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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Koll Ein Fall für die Akten
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-946734-77-2
Verlag: edition krimi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Dortmund-Krimi
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-946734-77-2
Verlag: edition krimi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerhard Koll, 1960 in Dortmund geboren und aufgewachsen, studierte in Köln Geschichte, Anglistik, Romanistik und Bibliothekswesen. Die Universität verließ er ohne Abschluss, um anschließend ein unstetes Leben als LKW-Fahrer, Makler, Seemann und Bibliotheksmitarbeiter bei Melbourne zu führen. Während dieser Zeit verfasste er zahlreiche Kurzgeschichten, die in Anthologien erschienen sind und bei Wettbewerben ausgezeichnet wurden. Der Autor lebt und arbeitet zur Zeit in Paris.
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1. Kapitel
Frau Bielinski war mit ihren Mischlingshunden Cindy und Hexe trotz des vorweihnachtlichen Schmuddelwetters eine große Runde gegangen, so wie sie es nannte; einmal die Herderstraße entlang, über die Rückertstraße zur Schützenstraße, an der Unfallklinik vorbei in den Fredenbaum und wieder zurück. Dort im Park hatten die Hunde freien Auslauf, konnten auf der Wiese rumtollen, Kaninchen jagen oder nach den Stöckchen suchen, die Frau Bielinski schwerfällig ein paar Meter weit warf. Aber meistens landeten sie hinter den schon weit vorgepreschten Hunden, so dass diese schnell die Lust an dem Spiel verloren.
Manchmal traf Frau Bielinski einige ihrer Hundefreunde, Nachbarn aus dem Viertel, die ebenfalls mit ihren Lieblingen unterwegs waren, dann unterhielten sie sich fachgerecht über die Vierbeiner, sagten, was für tolle Burschen das seien, lobten ihre wahre Freundschaft und erwähnten, dass man ihnen mehr vertrauen könne als so manchen Menschen. Ja, sogar richtig zuhören täten sie und sie waren sich einig, dass die Hunde jedes Wort, das man mit ihnen sprach, verstehen würden. Währenddessen beschnupperten die nassen Vierbeiner gegenseitig ihre Hinterteile und die Rüden versuchten mit ausgefahrenem Glied die Weibchen zu besteigen, was aber auf keinen Fall geduldet wurde. Geradezu ekelhaft war das, was man dort zu sehen bekam: dieses rote, tropfende Ding. Es schien reinste Pornografie zu sein, was man eher mit den Kerlen, die man zu Hause hatte, in Verbindung brachte, als mit diesen treuen Lebewesen. So fuhren die Herrchen mit einem scharfen »Aus!« dazwischen und wunderten sich nicht, dass die Hunde nun doch nicht alles verstanden. Vielleicht dachte man auch nicht weiter darüber nach.
Diese große Runde von fast zwei Stunden machte Frau Bielinski jeden Tag, sofern es nicht in Strömen goss – dann ging sie nur einmal kurz um den Häuserblock – das war für sie der Höhepunkt des Tages, an dem sie aus der Wohnung verschwinden konnte, in der in letzter Zeit immer öfter Opa Heinrich hockte. Ihre neue Trinkhallenbekanntschaft, nur mit Schlafanzughose und Unterhemd bekleidet, ließ sich von vorne bis hinten bedienen und kratzte sich dabei auch noch ungeniert zwischen den Beinen.
Leider war sie jetzt fast wieder zu Hause, aber doch einigermaßen zufrieden, dass ihr heute keine zwielichtigen Gestalten mit Kampfhunden begegnet waren, vor denen sie immer Angst hatte.
