Komitee | Der kommende Aufstand | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Reihe: Nautilus Flugschrift

Komitee Der kommende Aufstand


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-96054-109-7
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Reihe: Nautilus Flugschrift

ISBN: 978-3-96054-109-7
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach Sabotage an einer Eisenbahnstrecke, auf der im November 2008 ein Castortransport mit radioaktivem Material geplant war, wurde Der kommende Aufstand von der französischen Regierung als einziges Beweisstück eines angeblich international bekannten 'Terrorismusfalls' beschlagnahmt, als ein 'Handbuch des Terrorismus', und war Vorwand für die skandalöse, z. T. monatelange Inhaftierung der sogenannten Gruppe Tarnac um Julien Coupat, Yildune Lévi, Mathieu Burnel u.a. Tatsächlich enthält das Buch eine radikale, situationistisch geprägte Analyse der Reaktionen von Regierungen auf die verschiedenen Unruhen und Volksaufstände in den letzten Jahren. Für die Autoren dieses Manifests sind die brennenden Vorstädte in Frankreich oder die Straßengewalt in Griechenland revolutionäre Momente, Symptome des Zusammenbruchs der westlichen Demokratien ...

Unter den Regierungen dreier Staatschefs, von Sarkozy über Hollande bis zu Macron, wurde die juristische Verfolgung der acht Männer und Frauen vorangetrieben, teils unter Heranziehung grotesker vorgeblicher Indizien. Als im März 2018, fast zehn Jahre nach dem Anschlag, der Prozess begann, lautete die Anklage nur noch auf 'Mitgliedschaft in einer Vereinigung von Übeltätern', selbst das ein unhaltbarer Vorwurf, was auch die öffentliche Unterstützung durch Intellektuelle von Giorgio Agamben über Alain Badiou und Jean-Luc Nancy bis zu Éric Vuillard herausstrich. Zum Auftakt befand sogar der Staatsanwalt, eine terroristische oder übeltäterische 'Gruppe von Tarnac' gibt es nicht, sie ist eine Konstruktion der Polizei und der außer Kontrolle geratenen Sicherheitsbehörden. Schließlich wurden nur noch Bewährungsstrafen wegen des Anschlags auf die Zugtrasse verhängt, die mit der bereits abgesessenen langen Untersuchungshaft abgegolten waren. Obwohl über die Identität des Unsichtbaren Komitees und die Schnittmenge mit der Gruppe aus Tarnac viele Spekulationen angestellt wurden, bleibt das Komitee unsichtbar - aber hörbar. Weitere Publikationen bei Nautilus sind 'An unsere Freunde' (2015) und 'Jetzt' (2017).
Komitee Der kommende Aufstand jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


»I AM WHAT I AM.« Das ist die letzte Opfergabe des Marketings an die Welt, das höchste Entwicklungsstadium der Werbung, voraus zu sein, so sehr allen Ermahnungen voraus, anders zu sein, man selber zu sein und Pepsi zu trinken. Jahrzehnte von Konzepten, um an diesen Punkt zu kommen, zur reinen Tautologie. ICH = ICH. Er läuft auf einem Rollband vor dem Spiegel seines Fitnesscenters. Sie kommt am Steuer ihres Smart von der Arbeit zurück. Werden sie sich begegnen?

»ICH BIN DAS, WAS ICH BIN.« Mein Körper gehört mir. Ich bin ich, du bist du, und es geht schlecht. Massen-Personalisierung. Individualisierung aller Bedingungen – des Lebens, der Arbeit, des Unglücks. Diffuse Schizophrenie. Schleichende Depression. Atomisierung in feine paranoide Teilchen. Hysterisierung des Kontakts. Je mehr ich Ich sein will, desto mehr habe ich das Gefühl von Leere. Je mehr ich mich ausdrücke, desto mehr versiege ich. Je mehr ich hinter mir herlaufe, desto müder bin ich. Ich führe, du führst, wir führen unser Ich wie einen stumpfsinnigen Schalter. Wir sind die Vertreter unserer selbst geworden – ein seltsamer Handel –, die Garanten einer Personalisierung, die am Ende ganz nach einer Amputation aussieht. Wir kriegen es hin, bis zum Zusammenbruch, mit einer mehr oder weniger verschleierten Ungeschicklichkeit.

Bis dahin hab ich’s im Griff. Die Selbstsuche, meinen Blog, meine Wohnung, den neuesten Schwachsinn, der gerade Mode ist, die Paar-, die Sexgeschichten … was man an Prothesen braucht, um ein Ich aufrechtzuerhalten! Wenn »die Gesellschaft« nicht diese endgültige Abstraktion geworden wäre, bezeichnete sie die Gesamtheit der existenziellen Krücken, die man mir reicht, damit ich mich noch weiterschleppen kann, die Gesamtheit der Abhängigkeiten, die ich um den Preis meiner Identität eingegangen bin. Der Behinderte ist das Modell der kommenden Bürgerschaft6. Die Vereine, die ihn ausbeuten, handeln nicht ohne Vorahnung, wenn sie gegenwärtig für ihn das »Existenzgeld« fordern.

