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Kommerell | Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 281 Seiten

Kommerell Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944621-97-5
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 281 Seiten

ISBN: 978-3-944621-97-5
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Abendgesellschaft mit sechs Personen, die sich ihre jüngsten Träume erzählen, mit überraschenden Deutungen und Selbsterkenntnissen, ein sonderbares geselliges Vergnügen. Die unerwartete Rückkehr des Hausherrn, der Professor für vergleichende Seelenforschung ist, fordert zum erneuten Erzählen heraus. Was sind wir im Traum, was sind wir als Aufwachende? 'So meine ich dies: an den Traum glauben. Die Seele tut die Taten - auch die im Traum - und haftet für sie; aber sie wohnt nicht in ihnen und wird nicht durch sie bezeichnet. Sie ist zeichenlos, ungreifbar. Wir sind Rätsel, allen, uns selbst. Kommt je die Lösung, so hört das Rätsel als Rätsel auf zu bestehen. Der Mensch ist nicht mehr Mensch. Darum der Tod. Aber wohl uns, daß wir träumen. Ich las in den Schriften: Immer sind es nur zwei, die nicht mehr träumen, der Vollendete und sein Widersacher. Wenn der Wachende tötet, ist ein Mensch weniger da. Wenn er zeugt, ist ein Mensch mehr da. Wir aber lösen die Gewänder, löschen das Licht, und hinter geschlossenen Lidern schaffen wir eine zweite Landschaft. Wir rufen ohne Stimme. Wir schreiten ohne Füße. Den du im Traum liebst, der ist dir fremd, wenn du ihn als Wacher siehst. Den du im Traum getötet hast, der lächelt dich an. Und während wir viele Arbeit haben und lange Schicksale erschöpfen, liegen wir regungslos, und die Welt erreicht uns nicht. Die Seele lebt nach innen, entweicht in ein Hohl, für alle, wie für uns selber, geheim. Wohl uns, daß dort Taten sind ohne Sühne! Warum aber müssen sie dennoch getan sein? Weil es kein Wesen im Weltall gibt, keinen Lurch und kein übermenschliches Gestirn, das nicht seinen Willen zu Ende tut. Und weil es kein Wesen im Weltall gibt, dessen Wille unendlich ist, als allein den Menschen. Gottes Mitleid schließt ihm den Schlaf auf.

