E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Koller Notizen eines Sommers: Österreich Krimi
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903092-26-6
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-903092-26-6
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Erfolgsautor Bernd Hauser verlässt das Land zur Recherche für einen neuen Roman und bittet seinen wenig erfolgreichen Berufskollegen Michael Neumann samt Familie, in der Zwischenzeit auf sein Haus im verschlafenen Dorf Eichenau bei Mürren aufzupassen. Dort angekommen lernen sie rasch ihre teilweise offen feindselige Nachbarschaft kennen und stoßen auf einen Vermisstenfall, der sie nicht wieder loslässt.
Michael Koller, geboren am 14. März 1972, lebt in Hoheneich bei Gmünd im Waldviertel. Nach Abschluss der Handelsakademie war er in unterschiedlichen Berufszweigen tätig und lernte so den Facettenreichtum des Lebens bestens kennen. Seine Leidenschaft war und ist das Schreiben. Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte, Romane und Internetblogs umreißen das Repertoire des Enfant Terribles der Waldviertler Schreibzunft.
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Michael Koller, geboren am 14. März 1972, lebt in Hoheneich bei Gmünd im Waldviertel. Nach Abschluss der Handelsakademie war er in unterschiedlichen Berufszweigen tätig und lernte so den Facettenreichtum des Lebens bestens kennen. Seine Leidenschaft war und ist das Schreiben. Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte, Romane und Internetblogs umreißen das Repertoire des Enfant Terribles der Waldviertler Schreibzunft. Mit »Notizen eines Sommers« realisiert er sein fünftes Krimiprojekt im Verlag federfrei. Schön und grob. Harsch und liebevoll. Kaum alltäglich. Damit sind die Leitmaximen von Michael Kollers Schaffen treffend umschrieben.
Bisher erschienen:
Fallstricke (Verlag federfrei, 2011)
Clara (Verlag federfrei, 2012)
Letzter Elfmeter (Verlag federfrei, 2013)
Tödlicher Kunstfehler (Verlag federfrei, 2014)
Homepage: http://kreativmiko.blogspot.com/.
Montag, 25. Juni
Die Strecke von Mürren nach Illmitz am Neusiedlersee war in etwa drei Stunden zu schaffen. Wenn einem der Verkehr keinen Strich durch die Rechnung machte. Als wir die Autobahn im dunkelblauen Dacia Sandero verließen und uns auf das letzte Teilstück der Reise begaben, war ich ziemlich zuversichtlich, zum prognostizierten Zeitpunkt am Urlaubsort anzukommen. Ich war kein Mensch, der Überraschungen liebte. Mein Dasein verlief in seinen vorbestimmten Bahnen, und damit gab ich mich auch zufrieden. Nicht, weil es mir an Ehrgeiz gemangelt hätte. An Ambitionen, etwas aus meinem Leben zu machen. Nein, ich sah nur den Realitäten ins Auge. Und die boten selten Platz für Illusionen.
Ich lächelte meiner Frau Susan zu, die neben mir auf dem Beifahrersitz ebenso mit dem Schlaf kämpfte wie meine fast dreijährige Tochter Julia, die in einem Kindersitz auf die Rückbank geschnallt war. Die Fahrt war bislang monoton verlaufen. Geprägt vom Asphalt und den Schildern, die zur Orientierung darüber prangten. Nur Julia hatte hin und wieder mit dem lautstarken Verlangen nach Aufmerksamkeit für etwas Abwechslung gesorgt. Ich drosselte das Tempo und besah die Landschaft, die sich vor unseren Augen auftat. Schilf, Wasser und weite flache Ebenen waren ins Licht der Mittagssonne getaucht. Grün, Blau und Braun dominierten das Spiel der Farben. Ich liebte diesen östlichsten Winkel Österreichs vor allem wegen der Ruhe, die er ausstrahlte. Mit einundvierzig Jahren lagen meine wilden Lenze längstens hinter mir.