Die Anordnung, überall »jemand zu sein«, erhält den pathologischen Zustand aufrecht, der diese Gesellschaft notwendig macht. Die Anordnung, stark zu sein, produziert so sehr die Schwäche, mit der sie sich aufrechterhält, dass alles eine therapeutische Seite anzunehmen scheint, sogar arbeiten, sogar lieben. All die »Wie geht’s?«, die im Laufe eines Tages ausgetauscht werden, lassen einen an ebenso viele Temperaturmessungen denken, die sich eine Gesellschaft von Patienten gegenseitig verabreicht. Das soziale Verhalten besteht jetzt aus tausend kleinen Nischen, tausend kleinen Zufluchtsorten, wo man sich warm hält. Wo es immer noch besser ist als in der großen Kälte draußen. Wo alles falsch ist, weil alles nur Vorwand ist, um sich aufzuwärmen. Wo sich nichts mehr ereignen kann, weil man dort dumpf damit beschäftigt ist, zusammen zu zittern. Diese Gesellschaft wird bald nur noch zusammenhalten durch die Spannung aller gesellschaftlichen Atome auf eine illusorische Heilung hin. Das ist ein Kraftwerk, das seine Turbinentätigkeit aus einem gigantischen Tränenstau zieht, der immer kurz davor ist, sich zu ergießen.

»I AM WHAT I AM.« Niemals hat Herrschaft eine über jeden Verdacht erhabenere Losung gefunden. Die Erhaltung des Ichs in einem Zustand des permanenten Halbverfalls, in einem chronischen Halbversagen, ist das am besten gehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge. Das schwache, deprimierte, selbstkritische, virtuelle Ich ist wesensmäßig das unendlich anpassungsfähige Subjekt, das von einer Produktion erfordert wird, die sich auf Innovation, beschleunigten Verfall der Technologien, beständige Umwälzung der gesellschaftlichen Normen, verallgemeinerte Flexibilität begründet. Es ist gleichzeitig der gefräßigste Konsument und, paradoxerweise, das produktivste Ich, das sich am kraftvollsten und gierigsten auf das geringste Projekt stürzt, um später zu seinem ursprünglichen Larven-Zustand zurückzukehren.

»DAS, WAS ICH BIN« also? Seit der Kindheit, durchströmt von Milch, von Gerüchen, von Geschichten, von Tönen, von Zuneigungen, von Abzählreimen, von Substanzen, von Gesten, von Ideen, von Eindrücken, von Blicken, von Gesängen und vom Fressen. Das, was ich bin? Allseitig gebunden an Orte, Leiden, Vorfahren, Freunde, an Liebschaften, Ereignisse, Sprachen, Erinnerungen, an alle möglichen Dinge, die ganz offensichtlich nicht Ich sind. Alles, was mich an die Welt bindet, alle Bindungen, die mich ausmachen, alle Kräfte, die mich bevölkern, weben keine Identität, die ich wedelnd vor mir her tragen kann, wie man es von mir fordert, sondern eine einzigartige, gemeinsame, lebendige Existenz, aus der – stellenweise, zeitweise – dieses Wesen auftaucht, das »ich« sagt. Unser Gefühl der Haltlosigkeit ist nur die Wirkung dieses dummen Glaubens an die Dauerhaftigkeit des Ichs und der geringen Pflege, die wir dem gönnen, was uns ausmacht.

Es macht schwindelig, so auf einem Schanghaier Wolkenkratzer das »I AM WHAT I AM« von Reebok thronen zu sehen. Wie sein bevorzugtes Trojanisches Pferd treibt der Westen überall diese tötende Antinomie voran zwischen dem Ich und der Welt, dem Individuum und der Gruppe, zwischen Bindung und Freiheit. Die Freiheit ist nicht die Geste, sich von unseren Bindungen loszumachen, sondern die praktische Fähigkeit, auf sie zu wirken, sich in ihnen zu bewegen, sie herzustellen oder sie abzuschneiden. Die Familie existiert als Familie, das heißt als Hölle, nur für denjenigen, der aufgegeben hat, ihre verblödenden Mechanismen zu verändern, oder nicht weiß, wie man es macht. Die Freiheit, sich loszureißen, war schon immer das Phantom der Freiheit. Man schafft nicht das weg, was uns hemmt, ohne gleichzeitig das zu verlieren, worauf unsere Kräfte sich auswirken könnten.

