie hinein und sagte mit heiserer, aber fester Stimme: »Vor allen Dingen machen Sie die Läden auf und lassen Sie das Tageslicht herein.«
Der Gärtner ging mit den unsicheren, scheinbar auch vom Schrecken gelähmten Schritten des Alters an das eine der Fenster, der Diener, der als zweiter im Zimmer war, eilte behender mit jugendlichem Eifer an das andre. Seine rascheren Hände hatten die Läden an diesem Fenster und auch an der Glastür bereits geöffnet, als der Gärtner erst mit denen des andern Fensters zurechtgekommen war.
Nun ging die Baronin mit ein paar schnellen Schritten bis zu dem Sessel, in dem die unbewegliche Gestalt lag, kniete nieder und faßte die eine der schlaff herabhängenden Hände, um sie sogleich, wie von ihrer Kälte durchschauert, wieder sinken zu lassen. »Ist keine Hilfe mehr?« fragte sie zu gleicher Zeit. »Warum ist sein Gesicht so furchtbar verzerrt? Haben Sie schon an den Arzt telephoniert?«
Franz, noch röter als sonst im Gesicht vor Aufregung, antwortete mit gepreßter Stimme: »Leider ist wohl nichts mehr zu machen, Frau Baronin. Ich war eine Zeitlang bei der Sanitätskolonne und weiß ungefähr, was in solchen Fällen zu tun ist. Ich habe auch schon Verschiedenes versucht. Aber wenn Frau Baronin befehlen, werde ich gleich an den Herrn Kreisphysikus telephonieren.«
»Selbstverständlich muß das geschehen. Sie hätten das bereits tun können. Aber vor allem tragen Sie beide meinen Mann dorthin auf den Diwan. Wenn noch Hilfe möglich sein sollte –« Sie brachte den Satz nicht zu Ende, sondern wiederholte ihren Befehl nur mit den hastigen Worten: »Rasch, tragen Sie ihn dort hinüber.«
Die Männer gehorchten, und nach wenigen Minuten lag der starre Körper auf einem großen und breiten, mit Fellen überdeckten Diwan, auf dem seine Gestalt merkwürdig zart und klein erschien.
Als der Diener hinausgegangen war, um zu telephonieren, wandte die Baronin sich an den Gärtner und sagte in einem weicheren, umschleierten Ton: »Jetzt, Beckmann, erzählen Sie mir genau, wie Sie meinen armen Mann gefunden haben.«
Der Angeredete fuhr sich zuerst mit der Hand über den kahlen Kopf, als wenn er eine Last fortschieben müßte, die dort bedrückend lag, und begann dann seinen Bericht: »Ja, Frau Baronin werden doch das Unwetter gehört haben in dieser Nacht. Mich hat es nicht wieder einschlafen lassen; ich habe immer an mein Beet mit den Musas denken müssen, ob es die nicht ganz zerfetzt hat. Und so bin ich denn gleich nach fünf Uhr aufgestanden und habe mich angezogen und bin hinausgegangen in den Park –.«
»Das alles weiß ich, das hat Rosa mir bereits erzählt. Wie war es weiter? Wie sind Sie hier in das verschlossene Zimmer gekommen?«
»Es war nicht verschlossen! Das war es ja, was mich so gewundert hat. Es war eben nicht verschlossen. Und ich habe das gesehen, wie ich so durch den Regen an der Terrasse hingehe. Da sehe ich so ganz von ungefähr hier nach dem Schlosse herüber, und da steht unter all den fest abgesperrten Türen und Fenstern an dieser einen, einzigen Glastür der eine Flügel weit offen. Na, und weil wir doch gehört hatten, daß der Herr Baron verreist wären, hat mich das um so mehr gewundert. Und ich habe mir erlaubt, näher heranzugehen –.«
»Die Tür war offen, sagen Sie? Wirklich weit offen?«
»Der eine Flügel, der mit dem Handgriff. Ich denke mir, der Herr Baron hat ihn wohl nicht ganz fest genug zugemacht beim Hereinkommen, und in der Nacht hat ihn dann der Gewittersturm aufgerissen und ins Zimmer hineingedrückt. Auch den Regen hat es ein Stück weit hineingetrieben, wie Frau Baronin dort noch auf dem Fußboden bemerken können.«
»Und hat niemand vom Dienstpersonal meinen Mann gesehen beim Nachhausekommen?«
»Nein, soviel ich bis jetzt gehört habe, niemand. Aber wenn der Herr Baron einmal unvermutet von einer Reise oder einem Ausflug zurückgekommen sind und haben sich nicht mit dem Wagen abholen lassen von der Station, sondern sind zu Fuß den Richtweg durch den Park gegangen, dann haben der Herr Baron doch öfter schon die Tür hier selbst aufgeschlossen und sind so direkt in das Zimmer gegangen. Besonders wenn es schon spät gewesen ist, und Herr Baron die Frau Baronin nicht mehr stören wollten. Das ist doch in letzter Zeit namentlich ein paarmal vorgekommen, soviel ich gehört habe.«
»Das ist richtig, Beckmann. Und wie haben Sie den Armen gefunden?« Bei diesem erneuten Ausdruck des Mitleides war wieder ein flüchtiger weicher Ton in ihrer Stimme, doch kamen auch jetzt keine Tränen in ihre Augen.
»Auf dem Sessel dort vor dem Schreibtisch hat er gelegen, ganz hintenüber und mit herunterhängenden Armen. Und ich bin so furchtbar erschrocken gewesen, daß ich mir gar nicht zu helfen wußte. Und dann habe ich Licht gemacht und habe den Franz geweckt und –«
»Es ist gut. Wie kommt es, daß der Stuhl dort am Boden liegt? Haben Sie ihn umgestoßen?«
»Ich? Nein, Frau Baronin. Er hat schon gelegen, wie ich hier hereingekommen bin. Es hat mich auch gewundert, aber ich habe mir gedacht, Herr Baron haben sich vielleicht an dem Stuhl halten wollen, wie ihm schlecht geworden ist, und er hat ihn dann mit umgerissen.«
Sie blickte scharf, mit prüfenden Blicken auf die Stelle.
»Sie haben etwas Falsches gedacht, Beckmann,« sagte sie dann. »Wenn die Sache so wäre, müßte mein Mann dort gleich neben dem Stuhl zu Boden gestürzt sein. Ueberhaupt sehe ich hier Zeichen von Unordnung, die ich nicht verstehe. Das Fell unter dem Schreibtisch ist verschoben, die eine Schublade, in der die Schlüssel stecken, steht halb offen und sieht aus, als wenn man darin gewühlt hätte. Auch die Briefe hier auf dem Tisch liegen unordentlicher, als ich sie hergelegt habe gestern abend. Wenn ich wüßte, – haben Sie schon...