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Gott und die Geige


EIN ZIGEUNERMÄRCHEN

Zuerst schuf Gott eine Frau. Der Schmerz der Schöpfung war noch frisch in ihm. Er gedachte der herrlichen Zeiten, wo noch die Sonne in seinem Haupt war und die Sonnenblume aus der Erde seiner Schenkel wuchs, wo in seinem Haar die Sterne knisterten und Elefant und Kolibri sich in seinem Busen tummelten, so daß er kaum merkte, daß er Gott war - denn er war immer eins von denen drinnen, und auch ein anderes, das er lieb hatte oder verabscheute, das er schlug, umherstieß oder fraß, und nannte sich bald »mein Goldlotos« und duftete sich, oder »du verfluchte Brennessel« und brannte sich, und konnte sich entfliehen und sich wieder einholen in herzerquickender Vielgestalt. Da war nun freilich eine arge Leere. Wohl war jetzt alles da, und viel wirklicher da als vorher. Zum Beispiel die Rose. Die war ganz aus sich selbst, wie sie sein wollte, mit all ihren kleinen Launen. Ihr Stiel war nicht ganz gerade, ihr Kelch ein wenig zur Seite gebogen, die meisten Blütenblätter waren noch in der Schlankheit der Knospe gebunden, nur ein tiefergewölbtes hatte sich schon frei gemacht und hing und leuchtete. Auch bebte sie ein wenig, gleich der Luft; ja, man spürte es, Luft und Rose flüsterten miteinander, und Gott hätte gar zu gern gewußt, was die Rose da sagte, und was nicht. Denn eine junge Rose in einer Nacht, das ist nichts Kleines, und das war ja nun hinter ihr! Wie sie ihrer selbst gewiß war und »ich« duftete! Wie scharf sie sich ausschnitt vor dem Grün des Rasens und dem purpurnen Braun der Blutbuchen hinter ihr! So wohlbeschaffen und gelungen, daß sich das ernste Haupt Gottes auf sie herabneigte und eine Träne des Entzückens in ihren Kelch fiel. Die Rose hegte die Träne Gottes und wußte nichts davon. Ja, das war es, Gott hatte gut mit den Dingen reden, sie antworteten nicht. Und er besann sich, ob nicht doch irgendeines seiner Geschöpfe ihm antworten könne. Da kam ihm ein Gedanke: vielleicht die Frau! Und Gott beschloß, sie zu besuchen. Jeden Abend, wenn es kühl wurde, schlug er den weiten blauen Mantel um seinen Leib und besuchte sie. Auch sie hatte er längst gekannt, ehe er sie schuf. Damals hieß sie noch anders, nämlich: das Geheimnis der Spiegelung; und sie war immer dabei und waltete, wenn Gott in sich selbst Brunnen wurde und zu sich selbst heraufsah, und wenn er sich in solchen Augenblicken verwunderte, wie viele Rinnen das Unerschaffene durch sein Antlitz zog und wie er sich selbst ein Verbannter war, zu dem es ihn zu sagen drängte: komm, sei mein Gast! Daran gedenkend, besuchte er sie nun, und fand sie, wie sie gerade Pflanzen zähmte. Sie lächelte eine wilde Rebe an, und sogleich begann sich die Rebe in Kreisen, die nach oben enger wurden, langsam um sie zu bewegen, ja wand sich ihr wie eine zahme Schlange am Leib hinauf, näher, je mehr sie lächelte, und nicht anders als so gewann sie den herbsüßen Geruch ihrer heimlichen Blüte, den träumerischen Geschmack ihrer Frillen und den am Stock sich klärenden Saft ihrer Beere, die so viel vom Menschen weiß. Ein Ähnliches tat sie dem perlfarbenen Zittergras an, das von der wiederholten Berührung ihrer Lippen schweigend und wartend zur schweren, goldenden Ähre ward; und den wilden Mohn bog sie zu sich, strich über ihn, ihr eigenes Haupt mit geschlossenen Lidern hin und her wiegend, und teilte ihm so die schlaftrunkene Schwere ihrer Stirne mit, bis die Kraft in seinen Körnern wuchs, und so wurde sie Mutter der Gifte, der gabenreichen, ehe sie denn Mutter eines Menschen war. Gott fand sie, wie ihre Hände eben mit den Ranken von Wein und Efeu redeten; er legte den Arm um sie, daß sie im Schatten seines Mantels saß, und seine Rede regnete auf sie im Wind seiner Hand, und er klagte ihr seine Klagen. Sie aber erwiderte ihm beinahe trotzig: »Weißt du, daß die Geschöpfe auch über dich klagen? Gestern kam mir das Wildpferd und sagte: Ich bin das schnellste von allen, aber meine Seele ist noch viel schneller, warum hat mir Gott das Maß gesetzt? Zwar ist die Ebene meine Beute, aber aufstampfen möchte ich, daß sich die Erde öffnet, daß den stummen Wassern von meinem Hufschlag der Mund gelöst wird und daß die versteckten Feuer meinem zurückgeworfenen Hufe nachlecken, ja, daß alles unterirdische Gold sich zu schräger Bahn an die Sonne legt und ich auffahre, aus milchigen Wolkenböden Funken ziehend und von Stern zu Stern die Botschaft des Aufruhrs tragend? Aber jetzt ist nichts in mir frei als der Dampf, der aus meinen Nüstern bricht. - So sagte das Wildpferd. Aber die Nachtviole flüsterte mir, wie der berückende Mond ihr Inneres an sich ziehe, während die Wurzeln sie in die Erde festknoten, ja, daß sie nie, nie mit ihren Samtblättern als weichen Flügeln durch die Nachtluft rudern könnte ... Und nichts an mir ist frei als der Duft, der kleine, namenlose, der mir entströmt, ich weiß nicht wohin. — Und darum, weil du ihnen allen ein Maß gesetzt hast, dem Adler so gut als der Schnecke, darum verstocken sich dir die Geschöpfe und geben dir nicht mehr Antwort.« Derart sprach Gott mit der Menschenfrau und die Menschenfrau mit Gott, und sie folgte seiner Hand mit dem Blick, wie einem weissagenden Vogel, und hing noch lang, wenn er schwieg, an seiner Schulter, um die er den weiten blauen Mantel schlug.

