E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: ONE
Konigsberg The Music of What Happens
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9814-4
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: ONE
ISBN: 978-3-7325-9814-4
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine berührende LGBTQIA+ Geschichte von Own-Voice-Autor Bill Konigsberg über zwei sehr unterschiedliche Jungs, die sich bei der Arbeit in einem Food-Truck näherkommen
Max und Jordan haben nicht viel miteinander zu tun. Während Max Sport und Videospiele liebt und gern mit seinen Jungs abhängt, ist Jordan eher introvertiert, schreibt Gedichte und trifft sich mit seinen beiden besten Freundinnen in der Mall. Erst, als sie gemeinsam im alten Food-Truck von Jordans Vater arbeiten, lernen sie sich besser kennen. Und ganz langsam merken die beiden, dass zwischen ihnen vielleicht mehr ist als bloß Freundschaft ...
Manmachmal braucht man nur einen einzigen Menschen, um zu sich selbst zu finden
Bill Konigsberg, geboren 1970 in New York City, ist ein mehrfach ausgezeichneter US-amerikanischer Autor, der vor allem durch seine LGBTQ-Romane bekannt wurde. Er lebt mit seinem Mann und zwei Labradoodles außerhalb von Phoenix, Arizona. The Music of what happens ist sein Debüt im ONE-Verlag.
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1
Max
Da ist diese Sache, die mir mein Vater beigebracht hat, als ich noch klein war. Eines Tages, da war ich acht, hat er mich im Wohnzimmer an den Füßen gepackt und mich wie in einem Karussell im Kreis herumgeschleudert. Mann, ich habe es so geliebt, frei durch die Luft zu fliegen und die Zentrifugalkraft zu spüren. Ich war sicher, dass ich einfach davonfliegen könnte, wenn mein Vater mich losließe. Aber dieses eine Mal ging er ein bisschen zu wild zur Sache, nehme ich an, und mein Kopf knallte gegen den Schrank, in dem wir die Brettspiele aufbewahrten.
Die Welt drehte sich plötzlich, ein stechender Schmerz schoss mir durch den Schädel, und ich war total geschockt. Was wahrscheinlich der Grund dafür war, warum ich nicht gleich anfing zu heulen. Aber dann natürlich doch.
»So etwas macht dich bloß stärker. Du bist ein Kämpfer«, sagte er zu mir, als die Tränen mir die Wangen runterliefen. »Schmerz vergeht.«
Ich saß heulend auf dem Boden und rieb mir die Stelle an der Stirn über meinem rechten Auge, die sich schon bald in einen blauen Fleck von der Größe des Staates Texas verwandeln sollte.
Jammernd wartete ich auf meine Mutter, damit sie den Schmerz wegpustete. Ich vermute, sie war unterwegs, um Lebensmittel einzukaufen, denn sie kam nicht. Eine gefühlte Ewigkeit lang nicht. Dad stellte in der Zwischenzeit den Fernseher an und ignorierte mich einfach.
Er war kein perfekter Vater, solange er bei uns gelebt hat, aber bei dieser einen Sache sollte er Recht behalten: Meine Tränen trockneten, und meine Kopfschmerzen ließen irgendwann nach. Ich setzte mich neben ihn, sah das Ende des Cardinals-Spiels, und als er einen Witz über die Frau von Kurt Warner machte, die seiner Meinung nach wie ein Junge aussah, lachte ich sogar ein bisschen. Ich kam mit einem blauen Auge davon und stellte fest, dass ich stärker war, als ich dachte.
Ich war ein verdammter Kämpfer.
An diese Lektion muss ich nun – neun Jahre später – denken, während ich mit meiner Mom auf dem Gilbert Farmers' Market stehe und versuche, nicht durchzudrehen. Was zum Teufel war da letzte Nacht los? Ich denke an die beschissene Szene, die über mich hereinbrach, als ich mich um sechs Uhr morgens ins Haus schlich und meine Mom mit vor der Brust verschränkten Armen und wütend hochgezogenen Augenbrauen dastehen sah.