Sie wollte noch schnell im nahegelegenen Getränkemarkt eine Flasche Korn kaufen. Dabei hoffte sie, dass Opa Heinrich schon aufgestanden war und irgendetwas zum Frühstück vorbereitet hatte. Schlimm war es, wenn er noch im Bett lag und eine Erektion hatte. Dann verlangte er, dass sie sich wieder auszog und sich zu ihm legte, damit er sie haben konnte. Sein fauler Atem drang ihr dabei unangenehm in die Nase. Ertragen konnte sie das nur, wenn sie vorher einige Schnäpse getrunken hatte, dann hatte sie gelegentlich sogar Spaß dabei. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie die anderen Male über sich ergehen ließ und ihm nicht öfter sagte, dass er in seine eigene Wohnung verschwinden solle, die ja nur einige Treppenstufen tiefer im Parterre lag. Vielleicht wollte sie auch nur nicht alleine sein.
Vorsichtshalber wollte sie heute früh eine neue Flasche Frühstückskorn besorgen, da sie nicht wusste, ob noch etwas von gestern Abend übrig geblieben war. Wenn er dann nach ihr rief, konnte sie schnell einen kräftigen Zug nehmen.
Herr Reitmeier, der den Getränkemarkt betrieb und gleichzeitig Eigentümer des Hauses war, in dem sie wohnte, schrieb den Einkauf an.
Eine dicke Kladde lag unter der Kasse. Je weiter der Monat ins Land zog, desto öfter holte er sie hervor, um säuberlich das Produkt sowie den Preis in eine Tabelle einzutragen. Jeder Kunde hatte seine eigene Spalte, versehen mit Namen und Anschrift. Meistens wurde die Rechnung am Anfang des Monats bezahlt. Wenn ein Kunde dann doch nicht zahlen konnte, nahm Herr Reitmeier auch mal den Videorekorder in Zahlung, ließ den Hof fegen oder kleinere Reparaturarbeiten am Haus erledigen, wobei er die Preise festsetzte. Wie säumige Kundinnen ihre Rechnungen beglichen, konnte Frau Bielinski nur erahnen, man sah sie weder den Hof fegen noch andere Arbeiten erledigen. Sie bekamen aber trotzdem immer wieder die Gelegenheit anzuschreiben.
Frau Bielinski nahm die Flasche entgegen, bezahlte dieses Mal und steckte sie in eine abgenutzte Plastiktüte von Lidl, deren Farbe an den Knickstellen durch das ständige Falten völlig verschwunden war, so dass sich ein Gitternetz über die Tüte zog, hinter dem das verblassende Logo der Handelskette nur noch schwach hindurchschien. Es war nicht weit bis zu ihrem Haus, vielleicht zwanzig Meter, jedoch schämte sie sich, die Flasche offen über die Straße zu tragen. So nahm sie die Tüte, wünschte Herrn Reitmeier einen schönen Tag und gab den Hunden, die vor der Tür mit hechelnder Zunge auf sie warteten, den Befehl, nach Hause zu marschieren. Alles schien auf einen rundum perfekten Tag hinzudeuten. Auch hatte sie mit Herrn Reitmeier bereits über die Versorgung an den bevorstehenden Feiertagen gesprochen. Beide waren sich über die Lieferung und den Bezahlungsaufschub einig geworden. Nun freute sie sich auf ein schönes Tässchen Kaffee mit einer Kleinigkeit zum Aufwärmen darin und ein ausgedehntes spätes Frühstück vor dem Fernseher.
Sie hatte kaum die Eingangstür zum Haus geöffnet, als sich auch schon die Hunde durch den schmalen Spalt, der sich aufgetan hatte, zwängten. So rasten sie durch den kalten Flur und liefen die abgetretenen Stufen der Holztreppe hinauf, noch bevor sie den Schlüssel wieder aus dem Schloss ziehen konnte. Mein Gott, haben die es heute eilig, schoss es ihr durch den Kopf, während sie in das dunkle, nach Ruß riechende Treppenhaus trat.