Susan zeigte auf die ersten Rebstöcke, die in immer größer werdender Zahl am Wegesrand auftauchten. Ich freute mich bereits auf das erste Glas Wein, das man uns zur Begrüßung in unserem Hotel anbieten würde. Zumindest war das bei unseren vorherigen Besuchen so der Brauch gewesen. Meine Frau war gut fünf Jahre jünger als ich und arbeitete im Mürrener Krankenhaus als Krankenschwester. Da sie im fünften Monat schwanger war und in einem Risikoberuf arbeitete, war sie vorzeitig karenziert worden und konnte nun im Kreise der Familie die Zeit bis zur Geburt genießen, anstatt am Empfangspult ihrer Station blödsinnige Aufnahmegespräche mit noch blödsinnigeren Patienten zu führen. Wir freuten uns bereits sehr auf den bevorstehenden Nachwuchs und hatten uns zu diesem Kurzurlaub ins Burgenland entschieden, ehe das aufgrund Susans körperlicher Verfassung nicht mehr so einfach möglich war. Freitagmittags würden wir wieder in entgegengesetzter Richtung auf der Straße sein. Doch daran wollte ich in diesem Moment noch nicht denken. Die schönen Momente im Leben vergingen ohnehin immer viel zu schnell.
Wir erreichten Illmitz nach drei Stunden Fahrzeit und nahmen die Straße in Richtung unserer Unterkunft. Nachdem wir den Wagen am rückseitigen Parkplatz abgestellt hatten, blieb ich kurz sitzen und atmete tief durch, während Susan unsere Tochter abgurtete und aus dem Fahrzeug hob. Ich lächelte, als sie über die angrenzende Blumenwiese lief und sich danach im Gras zu wälzen begann. Julia war unser Sonnenschein, unser größter Schatz. Wir waren knapp fünfzehn Jahre verheiratet gewesen, als sie zur Welt kam. Sie hatte unserem Leben, unserer Beziehung wieder einen Sinn gegeben. Hatte das Feuer in unseren Herzen erneut entfacht. Julia und Susan waren in vielerlei Hinsicht stets ein Rettungsanker für mich gewesen. In den Phasen, in denen ich dem Alkohol zu sehr zusprach, ebenso wie in den Tagen der Depressionen, wenn mir einmal mehr vor Augen geführt wurde, wie leer, wie nichtssagend, wie trostlos niederschmetternd alles war, was ich jemals in meiner bescheidenen, erfolglosen Laufbahn als Schriftsteller zu Papier gebracht hatte. Die Leute gaukelten mir vor, dass sie meine Bücher mochten, dass sie ganz fasziniert von ihnen waren. In Wahrheit sahen sie aber nur in den Spiegel und begannen zu lachen, da sie dabei plötzlich mein Gesicht sahen. Ich verlor, und ich verlor groß. Vielleicht nur deshalb, weil ich mich selbst gerne in dieser Rolle sah. Wer Erfolg hatte, hatte Neider. Und wer keinen hatte, so wie ich, musste sich zumindest deswegen keine Gedanken machen. Das Publikum ließ mich links liegen, und ich tat es ihm gleich. Wodurch ich in eine Situation geriet, die ich als den doppelten Elfenbeinturm bezeichnete. In dem ich stur saß und nicht zu unterscheiden vermochte, wo das Gehege anfing und der Zoo endete.
Ich stieg aus, schnallte mir meine kleine Bauchtasche um, die ich stets auf Reisen bei mir hatte, und nahm meine Frau an der Hand, während wir mit Julia im Schlepptau zur Rezeption gingen. Das Hotel war im Stile eines Vierkanthofs angelegt. Mit einer großen Rasenfläche im Innenhof, dier eine Vielzahl an Weinreben und Rosenstöcken beherbergte. Im Haupttrakt angelangt, wurden wir von der Hausherrin begrüßt, die uns vom letzten Aufenthalt wiedererkannte und freundlich unsere Hände schüttelte. Während ich das Anmeldeformular ausfüllte, brachte die Wirtin einen gespritzten Weißwein für mich und zwei Gläser Traubensaft für meine beiden Damen herbei.