Als ich jetzt meinen Blick über den Markt schweifen lasse, wird mir klar, dass ich die Wahl habe: Entweder ich drehe durch und schiebe Panik – oder ich reiße mich zusammen und kämpfe. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und wähle Letzteres.
Und als die Begeisterung meiner Mutter für Fleisch von Weidetieren sie dazu verleitet, zu dem Mann am Marktstand gruselige Dinge zu sagen, die sie wahrscheinlich gar nicht so meint, beschließe ich, dass es für diesen Kämpfer höchste Zeit ist, seine eigenen Wege zu gehen.
»Ich kann es kaum abwarten, ihr Fleisch in meinem Eintopf zu probieren«, sagt sie, was abartig klingt, weil es aus Moms Mund kommt.
»Ähm, ich sehe mich mal bei den Food-Trucks um.« Ich wende mich zum Gehen.
Mom wirft mir einen Blick zu und sagt: »Pass auf dich auf, Maximo. Kein Ärger mehr, verstanden?«
Kreuzkümmel. Teer. Das Zirpen der Zikaden und mein Herzschlag. Nein. Und nochmals nein.
Schnell nicke ich, schlucke und mache, dass ich davonkomme. Die Leute vom Gilbert Farmers' Market müssen wirklich nichts über meine privaten Angelegenheiten wissen.
Ich mag es, am Samstagmorgen hierherzukommen. Ich weiß, das ist schräg, und meinen Amigos, Betts und Zay-Rod, würde ich das auch nie erzählen. Aber ich fahre total auf die freundlichen Leute ab, auf die niedlichen Hunde, die hier Gassi geführt werden, und die Kostproben an den Ständen.
Bio-Zuckerwatte zum Beispiel. Okay, echt jetzt? Die lass ich aus – weil, Zucker bleibt Zucker, ob Bio oder nicht. Ich mag die Jungs mit den scharfen Saucen, das sind meine Leute. Man bekommt dort Chips, mit denen man die Saucen probieren kann. Ein doppelter Gewinn. Ich bin ein heimlicher Feinschmecker. Die Amigos wissen das nicht, aber zu Hause koche ich manchmal das Abendessen. Mom ist die Königin der Tamale, während ich es liebe, asiatisch, italienisch und französisch zu kochen. Es macht Spaß, in der Küche zu experimentieren. Man gebe mir etwas Knoblauch, Soja und gute Gewürze – und die Magie beginnt.
Ich probiere hier und da und steuere auf die Food-Trucks zu, denn alles schmeckt besser, wenn es aus so einem Imbisswagen kommt. Ich habe alle ausprobiert: Es gibt einen mit Popcorn, mit Waffeln – mein Favorit –, einen Burrito–Truck und einen, in dem Ceviche gemacht wird.
Und dann entdecke ich den neuen Wagen am Ende der Reihe. Äußerlich ist er schmuddelig, vergilbt weiß, und am oberen Rand des Trucks steht in blutroten, amateurhaft wirkenden Comic-Sans-Lettern Coq au Vinny geschrieben. Daneben ist ein finster dreinschauendes Comic-Hähnchen aufgemalt, mit hochgezogenen Augenbrauen und verschränkten Armen, als wolle es jemandem den Kopf abhacken. Über dem Hähnchen schwebt kopfüber eine Fritteuse, die ein kleiner, plumper Super-Mario-Typ in der Hand hält, wie um damit den wütenden Vogel einzufangen.
Ich gehe näher ran, um zu sehen, was heute auf der Karte steht. In dem Moment sehe ich den schlaksigen Jungen im Inneren des Trucks, der in meinem AP-Language-and-Composition-Kurs hinter mir sitzt. Er macht ein Gesicht, als wäre er überall auf der Welt lieber als hier. Meine Brust zieht sich zusammen.