»I AM WHAT I AM« also, keine einfache Lüge, keine einfache Werbekampagne, sondern eine Militärkampagne, ein Kriegsschrei, der sich gegen alles richtet, was zwischen den Wesen ist, gegen alles, was undeutlich kursiert, alles, was sie unsichtbar verbindet, alles, was sich der vollständigen Trostlosigkeit in den Weg stellt, gegen alles, was macht, dass wir existieren und dass die Welt nicht überall wie eine Autobahn, wie ein Vergnügungspark oder wie eine neue Stadt aussieht: reine Langeweile, ohne Leidenschaft und wohl geordnet, eisiger, leerer Raum, durch den nur noch registrierte Körper, selbstantreibende Moleküle und ideale Waren hindurchgehen.

Frankreich ist nicht das Vaterland der Beruhigungsmittel, das Paradies der Antidepressiva, das Mekka der Neurose, ohne gleichzeitig der Europameister in der Produktivität pro Arbeitsstunde zu sein. Krankheit, Müdigkeit, Depression können als individuelle Symptome dessen betrachtet werden, wovon man heilen muss. Sie arbeiten also an der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung, an meiner folgsamen Anpassung an schwachsinnige Normen, an der Modernisierung meiner Krücken. Sie betreiben in mir die Auswahl der wohlangebrachten, konformen, produktiven Neigungen und derjenigen, die brav abgeschrieben werden müssen. »Man muss sich verändern können, weißt du.« Aber meine Schwächen können auch, als Fakten genommen, zur Zerschlagung der Hypothese des Selbst führen. Sie werden dann zu Widerstandshandlungen im laufenden Krieg. Sie werden Rebellion und Energiezentrum gegen alles, was sich verschworen hat, uns zu normalisieren, uns zu amputieren. Das Ich ist nicht das, was bei uns in der Krise ist, sondern die Form, die man uns aufzudrücken versucht. Man will aus uns schön eingegrenzte Ichs machen, schön getrennt, nach Eigenschaften klassifizierbar und erfassbar, kurz: kontrollierbar, wenn wir Kreaturen unter Kreaturen sind, Besonderheiten unter unseresgleichen, lebendes Fleisch, das das Fleisch der Welt webt. Im Gegensatz zu dem, was man uns seit der Kindheit wiederholt, ist Intelligenz nicht, dass man sich anzupassen weiß – oder wenn das eine Intelligenz ist, dann ist es die der Sklaven. Unsere fehlende Anpassung, unsere Müdigkeit sind nur Probleme vom Gesichtspunkt dessen aus betrachtet, was uns unterdrücken will. Sie zeigen eher einen Ausgangspunkt an, einen Verbindungspunkt für ganz neue Komplizenschaften. Sie machen eine weitaus zerstörtere Landschaft sichtbar, die man aber unendlich viel besser miteinander teilen kann als all die Trugbilder, die diese Gesellschaft auf ihrem Konto liegen hat.

Wir sind nicht deprimiert, wir streiken. Für den, der verweigert, sich selbst zu verwalten, ist die »Depression« nicht ein Zustand, sondern ein Übergang, ein Auf Wiedersehen, ein Schritt zur Seite in Richtung eines politischen Austritts. Von da an gibt es keine andere Versöhnung...


Unter den Regierungen dreier Staatschefs, von Sarkozy über Hollande bis zu Macron, wurde die juristische Verfolgung der acht Männer und Frauen vorangetrieben, teils unter Heranziehung grotesker vorgeblicher Indizien. Als im März 2018, fast zehn Jahre nach dem Anschlag, der Prozess begann, lautete die Anklage nur noch auf "Mitgliedschaft in einer Vereinigung von Übeltätern", selbst das ein unhaltbarer Vorwurf, was auch die öffentliche Unterstützung durch Intellektuelle von Giorgio Agamben über Alain Badiou und Jean-Luc Nancy bis zu Éric Vuillard herausstrich. Zum Auftakt befand sogar der Staatsanwalt, eine terroristische oder übeltäterische "Gruppe von Tarnac" gibt es nicht, sie ist eine Konstruktion der Polizei und der außer Kontrolle geratenen Sicherheitsbehörden. Schließlich wurden nur noch Bewährungsstrafen wegen des Anschlags auf die Zugtrasse verhängt, die mit der bereits abgesessenen langen Untersuchungshaft abgegolten waren. Obwohl über die Identität des Unsichtbaren Komitees und die Schnittmenge mit der Gruppe aus Tarnac viele Spekulationen angestellt wurden, bleibt das Komitee unsichtbar - aber hörbar. Weitere Publikationen bei Nautilus sind "An unsere Freunde" (2015) und "Jetzt" (2017).



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.