Und eines Abends, als Gott wieder bei ihr war, fing sie zu schluchzen an und sagte: »Jetzt, o Gott, weiß ich nicht nur, was ich und was alle Geschöpfe wissen, sondern auch alles, was du selber weißt, weil du es mir Abend um Abend gesagt hast. Dies letzte aber ist bei weitem das Schwerste zu tragen. Denn sieh, Gott, du bist Gott und hältst es aus, dies alles zu wissen, ich aber bin nicht Gott!« Gott erschrak, denn von allen Vorwürfen, die je ein Geschöpf gegen ihn erhob, war dieser der bei weitem gerechteste. So sagte er denn: »Du sprichst wahr, und es ist Zeit, daß wir scheiden. Doch lasse ich dich nicht ohne einen Trost, nimm hier meinen Mantel und wickle dich die Nacht in seine Falten.« Und er gab ihr seinen Mantel und schritt davon, aufrecht und rüstig. Sie staunte, denn sie hatte geglaubt, er sei ein alter Mann; nun aber funkelten seine Schultern dunkelbraun gegen das finstere Blau einer großen Abendwolke. Sie war müd, ach wie müd, und dachte bei sich selber: was wird mich wohl ein Mantel trösten, und sollte es der Mantel Gottes sein!— Da sie aber fröstelte, wickelte sie sich wirklich in ihn ein. Sie mußte weinen, erst sanft, dann heftig und ohne Grenzen, so daß ihr Leib erschüttert wurde. Und als sie den Mantel Gottes ganz mit ihren Tränen getränkt hatte, schlief sie ein. Beim Erwachen aber war sie nicht mehr allein, sondern neben ihr ruhte der zweite Mensch, ein Mann, und schlief. Sie weckte ihn, und als ihre Blicke sich begegneten zu einem ersten Erkennen, vergaß sie das Wissen Gottes.

Nun war Gott sehr allein. Und da er mit sich zu Rate ging, wem er sich künftig anvertrauen könnte, schien ihm niemand geeigneter als ein riesiger Ahorn, der in der Mitte des Gartens stand. Und als wieder einmal sein Herz überging von der Sorge der Schöpfung, ging er zu diesem Baum und lehnte sich an ihn, vor Schmerz ringend, einer Schwangeren vergleichbar, wenn sie die ersten Wehen schütteln, und er umspannte den Leib des Ahorns und sagte und schluchzte und flüsterte und schrie all sein Leid in den Busen des Baumes, Abend um Abend. Bis der Baum mit dem Leid Gottes ebenso getränkt war wie vordem die Seele der ersten Menschenfrau. Und wie sie vordem Haupt und Hände bewegt hatte, so neigte er jetzt Wipfel und Gezweig und bewegte die Wipfel und Blätter durcheinander wie in einer Gebärde des Schlafes. Und wie einer Schlafenden dunkle Laute aus dem Mund kommen, so griff Schwermut in seine Zweige, und der Stamm ächzte mit beinahe menschlichem Schrei. Auch ohne Wind bewegte er sich, denn das ihm eingehauchte Leid Gottes atmete durch ihn als innerer Wind. Den Geschöpfen hieß er fortan der singende Baum. Und die Stunde, da er sang, die Stunde des singenden Baumes. Sogar die Oberfläche der Erde traf dieser Laut wie ein leises Fieber, so daß die Erdschlangen erstaunt aus ihren Höhlen krochen und ihre Häupter aufrichteten in die schwingende Luft.

Nun beschloß Gott, niemand mehr seinen Schmerz zu sagen. Eines Abends ging er wie von ungefähr an der Höhle vorbei, worin die beiden ersten Menschen waren. Da war es gar lieblich. Ein sanfter Hügel schwoll vor dem Eingang, von wo ein Quell entsprang; innen bedeckte Moos das Erdreich, von den Wänden hingen an großen Ranken Blüten, die lila Schlünde hatten und mit kleinen gelben Flecken getigert waren, großen Schmetterlingen ähnlich; der Eingang selbst war verhangen mit Ackerwinde und Jelängerjelieber. Gott aber sah hinein. Der Mann schlief, die Frau wachte. Und obwohl es ganz still blieb, merkte sie doch, daß das Auge Gottes einen Augenblick auf ihr geruht hatte. Sie merkte es daran, daß die Stille plötzlich selber zu horchen schien. Es war Dämmerung, nahe der Nacht. Sie richtete sich auf ihrem Lager in die Höhe und blickte starr nach dem Eingang, dann auf den Mann, der schlief. Sie lächelte, wurde ernst, schüttelte langsam das Haupt.

Bald entdeckte der Mann der ersten Menschenfrau, daß sie ihn zur Stunde des singenden Baumes verließ (es war dieselbe Stunde, da Gott sie früher zu besuchen pflegte) und sich unter diesen Baum setzte. Gewöhnlich blickte sie dann noch eine Weile nach ihrer Rückkehr drein wie abwesend und fand erst langsam das Wort wieder. Als müßte sie die Sprache Gottes verlernen und die Sprache der Menschen aufs neue lernen. Das alles merkte der Mann der ersten Menschenfrau, und also nahm er eine Axt, ging zu dem Baum und hieb ihn um. Der Baum schrie, nicht wie ein Mensch, sondern wie Gott selber, er war ja beinahe Gott, so wie das Echo beinahe die...



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