Der Junge ist einfach – bemerkenswert? Das ist ein komisches Wort, aber ich weiß nicht, wie ich ihn sonst beschreiben sollte. Er ist spindeldürr, schweigsam, hat eine markante Nase und einen spitzen Mund mit schmalen Lippen, und er scheint nur aus Knochen und Sehnen zu bestehen. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich ihn anstarre. Dann denke ich, dass er eigentlich aus nichts als klaren Linien besteht. Als er vor ein paar Wochen ein Referat über das Thema »Daran glaube ich« halten musste, schlenderte er gemächlich nach vorne vor die Klasse. So wie er seine langen Beine bewegte, sah das ein wenig so aus, als würde er tanzen. Ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden. Ich weiß noch, dass ich überlegt habe, wie es wohl wäre, wenn ich so aussähe wie er.
Dann begann er zu sprechen. Das waren vermutlich die ersten Worte, die ich ihn je habe sagen hören. Joghurt – das war es, woran er offenbar glaubte. Soweit ich mich erinnern kann, ging seine Logik ungefähr so:
Ich glaube an Joghurt, weil er cremig ist und außerdem eine gute Möglichkeit darstellt, Milch davor zu bewahren, sauer zu werden. Denkt mal darüber nach: Wohin mit der ganzen sauer gewordenen Milch? Und das trifft auch auf Menschen zu. Nicht, dass wir vergären, aber Milch geben wir schon. Zumindest manche. Wie auch immer, jeder hat Fähigkeiten und Wünsche, die ungenutzt und unerfüllt bleiben, und dann versauern sie. Wie können wir aus diesen sauer gewordenen Eigenschaften Joghurt machen? Wie schaffen wir es, sie zu retten und etwas Köstliches aus ihnen zu kreieren?
Ich dachte, Alter, wie hast du es hingekriegt, menschliche Laktation in einem Referat unterzubringen? Wenn ich jemals etwas auch nur halb so Kreatives oder Ungewöhnliches gesagt hätte, würden mir meine besten Freunde den Arsch aufreißen. Wie kann ein Typ sich so wohl dabei fühlen, so schräg drauf zu sein?
Der Junge lehnt am Verkaufstresen, das Kinn auf die Hände gestützt. Dabei wirkt er irgendwie super gelangweilt und starrt Löcher in die Luft. Er trägt ein weinrotes T-Shirt mit V-Ausschnitt, was seine fast gipsweißen, streichholzdünnen Arme noch deutlicher hervorhebt. Er hat dunkle Haare und eine Emo-Frisur, deren Ponyfransen ihm halb in die Augen hängen.
Ich gehe auf ihn zu, als er hochschaut und mich sieht. Ich lächele, und er reißt erschrocken die Augen auf, als hätte ich gerade sein heimliches Leben als Food-Truck-Typ auffliegen lassen.
»Was geht?«, frage ich. »Du gehst zur Mesa-Guadalupe, oder?«
Er schluckt und schaut sich nervös um, sodass ich auf der Stelle bereue, überhaupt etwas gesagt zu haben.
»Oh, hallo. Ja.«
Akne sprenkelt seine Wangen, und seine Augenbrauen wirken getrimmt, denn am Ende machen sie einen Bogen nach oben. Dadurch sieht er ein bisschen wie das wütende Hähnchen aus oder als würde er notorisch alles und jeden infrage stellen. Ob er schwul ist? Auf jeden Fall ist er so ein Emo-Typ, der aufgeblasene Sportskanonen zum Kotzen findet. Davon kann ich ein Lied singen.
»Ich bin Max«, grüße ich.
Er schaut hinter sich. Da steht eine große blonde Frau, die mit der Kante eines Metallspachtels wie besessen den Grill abschrubbt. Vielleicht seine Mutter?
Er dreht sich wieder zu mir um. »Jordan«, sagt er ziemlich monoton.
»Schön, dich zu sehen. Und du jobbst in 'nem Food-Truck. Wie cool ist das denn?!«
»Ist es das?«, murmelt er und zieht eine Augenbraue hoch.
Ich nicke, denn, ja, das ist es....