Die Post muss schon da gewesen sein, stellte sie mit klopfendem Herzen fest. Meistens waren es unangenehme Briefe, die sie erhielt; schreckliche graue Umschläge aus Recyclingpapier, die das Sozialamt und das Arbeitsamt benutzten, und die in der Regel nichts Gutes verhießen. Schlimmer jedoch waren die Mitteilungen der Post, die besagten, dass ein Brief für sie beim Postamt hinterlegt sei und dieser somit als zugestellt anzusehen wäre. Abzuholen gegen Vorlage eines gültigen Personalausweises. Da wusste sie, dass die fruchtlosen Mahnungen einiger Versandhäuser zum Vollstreckungsbescheid herangereift waren und folglich mit einem Gerichtsvollzieher zu rechnen war. Eigentlich hätte ihr so etwas egal sein können, da es in ihrer Wohnung nichts zu pfänden gab, aber peinlich war es dennoch. Etwas zittrig steckte sie den kleinen Briefkastenschlüssel ins Schloss der demolierten Box. Diesmal fiel ihr nur ein Reklamebrief entgegen. Erleichtert atmete sie auf. Sie nahm ihn heraus, schloss den Kasten wieder und las im Gehen die goldenen Schriftzüge auf dem schneeweißen Umschlag: Sie sind der nächste Millionär!
Träumend betrat sie die Treppe, sah sich in einem wunderschönen Haus mit Meeresblick, vor dessen Portal ein gutaussehender Butler im schwarzen Anzug stand und ihr mit einer tiefen Verbeugung die Tür öffnete. Klara Bielinski, eine reiche Dame auf dem Weg durch die teuersten Geschäfte der Welt.
Noch halb in ihren Fantasien versunken nahm sie wahr, wie die Hunde plötzlich durch die offene Wohnungstür von Sonja Hedewig verschwanden, die in der ersten Etage links wohnte, gleich unter ihrer eigenen Wohnung. Deshalb war sie ständig der lauten, hämmernden Musik der Hedewig ausgesetzt. Ein junges, aufgedonnertes Flittchen war diese Person, die im Treppenhaus grußlos an ihr vorbeiging, aber ihrem Heinrich unverschämter Weise zuzwinkerte, der natürlich nichts Besseres zu tun hatte, als ihr ungeniert auf den Hintern zu starren. So wie die zurechtgemacht war, konnte es sich nur um eine handeln, die auf den Strich ging. Allein schon diese Typen, die öfter vor Hedewigs Tür standen, ebenso respektlos wie die Frau selbst, besagten schon alles. Nachts um drei drehte sie einfach die Musik so laut, als wäre sie alleine im Haus. Wahrscheinlich kam sie dann zurück aus dem Puff, vollgepumpt mit Drogen und scherte sich einen Dreck um die Nachbarn. Anfangs war Klara noch runter gegangen, hatte sich beschwert, wenn die Musik zu laut war, und hatte höflich gebeten, diese etwas leiser zu drehen, aber genutzt hatte es nichts.
Heinrich schlief jedes Mal besoffen neben ihr, der hörte nichts. Wenn sie ihm am nächsten Tag sagte, er solle auch mal runter gehen, um sich zu beschweren, stellte er sich auf die Seite der Hedewig, meinte, dass junge Leute sich ruhig mal etwas austoben dürften und fing langatmig an, von seiner Jugendzeit zu berichten. Was für ein schlimmer Finger er gewesen sei, erzählte er dann, und dass ein bisschen laute Musik doch harmlos sei. Die hatte den alten Bock völlig um den kleinen Finger gewickelt. Sobald Klara mit der Polizei drohte, lachte die Hedewig bloß. »Geh schön nach oben zum Opa und lass dir von dem ordentlich einen verplätten, dann schläfst du auch wieder besser«, hatte sie einmal gesagt, während ein widerlicher Typ hinter ihr im Türrahmen erschienen war und gefragt hatte, ob noch was sei, als Klara nicht gleich verschwand. Danach traute sie sich nicht einmal mehr, die Polizei zu rufen. Den Typen der Hedewig war alles zuzutrauen....