»Hatten Sie eine gute Anreise, Herr Neumann?«, fragte unsere Gastgeberin beflissen. Ich nahm einen tüchtigen Schluck aus dem Henkelglas.
»Ja, lief wie am Schnürchen. Ist ganz schön heiß heute.« Das gute alte Wetter. Wie oft schon hatte es eine erzwungene Unterhaltung in Gang gehalten.
»Ja, da haben Sie diese Woche wirklich Glück. Wenn man den Vorhersagen trauen darf, bleibt es mindestens vierzehn Tage so.« Na bitte. Das hörte sich ja vielversprechend an. Ich hasste nichts mehr, als bei Regenwetter irgendwo herumzuhocken. Es lagen also vier herrliche Badetage vor uns. Nicht, dass ich ein großer Freund des Wassersports gewesen wäre. Aber für Julia und Susan war es gewiss eine erfreuliche Aussicht, einige unbeschwerte Stunden am See verbringen zu können.
Nachdem wir, auf der Liegewiese angelangt, einen schattigen Platz unter einer zurechtgestutzten Ulme gefunden hatten, bauten wir unsere Liegen auf, verstauten alle überflüssigen Habseligkeiten in einer großen Strandtasche und liefen gemeinsam zum nahen See, in den wir schließlich über eine kurze, breite Treppe eintauchten. Das kalte Wasser durchzuckte meinen ganzen Körper und schüttelte mich durch. Doch schon bald gewöhnte ich mich daran, und ich begann, einigermaßen vergnügt herumzuplantschen. Susan umklammerte unsere Tochter fest, und als auch sie den ersten Kälteschock überwunden hatten, bespritzten wir uns gegenseitig mit Wasser, tollten herum, brachten Julia lauthals zum Lachen. Wenn ich sie glücklich und vergnügt sah, wurde mir jedes Mal wieder warm ums Herz. Es gab nichts Schöneres auf der Welt als das heitere Lachen eines Kindes. Ich war dankbar dafür, dass wir ihr zwar keine glamouröse, aber zumindest eine erfüllte Kindheit schenken konnten.
Julia und Susan waren die wichtigsten Menschen in meinem Leben, und ich war bereit, alles für sie zu geben. Nachdem ich eine Zeit lang das Seeungeheuer gemimt hatte und wir uns gegenseitig einen großen gelben Wasserball zugeworfen hatten, zog es mich wieder an Land. Die beiden blieben noch etwas. Ich ging zu unseren Liegen und streckte mich auf einer davon aus. Bedeckte meine empfindliche Haut mit einem großen Badetuch, um der Sonne keine allzu große Angriffsfläche zu bieten. Ein Sonnenbrand war das Letzte, was ich hier gebrauchen konnte. Nachdem Frau und Kind eine ganze Weile später ebenfalls zurückkehrten, schlug ich vor, Eis zu holen.
»Lass nur«, antwortete Susan mit ihrer warmen, stets freundlichen Stimme. »Julia muss pinkeln, und da kann ich beim Zurückgehen gleich ein paar Lutscher mitnehmen. Welche Sorte möchtest du denn?« Ich schüttelte gleichmütig meinen Kopf.
»Ist mir egal. Und was möchtest du haben?«, gab ich an Julia weiter. Sie hatte sich inzwischen auf den Wasserball gesetzt und wetzte ungeduldig auf und ab. Es war also an der Zeit, dass sie zur Toilette kam.
»Erdbeere!«, rief sie mir nach, als sich die beiden bereits wieder in Bewegung gesetzt hatten. Ich nahm einen Roman zur Hand, der mir kürzlich auf einem Flohmarkt zugefallen war, und begann, darin zu lesen. Eine sehr ungewöhnliche Geschichte über die ebenso ungewöhnliche Beziehung eines Vaters zu seinem kleinen Sohn in einer Welt, die untergegangen...




